Platons Seelenlehre - Beispiel erläutern

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2 Antworten

Die Stelle ist Platon, Politeia 439 e – 440 a. Bei Leontinos tritt ein innerer Konflikt in der Seele auf. Dies wird auch ausdrücklich als Kampf bezeichnet und er wird dabei von etwas überwältigt/bezwungen/besiegt.

Einerseits gibt es die Begierde, die Leichen zu sehen. Vom Bemerken ihres Daliegens geht ein Reiz aus, sie näher anzusehen, ihn lockt das Verlangen nach einem Sinnenkitzel.

Anderseits empfindet er Abscheu/Ekel, wendet sich ab und verhüllt sich sogar. Anscheinend möchte Leontinos die Versuchung unsichtbar machen. Am Ende siegt aber die Begierde.

Die Unholde (κακοδαίμονες; kann z. B. auch mit „Unselige“ oder „Elende“ übersetzt werden) sind seine eigenen Augen. Er ruft sie auf, sich an dem „schönen Anblick“ zu sättigen, aber die Anrede als Unholde zeigt eine Ablehnung und eine Beurteilung als schlecht. Leontinos ist von einem Zwiespalt erfüllt und verhält sich seltsam und widersprüchlich. Er schilt seine eigenen Augen aus, als wenn es fremde Personen wären und nicht er selbst die Handlung des Hinlaufens und Ansehens ausführt. Er schimpft seine Augen aus, weil die Sensationsgier ihn zum Hinlaufen und Ansehen zieht, aber ihm gelingt nicht, diese Handlung folgerichtig zu unterlassen.

Die Geschichte bedeutet (440 a), daß der Eifer/derZorn/die Wut (ἡ ὀργή) manchmal mit den Begierden im Kampf liegt, wie etwas anders (Fremdes) in einem anderen (Fremden).

Die folgende Erläuterung 440 b geht darauf ein, wenn dargelegt wird, jemand schelte/beschimpfe sich selbst und sei zornig auf das, was ihn in sich selbst überwältigt/bezwingt. Bei einem Streit zwischen zwei seelischen Regungen kann z. B. die sich ereifernde Regung (ὁ θυμός) Bundesgenosse der Vernunft (ὁ λόγος) werden.

Im größeren Zusammenhang versucht Platon eine Unterscheidung von drei Strebeformen der Seele zu begründen. Dazu weist er auf Konflikte in der Seele hin.

Zuerst werden Widersprüche und Kämpfe zwischen Begierde und Vernunft angesprochen. Das Beispiel mit Leontinos fügt noch eine weitere Strebeform als Drittes hinzu, die weder auf sinnlicher Begierde noch auf Vernunft beruht. Damit ergibt sich eine Dreiteilung.

Die Instanz, die im Beispiel Leontinos zuerst dazu bringt, sich abzuwenden, aber schließlich nicht stark genug ist, ist das sich ereifernde Gemüt (θυμός; zu dem griechischen Wort gibt es in der deutschen Sprache keinen einfachen gängigen Ausdruck, der ihm voll entspricht). Den θυμός versteht Platons Seelenlehre als in enger Verbindungen mit Meinungen stehend (wie die Begierde mit den Sinneswahrnehmungen). Leontinos hat zu einem sensationsgierigen Gaffen eine schlechte Meinung, vermutlich empfindet er so etwas als würdelos, wenig ehrenvoll, ungehörig, das Ansehen mindernd. Die bloße Meinung ist in der Situation nicht stark genug, sich durchzusetzen. Vernunft scheint nicht beteiligt, ihr Fehlen als Bundesgenossin des θυμός könnte zur Erklärung des Ausgangs beitragen.

Platon unterscheidet drei Teile in der Seele als Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen (die Teile/Arten/Formen werden εἴδη, γένη oder μέρη genannt) :

1) das Vernünftige (τὸ λογιστικόν)

2) das sich Ereifernde (τὸ θυμοειδές)

3) das Begehrende (τὸ ἐπιθυμητικόν)

Alle Seelenteile/Strebeformen umfassen Denken, Fühlen und Wollen, nur in unterschiedlicher Art. Das Vernünftige ist mit Erkenntnis verbunden, das sich Ereifernde (gemeint ist nicht wütend sein, sondern eher etwas wie engagiert sein) mit Meinung und das Begehrliche mit Sinneswahrnehmung. Die Vernunft soll die Leitung übernehmen, eine kluge Fürsorge/Voraussicht (προμήθεια). Platon beschreibt das Verhältnis bei gutem Zusammenspiel (dem gerechten Zustand) als Freundschaft (φιλία), Übereinstimmung/Einklang (συμφωνία) und Harmonie (ἁρμονία).

Alle Seelenteile haben ein Eigenrecht. Begierden sollen nicht die Leitung übernehmen und nicht die Vernunft bloß als dienendes Hilfsmittel ohne Kontrollfunktion benutzen. Sie sind dafür anfällig, sich von einem Anschein täuschen zulassen („blind“ vor Begierde) und das angezielte Gute nicht zu erreichen. Das Begehrliche hat aber eine Zuständigkeit und das Vernünftige ist nicht dafür da, ein Lustgefühl wahrzunehmen, festzustellen (etwas fühlt sich angenehm an) und zu melden.

Bücher enthalten Darstellungen, z. B.:

Michael Erler, Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 2/2). Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2006, S. 375 – 389

Michael Erler, Platon. Beck : München, 2006 (Beck`sche Reihe: bsr - Denker; 573), S. 133 - 142

Er führte einen Kampf mit sich selbst, mit den scheinbar gegensätzlichen Kräften seines Verstandes und seiner Seele.

Der Ausruf macht deutlich, dass er sich den Kräften, die die Leichen sehen wollten ergab, sich erlaubte, dieser „Versuchung“ nachzugeben, aber nicht ohne gleichzeitig Schuldgefühle zu empfinden, die Abscheu, die er schon vorher empfand, gegen sich zu richten.

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