Stimmt der Zitat von Friedrich Engels tatsächlich?

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Das Ergebnis basiert auf 7 Abstimmungen

Wahr 85%
Falsch 14%
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6 Antworten

Mit dem Satz „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“, wie er richtig heißt, eröffnen Karl Marx und Friedrich Engels das erste Kapitel des "Manifests der Kommunistischen Partei". Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Satz von Marx und nicht von Engels ist, aber das nur am Rande.

Die Frage ist richtig nicht mit "wahr" oder "falsch" beantwortbar, da "wahr" oder "falsch" von verschiedenen Entscheidungen terminologischer Art und des Geltungsbereichs abhängt. Ethnologen haben mittlerweile herausgearbeitet, dass schon in archaischen Gesellschaften eine Spannung in Bezug auf Privilegien, Positionen, Verfügbarkeit von Ressourcen herrschte. Die sind aber noch nicht als Klassengesellschaften auffassbar. Man müsste sich also zunächst über den Klassenbegriff einigen. (Der streng genommen auf die Industriegesellschaft berschränkt ist.) Auch in Bezug aufs europäische Mittelalter und die beginnende Neuzeit reden wir üblicherweise nicht von einer Klassen-, sondern einer Ständegesellschaft. Streng genommen dürfte man beim von Marx und Engels gern angeführten Deutschen Bauernkrieg nicht von Klassenkämpfen reden. Dennoch gibt es große strukturelle Ähnlichkeiten, was gesellschaftliche Entscheidungskompetenzen und Verfügungsgewalt über Ressourcen betrifft. Der antagonistische Konflikt zwischen den Nutznießern einer gesellschaftlichen Hierarchie (Marx würde wohl von der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel sprechen) und den vom gesellschaftlich erarbeiteten Reichtum weitgehend Ausgeschlossenen (bei Marx: Kapital und Arbeit) bestand auch dort, wenn auch unter anderen Bedingungen. Tatsächlich hat sich im Laufe der europäischen Geschichte nur die Form der Hierarchie geändert, die Hierarchie selbst ist aber (bis heute) immer unangetastet geblieben. Das gilt auch für die "Übergangsgesellschaft" nach der Oktoberrevolution in Russland, die nicht mit der Marx'schen klassenlosen Gesellschaft verwechselt werden darf. Prinzipiell besteht der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit (der m.A.n. gedanklich den Klassenkampf theoretisch präzisiert, begrifflich aber nicht mit ihm identisch ist) heute immer noch, nur hat er sich von den historischen Klassen gelöst und weitgehend entpersonalisiert (wobei die Nutznießer allerdings immer noch bestimmbar sind).

Um einer direkten Antwort auszuweichen, die meiner Ansicht nach auch nicht weiterführt, würde ich sagen, dass dieser Satz historische gesellschaftliche Verhältnisse (zumindest in Europa) auf die Klassenkämpfe seiner Entstehungszeit zuspitzt. Das "Kommunistische Manifest" ist eine Streitschrift gewesen, und so sollte man den Satz wohl auch auffassen.

Das kann nicht wahr oder Falsch sein. Man muss die Aussage analysieren. Es faengt schon damit an, dass Engels Klassen voraussetzt, als homogene gesellschftliche Gebilde, die gezielt ihre Ineressn verfolgen. Ob dem so ist ist sehr fraglich. Wenn man Klassen voraussetzt muss man die Definition des Klassenkampfes sich ansehen. Es isst eher eine Aussage von Engels, die seine Theorien untermuern soll, eher eine Zweckaussage als Ergebnis sinnvoller Untersuchung. Konflikte und Kampf gibt es immer. Ob das was mit Klassen zu tun hat ist glaube ich eher Wunschdenken.

Wahr

Es kommt immer darauf an, wen Du fragst. Wer etwas zu verlieren hat - wie z.B. das Bürgertum / die politische Rechte, wird dies leugnen. Aber in diesen Kreisen ist es ja auch en vogue, zu leugnen, daß wir hier und heute kapitalistische Verhältnisse haben. Statt dessen wird gerne verharmlosend von einer "sozialen Marktwirtschaft" gesprochen.

Engels hat übrigens nicht ganz Recht. In der Urgesellschaft bzw. bei den Jägern und Sammlern war ein Klassenkampf noch nicht ausgeprägt. Das geschah erst mit der Aneignung von Landbesitz sowie Herausbildung der Sklavenhaltergesellschaft.

fechi333 04.02.2013, 23:42

Das wäre dann halt noch nichts, was in den bereich von "Geschichte" fällt.

0
Wahr

Ob es wirklich von Engels stammt, könnte nur er uns beantworten ;-) Aber klar...selbst, ohne Historiker zu sein, ein Blick in die Geschichtsbücher reicht aus um zu sehen, warum alle Hochkulturen untergegangen sind. Und wir befinden uns auch jetzt mitten in einer solchen Ära...

Falsch

Das mag für die Zeit bis Engels gelten, aber auch nur dann, wenn man die Auseinandersetzungen der Stände, die Feudalordnung und die archaische Vorzeit nun mit dem Maßstab der marxistisch-leninistischen Lehre betrachtet. Überholt ist diese schon seit den 60ern des letzten Jahrhunderts, die Anforderungen an heutige Gesellschaften ist mehr und mehr von der Globalisierung beherrscht, etwas, auf das Engels heute gar keine Antwort gibt.

Vergessen sollte man auch nicht, dass gerade die Zuspitzung des Klassenkampfes zu Beginn des 20. Jh. enorm vielen Menschen das Leben gekostet hat, war nun die Befreiung des Arbeiters - die ja eigentlich nur eine Unterwerfung unter eine 'andere Autorität war - soviel gutes bewirkt? Ich denke nicht, die Welt wäre ohne den Ost-West Konflikt eine friedlichere gewesen, der Gegensatz zwischen Diktatur und Demokratie scheint heute eindeutig entschieden, nur mit dem Unterschied, dass wir die Binnenwirtschaften und Nationalstaaten nicht mehr benötigen, die Zukunft liegt in der Informationsgesellschaft, der gerechten Verteilung von Rohstoffen und der Erhaltung der Umwelt, da sind Zivilgesellschaften und demokratische Systeme eindeutig vorzuziehen...

PeVau 27.01.2013, 19:14

... die Anforderungen an heutige Gesellschaften ist mehr und mehr von der Globalisierung beherrscht, etwas, auf das Engels heute gar keine Antwort gibt.

Sowohl Marx als auch Engels gehen sehr wohl und detailliert auf die Zentralisation des Kapitals und damit auf die Globalisierung ein. Schon im Kommunistischen Manifest steht:

Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat [...] den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien [...] werden verdrängt durch neue Industrien, [...] die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. [...] An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. [...] Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. [...] Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen. (Marx/Engels 1974, Band 1, S. 29f).

Aber das nur am Rande.

Man kann sich über den historischen Materialismus sicher streiten. Die Frage ist nur, was andere nichtmaterialistische Geschichtstheorien zu bieten haben. Eine Auffassung, nach der Geist bzw. die Idee(n) und Denken Geschichte bewirkt und/oder ausmacht, wie z. B. bei Hegel, liefert da m. E. noch weniger Antworten.

Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche. (Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 20. Berlin/DDR. 1962. »Herrn Eugen Dührung's Umwälzung der Wissenschaft«, S. 248-249)

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Kaimosi 27.01.2013, 21:12
@PeVau

Immerhin ein interessanter Ansatz, nur macht die bezaubernde Sahra Wagenknecht ja genau den selben Fehler, denn Marx/Engels beziehen Ihre Theorie eben auf den Nationalstaat, die geografische Ausbreitung auf den Imperialismus, dieser hat nicht einmal so lange überlebt, dass er den prophezeiten Niedergang der Bourgeoisie und Ihrer kapitalistischen Regierungen bewirkte, obwohl man diese Auflösungserscheinung bei den Briten und Franzosen sowohl politisch wie wirtschaftlich durchaus beobachten kann, das Gegenbeispiel ist das Deutsche Reich, das überproportional von der Trennung seiner Überseebesitztümer profitiert, trotz Weltwirtschaftskrise...

Nun haben wir heute aber den Effekt, dass der chinesische Wanderarbeiter den Angestellten Chinesen bedroht, der wiederum im Wettbewerb mit den Produktionsstandorten in Europa und den USA steht, der Wert der Arbeit sollte also stetig sinken, tatsächlich aber steigt die Anzahl der Arbeiter in der Bundesrepublik seit Jahren an, weil sie über eine höhere Gesamteffizienz verfügen und die daraus resultierenden geringen Kostenvorteile mit Ihrer Verfügbarkeit, Qualifikation und der Nähe zum Produktionsstandort ausgleichen...

Das Kapital ist auch nicht unbedingt nur noch das der Bourgeoisie, denn auch viele Arbeiter in der Produktion verfügen über Aktien dieser Konzerne, zudem ist der gesellschaftliche Status des Industriearbeiters schon lange kein unterprivilegierter mehr, durch die Kurzarbeitsregelung in unserer Sozialen Marktwirtschaft, verlor fast kein Arbeiter seinen Job in der Kernindustrie, im Moment herrscht sogar ein Fachkräftemangel.

Die Marktwirtschaft (oder der 'Kapitalismus') steht also nicht vor seiner Auslöschung, sondern er nutzt die Globalisierung als Gefährt, in seinem Fahrwasser verändern sich aber auch gesellschaftliche Normen, die globale Wirtschaft erfordert ein globales Denken, das vermindert die ideologischen und kulturellen Unterschiede, die Migration der Arbeitskräfte lässt die Landesgrenzen und nationale Interessen verschwimmen. Schon deswegen halte ich Marx/Engels für überholt, Mark Zuckerberg oder die Google-Gründer lassen sich damit überhaupt nicht mehr erklären, ein Kim Schmitz auch nicht...:-)

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liquorcabinet 25.02.2015, 19:32
@Kaimosi

Wenn du den heutigen Kapitalismus und die Globalisierung bloß positiv als "Gefährt" betrachtest, dann ist das doch schlichtweg daneben :/

Sahra Wagenknecht, Engels und Marx behalten weiterhin Recht - Auch wenn heute nicht mehr alles so "klar" erscheint, sondern mehr verschwommen, sodass man leichter sagen kann "ach, wir leben doch eigentlich in einer Demokratie, blabla", heißt das noch lange nicht, dass wir eigentlich weiterhin Sklaven der 1% sind, die unsere gesamte Politik beherrschen. Heute gibt es nach wie vor "Klassen", auch wenn sie weitaus weniger deutlich sind.

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das kann man so nicht beantworten. du kannst ja auch nicht sagen, dass 20°C warm ist. das ist halt standpunktabhängig. ich persönlich finde aber, dass es nicht falsch ist...

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