staat und kirche (katholizismus)

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3 Antworten

Da hast du eine sehr, sehr schwierige Frage gestellt, zu der es wohl keine eindeutige Antwort sondern nur mehr oder weniger gut begründete Meinungen geben kann.

Es ist Aufgabe des Staates, Gesetze und Vorschriften zum Schutz der Bürge zu erlassen und durch Polizei und Justiz dafür zu sorgen, dass sie auch eingehalten werden. Das klingt wunderbar, aber dass es im wirklichen Leben nicht immer so funktioniert, weiß jeder.

Selbstverständlich gibt es Gesetze gegen sexuellen Missbrauch, aber was nützen die, wenn ein Kind sich nicht traut, mit Jemandem darüber zu sprechen, sodass der Täter vor Gericht gestellt werden kann? Es wäre schön, wenn man durch Gesetze sicherstellen könnte, dass jedes Kind einen Ansprechpartner hat, dem es vertraut, aber wie soll das gehen?

Noch komplizierter ist es in den Fällen, in denen Vergewaltigungsopfern die nötige Hilfe verweigert wurde, denn die Meinung darüber, ob die „Pille danach“ nötig ist, gehen leider auseinander. Wenn Leben und Gesundheit (Schwangerschaft ist ja keine Krankheit) des Opfers nicht bedroht sind, greift der Tatbestand der „unterlassenen Hilfeleistung“ nicht. Wenn man nun gesetzlich festlegen würde, dass jeder Arzt auf Wunsch die „Pille danach“ verschreiben muss, würde man einige Ärzte dazu zwingen, gegen ihre Überzeugung zu handeln. Was auch immer von dieser Überzeugung zu halten ist – ein solcher Zwang wäre auch ein schwerer Eingriff in die Grundrechte.

Richter kennen dieses Problem. Oft stehen zwei gesetzlich verbriefte Rechte gegeneinander und sie müssen abwägen, welches nun höher zu bewerten ist – keine beneidenswerte Aufgabe.

Ich denke, dass Gesetze nur einen Rahmen setzen können. Ohne Engagement der Bürger kann eine Gesellschaft nicht richtig (perfekt ist wohl nicht möglich) funktionieren. Zu diesem Engagement gehört es z.B. Vereine ins Leben zu rufen, die Vergewaltigungsopfern Hilfe verschaffen. Genau so wichtig ist es aber auch, die Politik durch öffentliche Diskussionen, Petitionen etc. in Zugzwang zu bringen.

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Der umfassende Sozialstaat, wie wir ihn heute kennen, der also auch Krankenhäuser, Kindertagesstätten, Altenheime, usw. betreibt (="trägt") und finanziert, ist geschichtlich gesehen sehr jung, keine 100 Jahre alt. Die Kirchen als Betreiber (="Träger") und auch Finanzierer von Sozialeinrichtungen sind dagegen viele 100 Jahre alt.

Der moderne Sozialstaat hat die Kirchen bisher nicht aus der Trägerschaft von Sozialeinrichtungen herausgedrängt, obwohl er diese Einrichtungen mittlerweile größtenteils finanziert, da die Kirchen das mit ihren Geldmitteln längst nicht mehr können.

Daraus ergibt sich die zum Teil groteske Lage, dass eine Kirche von staatlich bezahlten Angestellten verlangt, dass sie nach kirchlichen Regeln handeln sollen, und nicht nach staatlichen, wie z.B. im genannten Fall aus Köln.

Alle großen Organisationen neigen dazu, Parallelwelten neben der allgemeinen Öffentlichkeit zu bilden. Die Kirchen, insbesondere die katholische, sind nur ein Beispiel, die Bundeswehr, die Polizei und manche Großkonzerne sind weitere. Das darf eigentlich nicht geduldet werden. Aber es ist in der Praxis sehr schwierig, dagegen anzugehen, weil viele Leute von diesen Parallelwelten profitieren, nach dem Motto "eine Hand wäscht die andere" oder "eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus".

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Was sollte der Staat bzw. die Regierung denn Deiner Meinung nach tun? Alle Kirchenmitarbeiter unter Generalverdacht stellen? Kindesmissbrauch ist in Deutschland unter Strafe gestellt und jeder Täter, der ein Kind missbraucht, wird strafrechtlich verfolgt, egal ob nun Kirchenmitarbeiter oder nicht. Und dass Missbrauch in der Kirche besonders häufig vorkommt, mag man aufgrund der Berichterstattung der letzten Jahre glauben, die Wahrheit ist jedoch, dass es in der Kirche nicht häufiger, sondern eher seltener vorkommt als in Schulen, Sportvereinen etc.

Mit dem Krankenhaus ist es auch nicht so einfach: Kein Arzt und auch kein Krankenhaus kann vom Staat verpflichtet werden, bestimmte Behandlungsmethoden anzubieten. Wenn ein Arzt sagt, nee die Therapie mach ich nicht oder wenn ein Krankenhaus sagt, nee diese Art von Untersuchungen führen wir hier nicht durch oder dieses Medikament verschreiben wir grundsätzlich nicht, weil wir es nicht für richtig halten etc., dann kann der Staat da nicht viel machen.

In dem konkreten Skandalfall hatte die Frau ja auch schon ein Rezept für die Pille danach, es bestand also gar kein Zeitdruck.

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Kommentar von quopiam
29.06.2013, 10:38

In Wirklichkeit geschieht das Gros der sexuellen Gewaltdelikte an Kindern im "familiären Nahbereich", nämlich weit über 95 Prozent. Die Täter sind Väter, Brüder, andere Verwandte, Hausmeister, Freunde der Familie, Nachbarn und andere Bekannte. Etwa 10.000 Taten pro Jahr werden amtsbekannt. Die Dunkelziffer schätzte der Kinderschutzbund noch vor ein paar Jahren auf die mindestens zehn- bis zwanzigfache (!) Größenordnung. Die aktuellen Zahlen lassen sich leicht im Internet recherchieren. Wenn der Staat hier eingreifen sollte, müßte man die Familie abschaffen - und schüfe damit wieder andere Räume, in denen Täter agieren könnten.

Das Problem ist kein Problem von Kirche oder anderen Institutionen auf der einen Seite und dem Staat auf der anderen Seite sondern ein Problem der Gesellschaft. Und an der bauen wir alle mit - auch Du, cchrisa und ich. Gruß, q.

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