Positivismus & Kritischer Rationalismus

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5 Antworten

Die Äußerung bezieht sich auf den Positivismus des Wiener Kreises, der auch Neopositivismus (Neupositivismus) genannt wird. Ob mit „gleicht“ „ist genau gleich“ oder nur „ist ähnlich“ gemeint ist, wird nicht sehr deutlich, nur das gegen Metaphysik gerichtete Selbstverständnis.

Der Positivismus hat synthetische apriorische Sätze abgelehnt und außerdem alle Sätze als in wissenschaftlicher Hinsicht sinnlos zurückgewiesen, die nicht empirisch (Naturwissenschaften) oder analytisch (Mathematik und Logik) sind.

Der Wiener Kreis war nicht erkenntnistheoretisch völlig einheitlich, und es hat auch Entwicklungen gegeben, in denen frühere Standpunkte verändert wurden.

Wer streng den Ausgangsstandpunkt vertrat, war der Auffassung, mit der Verifizierung empirischer Sätze sicheres und verläßliches Wissen erreichen zu können. Dies ist ein empiristischer Standpunkt, etwas mit Bezug auf ein erfahrungsmäßiges Gegebensein (Sinnesdaten als Grundlage) zu begründen und läuft in der Sache (die Bezeichnung hat anscheinend erst Edmund Hussel 1936 als philosophischen Begriff verwendet; vgl. Carl Friedrich Gethmann, Letztbegründung. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 5: L – Mn. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1980, Spalte 251-254) auf die Annahme hinaus, damit eine Letztbegründung zu geben.

Die genaue Beurteilung, welcher Anspruch mit einer Begründung dem eigenen Selbstverständnis erhoben wird, hängt auch von der Wahrheitstheorie ab. Dem Wahrheitsbegriff, in der Begrifflichkeit einer syntaktischem Metasprache verwendet, wurde zunächst allerdings kaum Bedeutung beigelegt. Erst ein von Alfred Tarski eingeführter formal-semantischer Ansatz, bei dem faktische Wahrheit inbegriffen war, bot dem Wiener Kreis ein neues Mittel auf dem Gebiet der Wahrheitstheorie. In ihr gab es Abweichungen. Eine Kohärenztheorie der Wahrheit (Otto Neurath) war für den Empirismus nicht ausreichend, eine Korrespondenztheorie der Wahrheit (Moritz Schlick) konnte bei den methodischen Voraussetzungen des logischen Empirismus aber schlechte eine Vermittlung von Gegebenem und Aussage leisten und dies auch noch nach dem eigenen programmatischen Ansatz metaphysikfrei (tatsächlich gab es eine empiristische Hintergrund-Metaphysik).

Der logische Empirismus geriet verstärkt in Begründungsschwierigkeiten. Zwischen dem empiristischen und dem logizistischen Ansatz traten Spannungen auf. Der logische Empirismus wurde in einen Prozeß zunehmender Selbstkorrektur und Selbstauflösung getrieben. Es stellte sich immer deutlicher heraus, daß erfahrungswissenschaftliche Theorien nicht bloß formallogische rekonstruierbare Aussagensysteme über schlicht und einfach empirisch Gegebenes sind. Die Annahme war erforderlich, logische Analyse gebe reale Strukturbeziehungen wieder und das empirisch Gegebene sei durch diese Strukturbeziehungen eindeutig bestimmt (Kurt Walter Zeidler, Prolegomena zur Wissenschaftstheorie. Würzburg : Königshausen & Neumann, 2000, S. 19).

Das Induktionsproblem, auf das sich Karl Popper unter anderem bezog, war eine Schwierigkeit, die zum Abrücken von der anfänglichen Konzeption der Verifikation und schwächer werdenden Begründungsansprüchen beitrug.

Ullrich Wille, Positivismus. In: Handwörterbuch Philosophie. Herausgegeben von Wulff D. Rehfus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (UTB : Philosophie ; 8208), S. 550 – 553 gibt an:
Beim Positivismus ist das erfahrungsmäßig Gegebene, das Positive, die letzte Instanz wissenschaftlicher Erkenntnis.

Prinzipien sind:

1) Erkenntnis ist nur möglich in Anknüpfung an unmittelbar Gegebenes.

2) Eine Erkenntnis, die eine Person gewonnen hat, kann prinzipiell auch von jeder anderen Person gewonnen werden.

3) Erkenntnis ist vermittelbar: Eine Erkenntnis, die ich habe, kann ich (prinzipiell) jeder anderen Person mitteilen und ich kann sie anderen Personen gegenüber ausweisen. Es gibt keine Erkenntnis, die prinzipiell unausdrückbar wäre, keine Behauptungen, die intersubjektiv nicht überprüfbar sind.

4) Es gibt nicht mehrere, untereinander völlig unzusammenhängende Erkenntnisbereiche. Vielmehr lassen sich die in einem Erkenntnisbereich formulierten Gesetzmäßigkeiten auf eine einheitliche, übergeordnete Gesetzesstruktur.

5) Es gibt keinen Wirklichkeitsbereich, der dem Erkenntnisvermögen prinzipiell unzugänglich ist. Es gibt keine prinzipiell unlösbaren Probleme.

Der Wiener Kreis unterscheidet sich vom älteren Positivismus vor allem durch seine Auffassung logischer und mathematischer Sätze als analytische, nicht empirische Sätze.

Holm Bräuer, Neupositivismus. In: Handwörterbuch Philosophie. Herausgegeben von Wulff D. Rehfus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (UTB : Philosophie ; 8208), S.490 gibt an:
„Die Angabe der Verifizierbarkeit bedeutet die Angabe der Bedingungen, unter denen der ein Satz wahr ist. Logisch verifizierbar ist ein Satz, der mit den Regeln der Logik verträglich ist. Logisch wahre Sätze bzw. analytische Sätze sind insbesondere die Sätze der Mathematik und der Logik. Sie gelten zwar als Tautologie (d. h. als nichtssagend), sind aber dennoch von großer Wichtigkeit für die Wissenschaftssprache. Gehaltvoll sind dagegen die empirischen bzw. synthetischen Sätze, welche empirisch verifiziert werden können. Empirisch verifizierbar heißen Sätze, die mittels logischer Umformungen auf so genannte Protokollsätze, d. h. auf Aussagen, die unmittelbare Erlebnisse zum Inhalt haben, zurückgeführt werden können.“

Alle anderen Sätze, insbesondere auch die traditionelle Metaphysik, werden als „sinnlos“ bezeichnet. Die Probleme der traditionellen Metaphysik gelten deshalb als bloße Scheinprobleme, die nur entstünden, weil das Sinnkriterium verletzt wird. Sinnvolle Sätze gebe es nur in den Naturwissenschaften und in der Logik bzw. Mathematik. Philosophie ist nach dieser Auffassung aus diesem Grund keine Wissenschaft, sie beschäftigt sich ausschließlich mit der logischen Analyse der Sprache.

Verifizierbarkeit wird durch die Bedingungen der Prüfbarkeit und der Bestätigungsfähigkeit erreicht.

Die Grundlage der subjektivistischen Sinnesdatenbasis (etwa in frühen Schriften von Rudolf Carnap) wurde durch eine Kohärenzvorstellung ersetzt (z. b. von Otto Neurath vertreten).

Thomas Zwenger, Wiener Kreis. In: Handwörterbuch Philosophie. Herausgegeben von Wulff D. Rehfus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (UTB : Philosophie ; 8208), S.682 gibt an:
Nach dem Verifikationsprinzip erhalten Tatsachenaussagen (Protokollsätze, Beobachtungssprache) ihre Bedeutung allein durch die Erfahrung bzw. die Möglichkeit empirischer Prüfung.

Carsten Köllmann, kritischer Rationalismus. In: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 1: A – N. Hamburg : Meiner, 1990, S. 746 – 750 enthält:
Insbesondere Rudolf Carnap bemühte sich um eine Reduktion wissenschaftlicher Theorien auf Beobachtungssätze mit den Mitteln symbolischer Logik sowie um den Aufbau einer induktiven Logik zur Lösung des Begründungsproblems.

Thomas Blume, Verifikation. I. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 11: U – V. Basel : Schwabe, 2001,Spalte 696 – 702 enthält:
Ludwig Wittgenstein (von dessen Werk „Tractatus logico-philosophicus“ starke Einflüsse ausgingen), Friedrich Waismann und Moritz Schlick gehen zunächst davon aus, daß ein Satz dann und nur dann sinnvoll ist, wenn er vollständig bzw. endgültig verifizierbar ist. Die allgemeine Entwicklung in der Philosophie brachte dann ein immer stärkeres Abrücken von der ursprünglichen Fassung des Prinzips der Verifikation bis hin zu einer völligen Preisgabe und zur Auflösung der Verifikation von Sätzen als Methode der Verifikation.

Hans Hahn (Logik, Mathematik und Naturerkennen, 1933) stellte fest, der Einsatz einer solchen Verifikation würde alle universellen Sätze und damit alle naturgesetzlichen Aussagen für sinnlos erklären.

Moritz Schlick (Über das Fundament der Erkenntnis, 1934) erklärte Konstatierungen für verifizierbar, also Sätze wie „Jetzt ist hier rot“. Sie ließen sich auf direkte Weise mit einer gegebene Erfahrung vergleichen, so daß wenigstens in ihrem Fall kein Zweifel an ihrer Richtigkeit bestehe. In der Debatte um die Protokollsätze ist freilich auch diese Auffassung bestritten worden.

Rudolf Carnap (Testability and Meaning, 1937) hat die These, die Bedeutung eines Satzes sei die Methode seiner Verifikation fallengelassen und durch die These ersetzt, naturwissenschaftliche Gesetze müßten sich durch den Test einzelner, daraus abgeleiteter Sätze testen lassen, um empirisch gehaltvoll zu sein.

Erhard Oeser, Popper, der Wiener Kreis und die Folgen : die Grundlagendebatte der Wissenschaftstheorie. Wien : WUV, 2003, S. 104:
„Die Einsicht in die Unmöglichkeit der Verifikation hypothetischer All-Sätze führte bei Schlick dazu, dass er unter dem Einfluss Wittgensteins physikalische Gesetze nicht mehr als All-Sätze, sondern nur als Ableitungsregeln für singuläre Sätze ansehen wollte. Während Carnap unter dem Einfluss von Neurath, der von vornherein jede feste Letztbegründung und damit auch die Sicherheit des unmittelbar in der Wahrnehmung Gegebenen, ausgedrückt in Elementar- oder Protokollsätzen, stets bestritten hatte und durch die Diskussion mit Popper dazu gebracht wurde, statt von „Verifizierbarkeit“ von „Bestätigungsfähigkeit“ zu sprechen. Eine allgemeine Aussage gilt dann als bestätigt, wenn Beobachtungssätze entweder mehr oder weniger zu ihrer Bestätigung beitragen können.“

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Der kritische Rationalismus Karl Poppers hat zunächst metaphysische Spekulationen zumindest als etwas verstanden, das zur Bildung von Hypothesen führen kann, die dann einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Er hat dann Metaphysik nicht einfach für sinnlos gehalten (vgl. Karl Popper, Vermutungen und Widerlegungen, Kapitel 11:Die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Metaphysik). Nach anfänglichem Fernhalten hat er sich später der Metaphysik angenähert und sich mit Themen wie der Willensfreiheit und dem Leib-Seele-Problem (bzw. Körper-Geist-Problem) beschäftigt. Karl Popper hat eine Drei-Welten-Theorie (Welt der physischen Objekte und Prozesse; Welt der subjektiven Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle; Welt der objektiven Produkte des menschlichen Geistes) aufgestellt, die metaphysisch ist.

Beim kritischen Rationalismus ist eine rationale Auseinandersetzung über metaphysische Probleme möglich. Theorien können aufgestellt und erörtert werden. Sie sollen der Kritik, zugänglich sein. Eine Diskussion mit Argumenten ist zu leisten. Nicht zum kritischen Rationalismus passend ist eine streng apriorisch verfahrene Metaphysik.

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War leider etwas kurz gefasst, aber hat sein Ziel der Informationsübermittlung dennoch erreicht ;) Danke

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Bei Wikipedia ist zu lesen: "Der Positivismus ist eine Richtung in der Philosophie, die fordert, Erkenntnis auf die Interpretation „positiver Befunde“ zu beschränken. Das Wort „positiv“ wird dabei nicht wertend, sondern wie in den Naturwissenschaften gebraucht, in denen man von einem „positiven Befund“ spricht, wenn eine Untersuchung unter vorab definierten Bedingungen einen erwarteten Nachweis erbrachte." D.h. dass die "Possitivisten" erst mal Empiristen sind, und Theorien, die nicht beleg- und testbar sind, als nicht beurteilbar abweisen.

Hierin ist der kritische Rationalismus sogar offener, denn er fordert nur, dass Theorien "kritisierbar" sein müssen, sich also nicht selbst immunisieren sollen (Offenbarungsreligionen - Offenbarung ist Immunisierung, weil nicht kritisierbar). Metaphysik, die der Diskussion mit Argumenten gegenüber offen ist, wird vom kritischen Rationalismus akzeptiert. Die 3-Welten-Theorie Poppers ist Metaphysik. Aber sie ist kritisierbar, weil sie mit dieser Theorie eine Fülle von Argumenten vorlegt.

Der kritische Rationalismus bevorzugt die Falsifikation, weil "Verifizierung" durch Menschen nie frei von Perspektivität ist. Auch Versuchsanordnungen sind Ausschnitte aus einer größeren Welt und je nachdem, wie man Ausschnitte wählt, wie Versuchsmethoden und Messtechniken sich entwickeln können in zwei drei weiteren Versuchen die Ergebnisse schon wieder anders aussehen. Die Falsifikation ist ein "Vorläufigkeitsvorbehalt". Eine Theorie wird als "vorläufig" beste anerkannt, solange nicht eine andere sie verdrängt.

Zum Abschluss Wikipedia: "Popper zitiert John Passmore: „Der Positivismus ist so tot, wie eine philosophische Bewegung es überhaupt nur sein kann.“

Danke für diese verständlichen Ausführungen. Doch verstehe ich immer noch nicht ganz das positivistische Prinzip der Verifikation.

Denn schließlich sagen sie selbst, dass der Positivist die positiven Befunde nur interpretiert, was ja schließlich nicht mit verifizieren gleichzusetzen ist. Also wann kann ein Positivist von einem Beweis sprechen bzw. behaupten Positivisten überhaupt beweisen zu können?

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@MaNic22

Ich habe als "ich" gesagt, dass der Positivist die positiven Befunde nur "interpretiert", besser sogar, konstruiert. Die Positivisten waren da schon in einer naiven wissenschaftlichen "Gutgläubigkeit" gefangen. Eigentlich hätten ihnen die Ausführungen Kants, dass wir die erkennbare Welt in gewisser Weise "konstruieren" eine Warnung sein müssen.

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Ich möchte mich hier auf den sog. 'Positivismus' bzw. das, was immer noch teilweise als Grundforderung der Naturwissenschaft verstanden wird, beziehen - nämlich die Forderung, daß eine Aussage "verifizierbar" sein müsse, also von jedem jederzeit nachgeprüft werden kann. Wie fragwürdig diese Forderung und damit der ganze inzwischen auch völlig überholte Positivismus ist, zeigt folgene Aussage, die der genannten Grundforderung absolut genügt: "In jedem Spiegel ist stets ein Mensch zu sehen". Jeder kann das nachprüfen und wird es stets bestätigt finden, es besagt aber weder, daß das Bild auch dann existiert, wenn man nicht hineinsieht, noch, daß jeder den selben Menschen darin sieht. Den 'kritischen Rationalismus' verstehe ich dagegen so, wie es der Name bereits sagt, nämlich als vernünftige Grundeinstellung und Forderung, unvoreingenommen an eine Sache heranzugehen. Es ist indessen keine Frage, daß gerade die heutige naturwissenschaftliche Praxis weit davon entfernt ist, weil sie immer schon - wenn auch uneingestandenermaßen - von einer prinzipiell positivistischen Grundauffassung ausgeht, da alles andere in ihrem Bereich karrierehinderlich wäre.

M.E. ging der Positivismus davon aus, mit dem positiv Gegebenen (also ohne metaphysische Voraussetzungen, das heißt ohne Letzbegründung) verifizieren zu können.

M.E. kommt man um metaphysische Voraussetzungen jedoch nicht herum, aber man kann nur für oder gegen sie argumentieren , was wiederum auf Voraussetzungen basiert, man kann sie aber nicht verifizieren.

Welche Rezension war denn das, aus der Du zitierst?

Das war aus einem Kommentar zu einer Rezension zu "Dialektik der Aufklärung" auf amazon.

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