Philosophischer Spruch des Epikur! Kann ihn mir einer erläutern?

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4 Antworten

Den Spruch Epikur zuzuschreiben, leuchtet mir nicht ein. Wo und in welchem Zusammenhang ist soll denn Epikur dies (angeblich) geäu0ert haben?

Epikur nimmt zwar die Existenz von Göttern an, aber nach seiner Auffassung greifen diese nicht in die Welt ein und beeinflussen daher nicht das Leben der Menschen. Epikur lehnt einen radikalen universalen Determinismus ab, er vertritt die Existenz von Willensfreiheit und bestreitet eine allgemeine Schicksalsnotwendigkeit (vgl. Brief an Menoikeus 134).

Der Ausspruch kommt bei dem stoischen Philosophen (1./2. Jahrhundert n. Chr.) Epiktet (griechisch Ἐπίκτητος [Epíktetos], lateinisch Epictetus) vor. Dessen Schüler Arrian (Arrianus) hat von ihm Lehrgespräche /Diatriben (griechisch διατριβαί [diatribai], lateinisch Dissertationes) und ein Handbüchlein (ἐγχειρίδιον [encheiridion]) zusammengestellt.

Eincheiridion 53 enthält in der Wiedergabe von Versen, die offensichtlich von dem Dichter Euripides stammen, den Ausspruch:

ὅστις δ᾽ ἀνάγκῃ συγκεχώρηκεν καλῶς,
σοφὸς παρ᾽ ἡμῖν, καὶ τὰ θεῖ᾽ ἐπίσταται.

„Wer aber sich der Notwendigkeit/dem Schicksal auf schöne Weise fügt/mit der Notwendigkeit(dem Schicksal auf schöne Weise zusammengeht/mit der Notwendigkeit/dem Schicksal auf schöne Weise übereinkommt/der Notwendigkeit/dem Schicksal auf schöne Weise nachgibt,
der ist bei uns/nach unserem Urteil/nach unserer Ansicht ein Weiser und versteht/kennt das Göttliche.“

Vorher werden Verse aus dem Zeus-Hymnus des Stoikers Kleanthes zitiert, nachher Stellen aus Platon, Kriton 43 d und Platon, Apologie 30 c – d (Sokrates unabhängig und autonom gegenüber äußerlichen Einflüssen, die Ankläger Anytos und Meletos mit ihren Drohungen können ihm nicht wirklich schaden), in denen es um Einverständnis mit göttlicher Lenkung geht.

Die stoische Ethik richtet sich darauf, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben. Eine Grundbestrebung in der Welt ist die Oikeiosis (οἰκείωσις; „Einhausung“; „Aneignung“; „Zueignung“). Menschen sind mit Vernunft ausgestattete Lebewesen. Ziel der Stoiker ist Apatheia (ἀπάθεια). Dies bedeutet wörtlich einen Zustand der Erleidenslosigkeit (und ist nicht einfach mit „Apathie" als Mattheit, Stumpfsinn und Gleichgültigkeit gleichzusetzen). Dieser wird durch Leidenschaftslosigkeit erreicht, einer Befreiung von Verirrungen aufgrund von Affekten. Diese Gleichgültigkeit bezieht sich auf nicht Verfügbares. Der ideale Mensch, der stoische Weise (sapiens), ist frei von den Leidenschaften (Affekten) Lust und Schmerz. Diese beruhen auf irrigen Meinungen und er verweigert solchen von außen an ihn herantretenden Vorstellungen seine bewußte Zustimmung.

In der stoischen Ethik ist das einzige Gute die Tugend. Allein die innere Einstellung ist zu beeinflussen, bei der die Vernunft von außen an sie herantretenden Vorstellungen, die ein Streben in Bezug auf eine Verwirklichung auslösen können, ihre bewußte Zustimmung erteilt oder nicht. Tugend besteht dabei darin, nicht irrigen Meinungen zu verfallen, und so den richtigen Weg zum Glück zu beschreiten.

Epiktet gibt ein Vorziehen (προαίρεσις) als die Instanz der Person an, die den Umgang mit Eindrücken regelt und Zustimmung erteilt oder nicht erteilt.

In der Welt vollzieht sich das Geschehen nach stoischer Auffassung mit Notwendigkeit. Freiheit hat eine Person in der Innerlichkeit, in der Einstellung dazu (dies steht in Spannung zur Annahme der Schickalsnotwendigkeit und schafft ein Vereinbarungsproblem, weil eigentlich zu denken wäre, die Notwendigkeit erstrecke sich auch auf die innerlich Zustimmung/Nicht-Zustimmung).

Epiktet setzt das Schicksal (das er manchmal auch mit dem von Kleanthes verwendeten Begriff πρεπομένη [prepomene] ausdrückt) mit Gott/Gottheit(en)/dem Göttlichen gleich.

Der Gang des Schicksals des Menschen wird nach stoischer Auffassung als feststehend angenommen. Wer sich nicht fügen will, wird nach Epiktet gezwungen und erleidet es also dennoch. Der Weise hat Einsicht darin, daß eine göttliche Vernunft (der Logos) die Welt durchwaltet und ist bereit, ihre Sinnhaftigkeit anzuerkennen, auch wenn das begrenzte menschliche Wissen nicht immer dazu ausreicht, dies voll zu durchschauen. Daher fügt er sich in das Schicksal/das Göttliche.

Albrecht 02.04.2012, 08:14

Das Euripides-Zitat ist durch Plutarch, Παραμυθητικὸς πρὸς Ἀπολλώνιον (Trostbrief an Appolonios/lateinisch: Consolatio ad Apollonium) bekannt (Fragment 965 in einer Zählung von August Nauck, 1328 in einer Zählung von Hans Joachim Mette).

Euripides, Sämtliche Tragödien und Fragmente : griechisch-deutsch. Band 6: „Fragmente. Der Kyklop. Rhesos. Fragmente übersetzt von Gustav Adol**f Seeck. Der Kylop überstezt von J. J. C. Donner. Rhesos übersetzt von W. Binder. Herausgegeben von Gustav Adolf Seeck. Müchen : Artemis-Verlag (Sammlung Tusculum), S. 410 und 411

ὅστις δ᾽ ἀνάγκῃ συγκεχώρηκεν βροτῶν
σοφὸς παρ᾽ ἡμῖν καὶ τὰ θεῖ᾽ ἐπίσταται

„Wer sich aber dem Zwang der Notwendigkeit fügt, der ist klug
in menschlichen Wegen und versteht sich auf das Göttliche.“

Ähnlich hat sich vorher beispielsweise auch Lucius Annaeus Seneca auf den Zeus-Hymnus des Kleanthes bezogen.

Seneca, Epistulae morales ad Lucilium („Moralische Briefe an Lucilius" bzw. mit besserer Wiedergabe des Sinns „Briefe über Ethik an Lucilius") 107, 11

Duc, o parens celsique dominator poli,
quocumque placuit: nulla parendi mora est;
adsum inpiger. Fac nolle, comitabor gemens malusque patiar facere quod licuit bono.
Ducunt volentem fata, nolentem trahunt.

„Führe, oh Vater und Herrscher des hohen/erhabenen Himmels,
wohin auch immer es dir gefallen hat/du beschlossen hast: es gibt kein Zögern/Zaudern des Gehorchens/Folgens.
Ich bin unverdrossen da. Wenn ich nicht will/gesetzt den Fall/angenommen, ich will nicht, werde ich seufzend/stöhnend/ächzend begleiten/geleiten/folgen
und als schlechter Mensch erleiden, was mir als gutem Menschen zu tun freigestanden hat.
Den Willigen/Wollenden führt das Schicksal/Geschick, den Nichtwilligen/Nichtwollenden schleppt es fort."

Jula Wildberger, Seneca und die Stoa : der Platz des Menschen in der Welt. Berlin ; de Gruyter : de Gruyter, 2006 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte ; Band 84), S. 299:
„Eine solche Zustimmung zum Schicksal, ein Übereinstimmen mit dem Leben von allem und dem, was Gott, das gemeinsame Gesetz, befiehlt und will, ist etwas, das auch die frühen Stoiker verlangen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß schon Kleanthes durch den Aufforderungssatz primär das Einverständnis des Betenden signalisieren wollte. Und auch wenn ‘Epiktet’ bei seiner Diskussion des Gebets herausstellt, daß das Sprechen des Gebets es einfacher macht, sein Los zu ertragen, so dürfte auch er es primär als eben die Zustimmungs-Erklärung aufgefaßt haben, die Voraussetzung dafür ist, daß man sein Los leicht ertragen.“

Barbara Wehner, Die Funktion der Dialogstruktur in Epiktets Diatriben. Stuttgart : Steiner, 2000 (Philosophie der Antike ; Band 13), S. 106 – 107:
„Die Gottesvorstellung der Stoa ist pantheistisch. Die Stoiker glauben, daß „alles Geschehen im Kosmos und im Menschenleben nach immanenter, und zwar vernunftgemäßer Zweckmäßigkeit verlaufe.“ Denn nach stoischer Vorstellung durchwaltete der Logos, der funktionell auch als Vorsehung und immanente Gottheit verstanden wird, den Kosmos. Auf dieser kosmologischen Vorstellung beruht die stoische Ethik, die dem Menschen nahelegt, sich nicht dem Logos zu widersetzen, sondern sich widerstandslos und aktiv in diese vernünftige Gesetzmäßigkeit zu fügen, folglich auch dem eigenen Logos, dem göttlichen Teil des Menschen, Folge zu leisten. Der Mensch wird dadurch zum Mikrokosmos, der den Makrokosmos abbildet. Im willigen Einverständnis mit dem Logos besteht die menschliche Freiheit.“

S. 107- 108: „Die den Kosmos durchdringende Kraft wurde von Anfang an in der Stoa auch mit den Zügen eines persönlichen Gottes versehen; die theistische Ausdrucksweise existiert neben der pantheistischen Ausdrucksweise. So spricht Kleanthes beispielsweise in seinem berühmten Zeushymnus den alles durchwaltenden Logos als Zeus an und legt somit das Fundament für die personal gefärbte Gottesvorstellung, wie sie sich bei Epiktet beobachten läßt. Bei Epiktet wird der pantheistische Aspekt der Gottesvorstellungen von monotheistischen Anschauungen überdeckt, wenn er z. B. Gott als Schöpfer der Welt (III,24,3) und fürsorgenden Vater der Menschen (I,3,1) bezeichnet. Epiktet meint jedoch immer den nach stoischer Auffassung die Welt durchwaltenden Logos, wenn er von Gott, Zeus oder bisweilen auch von Göttern spricht: […].“

S. 108: „Die Betonung der personalen Komponente der Gottesbeziehung äußert sich u. a. darin, daß Epiktte die beiden Begriffe für „Schicksal“, Heimarmene und Prepomene, weitgehend meidet und nur von Kleanthes in den Zitaten den Begriff Prepomene übernimmt.“

S. 115 (zu Epiktet III, 5, 7 ff.): „Die einzig richtige Haltung des Menschen besteht darin, sich völlig in den Willen Gottes zu fügen.“

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Albrecht 02.04.2012, 08:16

Therese Fuhrer, Wollen oder Nicht(-)Wollen) : zum Willenskonzept bei Seneca. In: Wille und Handlung in der Philosophie der Kaiserzeit und Spätantike. Herausgegeben von Jörn Müller und Roberto Hofmeister Pich. Berlin ; New York : de Gruyter, 2010 (Beiträge zur Altertumskunde ; Band 287), S. 86 – 9

Roberto Hofmeister Pich, Προαίρεσις und Freiheit bei Epiktet: Ein Beitrag zur philosophischen Geschichte des Willensbegriffes, In: Wille und Handlung in der Philosophie der Kaiserzeit und Spätantike. Herausgegeben von Jörn Müller und Roberto Hofmeister Pich. Berlin ; New York : de Gruyter, 2010 (Beiträge zur Altertumskunde ; Band 287), S. 110 (zum von Epiktet selbst nicht problematisierten Verhältnis zwischen Freiheit [ἐλευθερία] in der Innerlichkeit und kausalem Determinismus in der φύσις [pysis; Natur]):
„Er geht von der stillen Voraussetzung aus, dass der Determinismus in der Außenwelt mit der innerlichen Autonomie der προαίρεσι vereinbar ist: ἐλευθερία verlange keine Freiheit vom Schicksal bzw. vom Willen Gottes.“

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berkersheim 03.04.2012, 12:32
@Albrecht

@Albrecht

Sehr interessant. Ich empfehle dazu den Logoshymnos zu Beginn des Johannes-Evangeliums zu lesen. Meiner Meinung nach ist der LOGOS für Heraklit, für die Stoa wie für Origenes die Personifizierung einer lebendigen Ordnungsabsicht eines höchsten Gottes (darum bei Origenes: Der Vater ist dem Sohn ÜBERGEORDNET!). Der LOGOS kann zwar mit Vernunft in seinem Walten erkannt werden, ist aber weder DIE VERNUNFT noch der Vernunft gänzlich zugänglich. Ich weiß nicht, ob es doch einen erheblichen Unterschied macht, ob ich sage "Alles ist Gott (Pantheismus)" oder "Alles ist Gottes Wille (Logostheologie)" - dann aber LOGOS als "Gottes Wille" als gebundene und doch selbstständige lebendige Wirkkraft.

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Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Bist Du sicher, dass der Spruch von Epikur stammen soll. Oder ist er eher von Epiktet? Denn Epiktet war Stoiker und der zitierte Spruch ist ein stoischer Spruch. Epikur würde eher sagen: Wer sein Geschick bedächtig zu gestalten weiß, der ist ein weiser Mann und findet ein erfülltes Leben. Zwar hat Epikur die Götter nicht abgelehnt, aber er hat abgelehnt, dass sich die Götter in die Geschicke der Menschen einmischen, was mit "göttlichen Geboten" geschehen würde. Der Spruch ist vollkommen unepikureisch.

Zu EPIKTET habe ich gefunden:

"Allmächtger Zeus und du Verhängnis, führet mich Auf den Platz, der von euch bestimmt mir ist: Ich folge ohne Zaudern. Wollt ich's nicht — Ein Frevler wär ich, und ihr zwängt mich doch!^

**„Wer dem Geschick sich wohl zu fügen weiß, Der ist uns weise und er kennt das Göttliche."***

Ja, Kriton, wenn es den Göttern so gefällt, dann mag es so geschehend

Töten können mich Anytus und Meletus wohl, doch schaden können sie mir nichts (LIII)

AUS VERLORENEN DIATRIBEN DES EPIKTET

Gefunden in:

http://www24.us.archive.org/stream/handbchleinderm00capegoog/handbchleinderm00capegoog_djvu.txt

In diesem Spruch wird der Zufall weltanschaulich aufgewertet. Das Sinnlos-Schicksalhafte wird so verstanden, als ob es von einer Sinn gebenden Macht gewollt wäre. So gesehen, ist es nicht nur vergebens, sondern auch töricht, sich gegen etwas zu wehren, was nicht zu ändern ist; denn nichts ist ratsamer, als sich dem zu ergeben, was (ein) Gott verfügt. Zumal dann, wenn dieser und dieses mit dem unbedingt Guten in eins zu setzen ist. - Übrigens ist der Spruch von Epiktet, nicht von Epikur.

LeoJA 10.04.2012, 07:59

In der hier - http://gutenberg.spiegel.de/buch/2576/1 - nachlesbaren Übersetzung von Epiktets Handbüchlein der Moral lautet der Spruch wie folgt: "Wer der Notwendigkeit sich gerne fügt, / Der ist ein Weiser und erkennet Gott."

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Frei übersetzt: Das Universum gibt dir nicht was du verlangst, sondern was du verdienst.

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