Sallust-Bewertung

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3 Antworten

Die Frage bezieht sich anscheinend besonders auf Sallust, De coniuratione Catilinae, 6 – 13. Der Abschnitt ist ein Exkurs (excurrere = „herauslaufen“), ein aus der Erzählung heraulaufender Einschub (weil er in großem Ausmaß Aussagen zu den Ursprüngen und der frühen Zeit im alten Rom enthält, wird der Exkurs in der Fachwissenschaft oft „Archäologie“ genannt).

Erzähltechnisch sind Exkurse Abschweifungen. Inhaltlich enthalten die Exkurse bei Sallust aber sehr häufig besonders wesentliche Gedanken.

Sallust versucht bei seiner Darstellung der römischen Geschichte allgemein in der Geschichte wirkende Kräfte aufzuzeigen und damit Zustände und Abläufe zu erklären. Was sind Beweggründe für Handlungen von Menschen? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen sittlichen Eigenschaften und dem Zustand eines Staates?

Sallust legt eine Deutung vor und betreibt moralische Geschichtsschreibung (5, 9 gibt er bei der Ankündigung eines Exkurses auch an, über die Sitten des Volkes - de moribus civitatis – zu schreiben). Ein weiteres Ausholen ist nötig, um in einprägsamer Schilderung nachdrücklich den Gegensatz zwischen einer Zeit des Aufstieg/Blüte und einer Zeit des Niedergangs/Verfalls herauszustellen. In einem Überblick werden Zusammenhänge und Veränderungen über einen größeren Zeitraum dargestellt. Ein guter Zustand und Erfolg werden mit guten sittlichen Eigenschaften (boni mores) begündet.

Wertbegriffe wie virtus, concordia, pietas, aequitas, iustitia und fides, probitas werden häufig verwendet. Ihnen stehen schlechte Einstellungen gegenüber, darunter als Hauptursachen eines Wandels zum Schlechten Ehrgeiz (ambitio) und Habgier (avaritia). Catilinas Verschwörung wird als Folge der Verderbnis und Erscheinungsform des eingetretenen schlechten Zustandes betrachtet.

Der Exkurs gibt eine Grundlage für eine solche Anknüpfung, die ausdrücklich durchgeführt wird (14,1 In tanta tamque conrupta civitate …[„In einer so großen und so verdorbenen Bürgerschaft …).

Kapitel 8 ist noch einmal eine Abschweifung innerhalb des Exkurses, gewissermaßen ein Seitenwendung. Ein loser Bezug ist die Rolle des Schicksals/Zufalls/Glücks (fortuna), dessen Wüten als irrationale Kraft in der Geschichte etwas später als Aussage vorkommt (10, 1 saevire fortuna ac miscere omnia coepit). Beim Vergleich der Röme mit den Athenern geht es um die Rolle der Willkür des Glücks/der günstigen oder ungünstigen Fügung. Der Gesichtpunkt ist das Verhältnis zwischen Taten und dem Ruf der Taten aufgrund ihrer glanzvollen Darstellung. Die Taten der Athener werden nach Sallust äußerst stark gerühmt, weil Geschichtsschreiber mit ausgezeichneter Begabung sie dargestellt haben (Sallust kann z. B. an Herodot und Thykydides gedacht haben), während die Römer mit praktischen Tätigkeiten beschäftigt waren und sich weniger um lobpreisendes Erzählen von Taten bemühten.

Der literarische Stil alleingenommen ist an sich kein ausreichendes Argument, um etwas für nicht richtig zu halten. In der Antike wurde besonders stark Wert auf eine kunstvolle Darstellung gelegt. Sallust will mit seiner sprachlichen Gestaltung seine Gedanken eindringlich vermitteln, Aussagen und Gesichtspunkte hervorheben, die Leser(innen) packen.

Bei der Subjektivität habe ich eine ähnliche Meinung. Sallust legt eine eher allgemein zusammenfassende Darstellung vor, bei der kaum genaue Taten mit Einzelheiten vorkommen, sondern die Deutung das Wesentliche ist. Die Auseinandersetzung der Römer mit äußeren Gegnern wird im Exkurs einseitig aus römischer Sicht dargestellt. Sein Erklärungsmodell zu Aufstieg und Niedergang ist im Exkurs kaum durch durch eine ausdrücklich vorgelegte sorgfältige Analyse des Geschehens im Einzelnen begründet.

Bei einem Wunsch nach Vertiefung in das Thema können Bücher helfen, z. B.:

Konrad Heldmann, Sallust über die römische Weltherrschaft : ein Geschichtsmodell im Catilina und seine literarische Tradition, Stuttgart : Teubner, 1993 (Beiträge zur Altertumskunde ; Band 34). 3-519-07483-4

Dieter Flach, Römische Geschichtsschreibung. 3., neubearbeitete Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, S. 108 – 131 (über Sallust)

Stephan Schmal, Sallust. Hildesheim ; Zürich ; New Ork : Olms, 2001 (Studienbücher Antike ; 8). 2. unveränderte Auflage, 2009. ISBN 978-3-487-11442-2

Sallust wollte die Verderbtheit im Römischen Reich seiner Zeit aufzeigen und verglich deshalb die Griechen mit den Römern. Sallust hatte allen Grund, sich mit der Korruption zu befassen, war er doch selbst als Cäsars Statthalter in der Provinz Africa nova aktiv in Unregelmäßigkeiten verstrickt und entkam nur mit Cäsars Hilfe einer Verurteilung. Nachdem er aus dem politischen Leben ausgeschieden war, machte sich sein Gewissen bemerkbar und führte zur literarischen Aufarbeitung in seinen Schriften. Wir können heute froh sein, daß antike Autoren auch mal zu weit ausgriffen und Excurse eingelegt haben, weil wir ohne diese Excurse viel weniger wüßten. Universalis

Ich zitiere aus Bieler - Geschichte der römischen Literatur: "An den Tatsachen als solche hat er (Sallust) kein unmittelbares Interesse; es sind ihm auch öfters Irrtümer und Flüchtigkeiten unterlaufen."

Verwendung der Stilmittel hat mit seinem Ziel der "Geschichtsschreibung als Kunst" zu tun. Künstlerische Gestaltung, bewusster Aufbau von Spannung ist wichtig.

Ihm geht es insbesondere auch um das allgemeine Prinzip der Geschichte, die allgemein-menschlichen Prinzipien, nach denen Geschichte und Politik immer wieder gleich oder ähnlich ablaufen. Daher das von Dir festgestellte "weite Ausholen", Vergleiche zwischen Athenern und Römern. Es geht eben nicht nur um die Geschichte als solche, sondern vor allem auch um ihre Interpretation.

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