Sollte es anstelle von Wahlen ein Lossystem geben?

9 Antworten

Wäre es nicht demokratischer wenn wir keine Parteien hätten

Parteien sind nicht undemokratisch, vorallem dann, wenn Parteien die Pöstchen nicht auskungeln, sondern ihre Mitglieder umfangreich an der Vergabe beteiligen. Auch ist zu bedenken, dass die Bürger jederzeit einer Partei beitreten dürfen und sich in ihr politisch engagieren können. Auch ist es jedem Bürger erlaubt, eine politische Partei zu gründen und für seine politischen Ansichten sowie um Wähler zu werben. Insofern sind Parteien nicht undemokratisch!

Wäre es nicht demokratischer wenn ... alle vier Jahre ausgelost wird wer in den Bundestag kommt?

Im Bundestag sitzen mehrheitlich erfahrene Berufspolitiker. Politische Kenntnisse und Erfahrungen sind vorteilhaft, wenn es darum geht, schwierige Entscheidungen zu treffen. Die Bundesrepublik ist im Gesamtergebnis damit nicht schlecht gefahren!

Alle 4 Jahre die gesamten Bundestagsabgeordneten gegen zufällig ausgewählte Neulinge, deren persönlichen Qualifikationen reine Glückssache ist, auszutauschen, halte ich nicht für sinnvoll. Zu einer guten Politik gehört auch die zuverlässige Kontinuität, die nicht zuletzt durch Persönlichkeiten gesichert wird.

Ich bin darauf gekommen, da es wohl solche Systeme im antiken Griechenland gab und fand das eine Interessante Idee. 

Ohne Frage: die Idee ist interessant. Aber nur als Alternative zu Volksentscheiden, die viele Bürger für der Weisheit letzten Schluss halten.

In vielen Kommunen gibt es Beiräte, die von Bürgern gebildet werden und in politischen Fragen die Kommunalräte beraten bzw. Empfehlungen aussprechen. Warum sollte es nicht auch einen Beirat für den Bundestag geben, der aus Bürgern zusammengesetzt ist?

Man kann darüber diskutieren, ob ein solcher Beirat ständig existieren muss. Jedenfalls könnte er eingerichtet werden, wenn es um Fragen geht, die besonders wichtig für die Gesellschaft und den Staat sind. In der Tat wäre es sinnvoll, seine Mitglieder per Los zu bestimmen, damit die Zusammensetzung der Gesellschaft abgebildet wird. Es würden alle Bildungsniveaus sowie alle politischen Spektren, selbst die radikalen, vertreten sein. Der Beirat sollte für eine gewisse (längere) Zeit existieren und die Aufgabe haben, sich einem wichtigen Thema zu widmen. Die meiste Zeit müssten die Mitglieder lernen: sie sollten Vorträge von Fachleuten hören, mit diesen diskutieren, entsprechende Unterlagen durcharbeiten usw., kurz: sich themenbezogen fachlich informieren und bilden. Das Ergebnis des Lern- und Diskussionsprozesses wäre dann eine oder mehrere Empfehlungen an den Bundestag, so oder so abzustimmen bzw. bestimmte Gesetze einzuführen oder abzuändern.

Was wäre der Vorteil gegenüber Volksbefragungen oder Volksentscheiden? Die meisten Bürger entscheiden bei diesen aus dem Bauche heraus, propagandistisch beeinflusst, oft nur unzureichend informiert, die Probleme nicht gründlich durchdenkend. Anders in so einem "Bundesbeirat": er repräsentiert den Durchschnitt des Volkes, der aber alle notwendigen Kenntnisse erarbeitet, die Probleme und Fragen durchdiskutiert und schließlich ein durchaus rationales Urteil fällen kann.

Fazit: ein "Bundesbeirat", dessen Mitglieder durch das Losverfahren auf eine begrenzte Zeit bzw. für eine spezielle, besondere Problematik berufen werden, um sich gründlich zu informieren und dann eine rational begründete Empfehlung an den Bundestag, den Gesetzgeber auszusprechen, halte ich für eine sinnvolle und überlegenswerte Ergänzung unseres politischen Systems!

MfG

Arnold

Hey, vielen Dank für deine Antwort. Finde sie auch sehr gut. Leider finde ich, dass du ein einer entscheidenden Stelle falsch liegst und zwar das die Politik von Eliten gemacht wird in DE. Das sehe ich anders, jeder kann in eine der Parteien eintreten, dort an Arbeitskreisen teilnehmen und sich so an politischen Entscheidungen beteiligen. 

Anonsten finde ich es sehr gut beschrieben. Ich hab auch gehört, dass es wohl in Irland schon so eine Art Bürgerbeirat gibt, dieser gibt Empfehlungen an die entscheidenden Politikern, was diese wiederum nutzen können um ihre Entscheidungen zu legitimieren. 

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Es ist eine durchaus sinnvolle Idee, die auch aktuell in der Politikwissenschaft diskutiert wird. 

Wenn von 1 Million Bürgern 1000 per Los auf Zeit ausgewählt werden, um politische Entscheidungen für die Allgemeinheit zu treffen, bilden diese einen repräsentativen Querschnitt durch die Bevölkerung. Unter diesen 1000 finden sich dann Akademiker und Arbeiter, Ärzte und Busfahrer, Alte und Junge, Frauen und Männer, Intelligente und weniger Intelligente, Schüchterne und Redegewandte - ein Spiegel der Gesellschaft. 

Sieht man sich hingegen die Zusammensetzung unserer Parlamente an, fällt auf, dass bestimmte Berufsgruppen stark überrepräsentiert sind, viele Abgeordnete Sonderinteressen verfolgen, untereinander Netzwerke bilden, durch Begünstigung weitgefasster Art (z. B. Familie, Beziehungen) das Amt erlangt haben, sich aufgrund bestimmter Sonderbegabungen (Redegewandtheit, äußere Attraktivität, Intelligenz) durchsetzen konnten. Man kann zu dem Schluss kommen, dass Politik von Eliten gemacht wird.

Erscheint das Losverfahren deshalb nicht demokratischer? Jeder hat die dieselbe Chance in das Gremium der Entscheider AUF ZEIT (ganz wichtig!) aufgenommen zu werden, ganz gleich welchen Hintergrund er hat. Die Auserwählten könnten von ihrem Beruf freigestellt werden, um sich ganz der politischen Arbeit zu widmen. Millionäre müssten mit Arbeitslosen an einem Tisch sitzen, sich gegenseitig anhören und zusammenarbeiten, Studenten mit Hausfrauen und Rentnern, Großstädter mit Dorfbewohnern, akademisch Gebildete mit Handwerkern, Alteingesessene mit Migranten. Verschiedene Interessen, die nun wirklich die gesamte Bevölkerung abbilden, müssten unter einen Hut gebracht werden. 

Niemand hätte mehr Grund zu meckern, dass sich "die Politik vom Volk entfernt" hätte, "die da Oben sowieso nur an sich selbst denken". Jeder würde viel eher anerkennen, dass Politik "vom Volk" gemacht wird, Herrschaft und Entscheidungsgewalt im Sinne von Demokratie tatsächlich "vom Volk" ausgeht.

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