Stasiüberwachung

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2 Antworten

Ich kannte einen Pfarrer, der sich zu DDR-Zeiten um Ausreisewillige kümmerte. Natürlich passte das dem Staat nicht.

Auf ihn wurden etwa 20 Leute angesetzt, die sich, um nicht aufzufallen, natürlich regelmäßig in der Kirche blicken lassen mussten und Berichte über ihn anfertigten. Damit nicht genug: Im der Kirche gegenüberliegenden Haus (es handelte sich um eine der in Berlin üblichen Kirchen in der Wohnhäuserfront) wurden außerdem Kameras aufgebaut, um evtl kompromittierende Fotos zu machen. Ob er auch ab und zu zum Gespräch einbestellt wurde, weiß ich nicht, ich kann es mir aber vorstellen. Passiert ist ihm trotzdem nichts, die Stasi hatte lediglich Akten voller Berichte, und dann kam die Wende. Leider habe ich eine Gemeindeversammlung, auf der er über die Bespitzelungen von einst sprach, verpasst, und heute lebt er leider nicht mehr. Bei ihm ging es der Stasi wohl in erster Linie um Einschüchterung.

Die Bespitzelungen erfolgten oft, um die missliebigen Personen genau kennenzulernen, ihre Schwachpunkte herauszufinden und sie dann gezielt zu diffamieren und zu zerstören. Beruflich bekamen sie kein Bein mehr auf den Boden (außer, wenn sie in der Kirche angestellt waren, aber da war nicht viel mit Karriere), es wurde auch versucht, ihre Ehe oder Familie zu zerstören. Letzteres klappte aber oft auch nicht. Man sollte als "feindlich-negativer" Mensch Selbstzweifel bekommen und seine Ohnmacht, sein völliges Ausgeliefertsein an den Staat vor Augen geführt bekommen. Und wer irgendwelche "Leichen im Keller" hatte, wurde damit erpresst. Der Staat (so sehe ich das heute) betrachtete die Bevölkerung als sein Eigentum, und jeder Individualismus war Verrat. Nur - immer mehr Leute ließen sich das letztendlich nicht mehr gefallen.

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Es gibt viele solcher Geschichten. Mein Großvater war Werkleiter. In dieser Position wurde man ohnehin immer bespitzelt.

In seinem Werk wurden Maschinen aus dem Westen aufgebaut. Diese liefen aber nicht, da das entsprechende Material nicht vorhanden war - das konnte man aber nicht zugeben. Deshalb wurde meinem Großvater Sabotage vorgeworfen und er wurde - ohne Prozess - mehrere Jahre ins Gefängnis gesperrt. Am Ende wog er weniger als 45 kg und war körperlich am Ende. Man gab ihm noch ca. 2 Wochen zu leben - er war aber zu Starrsinnig um zu sterben und hat letztlich die DDR einschließlich Stasi überlebt. Er ist mit fast 90 Jahren letztes Jahr gestorben.

Unser gesamtes Haus was voller Wanzen. Es gibt Aktenordner voll Mitschriften von Gesprächen - auch völlig belanglosen Gesprächen zwischen meinen Großeltern über Wetter, unseren Garten und sogar Gespräche mit uns Enkeln (damals aller unter 10 Jahren alt).

Die Stasi hat so viel Energie reingesteckt, um diesen Mann einschließlich Familie zu zerstören - aber wir waren stärker!

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Kommentar von cassie12345
16.10.2012, 16:04

Wow, das ist wirklich eine tolle Geschichte!! :)

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