Seit wann ist Misanthrop sein in?

7 Antworten

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Kann ich so nicht bestätigen, da mir so eine Entwicklung nicht aufgefallen ist. Misanthropen, jetzt unbedacht in welcher Zahl sie vertreten waren, gab es mit Sicherheit schon zu jeder Zeit, und wird es auch immer geben. Für den Otto-Normalo ist der Misanthrop ein feindseliger, gehässiger und pessimistischer Mensch, dass wirst du auch aus den meisten Kommentaren zu diesem Thema lesen können. Der Misanthrop ist zwar per Definition ein Menschenhasser, doch drückt sich seine Abneigung mehr in seiner Denkweise als seiner Handlungsweise wieder. Man verachtet oder hasst niemals etwas ohne Grund, und so konnte man den Misanthropen bei näherer Betrachtung als einen Gesellschaftskritiker ansehen, anstatt in ihm den Psycho zu sehen, der scheinbar ohne nachvollziehbare Gründe Menschen aus Prinzip ablehnt. Man kann sogar von ihm viel lernen, da er Abstand zu den vielen alltäglichen Banalitäten hält, hat er öfters einen viel besseren Durchblick. Misanthropen können uns auf viele Fehler in der Gesellschaft hinweisen, und wie das aussehen kann, zeigt folgendes Forum auf einer guten Art und Weise: http://www.ignoranceisbliss.de/

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"Was für ein Volk! Denken sie auch, oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?"

-Franz Kafka-

"Man betrachte nur, was Menschen gelegentlich über Menschen verhängen, mit welchem ausgegrübelten Matern einer den anderen langsam zu Tode Tode quält, und frage sich, ob Teufel mehr leisten könnten"

-Arthur Schopenhauer-

http://www.youtube.com/watch?v=nbBbXsxQoOE

Ich glaube fast, dass unsere Kommentare zusammen, den einen oder anderen Blinden die Augen ein wenig öffnen könnten, wenn sie sich dem allen nicht schon von vornherein verschließen würden.

PS: Das Kafka-Zitat finde ich unglaublich gut ^^ So schön zynisch!

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@MaNic22

Immerhin habe ich jetzt die Auszeichnung <hA< bekommen ;-)

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Danke für den Stern! Bedeutet mir besonders bei dieses Thema viel.

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@goodboy21

Ich hätte es selbst nicht besser ausdrücken können, hätte aber das selbe gemeint. DH. Allerdings würde ich noch dazu sagen heute gibt es leider ebenso viele Pseudo-Misanthropen.

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@Yprite

Danke fürs Kompliment.

und... "Allerdings würde ich noch dazu sagen heute gibt es leider ebenso viele Pseudo-Misanthropen."

Danke für die gute Ergänzung, kann ich so nur zustimmen.

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Da Misanthropie "Menschenhass" bedeutet und das Wort aus dem Griechischen kommt, kannst du davon ausgehen, dass das Phänomen so alt ist wie der Mensch selbst. Menschliche Gesellschaften sind der Startschuss, zeitlos und weltweit. Wenn du den Eindruck hast, "es greife um sich", kann das eine Mode sein, die in deinem Umfeld entstanden ist oder auf sie übergeschwappt ist, irgendeiner hat das Wort aufgegriffen, findet es cool, die Anwendung geschieht unüberlegt. Als Ü40 haut es mich jedesmal um, wie gedankenlos sich Jugendliche als "Opfer" anreden und beschimpfen. Eine (wie ich finde, dumme!) Sprachmode. In der Literatur und in der Philosophie gibt es Persönlichkeiten, die am Menschen im allgemeinen verzweifelten, den Menschen für grundsätzlich schlecht halten, mit dem Menschen zuviele negative Erfahrungen gemacht haben (Kriegsopfer, Erziehungsopfer, Gewaltopfer). Einige haben ihren Menschenhass kultiviert und ihre Schriften sind geprägt davon. So kommt es, dass man einen Philosophen wie Schopenhauer oder den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard als Misanthropen bezeichnet. Aber nur, weil man im Supermarkt auf einen grimmigen Menschen trifft oder der Nachbar sich in den Hass des benachbarten Walnussbaums hineingesteigert hat, sollte man nicht von Misanthropen reden. Das ist sehr hoch gegriffen und geht am Thema vorbei.

Habe Bernhard gekannt, er war kein Misanthrop, sondern die meisten Leute waren ihm einfach zu dumm und oberflächlich, um mit ihnen näher bekannt zu sein. Allerdings war er ein Pünktlichkeitsfanatiker. Hat auf niemanden auch nur 5 Min gewartet, wenn er nicht rechtzeitig verständigt wurde, dass höhere Gewalt im Spiel war. LG

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Das ist ein begründeter Trend, schließlich sammeln die Menschen immer mehr Attribute, die sie ekelhaft werden lassen. Die Kulturindustrie verseucht die Menschen nicht nur mit medialem und kapitalistischem Schrott, sie kontrolliert sie gänzlich damit. Sie hat uns so fest im Griff, dass man schon wieder meint, es wäre normal, seine freie Zeit mit Fernsehen zu verbringen, oder mit Shoppen oder einen auf Aktivisten zu machen und mit dem iPod eine Runde zu joggen, dabei zu merken, dass man wegen des vielen Rauchens keine Puste mehr hat, sich vornimmt aufzuhören und am nächsten Tag statt der Ich-Verkürze-Mir-Mein-Wertvolles-Leben-Bewusst-Stangen die Sportschuhe in der Ecke liegen lässt... schließlich läuft gerade "We are Family", da kann man nicht raus gehen... was habe ich überhaupt davon für einen Vorteil, persönlichen Gewinn vom bloßem Angucken der Natur. Nein, sie ist einzig zum bezwingen da!, sagt der Wissenschaftler und gibt sich dem Trieb der Faulheit hin, indem er die 5km nach Hause mit dem Auto fährt.

Der postmoderne Mensch ist so weit relativiert, dass seine Meinung gegenüber anderen so nichtig erscheint, dass er sich denkt: Dann kann sie auch nicht richtig sein, also folge ich konform und gedankenlos wie ich bin, dem Hauptstrom. Und dieser wird durch die Kulturindustrie vorgegeben. Rebellen, also Nonkonformisten, sind schon in dieses System mit eingeplant (sie werden heimlich konformiert). Man gilt als Draufgänger, wenn man mit 3 Tatoos auf einem Motorrad und einer Lederjacke durch die Straßen der Spießbürger fährt - aber durch die Einnahme dieses Stereotyps, verfällt man nur einem eingeschlossenen Nebentrend, der dazu da ist, den Haupttrend nicht zu gefährden. Es sind Ausweichnischen! Jeder nostalgische Tatoo- und Lederjackenladen ist diesbezüglich symbolträchtig. Jeder Rastalocken-Mensch, der in Holland urlaubt. Jeder Atheist, der meint nur an sich selbst zu glauben, und doch nicht weiß, wo der Sinn liegt, weil ihm die Kulturindustrie keine erfüllenden Zwecke, sondern bloß kurzfristige Mittel vorsetzt. Jeder Facebook-Nutzer, der denkt, er könnte mit spontanen Aktionen, die viele Leute erreichen, ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen - in dieser gesichtlosen Ansammlung von gelangweilten Horoskop-Lesern (obwohl sie ja angeblich nicht daran glauben). Jeder Mensch, der denkt, er wäre individuell, indem er Dinge tut, die nicht jeder macht - wozu überhaupt alle Dinge zählen, weil nichts von allen Lebenden zugleich gemacht wird, außer zu leben - und dieses wird zum Konto degradiert, dass mögliochst ausnutzen, womöglich zu überziehen ist. Leben wird zur Stoppuhr, die irgendwann abläuft und einen dadurch zwingt, einen möglichst schnellen Sprint hinzulegen, während dem man nichts mehr von der Rennstrecke mitbekommt. Wer inne hält, verliert! Eine einfache Regel, deren Unmenschlichkeit keinem bewusst wird, weil er keine Zeit hat, darüber nachzudenken.

Ja, der moderne Mensch gleicht einem getriebenem Tier. Und so wie jede Eintagsfliege, die meint Carpe diem zu predigen, zugleich aber nicht weiß, wie sie diesem Motto möglichst effektiv gerecht werden könnte, steht der Mensch vor sich selbst und ist ratlos, bis ihm von jemand anders, ob es nun die Gesellschaft, Gott oder doch ein Tumor in seinem Kopf ist, und sagt was zu tun und was zu lassen ist. Wie könnte man ein solches Objekt, das nicht mehr beeindruckt, als ein Stein, der fliegt, weil er geworfen wird, nicht resignieren? Indem es sich einem jeden Tag aufs Neue aufdrängt. Wieder und immer wieder! Resignation ist nur in Abgeschiedenheit möglich, doch so wie es der Misanthrop Schopenhauer schon sagte, wirkt die Einsamkeit ebenso leer. Wir müssen die Menschen ertragen, auch wenn wir uns vor ihnen ekeln. M. E. muss jeder nicht völlig blinde Mensch einen kleinen Misanthropen in sich haben, der ihm sagt:

Es gibt die Einsamkeit, die Zweisamkeit und es gibt die Achtsamkeit, beides nicht zu viel zu genießen!

Wunderbar geschrieben.

Diese Antwort ist mir sogar glatt ein Kompliment wert.

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