Religion...ganz schön kompliziert :-)

29 Antworten

Das sind unendlich viele Fragen, und ich muss vorsichtig sein, damit ich Dir keinen Monumentalvortrag halte. Immerhin: Der Gott des Judentums und der Gott des Christentums sind einer. Der Gott des Alten Testamentes ist grausam - weder völlig richtig noch völlig unrichtig. Tatsächlich sind es zuerst die Menschen (besser gesagt: wir Menschen), die grausam sind. Und Gott lässt uns manchmal die Folgen unserer Grausamkeit tragen. Der Gott des Neuen Testamentes -voller Sanftmut und Liebe - nun ja, auch nicht ganz. Immerhin lässt Gott seinen Sohn am Kreuz grausam verbluten. Dies tut er aber gerade um uns Menschen willen. Gott hat nicht aus Grausamkeit so gehandelt, sondern aus Liebe.

Der Islam ist völlig anders. Die Muslime wollen von Jesus als Sohn Gottes nichts wissen. Für sie ist Jesus lediglich ein Prophet - und zwar einer von vielen. Wie ich neulich von einem Muslim erfuhr, gibt es unter den Propheten keine Bedeutungshierachie. Nun gut. Fest steht: Wenn es sich so verhielte, wüssten wir nichts von Gott, wie die Juden. JHVH ---> Ich werde sein (von Luther oft als HERR übersetzt) - irgendwie nebulös, geheimnisvoll. Oder Allah ---> Gott - irgendwie nichtssagend. Was wird in unserer weiten Welt nicht alles unter Gott verstanden! Jesus hat uns Gott nahe gebracht. Wie erfahren wir mehr von Gott als Nebulöses? Über Jesus. Natürlich nicht, wenn wir glauben, was der Islam glaubt, dass Jesus lediglich ein Prophet ist. Propheten gab es mehrere (Moses, Samuel, Elias, Jesaja, Jeremia, Ezechiel, auch David und Salomo), aber auch für sie war Gott wenig mehr als ein Geheimnisvolles, ein Nebel. Sondern wenn wir in Jesus den sehen, den das Evangelium (also das Neue Testament) in ihm sieht, den Sohn Gottes.

Mit dem Koran ist es eine eigentümliche Sache. Ich habe kürzlich gelesen, dass das Hören einer Sure auch segnend wirkt, wenn sie von den Zuhörern nicht verstanden wird. Über so etwas können wir Christen nur den Kopf schütteln. Eine Reihe von Versen soll Mohammed diktiert haben, als er in einer Art Extase, die Fieber- und Schüttelanfällen glich, war. Die Bibel ist Gottes Wort, d. h. durch Gottes Geist inspiriert. Aber ihre Autoren waren absolut nüchtern. Markantes Beispiel: Die ersten Verse des Lukasevangeliums. Hier erklärt Lukas, dass er, bevor er sein Evangelium niederschrieb, erst einmal - wir würden heute sagen: recherchiert hat (Lies es Dir durch, dann wirst Du begreifen, was ich meine!). Paulus schrieb seine Briefe oft als Antwort auf die mündlichen Berichte über die Gemeinden, die er selbst gegründet hatte (Lies die ersten beiden Kapitel des 1. Korintherbriefes, dann wirst Du begreifen, was ich meine). Von Extase keine Spur. Im Gegenteil: Petrus warnt vor dergleichen, wenn er den Empfängern seines Briefes ans Herz legt: Seid nüchtern. Die Bibel ist im Laufe von ca. 1.500 Jahren entstanden. Gott spricht in die Geschichte hinein. Der Koran ist in weniger als 50 Jahren entstanden. Hier begegnet uns eine gewisse Starrheit der Offenbarung. Und Bibelübersetzungen hat es schon vor Christus gegeben (die Septuaginta), während Koranübersetzungen zwar existierten, aber immer extrem skeptisch gesehen wurden. Und während wir Christen unsere Bibel als Gebrauchsgegenstand ansehen (weswegen wir eine unansehnliche Bibel ohne Probleme im Altpapier entsorgen können), ist für einen Muslim der Koran in besonderer Weise heilig. Den Koran wegwerfen - ein Sakrileg. Und jetzt werde ich wirklich schon fast monumental. Hoffe, Dir mit diesen Ausführungen geholfen zu haben.

So, nacheinander:

Christentum / Gott im AT/NT: Die Texte, von denen Du sprichst, sind unter vollkommen verschiedenen Umständen entstanden. Der Gott des AT entspringt aus ursprünglich polytheistischen Vorstellungen. So weit ich weiß, sind hier mindestens zwei Gottheiten zu einer zusammengeflossen ("JHWH" und "El"). Und diesen Texten merkt man eben noch sehr stark an, dass die Gottheit(-en), von denen sie handeln, ursprünglich so etwas wie Naturgewalten repräsentieren. Deshalb werden mal eben ganze Städte vernichtet, eine Flut geschickt, Opfer gefordert etc.

... und im NT hat eben der Prediger Jesus Gott in sich selbst entdeckt. Kein Wunder, dass der dann auch "menschlicher" - wenn auch nicht ganz frei von Zorn - erscheint.

Islam / Koran im Original: Ja, das habe ich auch schon von einigen Muslimen gehört, dass man den Koran eigentlich im Original lesen muss, um ihn wirklich zu verstehen. Und meiner Erfahrung nach ist es tatsächlich so, dass bei einer Übersetzung immer etwas verloren geht. Viele lernen ja auch Hebräisch und Altgriechisch, um die Bibel im Original lesen zu können - oder Deutsch für Goethe oder Rilke.

Und wenn man den Koran als unmittelbares Wort Gottes versteht, wird der Originaltext natürlich besonders wichtig.

Meiner Ansicht nach spricht das alles nicht dagegen, sich mit einer guten deutschen Übersetzung mal einen Eindruck zu verschaffen, worum es denn eigentlich geht.

Wenn Du magst, kannst Du mich gerne anschreiben und mir weitere Fragen stellen. Was das Christentum angeht, bin ich allerdings wesentlich fitter als in Bezug auf den Islam.

Beide Fragen sind sehr interessant! Als Antwort möchte ich zwei Links posten, die viele gute Antworten geben:

1. Warum ist Gott so anders im Alten Testament als im Neuen Testament? Bzw. ist Gott überhaupt anders? http://www.gotquestions.org/Deutsch/unterschied-Gottes.html

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