Sind neue politische Kräfte, wie "Die Linke" und die "AfD", nicht eine logische Konsequenz der Wiedervereinigung Deutschlands?

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10 Antworten

Die Linke und die AfD haben ganz unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Während Die Linke die Nachfolgepartei der SED ist, die in der DDR eine Parteiendiktatur errichtet hatte, ist die AfD eine reine Protestpartei gegen den europäischen Einigungsprozess und gegen Ausländer, besonders Muslime. Insofern ist Die Linke in der Tat das Ergebnis der deutschen Wiedervereinigung, die AfD dagegen das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, die sich auch in anderen europäischen Ländern zeigt: eine Entwicklung, die zu nationalistischem und und ausländerfeindlichem Denken neigt, weil sowohl die EU als auch die stattfindende Zuwanderung von vielen Menschen als Bedrohung ihrer materiellen Sicherheit empfunden wird.

Hinzu kommen - und davon profitieren beide Parteien - die vielen politischen
Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen der etablierten "Volksparteien"
CDU/CSU und SPD in den letzten zwei Jahrzehnten. Die FDP wurde schon
aus dem Bundestag gefegt, die SPD verliert wegen ihrer unsozialen
Politik und ihres unglaubwürdigen Parteivorsitzenden mehr und mehr an
Zustimmung, und wie "christlich-sozial" die Parteien mit dem "C" im
Namen sich gebärden, trägt nicht zu ihrer Beliebtheit bei. Insgesamt ist
bei den genannten Parteien - Die Grünen seien nicht vergessen! -
festzustellen, dass sich ihre politischen Vertreter den Vorgaben des
Grundgesetzes mehr und mehr entfremden und der Verpflichtung auf das
Gemeinwohl, das sich für diese Parteien gerade in der seit Jahren
andauernden Krisensituationen auf die vornehmliche Begünstigung sog.
Leistungsträger statt der Leistungserbringer beschränkt, entziehen.

Das Ergebnis ist keine "Politikverdrossenheit" der Bevölkerung, ganz im
Gegenteil, sondern eine Partei- und Politikerverdrossenheit. Daher
wählen immer mehr Menschen alternative Parteien und Politiker: Die Linke,
die soziale Forderungen der SPD übernommen hat und Stimmen bei den
gesellschaftlich-materiell Benachteiligten gewinnt, und die AfD,
die ebenfalls Stimmen bei den gesellschaftlich-materiell Benachteiligten
gewinnt, Benachteiligte, die zusätzlich noch dem (extrem)
nationalistischen, fremdenfeindlichen und antieuropäischen Rand der
deutschen Gesellschaft zuzuordnen sind, die besondere Feindbilder
pflegen und ihre prekäre Situation an bestimmten Feindbildern
abreagiert.

Für junge Menschen waren einige Zeit Die Piraten eine Alternative. Schnell hat sich diese Partei als politisch unfähig erwiesen. Auch die AfD,
die ihr Programm ein wenig aufgepeppt hat, ohne den materiell
Benachteiligten irgendetwas Positives zu bieten, wird mit ihren
negativen Feindbildern in wenigen Jahren wieder in der Versenkung
verschwinden.

Die derzeitige Anzahl politischer Parteien in den Parlamenten ist also insbesondere das Ergebnis schlechter Politik der etablierten Parteien und die Suche der Wähler nach politisch besseren Alternativen. Aufgrund der Emotionalität und mangelnden Rationalität vieler Wähler wird es dabei auch immer wieder zu eklatanten Missgriffen kommen. Gleichwohl ist unsere Demokratie weiterhin stabil.

MfG

Arnold

Francescolg 11.05.2016, 14:18

Ich habe deine Antwort gewählt, obwohl alle richtig geantwortet haben, gefällt mir die erste Absatz am besten.

Ich kriminalisiere, entgegen 95% der Medien vor den Wahlen, die AfD aber nicht, da ich Fremdenfeindlichkeit als "menschliche Eigenschaft/Phänomen" soziologisch-historisch-neutral betrachte, denn in jedem Land dieser Welt hätte es eine ähnliche Reaktion gegeben, wenn auf einmal (egal aus welchem Grund) eine Million "Fremde" einwandern!

Ich verweise auch auf einen der berühmtesten Soziologen Norbert Elias und auf sein Buch zur Studie "Etablierte und Außenseiter", worin bewiesen wird, dass es selbst in völlig homogenen Gruppen, gleicher Klasse, gleicher Nationalität und Ethnie zu Fremdenfeindlichkeit kommt. Ich lege das Buch jedem zu Herzen, der meint die AfD bekämpfen-anstatt  aufklären-zu müssen!  

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ArnoldBentheim 11.05.2016, 18:55
@Francescolg

Vielen Dank für deine Auszeichnung!  :-)

Nichts gegen Elias, aber er ist doch schon veraltet. Außerdem sind Fremdenfeindlichkeit und ähnliche Erscheinungen ein Resultat mangelhafter Bildung - immer schon gewesen und auch heute wieder. Das aber bedeutet: Fremdenfeindlichkeit ist keine absolute Notwendigkeit, die man GOTTergebenst hinzunehmen hat!

Was die AfD angeht, stimme ich dir aus dem eben genannten Grunde vollkommen zu: es ist unsinnig, ihren Absichten "feindlich" zu begegnen, sondern es bedarf der Aufklärung über den Irrweg - übrigens nicht nur im Hinblick auf das Thema "Ausländer/Flüchtlinge/Asylsuchende"! -, den die Vertreter dieser Partei zum Nachteil Deutschlands einschlagen wollen.

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Klare Verneinung - die zivilgesellschaftlichen Zusammenhänge im politischen Kontext, die sich an den bisherigen "Rändern" der Parteienarchitektur dieses politischen Systems aufladen sind den sozialen, ökonomischen und politischen Verwerfungen geschuldet. Stichwörter seien hier: Verteilungsassymetrien, Aufbrechen bzw. Herunterbrechen der sog. kleinbürgerlichen Mittelschicht, Delegierungsmißbildungen, Wahnehmungsverzerrungen in der Sicht auf die Gesellschaft durch Globalisierungsverformungen, lobbykratische Entdemokratisierungsvorgänge und v.a. ein Versagen des Establishment in der Suche nach Lösungen für die anstehenden globalen und lokalen Herausforderungen, Problemstellungen und Formationsprozesse. Das  unendliches Wachstumsversprechen als schon fast Gebetsformel wird nicht auf Dauer zum Therapeutikum und noch weniger Lösungsansatz ausreichen können.

Als "kleine" bibliographische Empfehlung:

Oliver Nachtwey „Die Abstiegsgesellschaft - Über das Aufbegehren in der
regressiven Moderne“ (Berlin, Suhrkamp Verlag, 2016, 200 Seiten)

Seit die Merkel den CDU Vorsitz übernommen hat, ist die CDU ständig und zunächst unerkannt nach Links gerückt. Dann kam der Bruch den Lucke und Olaf Henkel in Opposition zur Merkels Linie brachten.

Die rechte Mitte fühlen sich in der CDU nicht mehr wohl und da die CSU nicht Deutschland weit agiert musste eine neue Partei her.

Mit den Wahlerfolgen der AfD geht jetzt sie schiere Angst bei den  etablierten Parteien um und es wird versucht mit harten Bandagen die AfD niederzumachen.

Eine Folge der Wiedervereinigung kann ich nicht erkennen, dann hätte sich die AfD bereits früher bilden müssen.

OlliBjoern 04.05.2016, 21:34

Sehe ich auch so. Die CDU ist weiter in Richtung Mitte-Links gerückt, und hat damit ein gewisses "Vakuum" hinterlassen, das die AFD nun gefüllt hat. Da die CSU nur in Bayern antritt, gab es also vor der AFD keine ernstzunehmende Alternative in diesem Bereich (die NPD hat wirklich immer nur "Hardcore" Wähler angelockt).

Umfragen zeigen sehr deutlich, dass viele Wähler in "nicht-bayrischen Bundesländern" gerne CSU gewählt hätten, aber sie konnten das ja nicht. Ich persönlich würde nach wie vor ein bundesweites Antreten der CSU begrüßen (aber nicht, weil ich selber gerne CSU wählen würde).

Eine direkte Folge der Wiedervereinigung sehe ich zwar nicht, aber mir ist auch aufgefallen, dass gerade in den Neuen Bundesländern die Unzufriedenheit mit dem aktuellen Politikkurs besonders hoch ist. Freilich existiert dieser Effekt auch in Westdeutschland (lokal sehr unterschiedlich).

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Recht hast, die Wiedervereinigung hat 2 Kräfte freigesetzt, die von Links und die von Rechts.

Der Psychoanalytiker Horst Eberhardt Richter hatte dazu mal gesagt, dass mit der Wiedervereinigung der Nazi-Flaschengeist endgültig wieder aus seiner Flasche herausgetreten ist. Brecht sagte mal. "der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch".

Etliche Leute ausc der DDR begriffen und begreifen immer mehr, dass ihre Staatsführunf, die SED eben doch recht hatte mit ihrer Einschätzung des Kapitalismus allgemein, des revanchistisch-imperialistischen West- Deutschlands insbesondere. Mit dem Wegfall des Sozialismus stellte sich nämlich folgende Maxime ein. "ist der Sozialismus erst einmal ruiniert, lebt sich`s völlig ungeniert." Mit anderen Worten, der hiesige Kapitalismus zeigt sich in völlig entfesselter Weise.

Die Linke wäre bedeutend schwächer wenn die alte Tante SPD ihre Prinzipien nicht verraten hätten.  Und so ähnlich bei der Merkel-CDU: Sie driftete immer mehr nach links . Ich meine beide Parteien SPD und CDU könnten eine Einheitspartei gründen. Daher auch die AFD Stärke. Aber die deutsche Einheit ist bereits 27 Jahre Geschichte. Bei den Jüngeren ist das sehr weit weg in der Zeit.

Du hast sicherlich ein stückweit recht. Ich denke aber auch, dass insbesondere die beiden von dir genannten Parteien eine weitere Aufsplittung der Volksparteien sind.

Der Charakter der Volkspartei stirkt langsam aus. Der Wille der Menschen auf einen parteiinternen Konsens weicht der zwischenparteilichen Auseinandersetzung. Der Sieg der eigenen Sichtweise soll also über den Wählerwillen und nicht über parteiinterne Machtzirkel/Netzwerke entschieden werden.

Ein Beispiel dafür war die Eurokrise. Es war vor der AfD nicht möglich gegen den Euro zu wählen. Zwar gab es innerhalb der Parteien durchaus Diskussionen (FDP,CDU als Beispiel) aber die innterpartiische Mehrheit hat sich dort durchgesetzt. Oder zumindest die aktuelle Machtelite innerhalb der Partei. Damit gab es nur noch den einen Kurs.

Grundsätzlich begrüße ich somit die Sprengungen der Dreiparteien-Demokratie (was ja bereits die Grünen geschafft haben). Denn nun entscheiden die abgegebenen Stimmen bei einer Wahl die inhaltliche Ausrichtung der politischen Zukunft und nicht ein paar wenige in den Parteien. Damit ein Land aber unter solchen voraussetzungen regierbar bleibt, ist es absolut notwendig, dass die Parteien dann nach der Wahl kompromissbereit sind.


Francescolg 04.05.2016, 13:33

Joschka Fischer (zu Beginn) war doch auch eher ein "störender Faktor", alleine schon seine Art und Weise zu reden..

Schaut man sich einen guten Teil der AfD an, sind das keinesfalls charismatische, redegewandte 'Leader'. Sie wirken eher "grau", aber auch wie typische Volksvertreter.

Echte Demokratie ist doch nur, wenn wir neben den "Typen im Anzug", auch Grüne, Hartz-4'ler, Linke und Rechte "mit ins Boot nehmen", deswegen heißen sie doch: Volksvertreter. 

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Marcel89GE 04.05.2016, 13:38
@Francescolg

Klar. War doch auch nur eine Frage der Zeit bis auch die "rechten" sich im Parlament vertreten lassen.

Das muss eine Demokratie aushalten. Ich muss als Liberaler ja auch mit linker Steuerverschwendung leben.

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Nicht unbedingt, auch in anderen Ländern wurde die Parteienlandschaft in den vergangenen Jahren vielfältiger. 

Jedoch könnte diese Entwicklung indirekt mit dem Ende des West-Ost-Konfliktes und der damit einhergehenden Pluralisierung von Weltanschauungen in Verbindung stehen.

Ich denke nicht hätte die CDU CSU zusammen mit ihren Koalitions Partnern nicht so kläglich versagt Dann gäbe es keine Afd und auch keine Probleme in Deutschland aufjedenfall weniger.

Marcel89GE 04.05.2016, 13:36

Große Volksparteien lassen aber natürgemäß freie Spielrräume. Schließlich kann eine CDU nicht gleichzeitig für und gegen etwas Politik machen.

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Francescolg 04.05.2016, 14:24

In Russland haben sich doch auch Generäle, Bürgermeister und viele andere "Politiker"(auch Mafiosi) persönlich bereichert (z.b. Verkauf von Armeebeständen, Korruption, "exklusive" Lizenzen und Konzessionen), die sog. Oligarchen. Dasselbe ist leider auch in Ostdeutschland geschehen. Wenn man die Raubtier-Investoren kritisiert, dann muss man alle (Individuen und Unternehmen) kritisieren, die sich nach dem kalten Krieg bereichert haben.

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NEU ? *** lach ***

  Extremisten, die sich seit hundert Jahren bekriegen 

und der Bevölkerung auf den Geist gehen - sind NEU ???``

Die Wurzeln beider "Parteien" gehen etliche  Jahrzehnte zurück

....  mab kannte sie als Nazis und Kommunisten.....

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