Sollte die Wirtschaft unser Leben bestimmen?

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6 Antworten

Vorweg: Ich bin keine Kenner der Wirtschaft und auch kein Philosoph. Offen gesagt habe ich mich vorher nie mit dieser Frage befasst und schreibe dementsprechend nur meine Gedanken nieder. Ich bitte dies im Hinterkopf zu behalten, denn es ist nicht mehr Ansinnen die Wahrheit für mich zu pachten, sondern schlicht eine Idee einzuwerfen.

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Als Grundlage möchte ich vorerst kurz auf das ökonomische Prinzip verweisen, welches sich in drei Grundsätzen aufteilt.

Das Minimalprinzip, bei dem man ein festgelegtes Ziel mit möglichst wenig Mitteln erreichen möchte. Das Maximalprinzip, bei dem man aus festgelegten Mitteln den maximalen Nutzen ziehen möchte. Das Optimumprinzip, bei dem man das optimale Verhältnis zwischen Mitteln und Nutzen anstrebt. 

Im Endeffekt geht also immer um eines: 

Effizienz im Hinblick auf die vorhandenen Mittel und den Nutzen.

Diese Prinzipien sind, so möchte ich behaupten, fest im Menschen verankert. Aufwand betreiben, ohne einen Nutzen aus ihm zu ziehen, ist widernatürlich, wenn nicht sogar völlig unmöglich, denn wir handeln immer mit der Intention, einen Nutzen daraus zu ziehen - genauer ist die Intention gleich dem Nutzen. Dabei ist dieser Nutzen nicht immer wirtschaftlicher Natur, dennoch steht im Zentrum unseres Handelns immer eines: Ich. 

Die These, die ich anstrebe zu erklären, ist eine, die die Existenz eines "echten Altruismus" bestreitet. Ein Beispiel:

"Jemand läuft am Bahnhof an einem Obdachlosen vorbei und bleibt stehen. Mit dem Griff ins Portmonee holt dieser seinen letzten zehn Euroschein hervor und hält ihm dem Obdachlosen entgegen. Diese nimmt diesen Dankbar an und die Person läuft weiter gen Bahn."

Nun könnte man davon ausgehen, dass diese Handlung altruistisch wäre aber ich meine, dass diese Person zu seinem eigenen Nutzen handelte. Wäre sie vorbei gegangen, hätten womöglich Gewissensbisse sie geplagt, gekoppelt mit dem Gedanken "Ich tue genauso wenig, wie die Anderen, die einfach an diesem Menschen vorbeigehen.". Womöglich steht sogar eine ethische oder moralische Überzeugung hinter, mit der man brechen würde, wenn man einfach vorbeigegangen wäre. Die Gründe können also vielfältig sein aber im Fokus steht auch hier die eigene Person.

Der Obdachlose wird damit als Mittel zum Zweck gebraucht. Es ist das Maximalprinzip, mit festgelegten Mitteln (den letzten zehn Euro im Portmonee) den maximalen Nutzen (Schutz vor negativen Gefühlsregungen und moralischen respektive ethischen Konflikten und das Gefühl "Ein besserer Mensch zu sein als die, die vorbeilaufen") zu erzielen.

Man kann dies auf nahezu jede Handlung übertragen. 

Der Mensch arbeitet nach ökonomischen Prinzipien und das immer und überall - auch wenn dies nicht immer sofort ersichtlich ist. Im Endeffekt könnte man sagen, dass wir dauerhaft in einer Kosten-/Leistungsrechnung denken. Natürlich unterlaufen uns dabei Fehler und ab und an arbeiten wir sehr unwirtschaftlich aber der Wille geht immer hin zur Wirtschaftlichkeit.

Die Wirtschaft, zumindest die Prinzipien dieser, bestimmen uns entsprechend schon und das ist zum einen ganz natürlich aber auch sicherlich anerzogen. Wir nehmen Teile der Wirtschaftslehre "mit der Muttermilch" auf wenn man so will.

"Wenn er sich nur daran orientiert, was seine Taten der Wirtschaft für Vorteile etc. bringen? Was sind die Vorteile, wenn die Wirtschaft unser Leben bestimmt und was sind die Nachteile?"

Unter den Umständen jedoch, dass man sich nur auf das Finanzielle konzentriert, gäbe es keine Vorteile. Der Mensch ist abhängig davon, sich auch emotional zu stimulieren und nur dann ist er auch in der Lage langfristig Handlungsfähig zu bleiben, um auch die finanzielle Seite der Wirtschaft zu stimulieren. Ein Beispiel aus der Arbeitswelt:

Für die Wirtschaft wären 19 Stunden Schichten und eine Sieben-Tage-Arbeitswoche traumhaft. Auf diesem Wege könnte man einen Betrieb rund um die Uhr am laufen halten und würde gleichzeitig Personal einsparen - schließlich würden weniger Mitarbeiter die gleiche Arbeitskraft liefern, wie unter jetzigen Umständen. Problematisch an der Stelle ist jedoch, dass Mitarbeiter, die nur noch arbeiten, unterbrochen von fünf Stunden Schlaf, nach kürzester Zeit unproduktiv wären. Anders gesagt - sie würden an Arbeitskraft verlieren und dementsprechend hätten sie weniger Mittel (Arbeitskraft) zur Verfügung, um noch einen Nutzen zu generieren. 

Es ist dementsprechend wichtig, neben der finanziellen Wirtschaftlichkeit, auch an die anderen Aspekte zu denken - in diesem Falle unsere Bedürfnisse. Nur durch die Befriedigung dieser, ist jemand motiviert, energiegeladen und produktiv. Er "füllt so seine Mittel auf", was einen höheren Nutzen verspricht.

Weiterhin wäre ein reines orientieren an der Wirtschaft absurd und das möchte ich mit einem Satz begründen, den ich bereits schrieb: 

"[...] im Zentrum unseres Handelns immer eines: Ich."

Und das lässt sich an keiner Stelle übergehen und unsere Wirtschaft lebt von dieser Egozentrik. Sie bedient sie in Produktwerbungen, sie schafft wirtschaftliche Bewegung, Kaufkraft und damit auch Arbeitskraft - der Konsum will schließlich finanziert werden. Die menschliche Egozentrik ist auch der größte Motivator bei der Arbeit einen möglichst hohen Nutzen für das Unternehmen und damit für die Wirtschaft zu generieren - Ansehen, finanzielle Mittel et cetera locken. 

Einen Vorteil sehe ich offen gesagt nicht. 

Wirtschaft ist das geliebte Kind der menschlichen Egozentrik und einem Kind die liebenden Eltern nehmen, hat nie einen Vorteil.

Ich hoffe man konnte meinen Gedankengängen halbwegs folgen und vielleicht konnte ich einen Gedankenanstoß liefern, für weitere Gedanken und Ideen. An dieser Stelle möchte allerdings nochmals auf meinen Einstieg verweisen - rein im Sinne der Erinnerung.

Liebe Grüße.

Pescatori 08.02.2017, 12:14

Hallo EinNarr,

sehr beeindruckt von Deinen Beiträgen frage ich mich hier
gerade, ob Du nicht gegen Deine eigene Intuition argumentierst.

Aber vielleicht habe ich Dich auch nicht richtig verstanden.

Einem Freund habe ich  gestern geschrieben, dass effizientes
Handeln nicht immer wünschenswert ist.

Ich war z.B. einige Jahre mit der Pflege meiner Mutter befasst.

Es tauchten in der Zeit die ersten Berichte über den Einsatz von
Pflegerobotern auf.  Inzwischen  nähern sie sich wohl der Marktreife, erweisen sich bereits als effizient. Ihre Kosten-Nutzen-Relation dürfte wohl bald günstiger sein, als die einer examinierten Pflegekraft. 

Um es kurz zu machen:

Die Liebe fragt nicht nach der Effizienz.

Und wenn ich am Bahnhof einem Bettler meinen letzten
10-Euro-Schein gebe, dann kann ich das durchaus im Rahmen meiner Seelenökonomie verrechnen.

Aber dieser Mensch kann mir auch begegnen. Dann zerfällt das  "seelenökonomische“ Denken.

Persönlich muss ich Dir leider Recht geben:

Eine ökonomische Sichtweise hätte mir und meiner Familie manches im Leben erleichtert.

Naja, aber so war`s auch schön!

Danke Dir für Deinen interessanten Beitrag!

Pescatori

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EinNarr 08.02.2017, 16:09
@Pescatori

Ein guter Einwand, hab Dank für den ausführlichen Kommentar.

Wenn ich deine Kritik richtig verstanden habe, so ist die Herleitung, dass du auch trotz marktreifer, zuverlässiger und effizienter Pflegeroboter, die Pflege deine Mutter übernommen hättest - auch wenn dies nicht die Effizienz der Technik erreichen würde, zumindest vom Kraftaufwand her.
Das daraus resultierende Argument:
"Die Liebe fragt nicht nach der Effizienz."

Ich würde dem ein paar Punkt entgegenhalten wollen.
Zum einen den Aspekt, dass das "Abschieben der Arbeit an einen Roboter" das Potential innehat, einen Konflikt zu erzeugen zwischen eigener Haltung und Handeln. 
So würde ich auch die Pflege meiner Mutter selbst übernehmen, sofern es in meiner Macht stünde, als einen Roboter diese Arbeit übernehmen zu lassen - mich würde, täte ich dies doch, ein schlechtes Gewissen plagen und gleichzeitig widerspräche es auch meiner Haltung, dass man für Familienmitglieder, die einen umfassend versorgten, von einem selbst, in Not oder im Alter, versorgt werden sollten. Gleichzeitig widerspräche es auch meiner Haltung, die aus meiner Definition des "Liebens" resultiert. 

Hierbei ist zwar mein Aufwand (Pflegeübernahme) höher, allerdings wäre mein Verlust (Gewissen, Haltung) wesentlich gravierender, wenn ich einen geringen Aufwand (Roboter) betreibe.

In diesem Falle hätten wir eine sehr abstrakte Wirtschaft, mit der wir arbeiten oder über die wir sprechen aber die wirtschaftlichen Grundsätze bleiben hierbei bestehen. Die Arbeit könnte hier zwar effizienter erledigt werden aber die Kosten, also der Verlust, wären eben nicht tragbar. 

Die Liebe fragt dementsprechend auch nach Effizienz.

Die Liebe versetzt uns in eine Situation, in der wir einer anderen Person gegenüber Verantwortung übernehmen und durch den Gewinn des beständigen "geliebt werdens" und "liebens" eine besondere Haltung dieser Person gegenüber bewahren wollen - beispielsweise unsere Maßstäbe, was für uns Liebe bedeutet. 

Diese gilt es zu Erhalten und die Effizienz strebt hierbei an unsere Haltung zu bewahren, die Liebe des anderen zu erhalten und gleichermaßen, wenn auch abgeschlagen an dritter Stelle, widerstrebt es uns auch, uns völlig selbst aufzugeben - es ist im Notfall zwar ein Mittel aber nie das Mittel der Wahl.

Um das ganze nochmals übersichtlich zu gestalten, ein stichpunktartiger Kosten-Nutzen-Abgleich:

Kosten:

  • Hoher zeitlicher Aufwand
  • Hoher physischer und psychischer Aufwand
  • evtl. finanzielle Einbußen

Nutzen:

  • Erhalt der eigenen Haltungen (Maßstäbe, Selbstverständnis et cetera)
  • Erhalt des eigenen Gewissens

Wenn ich mir diesen Abgleich anschaue, so erscheint mir dieser recht effizient. Die eigenen Maßstäbe zu überlaufen, sein Selbstverständnis völlig in frage stellen zu müssen, also seine gesamte Haltung zu verlieren und dabei ein schlechtes Gewissen ertragen zu müssen ist ein herber Verlust.
Der Ausgleich dessen ist an einen enormen Aufwand gebunden, falls man dies überhaupt schafft auszugleichen. Womöglich, rein als Prognose, könnte einen dies den Rest seines Lebens belasten.

Hingegen sind die Aufwände zu verkraften. Sie sind hoch, keine Frage, jedoch werden sie zum einen durch den Erhalt, den ich hier als Gewinn verbuchen könnte, gestützt und gleichermaßen sind die Aufwände, zeitlich, auch absehbar und eher aufzuarbeiten und nachträglich auszugleichen.

So wäre meine Einschätzung. Wirtschaftlich wäre in diesem Fall die Pflege meiner Mutter also effizienter, auch wenn ich vermutlich nicht vorher so eine Rechnung aufstellen würde - sie käme, so meine These, von selbst, ganz beiläufig im Hintergrund. Begründen würde ich das vermutlich, auch nicht ganz bewusst, wesentlich romantisierter.

Liebe Grüße.

1
Pescatori 08.02.2017, 23:36
@EinNarr

Danke Dir sehr für Deine Entgegnung, die mich überrascht hat
und nachdenklich machte.

Gewohnt zwischen dem Ökonomischen und dem „Dialogischen“ scharf zu trennen,  bringst Du das zusammen,  was mir immer unvereinbar war.

Wenn ich Dich richtig verstanden habe ist es – um ein
krasses Beispiel zu wählen – für eine Mutter effizient, sich zur Rettung ihres Kindes in Lebensgefahr zu begeben, weil für  sie andernfalls die seelischen Kosten -  Schuld- und Verlustgefühle  -  gar entsetzlicher wären, als der Verlust des eigenen Lebens.

„Die Liebe fragt dementsprechend auch nach Effizienz.“

Da hast Du überzeugend argumentiert.

Aber mein „Erleben“  sträubt sich dagegen:

Ist es nicht so, dass in der „zwischenmenschlichen Begegnung“
 die Frage nach der Effizienz immer erst in der distanzierten Betrachtung in Erscheinung tritt?

Du hast mich veranlasst zu einem Buch zu greifen, das mich
in jungen Jahren geprägt hat. Drum mute ich Dir nun etwas zu, was Dir evtl. absonderlich vorkommt:

 Martin Buber unterschied zwei menschliche „Beziehungsweisen“ – „Grundworte“ nannte er sie - nämlich“Ich-Du“  und „Ich-Es“.

Der rationalen Analyse unserer Verhältnisse (Ich-Es) stellte
er das „Dialogische“, Ich-Du“ gegenüber.

Ein Zitat aus seinem Buch „Das dialogische Prinzip“ hat mich
mein Leben lang begleitet:

Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du besteht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie, und das Gedächtnis gar verwandelt sich, da es aus der Einzelung in die Ganzheit stürzt…Nur wo alles ´Mittel
zerfallen ist, geschieht die Begegnung.

(Martin Buber: Ich und Du, Heidelberg 1965, S. 15, 16)

Indem ich nun doch an diesen für Dich evtl. nebulösen
Überlegungen festhalte, halte ich mich auch an meiner leicht abgewandelten Bemerkung fest:

In ihrer Unmittelbarkeit fragt Liebe nicht nach Effizienz.  Das
geschieht erst wenn die Begegnung zum Gegenstand der Betrachtung wird.

Nochmals vielen Dank und liebe Grüße!

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Sagen wir es mal so: praktisch alle banhbrechenden Erfindungen, die etwas wirklich Neues gebracht haben und ohne die unsere Wirtschaft heute nicht funktionieren würde, sind von Leuten gemacht worden, denen es um die Sache selbst ging und nicht um das Geld, das man evtl. ein paar Jahrzehnte später damit verdienen könnte. D. h., wenn die Wirtschaft das Leben fast aller Menschen eines Wirtschaftsraums bestimmt, wird diese Wirtschaft mittelfristig sich selbst das Wasser abgraben.

Der größte Sponsor für neue Ideen sind übrigens keine Wirtschaftsunternehmen, sondern jene Institutionen, die ständig nach neuen Wegen suchen, möglichst effektiv Menschen zu töten und Apparate, die Menschen töten können, aber "den Anderen" gehören, unschädlich zu machen.

Eins der bekanntesten Beispiele für beides nutzt jeder, der diese Zeilen liest: das Internet.

Wirtschaft ist nur ein Ausdruck, eine Bezeichnung für den größten Teil unserer Lebensaktivitäten. Bis zur Industriealisierung und in deren Anfängen war das Maß, in dem Menschen an Arbeit zum Lebensunterhalt gebunden waren, erheblich größer als heute. Im antiken Griechenland und Rom und drumherum mussten die Menschen (mit ganz wenigen Ausnahmen) von morgens früh bis abends spät arbeiten mit meist erbärmlicher Ausbeute. Mit der Technisierung und auch Verbesserung der landwirtschaftlichen Erträge hat sich das bis heute grundlegend geändert. Heute haben die Menschen (zumindest in den industriealisierten Ländern) eine größere Wahl, wieviel Zeit sie für wirtschaftliche Aktivitäten einsetzen wollen. Unseren hohen Lebensstandard verdanken wir einer sehr fortgeschrittenen Arbeitsteilung. Vor- und Nachteile, wie sehr sich jemand in diese Arbeitsteilung einbringt sind individuell sehr unterschiedlich. Das kann man nicht generell benennen. Ein Architekt, dem seine schöpferische Aufgabe Erfüllung bringt sieht seinen Engergieeinsatz anders als jemand, der am Fließband steht oder die Müllabfuhr bedient.  Doch selbst bei der Müllabfuhr haben die Menschen unterschiedliche Erwartungen an ihr Leben und ihre Arbeit dazu.

Das hatten wir schon einmal. Es war nach dem Krieg. Der Vorteil, den es mit sich bringt, wenn wir uns ganz einer Idee unterordnen, ist, daß wir uns nicht mit uns selbst auseinandersetzen müssen. Es ist daher eine Art Bequemlichkeit, den Anforderungen aus Beziehungen und eigenen Bedürfnissen aus dem Wege zu gehen. Der Nachteil ist, daß man eigendlich gar kein eigenes Leben führt und so gar nicht so recht auf dieser Welt und in diesem Leben lebt.

-im wirtschaftsleben sollte es brüderlich zugehen

-im rechtsleben sollte jeder gleich behandelt werden

-im geistesleben sollte jeder frei sein

Das ist ganz normal: Die VOLKSWIRTSCHAFT bestimmt unser Leben.

Ohne Einkommen kein Auskommen......

..WIRTSCHAFTEN bestimmt das Leben jedes Menschen von der Geburt bis zum Tod. Also, im weiteren Sinne......

...guck mal da: https://de.wikipedia.org/wiki/Volkswirtschaft

cheerio

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