Sollte man Kinder aus DISZIPLINSGRÜNDEN schlagen dürfen?

15 Antworten

Hallo Warmduscher,

Ja, ich kann Dich gut verstehen. Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass das in der Schule ein Problem ist.

Trotzdem: Gewalt ist nicht die Lösung, Gewalt ist ein Problem, und zwar
ein Großes. Aus diesem Grunde ist Gewalt in der Erziehung seit November
2000 in Deutschland verboten. Und das aus gutem Grunde. Die Erkenntnisse aus Pädagogik, Psychologie und Soziologie belegen ganz klar, dass Gewalt in der Erziehung immer schadet. Und Gewalt führt genau zu den Dingen, die Du auch beklagst: Mobbing und Ausgrenzung.

Aber das ist mit ein bisschen Verständnis in den Sozialwissenschaften einfach zu erklären:

Einerseits leben wir in einer Übergangszeit. Noch in meiner Kindheit war
die Autoritäre Erziehung normal. Als ich in die Realschule kam, waren
da ein paar Junge Lehrerinnen, die gerade frisch von der Hochschule
kamen. Da hörte ich zum ersten Mal von der Antiautoritären Erziehung.
Auch schon vorher gab es die  Reformpädagogik, wie Maria Montessori.
Lies einfach einmal den Artikel in Wikipedia. Heute wissen die meisten
ausgebildeten Pädagogen, dass die autoritäre Erziehung nicht zu einer
Demokratie passt, sondern nur in ein autoritäres Staatssystem.

Nun ist es ja so, dass die meisten Menschen in ihrer Kindheit am Vorbild
die Erziehung lernen, die sie selbst erleben, und genau so werden sie
dann ihre eigenen Kinder erziehen. Inzwischen ist es aber ein offenes
Geheimnis, dass Schlagen und überhaupt Gewalt in der Erziehung schlecht
sind. Aber wie sollen die Kinder dann erzogen werden? Ich selbst habe
erlebt, wie ich mich bei der Erziehung meiner Kinder geärgert habe. Ich
weiß, dass das eine Erinnerung an meine Kindheit ist. Da ich mich mit
den Sozialwissenschaften beschäftigt habe, weiß ich aber auch, dass die
Kinder das normalerweise nicht böse meinen. Der Ärger ist also
unangebracht und führt nur zu Gewalt. Da habe ich schnell gelernt, einen
inneren Standpunktwechsel durchzuführen: Ich habe mir gesagt, das Kind
meint das nicht böse, und muss das richtige Verhalten erst noch lernen.
Dafür fühlte ich mich zuständig. Die Verantwortung war also bei mir. Und
dann konnte man mit den Kindern in aller Regel vernünftig reden und
ihnen das richtige Verhalten erklären. Natürlich hat das dann noch nicht
gleich funktioniert, es musste  noch geübt werden damit es sich festigt
und zur Gewohnheit wird. Aber es hatte den Vorteil, dass die Kinder mit
im Boot saßen und nicht dagegen opponierten. Die wenigsten Eltern
beschäftigen sich intensiv mit Pädagogik, noch weniger so intensiv, dass
sie sich tatsächlich ein Urteil erlauben können. Da haben sogar
ausgebildete Pädagogen oft ein Problem.

Du siehst, es ist leicht verständlich, dass es in diesem Spannungsfeld
zu ganz unterschiedlichen Reaktionen der Eltern und Lehrer kommt. Die
Einen erziehen ihre Kinder wie sie es selbst erlebt haben autoritär.
Andere sind durch den inneren Widerspruch zwischen innerem Impuls und
besserem Wissen so zerrissen, dass sie oft gar nicht mehr erziehen.
Andere wissen, dass sie keine körperliche Gewalt anwenden dürfen, und
weichen statt dessen auf psychische Gewalt aus, das dann letztendlich zu
Mobbing und Ausgrenzung führt.

Wie ich schon geschrieben habe, wuchs ich in einer Zeit auf, als die
autoritäre Erziehung noch normal war. Aber auch ich kann mich daran
erinnern, dass wir einen Lehrer hatten, der nicht respektiert wurde. In
seinem Unterricht, wir waren bereits in der Oberstufe des Gymnasiums,
wurden Papierknäuel an die Tafel geworfen und im Unterricht wurde viel
anderer Blödsinn gemacht. Die autoritäre Erziehung ist also kein
Allheilmittel und garantiert gar nichts. Auf der Anderen Seite stand ein
Lehrer, der war das genaue Gegenteil, ich empfand ihn immer als den
Prototypen eines Lehrers. Das interessante: Er war gar nicht autoritär!
Er hatte immer ein offenes Ohr für die Schüler. Aber er hatte eine feste
Überzeugung, und konnte diese auch erklären! Er hat einen unglaublichen
Aufwand für seine Unterrichtsvorbereitung betrieben. In den drei
Jahren, die ich ihn in Deutsch und Englisch hatte, hat er nur für einen
einzigen Text unser Schulbuch verwendet! Alle anderen
Unterrichtsmaterialien hat er selbst erstellt und in der Regel mit der
Schreibmaschine auf Matrizen geschrieben und für den Unterricht
vervielfältigt. Aber die Krönung war, dass die Texte immer so ausgesucht
waren, dass sie entweder den Interessen der Schüler der jeweiligen
Klasse entsprachen oder wichtige Themen behandelte, die er für die
Bildung der Schüler für notwendig hielt. Pflichtlektüren behandelte er
natürlich. Und auf diese Weise hatte er auch für Grammatik und alle
anderen Themen eigene Materialien. Und natürlich, er hatte immer drei
Klassen parallel und verschiedene Jahrgangs stufen, hatte er für jede
Klasse eigene Unterlagen.

Einmal, während einer Schulprobe kam die stellvertretende
Schülersprecherin während der Unterrichtszeit in die Klasse: "Oh
Entschuldigung Herr X, sie schreiben gerade Schulprobe, dann komme ich
später wieder!" Er ging mit ihr hinaus. Später erzählte sie, was er
gesagt hatte: "Die sollen nur was vernünftiges voneinander abschreiben!"
Natürlich fragten wir uns gegenseitig, ob irgendjemand abgeschrieben
habe! "Was abschreiben? Bei dem? Spinnst Du?"

Wir machten auch Blödsinn. Hinter den Türen in den Klassenzimmern waren breite Einbauschränke. An einem Tag haben wir einfach Tapeten an den Einbauschrank geklebt, so dass man nicht in den Klassenraum sehen
konnte. Ein Lehrer kam rein, brach wütend durch die Tapete und
schimpfte: "Bin ich hier im Kindergarten?" Ein anderer ging einfach
wieder. Herr X kam rein, ging hinaus und holte sich einen Stuhl, das war
zu hören. Dann machte er eine Anwesenheitskontrolle, jeder meldete sich
als er aufgerufen wurde. Dann hielt er Unterricht. Für den Tafelanschrieb schickte er einfach abwechselnd verschiedene Schüler an die Tafel. Du darfst mir glauben, da hat keiner Blödsinn gemacht und alle haben im Unterricht mitgearbeitet. Von diesem Lehrer könnte ich Dir noch viele Geschichten erzählen. Vor dem hatten wir echten Respekt. Aber er hat auch uns mit echtem Respekt behandelt! Das haben wir nie vergessen und nie ausgenutzt.

In Summerhill, wo die antiautoritäre Erziehung herkommt, gibt es keine
Unterrichtspflicht. Wenn dort neue Schüler ankommen, nutzen die das
natürlich aus und sie gehen nicht zum Unterricht. Aber nach kurzer Zeit
erfahren sie von den anderen Internatsmitgliedern, dass Unterricht gar
nicht so schlecht ist. Und alle gehen hin und keiner stört.

Was ich Dir damit sagen will, ist folgendes: Es ist nur begrenzt
möglich, die Menschen mit Gewalt, zu dem erwarteten Verhalten zu
bewegen. Ich lebe hier in einer Umgebung, wo die meisten Menschen
autoritär und mit Gewalt erzogen wurden. Viele von ihnen kommen sich
ganz toll vor, wenn sie gegen Gesetze verstoßen können und dafür nicht
bestraft werden, weil sie nicht erwischt wurden oder weil sie nicht
verraten werden. Sich an Regeln und Gesetze zu halten lernen die
Menschen mit Gewalt nicht, sondern eher, sich nicht erwischen zu lassen.

Im Fernsehen habe ich einmal eine Diskussion über Erziehung verfolgt. Es
waren fünf Leute. Der Moderator, zwei alte Menschen, ein Mann und eine
Frau die der Meinung waren, nur die autoritäre Erziehung sei richtig.
Und eine Junger Mann und eine Junge Frau, die beide in Summerhill in
England antiautoritär (wie Neill seinen Erziehungsstil nie nannte)
erzogen wurden. Auch mir fiel auf, dass, wann immer die jungen Menschen
etwas sagten,die Alten anfingen sich miteinander zu unterhalten.
Plötzlich fragte die Junge Frau: "Mir fällt auf, dass wann immer jemand
von uns beiden etwas sagt, beginnen sie miteinander zu reden! Also wir
haben gelernt den Anderen ausreden zu lassen und zuzuhören. Und dann
gehen wir auf das Gesagte ein und argumentieren. Und wir können andere
Ansichten akzeptieren! Etwas haben Sie in Ihrer autoritären Erziehung
offensichtlich nicht gelernt: nämlich echten Respekt!"

Als ich Jahre später studierte, war ich ein Altstudent. Meine
Kommilitonen waren alle deutlich jünger als ich. Auch da habe ich
erlebt, dass die meisten Professoren keine Ruhe in die Vorlesung
brachten, obwohl dort alle waren, um etwas zu lernen. Keiner musste
dorthin. Ab der dritten vierten Reihe war der Vorlesung in der Regel
nicht mehr zu folgen, obwohl die Professoren alle Mikrofon hatten und
das durch Lautsprecher verstärkt wurde. Es gab da einen ganz speziellen
Professor, der kam rein, öffnete seine Tasche, nahm ein kleines Ringbuch
heraus (DIN A5) und entnahm ein Blatt (auf dem er Notizen für die
Aktuelle Vorlesung hatte). Einmal drehte ich mich in seiner Vorlesung
um. Im Plenum war mucksmäuschenstill. Man hätte eine Stecknadel fallen
hören können. Einige Studenten hatten den Mund vor Staunen offen als sie
den Worten des Professors lauschten. Das war vor wenigen Jahren.

Du siehst, es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Problem zu lösen. Es
benötigt also einen sogenannten "Multimodalen Ansatz", um das Problem zu
lösen: Kinder müssen erzogen werden. Sie müssen lernen ruhig zu sein
und zuzuhören. Als mein Großer in die erste Klasse kam, wurde ihm
gelernt, im Unterricht zuzuhören. Bei einem Tag der offenen Tür konnte
ich das selbst sehen: Bevor der Lehrer etwas sagte, schlug er eine
Triangel und wartete, bis alle Schüler aufmerksam waren. Erst dann
redete er. So lernten die Kinder, im Unterricht zuzuhören. Bei meinem
Kleinen, wurde erwartet, dass die Kinder das können würden. Eines Tages
erklärte mir die Lehrerin der Ersten Klasse, wenn mein Kleiner einen
Text einmal gelesen habe, wüsste er noch nicht was er dort gelesen
hatte. In der Ersten Klasse! Im Studium war ich im 2. Praxisseminar. Die
erste Stunde kam der Professor rein, teile ein Blatt aus, sprach mich
an: "Lesen sie den Ersten Abschnitt vor!" Ich las laut vor. Seine Frage:
"Was stand da geschrieben?" Ich erklärte in eigenen Worten. Danach das
gleiche Spielchen mit jedem weiteren Studenten und jedem weiteren
Absatz. Obwohl alle nach mir wussten, was kommen würde, war kein
weiterer Student in der Lage, nach einmaligem Lesen, zu sagen, was er da
vorgelesen hatte. So what? Es gibt viele Lehrer, die zwar Pädagogik
studiert haben, aber nicht verstanden haben, was sie dort gelernt haben.
Die Lehrerausbildung muss also verbessert werden.

Und Kinder müssen Achtung und Respekt am Vorbild lernen. Das bedeutet,
sie müssen mit Achtung und Respekt behandelt werden. Und man muss dazu wissen, dass viele Leute Respekt mit Angst verwechseln. Stichwort
"Angstfreie Erziehung". Dazu muss die Fähigkeit gestärkt werden, dass
die Kinder ihren Verstand benutzen. Die Regeln müssen ihnen also erklärt
werden. Und dann muss, wie ich oben schon geschrieben habe, das
richtige Verhalten geübt werden.

Es gibt viel zu tun, Packen wirs an. Aber Gewalt ist nie eine Lösung!

LG

Hallo, ich komme nun natürlich aus keiner Zeit, in der es noch Schlagstöcke gab. Folglich weiß ich nicht ob es so viel besser war. Sicher war es ein Disziplinierungsmittel, das aufgrund von Angst funktionierte. Aber ich finde Angst und Gewalt sind einfach Sachen, die ethisch nicht vertretbar sind.

Ich glaube nicht, dass die Jugend heute so viel schlimmer ist als früher. Hier ein kleines Zitat:

„Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“

Verfasser? Aristoteles ca. 300 v. Christus. :-) Das Gefühl eines vermeintlichen Sittenverlusts gab es also schon immer.

Ich weiß aber was du meinst und ich glaube, dass wir ein Problem in unserer Pädagogik haben. Wir sollten keinesfalls zurück zu Prügelstrafen etc. Die Demütigung ist einfach nicht vertretbar. 

Aber ich finde, dass vor allem einstige Tugenden wie Rücksichtnahme viel zu wenig gelehrt werden, speziell von Eltern! Kindern wird heutzutage von Anfang an eingetrichtert, sie sind der Mittelpunkt der Welt. Es hat keiner mehr auf dem Schirm, dass da noch andere Menschen sind. Das mit der Freiheit stimmt schon. Die eigene endet immer da, wo die eines anderen beginnt.

Die wenigstens versetzen sich in die Lage eines andere. Ob das die Mitschüler sind, die eventuell etwas mitbekommen möchten oder der Lehrer, der vorne versucht seinen Unterricht zu machen. Jeder fordert für sich immer "Respekt" ein, zeigt anderen gegenüber aber keinen. Eine Grund-Höflichkeit ist für jeden gleich Schleimerei.

Hinzukommen meiner Meinung nach auch die obligatorisch bösen Medien. Egoismus und einfach "asoziales" Verhalten (wirklich als Gegenteil von sozial) bekommt so eine Plattform und wird als selbstverständlich dargestellt. Ich finde die Gesellschaft sollte ihre Werte mal überdenken und sich wirklich mehr an Nächstenliebe orientieren.

Was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinen anderen zu! Das war schon Grundinnhalt der Goldenen Regel in der Bergpredigt oder des kategorischen Imperativs von Kant. Es wäre im Grunde alles so simpel :-)

LG Herbstelfe

Hallo Herbstelfe,

Was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinen anderen zu!

Ich komme aus dieser Zeit, als noch Autoritär erzogen wurde. Aber diesen Spruch hörte ich schon, als ich noch in den Kindergarten ging. Und genau so wurde ich erzogen und auch meine Großeltern hielten sich daran. Die waren Jahrgang 1913. Erstaunlicherweise wurde ich Gewaltfrei erzogen.

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In meiner Klasse sind auch viele Schüler die nerven und laut sind. Allerdings finde ich es einfach nur dumm Leute zu schlagen, nur weil sie einmal was im Unterricht reingeschrien haben. Wenn ich erwachsen wäre, Kinder hätte und hören würde, dass diese so wie ihre Mitschüler von Lehrern geschlagen werden würde ich diese Lehrer ja mal sowas von anschreien...Ich weiß nicht ob es das an allen Schulen gibt, aber an meinem Gymnasium gibt es eine Schulsozialarbeiterin, an die man sich wenden kann, wenn jemand gemobbt wird.

Haha, süß. Ich weiß nicht in welcher Scheinwelt du lebst. Ich möchte dich nicht angreifen,w as sich ziemlich danach anhört. Aber höre: Die Schulsozialarbeiter taugen in meinen und vieler anderen Augen nichts. Du kannst mitreden, wenn du selber davon betroffen bist.

Dem Rest stimme ich teils zu. Doch damals schrie man die Lehrer nicht an, weil es zu der Zeit normal war. Jetzt eben nicht mehr.

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