Sind Sprachfehler von Eltern vererb bar?

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Biologische Linguistik

Man kann die Sprache des Menschen mit einem komplexen biologischen Organ vergleichen, das sich ähnlich wie das Auge oder die Flügel der Vögel im Laufe der Evolution durch Anpassung entstanden ist. Daß wir eine angeborene Sprachfähigkeit besitzen und Sprache nicht durch Lernen erwerben, hat N. Chomsky am deutlichsten ausgesprochen. Chomsky wies nämlich auf die Disparität zwischen Kenntnis und Erfahrung hin, die vielleicht das verblüffendste Faktum der menschlichen Sprache ist und die zu erklären das zentrale Problem der Sprachtheorie darstellt. Gemeint ist damit das krasse Mißverhältnis zwischen (wie man heute sagen würde) Input und Output beim Spracherwerb. Kinder lernen eine Sprache auch in einer Umgebung, in der nur wenig oder sehr ungenau gesprochen wird. Von Kindern, deren Eltern beide nur gebrochen eine Mischsprache (z. B. Pidgin-Englisch) sprechen, weiß man, daß diese wie selbstverständlich eine grammatisch einwandfreie Form dieser Sprache sprechen. Chomsky sprach deshalb von einer eingeborenen Urgrammatik. Dies wäre dann eines der wesentlichen Merkmale des Menschen. Trotz aller liebevollen Versuche unseren nächsten Verwandten, sprich Menschenaffen, das Sprechen beizubringen, sind diese nicht sehr weit über ein bloßes Zeigen auf Symbole für ihre Lieblingsspeisen hinausgekommen.

Wenn also die Fähigkeit zu sprechen eine biologische Eigenschaft ist und keine durch Lernen erworbene Fähigkeit, dann muß es Gene für Grammatik geben. Wenn sich nun Genetiker auf die Suche nach diesen Genen machen, dann suchen sie nach Grammatikmutanten. Es gibt tatsächlich Sprachfehler, die sich nach den Mendelschen Regeln in Familien vererben. J. Maynard-Smith von der Universität Sussex gibt ein Beispiel für einen solchen grammatischen Defekt, der bei 15 von 24 Mitgliedern einer Familie auftrat. Die Träger konnten einige Regeln zwar anwenden, aber nur nachdem sie jeden einzelnen Fall gelernt hatten. Ihnen fehlte für bestimmte Formen die Fähigkeit zur Verallgemeinerung, die es uns ja gerade ermöglicht, eine unendliche Zahl von neuen, nie zuvor gehörten und dennoch grammatisch einwandfreien Sätzen zu bilden. In der Sprache der Genetiker heißt das, daß es ein oder noch wahrscheinlicher viele Gene für Sprachkompetenz gibt. Daß diese Gene in irgendeiner Weise bei der Entwicklung des Gehirns beteiligt sind, liegt nahe. Dies macht die Suche nach diesen Genen aber auch nicht einfacher, wenn man weiß, daß an der Gehirnentwicklung eine sehr große Anzahl von Genen beteiligt sind.

http://www.thewordcompany.de/deutsch/texts/boelker.htm

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