Philosophisches Zitat deuten | Heraklit

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6 Antworten

Das Heraklit-Fragment erscheint vielleicht etwas logischer, wenn man es wie folgt versteht: Nur Warmes kann kalt, nur Kaltes warm werden. Nur Nasses kann trocken, Dürres feucht werden. Denn Wärme und Kälte gehören in den selben Zusammenhang, den der Temperatur. Ebenso gehören Nasses und Trockenes in den selben Zusammenhang, den der Feuchtigkeitsgrade.

Im übertragenen Sinn kann nur der Furchtlose ängstlich, nur der Feige mutig sein; denn beides gehört in den Zusammenhang des Herzens und seiner Gemütszustände.

Ebenso – nämlich dialektisch – gehören Gutes und Böses zusammen, Kleines und Großes und überhaupt alle Gegensätze (die konträren wie die kontradiktorischen), letztlich sogar Sein und Nichtsein. Sie gehen auseinander hervor, schlagen ineinander um, ziehen einander an, berühren sich, durchdringen einander. Hier kann man an Liebe denken, aber auch an Krieg.

So lässt sich dieses Heraklit-Zitat auf das bekanntere "Panta rhei – Alles fließt" beziehen. Nichts steht fest, sondern befindet sich in fortwährendem Wandel. Jeder scheinbare Dauerzustand – das Leben etwa wie der Tod – ist nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein Moment in einem undefinierbaren, alles Widersprüchliche vereinenden Ganzen.

Dieses Ganze kann man wiederum gut finden (wie ein halb volles Glas) oder schlecht (wie ein halb leeres). Oder man befindet schlicht und ergreifend: Es ist beides zugleich.

XbluesheepX 26.09.2012, 16:12

Wow. So hab ich das nun noch nicht betrachtet. Das bringt mich wirklich stark zum nachdenken! (: Besonders das mit dem feige und mutig sein.. kann man das eventuell noch mehr auf den Menschen beziehen?

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XbluesheepX 26.09.2012, 16:22
@XbluesheepX

Ich möchte etwas üben und versuche das ganze in Textform zu verpacken als Deutung des ganzen Zitats. Deine Tipps sind ja schon mal klasse, jedoch weiß ich nicht wie ich das ganze beginnen kann.. Kannst du mir etwas helfen? Eventuell sogar privater. (Mail etc..)

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LeoJA 26.09.2012, 19:39
@XbluesheepX

Wie Du "das Ganze beginnen" kannst, weißt nur Du. Wie ich das Ganze beginnen kann, habe ich Dir als Beispiel gegeben. Nur Mut zum eigenen Anfang, feige bist Du ja schon. Und stark nachdenklich auch, wie Du sagst. Alles beste Voraussetzungen, um selber loszulegen.

Was meinst Du mit Textform? In Textform ist doch hier alles.

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XbluesheepX 26.09.2012, 19:45
@LeoJA

Klar (: Nur im Unterricht haben wir nicht expliziet besprochen, wie man eine Deutung anfängt o.ä. Mir fehlt schlicht der erste oder zweite Satz, wie ich den Text beginnen könnte. Schließlich sollen wir 2 Seiten darüber schreiben. Vielleicht kennst du das wenn man vor seinem Text sitzt und nicht weiß wie man beginnen soll ;)

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LeoJA 26.09.2012, 20:15
@XbluesheepX

Die Antworten, die Du hier auf Deine Frage bekommen hast, sind doch Beispiele dafür, wie man eine Deutung beginnt. Möchtest Du denn, dass Dir ein anderer Deine ersten Sätze vorsagt?

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LeoJA 26.09.2012, 21:14
@LeoJA

Aber ich kenne das auch. In Aufsatz-Klausuren hat es oft lange gedauert, bis ich den Anfang hatte. Dann war die halbe Zeit schon um, aber wenigstens nicht die ganze, so dass es noch für eine kurz&gute Arbeit reichte.

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XbluesheepX 26.09.2012, 21:52
@LeoJA

Okey. Hat sich mittlerweile auch erledigt. Hab mich etwas länger dran gesetzt und mal einen kleinen Probetext geschrieben mit euren und meinen Ideen. Dankeschöön ;D

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LeoJA 26.09.2012, 23:36
@XbluesheepX

Danke und noch viel Spaß am philosophischen Denken :)

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Servus, die folgenden griechischen Philosophen aus dem 7. bis 5. Jh. vor Christus heißen fachlich bitte "VORSOKRATIKER"; sie philosophierten alle anders, jedoch waren sich ihr Denkweisen nahe: Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Xenophanes, Heraklit, Parmenides, Zenon, Empedokles, Anaxagoras, Leukipp, Demokrit. - Heraklits Kosmogenie basiert auf dem Prinzip des austauschbaren Wandels, wie du ja selbst erkannt hast. So ist auch ein weiterer stets zitierter Spruch von ihm: "panta rhei - alles fließt". Da aber auch sein Wissen noch sehr gering war, suchte er alles nur auf Dualitäten zu reduzieren - wie in vielen uralten Philosophien, z. B. Yin und Yang, Himmel und Hölle. So etwas überzeugt heute noch "einfache Gemüter" der ganzen Welt, die Welt jedoch ist sehr, sehr, sehr komplexer und deshalb unsäglich komplizierter... Viel Erfolg.

Der bekannteste Spruch von Heraklit lautet: Alles fließt - oder Alles ist in beständigem Wandel.

Heraklit hat im Wesentlichen die Prozesshaftigkeit unserer Welt erkannt.

ergänzend dazu wäre für Dich sicherlich die Philosophie des I Ging - Das Buch der Wandlungen interessant. Noch besser passend als der Ausspruch "Alles ließt." Sind die ewigen Wandlungen des Yin und des Yang beschrieben. Nichts ist beständig. Alles verändert sich. Auf Glück folgt Unglück und umgekehrt. Wenn sich nichts mehr verändert, bist Du tot. Würde sich das Universum nicht im ständigen Wandel bewegen, würde es zusammenbrechen. Und Goethe bezeichnet es sehr treffend in seinem Faust, dass des Faustes Seele dem Mephisto anheim fällt, wenn er die Worte zu einer Begebenheit spricht: "Verweile Augenblick, denn Du bist so schön."

Das merkst Du auch im Leben. Du kannst nur leben, wenn Du stirbst. Während Du meine Zeilen liest, sterben etwa 100.000 Zellen in Dir ab (nicht, weil der Text so schlecht ist) und gleichzeitig werden rund 100.000 neue Zellen geboren.

Alles verändert sich. Nur die Veränderung hat auf Ewigkeiten Bestand.

XbluesheepX 26.09.2012, 16:14

Auch so hab ich das ganze nicht betrachtet. Klasse Antwort. Hilft mir definitiv weiter.

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Hinweis: in den besagten Begriffen ist das Gegenteil bereits inbegriffen - kein Warmes ohne Kaltes usw. Mit dem Setzen des Begriffes setzt du gleichzeitig das Gegenteil davon. Du könntest es auch Potentialität nennen. Alles Warme ist potentiell kalt usw. Oder Relational: im Vergleich zu X ist Y kalt, aber zu Z warm. Oder Subjektiv: es ist mir kalt (A) vs. es ist doch warm (b). Als Begriff kann aber jeder was mit warm/kalt anfangen...

Deine Ansätze sind doch schon ganz gut. Denke auch an das bekannteste Zitat von Heraklit: "Man kann niemals 2x in denselben Fluss steigen". Also Heraklit geht es um Veränderung und da passt das, was Du Dir gedacht hast, doch ganz gut rein.

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