Pro und contra "Modularisierter Studiengang"?

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1 Antwort

Meines Erachtens speist sich der schlechte Ruf der modularisierten Studiengänge vor allem aus folgenden Punkten. Zusammen mit diesen "Contra-Punkten" versuche ich dann auch gleich einen Abschnitt mit "Pro-Argumenten" zu setzen. Sonst vergesse ich nachher die Hälfte. Das passiert aber wahrscheinlich sowieso, weil es einfach ein ziemlich großes Thema ist.

1. Mit der Einführung vor inzwischen über einem Jahrzehnt mussten viele Kinderkrankheiten beseitigt werden. Die neuen Studien- und Prüfungsordnungen waren teilweise zu streng oder zu lax und haben daher sowohl bei den Angestellten der Hochschulen als auch bei den Studenten zu Verwirrungen, Falschinformationen und letztlich leider auch Studienabbrüchen geführt - und damit zu Frustration und Ärger.

Meines Erachtens sind diese Unklarheiten an den Hochschulen inzwischen beseitigt und die Ordnungen funktionieren genauso gut oder schlecht, wie das auch die alten Ordnungen (Magister, Diplom) getan haben. Aber die damalige Unzufriedenheit bei der Einführung ist bei jenen, die sie erlebt haben, noch präsent und wird auch heute noch weitergegeben.

2. Die Argumentation bei der Einführung war unter anderem, dass die Studiengänge durch Bologna nicht nur international vergleichbar würden, sondern das mit einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss nach sechs Semestern der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt schneller benötigte Fachkräfte zur Verfügung stehen als nach neun oder zehn Semestern früher.

Diese sehr ökonomische Argumentation kam an den Hochschulen aber schlecht an. Denn gerade die Universitäten verstehen sich als Orte der Wissenschaft, bei denen reine "Verwertbarkeitsargumente" eine untergeordnete Rolle spielen und daher als Bevormundung wahrgenommen wurden/werden. Aber auch die Wirtschaft hatte und hat ihre Probleme mit Bachelor-Absolventen. Inzwischen sind die Widerstände meines Erachtens zwar gesunken, aber auch hier gab und gibt es Vorbehalte gegen Absolventen eines neuen Abschlusses mit deutlich geringerer Ausbildungszeit als zuvor. Nicht ohne Grund machen heute sehr viele Bachelorabsolventen noch einen Master.

Man muss aber natürlich auch sehen, dass man in den "alten" Studiengängen komplett ohne alles dastand, wenn man nach 9 Semestern durch die Abschlussprüfung gerasselt ist. Der Bachelor gibt da meines Erachtens nochmal deutlich Sicherheit. Außerdem hat man mit dem Master eine unkomplizierte Möglichkeit der Spezialisierung oder auch Neuorientierung, die es so in den alten Studiengängen nicht gab.

3. Die Studienstruktur ist in den modularisierten Studiengängen strenger, es gibt mehr Prüfungen von denen auch noch mehr in die Endnote einfließen. Insgesamt wird von den Studenten das Studium als stärker verschult wahrgenommen, als es das in den alten Studiengängen war und das bei gleichzeitig höherer Prüfungsbelastung und dem Gefühl der "Punktejagd".

In den Magisterstudiengängen z.B. musste man zwar in etwa gleichviele Leistungen erbringen (die berühmten Scheine), aber die gab es manchmal schon für das bloße Sitzen in der Vorlesung und waren dann noch unbenotet. So etwas gibt es in den modularisierten Studiengängen kaum noch. Hier gehen fast alle Leistungen in die Endnote ein und es müssen mehr oder weniger umfangreiche Prüfungen absolviert werden.

Das wiederum erhöht die Arbeitsbelastung auf allen Seiten: Die Studenten haben mehr Druck, immer gute Noten zu erhalten, die Dozenten müssen deutlich mehr Prüfungen kontrollieren, die Verwaltung hat wiederum mehr Arbeitsaufwand.

4. Durch all das wird das Studium in den modularisierten Studiengängen als unflexibler und strenger wahrgenommen. Ob das objektiv so ist, würde ich zwar bezweifeln (denn auch vorher gab es Regelstudienzeiten, große Zwischenprüfungen und arbeitsaufwändige Scheinprüfungen), aber das spielt eigentlich keine Rolle, wenn es anders empfunden wird. Die Studenten haben heute gefühlt weniger Freizeit und auch akademische Freiheit, sich mit anderen und abseitigen Wissensthemen zu beschäftigen.
Und die Dozenten wiederum beklagen, dass die Studenten im Studium deswegen weniger nach links und recht schauen können und somit nicht mehr das gleiche akademische Niveau erreichen wie füher.

Du merkst, ich schreibe das bewusst vorsichtig. Denn zum einen gibt es große Studien zur tatsächlichen Arbeitsbelastung von Studenten, die keinen Mangel an Freizeit zeigen. Zum anderen beklagen viele Dozenten bei ihren Studenten teils erheblich Allgemeinbildungs- und Fachwissenslücken (natürlich unter Berücksichtigung des Studienfortschritts) und ein immer stärker konsumorientiertes Lernverhalten: Lange bzw. komplizierte Texte werden nicht oder kaum gelesen und können nicht mehr richtig analysiert werden, Veranstaltungen ohne Anwesenheitspflicht werden nicht besucht etc...


Zusammengefasst: Das größte Problem ist meines Erachtens der gestiegene Stresslevel für alle Beteiligten durch die hohe Anzahl an endnotenrelevanten Prüfungen.

Ob man nun aber Module belegt oder einzelne Veranstaltungen, ob man nun einen Abschluss hat der Bachelor, Master, Diplom oder Magister heißt, ist in meinen Augen Nebensache.

Ich denke also, die modularisierten Studiengänge sind bei Weitem nicht so schlecht wie ihr Ruf. Aber der hält sich hartnäckig. Hochschulen sind tatsächlich keine sehr flexiblen Einrichtungen. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis alle Kinderkrankheiten ausgetrieben sind und bis vor allem auch eine neue Generation von Entscheidern und Angestellten in den Hochschulen und der Wirtschaft am Ruder ist, die selbst mit modularisierten Studiengängen akademisch großgeworden ist.

Vielen Dank, der Schreibaufwand war zwar enorm, alle Argumente - beziehungsweise einen Teil derer - anzuführen, aber mir hat dein Text sehr geholfen, sowohl pro als auch contra nachvollziehen zu können. Besonders der Aspekt der "Punktejagd" trifft's auf den Punkt. :)

Dankesehr und LG, saltusmulier

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@SaltusMulier

Freut mich, wenn es weitergeholfen hat!

Ich muss auch sagen, dass ich den Schreibaufwand etwas anders eingeschätzt hatte, bevor ich losgelegt habe. Das hätte man alles vielleicht auch etwas knapper formulieren können ;)

Beste Grüße!

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