Rückgabe Ostpreußens?

14 Antworten

zu 1)


1a)
Dass Gorbatschow Deutschland die Rückgabe des sowjetischen Teils von Ostpreußen angeboten habe, ist ein Gerücht, das im Internet so gern und so oft weitergestreut wird, dass man bei einer Google-Suche massenhaft darauf stößt, in mannigfaltigen Varianten und mit den phantastischsten Ausschmückungen. Die Legende hat aber wohl einen wahren Kern: 1990 soll ein sowjetischer Generalmajor der deutschen Botschaft in Moskau Gespräche über die "Frage des nördlichen Ostpreußens" angeboten haben. Das war 2,5 Monate vor der Unterzeichnung des 2+4-Vertrags. Die deutscheSeite hat abgewunken. Das hat jedenfalls der Spiegel 2010 berichtet:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wiedervereinigung-moskau-bot-verhandlungen-ueber-ostpreussen-an-a-695928.html
Klar wird daraus nur: Es war kein direktes Angebot von Gorbatschow oder der sowjetischen Regierung, und es wurde mit keinem Wort eine Rückgabe Ostpreußens angesprochen. Ob der Generalmajor von der Regierung autorisiert war, was das Ziel des Vorstoßes war - zumindest aus den mir zugänglichen Informationen bleibt das alles unklar. Vorstellbar ist, dass das auf eine Art Freihandelszone hinauslaufen sollte, mit der das Königsberger Gebiet wirtschaftlich entwickelt werden sollte.

Kann man sich aber auch vorstellen, dass die Regierung das Gebiet an
Deutschland abstoßen wollte? Ausgeschlossen! Damals gab es ja die
Sowjetunion noch, und das Gebiet war noch keine Exklave wie heute. Die
Sowjetunion war gerade dabei, ihre Verbündeten in Osteuropa zu
verlieren. Das war schon ein Schock für die Weltmacht. Und da sollte sie
noch eigenes Territorium, auf dem fast ausschließlich Russen wohnen, an
den Westen abgeben? Egal ob verschenkt oder teuer verkauft -
Gorbatschow hätte sich in der Sowjetunion unmöglich gemacht mit einem
solchen Vorschlag. Daher gibt es auch die Vermutung, das Ganze könnte
eine Finte gewesen sein, um Gorbatschow zu diskreditieren. "Die
Regierung führt Geheimverhandlungen, um russische Erde und sowjetische
Militärstützpunkte an den Westen zu verschleudern!"
Mit der Schlagzeile in der Hand hätte man einen Putsch beginnen können. Und geputscht wurde dann 1991 ja tatsächlich.


1b)

Hätte Deutschland auf das Angebot eingehen sollen? Warum wurde es ignoriert? Zu der Zeit wurde über die Wiedervereinigung von BRD und DDR verhandelt. Schon davon waren nicht alle ehemaligen Alliierten spontan begeistert. Gerade die Briten  und Franzosen hatten Bedenken gegen ein so großes und starkes Deutschland. Manche befürchteten, ein wiedervereinigtes Deutschland würde in früheres Machtstreben verfallen. Solche Ängste würden sich natürlich bestätigt fühlen, wenn mit der Wiedervereinigung sich
Deutschland plötzlich um Ostpreußen bemühen würde. In Polen würden alle
Alarmglocken angehen, dass als nächstes doch auch die polnischen Grenzen
wieder in Frage gestellt würden. Solche Verhandlungen hätten das
Potential gehabt, schlimmstenfalls die 2+4-Verhandlungen zu sprengen und die Wiedervereinigung zu vereiteln.
Erst recht natürlich, wenn Gorbatschow deswegen gestürzt worden wäre und
z. B. eine Regierung aus Militärs an die Macht gekommen wäre.

Praktische Überlegungen wie die weit abgelegene Lage vom deutschen Kernland brauchte man da noch gar nicht in Betracht zu ziehen.


Wäre eine Rückgabe für Deutschland verlockend gewesen? Ganz nüchtern
betrachtet wohl kaum. Deutschland hätte eine mehrere 100 km entfernte
Exklave bekommen, die fast ausschließlich von Russen bewohnt ist,
vernachlässigt, mit Altlasten verseucht, wirtschaftlich wohl nicht
selbständig lebensfähig. Selbst die Wiedervereinigung haben wir noch
nicht verdaut.


Ich denke: Über das Finanzielle hinaus ist es natürlich ein Stück
ehemaliges Deutschland, um das man bei realistischen Chancen hätte
verhandeln müssen. Nur war das weder damals noch heute realistisch. Die
Risiken allein schon der Aufnahme von Verhandlungen waren dagegen groß
und unkalkulierbar, was man dafür bekäme eine absehbare finanzielle und
politische Belastung. Letztlich hätte sich kein vernünftiger Staatsmann
auf so etwas eingelassen. Ich halte es ohnehin für ausgeschlossen, dass
jemals ernsthaft eine Rückgabe im Raum stand.

Zu 2)

Es ist unwahrscheinlich, dass eine Rückgabe jemals beabsichtigt war und ich kann mir nicht vorstellen, dass eine russische Regierung russisch besiedeltes Gebiet (das wirtschaftlich heute auch besser dasteht als 1990) an ein anderes Land verkaufen oder gar verschenken würde. Und schon gar nicht derzeit, wo Russland von einer nationalistischen Politik geprägt ist. Russische Gebiete in anderen Staaten werden im Moment eher in ihrer russischen Identität unterstützt, ihre Eigenständigkeitsbestrebungen gefördert (Donbass) oder sogar gleich annektiert (Krim). Kurze Antwort also: Sicherlich nicht.



1. Es war eine Frage der Glaubwürdigkeit. Ich habe damals schon von gehört: Deutschen Diplomaten wurde im Rahmen der 2 plus 4 Verhandlungen von russischen Diplomaten Ostpreußen angeboten, aber  man lehnte dies strikt ab. Viele Gründe sprachen dagegen: Was soll der deutsche Staat mit einem Gebiet, wo nur Russen drin wohnen? Woher soll das viele Geld kommen um dieses Gebiet zu sanieren? Aber der Hauptgrund war, dass man den Russen nicht trauen konnte! Man dachte, dieses Angebot sei eine Falle. Die meisten Russen waren gegen eine Wiedervereinigung. Hätte Deutschland nun Interesse an Ostpreußen geäußert, dann hätten wohl viele russische Funktionäre dieses als Vorbereitung für ein neues, erstarkendes Deutschland ausgelegt. Diese hätten die 2 plus 4 Verhandlungen zum Scheitern bringen können. Die Deutschen wollten die deutsche Einheit unter keinen Umständen in Gefahr bringen, daher ging man nicht auf das Angebot ein.

2. Nein. Eben aus dem Grund, den du schon genannt hast: Es ist halt für  Russland eine geostrategische Goldgrube. Außerdem ist Russland natürlich seinen staatsangehörigen Einwohnern verpflichtet und wird politische Entscheidungen immer für das russische Volk treffen. Weshalb sollte Russland ein Gebiet abtreten wollen, in dem rund 87% Russen leben? Und jetzt mal aus deutscher Sicht geguckt: Was soll Deutschland mit einem Gebiet, in dem noch nicht einmal 1% Deutsche leben, keine deutsche Kultur (mehr) hat und stark sanierungsbedürftig ist?

So bedeutend Ostpreußen für Deutschland auch war, aber eine heutige Rückgabe würde keinen Sinn machen. Ich war schon mehrmals dort. Das Land ist so schwach und rückständig, da würde doch kein Deutscher hinziehen wollen. Wir haben ja schon genug Probleme mit Einwohnerschwund in Ostdeutschland.

Es gab nie ein russisches Angebot. Es gab mal einen sowjetischen General aus dem Dunstkreis des damals gegen Gorbatschow intrigierenden und selbst an die Macht strebenden Jelzins, der gegenüber einem deutschen Diplomaten meinte, dass man darüber mal nachdenken könnte. Ein Angebot sieht anders aus.

Das war auch die Einschätzung des Auswärtigen Amtes. Kein Anlass, Zeit und Energie aufzuwenden.

Die Oblast Kaliningrad steht für Russland nicht zur Disposition. Es ist völlig absurd, daran auch nur einen Gedanken zu verschwenden.

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