Soziale Frage Industrialisierung - Hilfe!

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3 Antworten

a) Friedrich von Bodelschwingh (1831 – 1910), Pastor und Theologe, übernahm 1872 die Leitung Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische (1867 gegründet) bei Bielefeld, eine Einrichtung der inneren Mission, 1874 in von Bodelschwinghsche Anstalten Bethel umbenannt, heute von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel

b) August Thyssen (1842 – 1926), Unternehmer, Begründer eines Industriekonzerns (vor allem Eisen und Stahl), er kann einem Paternalismus zugeordnet werden: autoritärer „Herr im Haus“-Standpunkt mit sozialer Verantwortung für Arbeiter, Bindung auf betrieblicher Ebene, mit Krankenkasse; Pensionskasse, Unfallversicherung, Bau von Wohnungen, stiftete für soziale Zweck (unter anderem August-Thyssen-Stiftung Waisen- und Altersheim Franziskushaus in Mülheim an der Ruhr)

c) Felix Friedrich Bruck (1843 - 1911), Professor an der Universität Breslau (Strafecht) und Geheimrat, verband kolonialpolitische und sozialpolitische Ansätze

In Wikipedia steht nur ein Artikel über seinen Sohn Werner Friedrich Bruck (1880 – 1945).

Eine der Streitschriften zeigt im Titel schon den Bezug:

Felix Friedrich Bruck, Neu-Deutschland und seine Pioniere : ein Beitrag zur Lösung der sozialen Frage. Breslau : Koebner, 1896

Eine damals erörterte Überlegung war die Abschiebung von straffällig gewordenen/als „arbeitsscheu“ geltenden Leuten in Kolonien in Übersee, wo ihre Resozialisierung durchgeführt werden müsse.

Birthe Kundrus, Moderne Imperialisten : das Kaiserreich im Spiegel seiner Kolonien. Köln ; Weimar ; Wien, 2003, S. 104 – 106:
„Im Wilhelminischen Deutschland wurde der engagierteste Fürsprecher dieser Idee der in Breslau lehrende Jurist Felix Friedrich Bruck, In seinen Vorschlägen mischten sich kolonialpolitische mit sozialpolitischen Reformansätzen. So verlieh er seiner ersten Streitschrift 1896 den programmatischen Titel „Fort mit den Zuchthäusern“. Ziel sei, mit der Deportation vor Verbrechen abzuschrecken, gleichzeitig die Gesellschaft vor dem Gesetzesbrecher zu schützen und diesen soweit wie möglich zu besser, was den Strafanstalten bislang überhaupt nicht gelungen sei. Obwohl es ungeheure Summen koste, biete das deutsche Gefängnis- und Zuchthaussystem ein trauriges Bild. Tausende von Menschenleben gingen „hinter dumpfen Gefängnismauern zugrunde“.

Gleichzeitig solle der Kriminelle als „Neu-Deutschlands Pionier“ in den Dienst der brachliegenden kolonialen Erschließung gestellt werden. Die von den Sträflingen zu leistende Kulturarbeit steigere den Gesamtwerts der Kolonie, schaffe Absatzmärkte für die deutsche Industrie und bereite den Boden für eine Einwanderung von „Kulturmenschen“; ein Gebiet, auf dem bislang nichts passiert sei und das doch die soziale Frage oder genauer: die sozialdemokratische Frage zu lösen versprach:

„Dann werden die Söhne unserer deutscher Bauern, die auf der väterlichen Scholle überflüssig sind und keine Mittel haben, sich im alten Vaterlande anzukaufen, nicht mehr das städtische Fabrikproletariat zu vergrößern brauchen, sondern sie werden sich in ihrem neuen Vaterlande auf jungfräulichem[…] Boden […] niederlassen und eine Familie begründen können. Und mit dem Gedeihen der Ackerbaukolonie werden dort zugleich auch unsere deutschen Handwerker, deren so manche durch den modernen Fabrikbetrieb zu unzufriedenen, weil hoffnungslosen Proletariern herabgesunken sind, Beschäftigung […] finden. […] In solcher Weise ließe sich ein Teil der sozialen Frage […] lösen.“

Bruck ging es nicht mehr um eine Deportation sozialdemokratischer „Unruhestifter“. Er wollte vielmehr durch die von Sträflingen forcierte Besiedlung der Kolonien die Zustimmung der Arbeiterschaft zum politischen System erreichen und so der sozialistischen Agitation die Spitze nehmen. Sein Unbehagen an der modernen Industriegesellschaft kreiste um die „frustrierten Proletarier“ und weniger um das kulturell-mentale Erscheinungsbild der deutschen Nation. Derr Jurist hatte die Veröffentlichungen von Richard Hindorf eifrig rezipiert und entwickelte das Projekt einer Sträflingskolonie nach dessen recht verheißungsvollen Schilderungen: Deutsch-Südwestafrika sei ein Land, das sowohl die nötige Weite als auch Fruchtbarkeit aufweise, um viele Tauende Menschen zu ernähren. Diese Anschauung trug ihm selbst von wohlwollender Seite, die aber eher den Großfarmer anvisierte, den Vorwurf ein, viel zu überzogene Vorstellungen zu hegen. Das Thema wurde seit Ende der 90er Jahre breit in Fürsorgevereinen, Strafvollzugsbeamten-, Juristen-, Kolonial-, Kirchen- Missions- und Medizinerkreisen diskutiert. Humanitäre Erwägungen wurden dabei von Befürworten wie Gegnern Brucks zunehmend beiseite gewischt, allein die „nationale“ Frage sei zu beantworten, ob die Deportation dem Deutschen Reich nütze oder nicht. Die einen, wie die „Tägliche Rundschau“ mit ihrem Chefredakteur Friedrich Lange, der Kolonialbund, die Alldeutschen oder auch der Koblenzer Regierungsrat Fritz Freund in den renommierten „Preußischen Jahrbüchern begrüßten die Deportation, wenn auch nicht unbedingt nach Deutsch-Süd-westafrika, als Instrument kolonialer Siedlungspolitik. Die anderen Kolonial-engagierten hatten dagegen Bedenken, ob es im Sinne der Kulturaufgabe der Kolonisation sei, wie z. B. der Generalsekretär der Rheinisch-Westfälischen Gefängnis-Gesellschaft Spiecker es formulierte, „den Abschaum der Gesellschaft zu Trägern dieser Kulturaufgabe machen zu wollen“. Insgesamt lehnten auch die politischen Entscheidungsträger, die Kolonialverwaltung, das Reichsjustizamt, die Budgetkommission des Reichstages, die Gouverneure, nach einiger Diskussion auch die DKG und wohl auch die Mehrheit der Ansiedler Deportationen nach Deutsch-Südwestafrika ab.“

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Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im deutschen Kaiserreich. München : Beck, 2006, S. 113 – 114:
„Auch die Debatte über Arbeitshäuser trug die Spuren globaler Zirkulation. So gab es seit Beginn der 180er Jahre Bestrebungen, die Arbeitsscheuen in die »auswärtigen Kolonien« zu verfrachten, »wo er dem Vaterland nicht mehr gefährlich werden kann«. Diese Politik versprach, sozialreformerische und kolonialpoltische Probleme gleichzeitig zu lösen und die »Beschäftigung mit nutzlosen Arbeiten« in den Korrekturanstalten in die afrikanischen Kolonien umzuleiten: »Im Vaterland vergeuden wir die Kräfte, während es in unseren Kolonien an Händen fehlt.«

Schon 1885 waren in der Verbandszeitschrift »Die Arbeiterkolonie« Überlegungen angestellt worden, angesichts der Expansion des Reiches auch »Arbeiter-Kolonien flugs in die neuen überseeischen Kolonien zu verlegen«. Allerdings fürchtete man in Afrika um den »sittlich-erzieherische[n] Einfluß« und forderte daher »keine überseeischen Arbeiter-, wohl aber Deportieren-Kolonien!«. In den folgenden Jahren konzentrierte sich die Debatte dann auch auf die zwangsweise Verschickung der Insassen der Arbeitshäuser. Wichtigster Vertreter dieser Verschiebung interner Ausgrenzungen nach Übersee war der Jurist Felix Friedrich Bruck, Professor an der Universität Breslau, der seit Mitte der 180er Jahren in zahlreichen Streitschriften die Deportation der Arbeitsscheuen nach Deutsch-Südwestafrika propagierte. Er hatte sogar eine eigene Gesetzesvorlage mit Ausführungsbestimmungen erarbeitet, die er auf Juristentagen oder etwa vor der internationalen kriminalistischen Gesellschaft zu Lissabon im Jahre 1897 zur Diskussion stellte. Auch die Durchführung hatte Bruck minutiös geplant. Kritikern, die ihm entgegenhielten, allein der Transport von geschätzten 100000 Arbeitsscheuen würde »einen Kostenaufwand von etwa 20 Millionen Mark erfordern«, hielt er detaillierte Berechnungen entgegen, bei denen er »ausrangierte Kreuzerfregatten ohne Gefechtswert« als Transportmedium in Rechnung stellte und die Sträflinge verpflichtete, »die vom Reich […] verauslagten Transportkosten […] zurückzuerstatten«.

Bruck sah in den Strafkolonien ein »Ventil«, durch welches das Deutsche Reich »von verbrecherischen Elementen befreit werden« könnte. Dahinter stand die sozialimperialistische Strategie der Integration der Arbeiterschaft und der Pazifizierung straffälliger Proletarier. Außerdem erhoffte er sich eine Wertsteigerung der Kolonie durch die »Kulturarbeit« der Sträflinge und erweiterte Absatzmärkte für die deutsche Industrie. Aber die Deportation hatte für Ruck auch eine edukative Funktion. Die große Distanz zum Heimatland versprach größere Erfolge bei dem Versuch, die die »moralisch nicht intakten Elemente« zu zivilisierten Menschen zu erziehen. Bei »sachgemäßer Einrichtung« - gemeint war beispielsweise die strikte Trennung von Männern und Frauen (um »geschlechtlichen Ausschweifungen […] vorzubeugen«) – sei durchaus »die Besserung, richtiger die Erziehung des Sträflings« zu bewirken. Dabei ging es jedoch nicht nur um ein Projekt der je individuellen »Hebung«; vielmehr versprach sich Bruck von der Deportation gesellschaftspolitische Wirkungen und einen Beitrag zur Lösung der sozialen Frage. »Aus stumpfsinnigen, unzufriedenen und vaterlandslosen Proletariern«, so hoffte er, »werden arbeitsfreudige, glückliche Menschen mit patriotischer Gesinnung werden.«“

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S. 114 – 115: „Das Thema wurde in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert: Fürsorgevereine, Vertreter von Kirchen- und Missionsgesellschaften, Juristen und Strafvollzugsbeamte, Mediziner und Kolonialpropagandisten nahmen dazu Stellung. Zu den Befürwortern der Deportation zählten die Alldeutschen und der Kolonialbund, auch Teile der bürgerlichen Presse. Der Reichstag diskutierte in den Jahren 1898, 1903 und 1908 über die Deportationspläne, denen etwa der Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika Leutwein anfänglich mit einem gewissen Wohlwollen gegenüberstand. Aber in der Etatberatung waren vor allem kritische Stimmen zu hören. Die Mehrzahl der politischen Entscheidungsträger lehnte das Vorhaben ab. Vor allem stand die hohe Kolonialbürokratie, in erster Linie die Leitung des Kolonialamtes, dem Ansinnen schließlich ablehnend gegenüber, »so sehr es an sich zu begrüßen wäre, wenn für die hohe Zahl der Arbeitslosen in unseren Kolonien Fürsorgestellen geschaffen werden könnten«. Aber in der Umsetzung müsse »die Verwirklichung eines solchen Plans auf unüberwindliche Schwierigkeiten« stoßen. Damit waren nicht nur transporttechnische und fiskalische Fragen gemeint. Wichtiger war die Sorge vor Aufruhr und Rebellion, die die Sträflinge auslösen könnten, sowie die Furcht vor der schleichenden Unterminierung der kolonialen Differenz durch subalterne Weiße. Die Autorität der Kolonialherrschaft könne in Frage gestellt sein, wenn die Einheimischen mit den privilegierten Europäern nicht nur Kolonialbeamte und Siedlerfamilien, sondern auch kriminelle Unterschichten verbinden würden.“

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@Albrecht

Ich weiß, das ist etwas spät, aber danke für die Hilfe :) Die Antwort war echt hilfreich.

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Pastor Friedrich von Bodelschwingh hat die "Bodelschwinghschen Anstalten" in Bethel bei Bielefeld gegründet Zuerst für "die Brüder von der Landstraße"--also für wohnungslose Personen. Später auch für andere personen

okay danke :)

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Eigentlich nicht zuerst für die "Brüder der Landstrasse", sondern für Epilepsiekranke.

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Gemeint ist der Gründer des Stahlkonzerns Thyssen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Thyssen

Und der Gründer der "von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel" (heute in Bielefeld) Friedrich von Bodelschwingh der Ältere. Bodelschwingh hatte Söhne und Enkel, die die Leitung der Anstalten bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg übernahmen.

Wer mit Bruck gemeint ist, weiss ich leider auch nicht.

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