Physikalischer Fortschritt durch das Manhattan Projekt?

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1 Antwort

Hallo, das ist eine interessante Frage und eine Puzzle-Aufgabe. Ich denke, man muß versuchen, aus den Aktivitäten Schlüsse zu ziehen, mit denen im Anschluß an das Manhattan-Projekt darangegangen wurde, eine zivile Nuklearindustrie aufzubauen.

Der Abschnitt "Legacy" im englischen Wikipedia-Artikel "Manhattan Project" gibt ein paar Anhaltspunkte, auch das Buch "Atom" von Stephanie Cooke, und die Biographien der Wissenschaftler, die dabei waren.

Meine provisorische Einschätzung:

Im Rahmen des Projekts war eine umfangreiche Infrastruktur von Großlaboratorien und Nuklearindustriebetrieben entstanden, deren Teams Erfahrung hatten in der Urananreicherung und Plutoniumherstellung und allgemein in der Herstellung, Reinigung und Handhabung von radioktiven Nukliden.

Ein Beispiel dafür ist, was man über Glenn Seaborgs Zeit im Manhattan-Projekt lesen kann. Er trug maßgeblich zur Gewinnung des Plutoniums aus den Brennelementen der Brutrektoren bei und verdiente später Geld mit Patenten zur Herstellung von Americium und Curium, für die sich zivile Anwendungen fanden. Als Chemiker entwickelte er in dieser Zeit die Einordnung der neu gefundenen Transurane in das Periodensystem.

https://en.wikipedia.org/wiki/Glenn_T._Seaborg#Scientific_contributions_during_the_Manhattan_Project

Zu dem entwickelten Know-how gehörten wohl auch die Meßverfahren für verschiedene Strahlungsarten, Nachweismethoden für Nuklide, Methoden des Strahlenschutzes, incl. der dazu notwendigen Elektronik.

Weiter hatten die Bombenentwickler mathematisches Know-How entwickelt, das nach Kriegsende sofort in die Entwicklung computergestützter Rechenmethoden, und das heißt: in die Entstehung der Informatik mündete. Sobald der Elektronenrechner ENIAC betriebsbereit war, waren Berechnungen für die Wasserstoffbombe seine erste Aufgabe. In den Nachrichten, wo die jeweils neuesten und rechenstärkststen Supercomputer der Welt in Betrieb genommen wurden, erfährt man als Standort bis heute immer wieder die aus dem Manhattan-Projekt hervorgegangenen Großforschungseinrichtungen: Los Alamos, Argonne, Sandia, Oakridge, Lawrence Livermore -- oder die entsprechenden Einrichtungen in der Volksrepublik China.

Diese Leute dürften mit ihrem know-how daran interesssiert gewesen sein, weiter im nuklearindustriellen Sektor tätig zu sein und damit Geld zu verdienen. Nicht alle werden gewillt gewesen sein, ihr Leben weiterhin in geheimen Projekten oder überhaupt im Rüstungssektor zuzubringen. Nach dem Abwurf der Bomben wurden nach und nach einige aus dem Kreis der Spezialisten sogar zu weltweit aktiven Atomkriegsgegnern. Psychologisch mag der in den 50er Jahren losgetretene Atom-Hype vielleicht von Gewissensqual und dem Wunsch mit angetrieben worden sein, eine monströse Untat durch eine ebenso monströse Wohltat wieder auszugleichen. (Siehe Walt Disneys Film "Our Friend the Atom", auf youtube zu sehen.)

Stephanie Cooke stellt heraus, daß die sog. friedliche Nutzung der Kernenergie allerdings von Anfang an auch dazu diente, kostspielige militärische Produktionsprozesse in zivile Vorhaben einzubetten und so die hierfür fließenden Finanzströme gegenüber Parlament und Öffentlichkeit zu verschleiern. An den graphitmoderierten Reaktoren in Ost und West (z.B. Magnox), hochgefährlich und nicht besonders wirtschaftlich, aber zum Brüten von Plutonium gut geeignet, wird das, glaube ich, auch deutlich.

https://en.wikipedia.org/wiki/Manhattan_Project#Legacy

http://www.kiwi-verlag.de/buch/atom/978-3-462-30175-5/

https://en.wikipedia.org/wiki/ENIAC#Role_in_the_hydrogen_bomb

http://www.atomicheritage.org/history/computing-and-manhattan-project

So viel mal für jetzt, Zeit zum Schlafen. Grüße

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