Sehen unter der Farbe Rot wirklich alle Menschen das selbe Rot?

13 Antworten

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Hallo MammutFleisch (was für ein entzückender Name),

wo wir auch schon beim Thema wären. Nämlich bei meinem Namen. ;-)

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Da dieses Phänomen mich auch begeistert, habe ich mich nach ihm benannt.

Qualia beschreiben genau das, was du in deiner Frage ansprichst, nämlich die subjektive Wahrnehmung eines Menschen bei dem gleichen Ereignis. Die emotionale, subjektive Färbung könnte man es nennen.

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Hierbei geht es nicht nur um Farben, jedoch sind Farben ein perfektes Beispiel, um es zu erklären.

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Zu deiner Frage:

Wie auch schon in anderen Antworten angedeutet wurde, nehme ich mal vorweg, dass dies kein biologisches Problem ist, sondern eher ein philosophisches.

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Fangen wir mal von vorne an.

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Auf den ersten Blick ist Farbe ein physikalisches Phänomen. Die Farbwahrnehmung beginnt bei der Interaktion von Lichtstrahlen mit den Elektronen der Materie.

Wir sehen Farben nur dort, wo Objekte Lichtstrahlen "verschlucken" (absorbieren) oder reflektieren.

So sehen wir zum Beispiel die Luft nicht, erst dann, wenn sie grobe Verschmutzungen enthält.

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Die Frequenz des absorbierten und reflektierten Lichtes bestimmt die Farbe.

Licht einer bestimmten Wellenlänge trifft auf die Sinneszellen unserer Netzhaut, die Zapfen und die Stäbchen. Hierbei sind nun vor allem die Zapfen interessant, da sie Fotorezeptoren sind, die Pimente zur Lichtabsorption enthalten, während die Stäbchen für eine Unterscheidung von hell und dunkel Sorgen.

Es gibt 3 unterschiedliche Typen von Zapfen, deren Pigmente jeweils einen unterschiedlichen Bereich an Wellenlängen absorbiert. So unterscheidet man von kurzwelligem zu langwelligem Licht in Blau-, Grün- und Rot-Rezeptoren.

Eine Pigmentveränderung kann zu verfälschten Informationen wie bei der Rot-Grün-Schwäche führen.

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Aus diesen unterschiedlichen Absorptionen, die sich teilweise überschneiden, gehen elektrische Impulse hervor. Diese stellen die Information dar, die schließlich vom Gehirn weiterverarbeitet wird.

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Aus diesem Grund kann man bei der Information, die das Auge einfängt, noch nicht von Farbe sprechen. Der Farbeindruck entsteht erst im Gehirn.

Wobei man auch dort bei der Verarbeitung noch nicht von einer Farbe sprechen kann, Biologen beschreiben aus diesem Grund nicht den Farbeindruck selbst, sondern dessen Entstehung.

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Gibt es überhaupt Farben?

Man könnte fragen, ob ein Gegenstand auch dann eine Farbe hat, wenn er nicht betrachtet wird.

Die Antwort darauf ist, dass ein Gegenstand nie eine Farbe hat.

Man färbt den Gegenstand sozusagen durch den Vorgang des Sehens, die Farbe liegt nicht wie ein Mantel über dem Gegenstand.

Somit ist eine Farbe nichts Objektives, sondern existiert nur im Gehirn des Betrachters, einzig ihre Entstehung lässt sich physikalisch und neurobiologisch erklären.

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Nun sind wir beim Bewusstsein angelangt.

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Das Bewusstsein lässt sich zunächst in zwei Bereiche unterteilen:

Das kognitive und das phänomenale.

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Das kognitive Bewusstsein betrifft die Bewusstseinsvorgänge, die sich auf etwas beziehen. Wenn man so will der "Inhalt" des Bewusstseins.

Das Bewusstsein ist kognitiv, weil es das Bewusstsein "von etwas" ist.

Ein Beispiel wäre, dass man sich bewusst ist, sich in einer bestimmten Umgebung zu befinden.

Auch die Erinnerung an eine Person oder ein Ereignis lässt sich hier einordnen.

Man spricht hier auch von "Intentionalität".

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Das phänomenale Bewusstsein hingegen beschreibt "wie" etwas wahrgenommen wird.

Dort geht es um die qualitativen Aspekte der Wahrnehmung einer Erfahrung – Qualia genannt.

Diese qualitativen Größen sind nur dem Subjekt zugänglich, welches diese Erfahrung macht.

Wie in deinem Beispiel kann das ein subjektiver Farbeindruck sein oder auch "wie" sich Schmerz anfühlt, Trauer, ein Geruch, eine Melodie oder auch die Sympathie zu einer Person.

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Dieses subjektive Empfinden birgt das Problem, dass man bisher keinen Weg gefunden hat, es sprachlich auszudrücken oder die Informationen darüber irgendwie auszutauschen.

Denn selbst wenn – um beim Beispiel Farbe zu bleiben – du die Farbe, die wir beide Rot nennen, anders wahrnimmst als ich, würde uns das beim Kommunizieren nicht auffallen, eben aus den von dir beschriebenen Gründen.

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Würden wir uns beispielsweise gemeinsam einen Regenbogen ansehen, wäre unser kognitives Bewusstsein (Betrachtung des Regenbogens, Erkennen des Regenbogens) das gleiche, die Qualia hingegen könnten wir nicht auf Ähnlichkeit überprüfen.

Es könnte sein, dass der Regenbogen auf uns beide jeweils völlig unterschiedlich wirkt.

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Das phänomenale Bewusstsein hebt die sinnliche Wahrnehmung auf eine andere Ebene, auf die nur man selbst Zugriff hat, sodass sie unbeschreiblich ist.

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Während das kognitive Bewusstsein sich aufgrund des Bezuges auf Objekte einigermaßen auch neurologisch beschreiben lässt, ist dies beim phänomenalen Bewusstsein bisher nicht möglich, auch wenn es einige Ansätze gibt. Zum Beispiel wurde herausgefunden, dass die Grundlage des visuellen Bewusstseins eine synchrone Aktivierung von Neuronen bei einer bestimmten Frequenz ist.

Allerdings erklärt dieser Ansatz nicht das "wie", sondern allenfalls das "wo".

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Diese Unerklärbarkeit der Qualia gilt auch, wenn phänomenale und kognitive Eindrücke mit einander einhergehen, was in den meisten Fällen so ist. Beispielsweise, wenn wir uns an ein Erlebnis aus unserer Kindheit erinnern.

Dann ist dort die kognitive Dimension, der Inhalt der Erinnerung, und die phänomenale Dimension, die Gefühle, die diese Erinnerung hervorruft.

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Die Qualia bilden eine Erklärungslücke, zu der es die unterschiedlichsten Ansätze gibt. Von kompletter Leugnung dieser Lücke, über eine vorrübergehende Unerklärbarkeit hin zu einer absoluten Unerklärbarkeit.

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Ein überaus interessantes Thema hast du dir da ausgesucht, über dass es Unmengen Literatur gibt.

Für den Anfang empfehle ich mal einfach den wiki-Artikel:

http://de.wikipedia.org/wiki/Qualia

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Also falls du noch Fragen hast, ich versuche gerne weiterzuhelfen. :-)

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Was für eine wundervolle Antwort für eine wirklich komplizierte Sache!!! Schade, dass ich hier nicht das Sternchen vergeben darf,

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@YingYang7

Donnerwetter nochmal, das sind dann die Seiten bzw. Zeiten, bei denen man weiß, warum man sich gern auf gf aufhält:o)). Respekt, Qualia...so verlockend es sein mag, über das eigene "Steckenpferd" zu räsonnieren, ist doch allein die Kompilier- und Schreibarbeit ein zackiges Honorar wert.

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Spitzenantwort!
Ich vergeb' dann schon mal das Sternchen ;-))
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@holodeck

Danke ihr alle. :-)

Eigentlich könnte man da noch wiklich sehr viel mehr schreiben. Ist auch einach ein sehr spannendes Thema und die Antwort hat mir Spaß gemacht.

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vielen, vielen dank für diese antwort!!! wow. so eine antwort hab ich ja noch nie gesehen. natürlich kriegst du da das sternchen, sorry dass es so lange gedauert hat, war aber schon einige tage nicht mehr hier angemeldet. ich lese den artikel NOCHMALs in ruhe durch und wenn ich noch fragen habe, stell ich dir diese gerne.

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Bei dieser Antwort müsste man viele Sternchen geben können....Eine Antwort die ich sehr gern gelesen habe,Qualia !

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Biologisch gesehen wird in der Retina eines gesunden Auges der chemisch gleiche Sehpurpur verwendet. Wahrnehmung ist aber zu einem großen Teil Gehirnleistung und da wird die Beweisbarkeit schwer, ob der ein identischer Reiz in zwei Gehirnen auch identisch verarbeitet wird.

Jetzt muss man den Bereich der Naturwissenschaft verlassen und in den Bereich der Philosophie gehen. Die philosophische Theorie des "Radikalen Konstruktivismus" besagt, dass sich jedes Individuum seine eigene Wirklichkeit konstruiert: also dass dein rot kann anders sein als meines. Durch sprachliche Übereinkünfte und somit Lernen, können wir aber die gleiche Sache gleich bezeichnen, auch wenn wir sie unterschiedlich in den Gehirnen verarbeiten.

Wie gesagt, ne Theorie. Beweisen kann man´s nicht. Wahrnehmung ist eben subjektiv.

Auf jeden Fall gibt es da individuelle Unterschiede...das hat was mit den unterschiedlichen der Zapfentypen (Rezeptoren auf der Retina) zu tun. Demenstprechend, gibt es z.B. Menschen, die statt der normalen 3 nur 2 Zapfentypen aufweisen und damit nur Farben von gelb über grau bis blau wahrnehmen, aber gar kein rot. Oder aber alle 3 Zapfentypen sind vorhanden, aber diese sind so individuelle unterschiedlich, dass es Variationen gibt. Ob es da so krasse Fälle gibt, dass für den einen Grün ist, was für den andren Rot, aber ich kenne aus dem Alltag z.B, die Fälle, dass man sich uneinig ist über orange und rot oder rot und rosa oder gar rot und lila :D....Dann muss man aber auch noch dazu sagen, dass es kulturelle Unterschiede bgzl der Farbnamen gibt ( es gibt iwelche kleinen Naturvölker, bei denen z.B. keine Bezeichnung für grün vorhanden ist, was dann eben zu blau beispielsweise zugeordnet wird, aber das is wohl wieder ei bischen was andrs ;) )

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