Schöpfungsgeschichten ?

10 Antworten

In der Tat stehen in der Bibel zwei verschiedene Schöpfungsgeschichten von unterschiedlichen Autoren. Die erste Schöpfungsgeschichte nennt man die priesterliche (elohistische), Gen 1, die zweite in Gen 1+2 ist älter und wird dem Jahwisten zugeschrieben. In der ersten Geschichte geht es mehr um den Kosmos, in der zweiten steht der Mensch eher im Mittelpunkt.

Natürlich, für Fundamentalisten wie "Wort und Wissen" ist das schwer zu ertragen, und indem man beide Schöpfungsgeschichten miteinander harmonisiert, erschafft man eine dritte Geschichte, aus der man die Widersprüche eliminiert hat. Jetzt kann man wieder behaupten, die Bibel enthalte keine Widersprüche... was aber nicht den Tatsachen entspricht, sondern eine Folge der willkürlichen Harmonisierung ist. Man behauptet "Es gibt keine Widersprüche", falls man doch welche findet, werden diese durch Änderung und Neuinterpretation des Textes beseitigt, und nachdem man sie beseitigt hat, behauptet man, dies bestätige die Behauptung, es gäbe keine Widersprüche. Das ist nicht nur logisch zirkulär, sonder dabei handelt es sich um einen Aberglauben: Die Treffer zählt man - die Bestätigung - aber jede Widerlegung ignoriert man oder interpretiert sie um.

Gen 1 wird als "elohistisch" bezeichnet, weil dort von den Elohim die Rede ist. Wenn man den ersten Satz der Bibel wortwörtlich übersetzt, dann steht dort:

"Am Anfang schuf (!) die Götter Himmel und Erde". Denn Elohim bezeichnet den Pantheon der Götter, zu denen auch Jahwe gehört sowie seine Frau Aschera. Beide wurden übrigens im jüdischen Tempel verehrt, wie man erst seit kurzem weiß.

Gen 2+3 sind von den Jahwisten verfasst worden, dort ist dann nur noch von Jahwe die Rede, die Elohim tauchen nicht mehr auf.

Im ganzen Text nachweisbar ist die redaktionelle Arbeit, alle Texte, die ursprünglich auf mehrere Götter zugeschnitten waren und den damals üblichen Vielgötterglauben reflektierten, umzuändern und aus den Elohim (Plural) eine einzige Wesenheit namens Jawhe zu machen. Man erkennt die Überarbeitung anhand der Fehler: "Die Götter (Plural) schuf (Singular)". Selbst wenn man sich auf den Standpunkt stellt, Elohim sei so etwas wie ein späterer "Pluralis Majestatis" - was es im Hebräischen nicht gab - so müsste doch das Verb in der Mehrzahl stehen. Wenn ich den Pluralis Majestatis benutze, so sage ich: "Wir schreiben diesen Text" und nicht "Wir schreibe diesen Text". In der zweiten Form habe ich das "Ich" einfach durch das "Wir" ersetzt. Wenn ich aber die Mehrzahl einfach durch das Singular ersetze, so kann es passieren, dass aus "Wir schreiben diesen Text" ein "Ich schreiben diesen Text" wird. Und das finden wir in der Bibel an vielen Stellen.

Daher: Durch nachträgliche Überarbeitung wurde aus dem Pantheon der Götter, Elohim, der eine Gott Jahwe gemacht. Neben dieser finden wir in den Texten zahlreiche Stellen, in denen die "Altäre auf den Höhen" verdammt werden, also die Orte, an denen die früheren Israeliten noch bis weit an den Beginn der Zeitrechnung heran mehrere Götter verehrt haben - die Elohim, den Pantheon der Götter. Die sog. Jahwe-Allein-Bewegung versucht, diesen Polytheismus zu unterbinden, u. a., indem man so tut, als sei diese die eigentliche, ältere Form der Götterverehrung.

Aus den unterschiedlichen Quellen folgt auch, dass es zwei unterschiedliche Schöpfungsgeschichten gibt.

Damit könnte man sogar einen Teil der Widersprüche erklären:

Im ersten Teil der Geschichte werden allgemein Menschen geschaffen. Im zweiten Teil werden dann, speziell für Gottes Garten, Adam und Eva erschaffen. Diese werden aus dem Paradies verstoßen und haben zwei Söhne: Kain und Abel. Kain erschlägt Abel und wird verbannt, dabei findet er Städte (!), die von vielen Menschen, Frauen und Männern, bewohnt werden. Wo kommen plötzlich diese Menschen her, wenn Adam und Eva die einzigen Menschen sind und nur zwei Söhne haben, von denen einer tot ist? Woher stammt die Frau, die sich Kain nimmt?

Soweit bekommt man eine Harmonisierung noch hin, aber in beiden Schöpfungsgeschichten gibt es unterschiedliche Reihenfolgen bei der Erschaffung, die sich eben nicht ergänzen, sondern widersprechen. Das liegt nur zum Teil an der Perspektive, die anders ist, es liegt auch an den Absichten der Schreiber und eventuell auch am Zeitraum der Entstehung und dem Grad der Überarbeitung. Interessant ist, dass die Autoren der Bibel sich vor allem um die Vereinheitlichung Gottes bemüht haben - aus "den Elohim" wird "der Gott" und weniger darum, die Details zu harmonisieren.

Dass die Bücher Mose nicht nur einen Autoren haben kann man am Vergleich der Schreibstile ersehen, trotz der vielen Überarbeitungen.

Schön geschrieben und analysiert.

"Am Anfang schuf (!) die Götter Himmel und Erde". Denn Elohim bezeichnet den Pantheon der Götter, zu denen auch Jahwe gehört sowie seine Frau Aschera. Beide wurden übrigens im jüdischen Tempel verehrt, wie man erst seit kurzem weiß.

Hierzu mein "Lieblingspsalm" 82:

Ein Psalm Asaphs. Gott steht in der Gottesversammlung, inmitten der Götter richtet er:....

0

Ich weiß nicht, was dein Lehrer hören möchte, aber nach der Bibel gibt es zwei Schöpfungsberichte, die verschiedene Blickwinkel auf das Geschehen werfen und einander ergänzen.

Auf keinen Fall handelt es sich aber um verschiedene Schöpfungsberichte, die sich widersprechen. Wie beide zueinander passen, wird beispielsweise hier recht gut erklärt: https://www.bibelkommentare.de/index.php?page=qa&answer_id=615

Sehr empfehlenswert und interessant zur Frage ist auch folgender Artikel: http://www.wort-und-wissen.de/disk/d91/1/d91-1.pdf

Die Frage ist halt, ob dein Lehrer die biblische Sicht lesen möchte oder die einer liberalen und kritischen Theologie, die mit der Bibel nichts anfangen kann und deshalb Widersprüche konstruiert, indem sie behauptet, dass es sich um verschiedene Schöpfungsmythen handelt (die eine in der Wüste geschrieben und die andere an den Wassern von Babylon u. a. eigenartige und unbiblische Theorien).

Wirklich unglaublich was für ein Bibel wissen du hast...

Über 10000 antworten, wow!

2

Es gibt tatsächlich 2 Schöpfungsgeschichten in der Bibel der Juden, die auch die Bibel der Christen ist, die sich etwas unterscheiden.

Wir wissen nicht, wer diese beiden Erzählungen verfasst hat. Sie ist lange Zeit mündlich überliefert worden und hat sich dadurch logischerweise immer in kleinen Details etwas verändert.

In Schriftform sind erst zwischen 700 und 500 vor Christus zwei Versionen entstanden, nämlich im 1. Buch Mose, Vers 1 - 2a (Gott hat den Menschen erst am Ende der Schöpfung geschaffen) und die zweite Version im 1. Buch Mose, Vers 2b - 25 (Gott schuf den Menschen gleich zu Beginn der Schöpfung aus Erde).

Was Luther damit zu tun hat?

Er hat die Bibel übersetzt, aber mit dem Ursprung der Schöpfungsgeschichte bzw. mit dem Inhalt nichts zu tun.

Grüße, Dalko

Was möchtest Du wissen?