Philosophiestudium trotz Matheschwäche?

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5 Antworten

Hi,

zunächst einmal: Ich habe beides studiert und sehe durchaus einen Zusammenhang zwischen beiden Disziplinen, und halte beide Wissenschaften für die Geisteswissenschaften im eigentlichen Wortsinn...

Zu deiner Frage: Das Philosophiestudium hat herzlich wenig mit Mathematik zu tun, ich erinnere mich, dass wir mal in einer Einführungsvorlesung über Logik den Beweis der Irrationalität von √2 durchgekaut haben - als Beispiel für einen Beweis durch Widerspruch. Abgesehen davon dürftest so gut wie ohne Mathematik durch das Philosphiestudium kommen. Es sei denn, du konzentrierst dich natürlich auf Gebiete wie Wissenschaftstheorie oder formale Logik, aber auch hier sind die mathematischen Bestandteile eher Beiwerk.
Auch Statistik wirst du in einem Philosophiestudium eigentlich nie benötigen. Das wichtigste ist, wie Suboptimierer bereits geschrieben hat, die Logik.

Ich wünsche dir Viel Erfolg!

Wie Suboptimierer schon gesagt hat, geht es in der Philosophie primär um Logik. Das ist an den meisten Unis Pflichtmodul und wird von vielen unterschätzt. Du hantierst dabei nicht mit Zahlen, sondern mit Aussagen. Hier hast du ne gute Einführung: http://www.1theolexamen.de/vorpr/philo/Logik.pdf

Ich war in Mathe übrigens immer grottenschlecht aber die philosophische Logik hat mir Spaß gemacht. Das ist auch etwas, was mir bis heute aus dem Studium am meisten gebracht hat. Man merkt schon, dass es auf lange Sicht das Denken verändert. In der Projektarbeit ist sowas sehr nützlich. Nicht wenige Philosopher arbeiten später im Projektmanagement oder in der Unternehmensberatung.

Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Mathematik irgendeine Rolle in einem Philosophiestudium spiel. Außer vielleicht statistische Grundfähigkeiten (aber dafür gibt's gute Programme, die dir die Mathematik abnehmen)

Der größte Zusammenhang besteht in der Logik.

Ansonsten würde ich Philosophie eher zu den Literaturwissenschaften zählen und die Mathematik tendenziell eher zu den Naturwissenschaften.

Damit will ich sagen, für Philosophie musst du viel lesen, lesen und lesen (natürlich auch verstehen ;) ). ➢ Wissensmehrung ➢ Produkt: Aufsätze, Essays, Kritiken, Gegenüberstellungen

In Mathe musst du entwickeln, probieren, Zusammenhänge erkennen, nachvollziehen. ➢ Aneignung von Techniken in Form von Verfahren und Formeln ➢ Produkt: Programme, Beweise, Rechnungen, Analysen

Nur gaaaanz grob gesprochen.

TeeEi 26.06.2013, 16:52

Ansonsten würde ich Philosophie eher zu den Literaturwissenschaften zählen

Nein völliger Quatsch. Wer mit der Einstellung mit dem Studium anfängt, wird nichts reißen.

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Suboptimierer 26.06.2013, 17:47
@TeeEi

Beschäftigen sich Philosophen, insbesondere die, die sich auf die theoretische Philosophie konzentrieren, nicht überwiegend mit den Theorien historischer Größen?
Bei der praktischen Philosophie kann ich mir vorstellen, dass dort ein starker Zeitgeist am fließen ist. Wird die theoretische Philosophie überhaupt weiterentwickelt?

In einem Mathematikstudium muss man jedenfalls sehr wenige Bücher wälzen, und die wenigen, die man wälzt, nicht zwingend von vorne bis hinten.
Ich sehe da schon einen Unterschied zur Philosophie. Vielleicht habe ich den Begriff "Literaturwissenschaft" zu fahrlässig verwendet oder ich habe eine total falsche Vorstellung von dem Begriff. Das könnte sein.

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TeeEi 27.06.2013, 17:13
@Suboptimierer

Also mein Kommentar oben habe ich aus Erfahrung geschrieben.

Was theoretische und praktische Philosophie betrifft, hast du auch kein Recht. Gerade analytische Philosophie ist recht modern und im angelsächsischen Raum konzentriert. Etwas überspitzt, aber nicht völlig zu unrecht kann man sagen, dass die Philosophie erst ab 19. Jahrhundert da ist, wenn man im angelsächsischen Raum Philosophie studiert. Ich denke, in praktischer Philosophie wird bisschen mehr auf die Klassiker bezogen.

So oder so, nur wenn man Philosophiegeschichte als Schwerpunkt nimmt, muss man sich nicht sonderlich viel mit Klassikern beschäftigen. Latein- und Griechischkenntnisse sind deshalb unwichtig.

In Philosophie muss man nicht mehr lesen als z.B. in Soziologie. Literaturwissenschaften sind da ein anderes Pflaster.

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Suboptimierer 27.06.2013, 17:30
@TeeEi

Mein Bild von der praktischen Philosophie hat sich dadurch geprägt, dass über das aktuelle Zeitgeschehen sehr viele Fragen gestellt werden. Ist dies und das mit wirtschaftlichem Handeln vereinbar. Welche Rolle spielt die Politik. Fragen zur Landflucht. Fragen zu Tugenden, zu Menschenrechten, zur Moral.
Man hört nie von aktuellen Fragen zur Metaphysik, Sprach- oder Religionsphilosophie und was es sonst noch alles gibt.

Dadurch ist mir in den Sinn gekommen, anzunehmen, dass der ganze theoretische, insbesondere metaphysische Kram ziemlich abgelutscht zu sein scheint.
Die "spannenden" Themen scheinen die der praktischen Philosophie in der heutigen Zeit zu sein. Gerade dadurch, dass die Wirtschaft und Industrie solch große Sprünge in der Entwicklung machen, beruft man sich (bei dem was ich mitbekomme) selten auf die Einstellung der Philosophen von vor 1000 Jahren diesbezüglich. Die moderne, am meisten verfolgte Moralphilosophie fängt gefühlt bei Kant an.

Ich hatte den Eindruck bekommen, dass zur Horizonterweiterung in Richtung theoretischer Philosophie das Studium der alten Schriften unabdingbar ist, für die praktische Philosophie hingegen das Ergebnis der Weiterentwicklungen zu betrachten ausreicht.

Natürlich ist das auch überspitzt.
Wo liegt der Fehler? Wurde mein Eindruck durch falsche / schlechte Medien getrübt? Spielen zu viele persönliche Neigungen in meine Überlegung?

Ich will mich gerne überzeugen lassen, dass es genau umgekehrt ist. Für ein paar einschlägige Beispiele wäre ich sehr dankbar.

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TeeEi 27.06.2013, 22:46
@Suboptimierer

Im Allgemeinen hat man in Deutschland ein antiquiertes Bild von Philosophie mit negativen Vorurteilen. Das ist insoweit überraschend, weil sich Deutschland doch als Land der Dichter wie Goethe und Schiller schmückt. Wenn man in Deutschland sagt, dass man Philosophie studieren will, bekommt man gleich zu hören, dass es Müll ist und man damit kein Geld verdienen kann. In Frankreich ist es schon etwas anders.

Evtl. kommt es auch daher, dass man hier gleich an Kant denkt, wenn von Philosophie die Rede ist. Das ist schon zu Recht, Kant ist unumstritten einer der größten Philosophen aller Zeiten. Aber er hatte in seinen Hauptwerken auch einen der schwierigsten und unverständlichsten Schreibstile aller Zeiten (Hegel steht ihm in der Hinsicht nicht nach). Da bekommt man gleich das Gefühl, dass man sehr gut Texte interpretieren muss, um Philosophie zu betreiben. Das ist aber kein Muss. Fachidioten, die mit jeder Menge unverständlichen Fachbegriffen Eindruck machen oder es nicht anders können, gibt es heute zwar noch, aber die gibt es in allen Bereichen.

Schade ist, dass so ziemlich niemand Gottlob Frege kennt, Wegbereiter/Begründer der analytischen Philosophie und wahrscheinlich der größte deutsche Philosoph nach Kant.

Man hört nie von aktuellen Fragen zur Metaphysik, Sprach- oder Religionsphilosophie und was es sonst noch alles gibt.

Religionsphilosophie gehört zur praktischen Philosophie, und meiner Meinung nach hat sie heute nur noch sehr kleinen Gegenstandsbereich. Mit der Zeit haben sich Religionswissenschaft und Theologie entwickelt, die zurecht von Philosophie abgegrenzt wird. Dass man nie von "aktuellen Fragen zur Metaphysik" hört, liegt aber auch an ihrer Natur. Metaphysik beschäftigt sich schließlich mit ziemlich zeitlosen Sachen. Davon kriegt man nur etwas mit, wenn man Experte ist und Fachliteratur liest. Von "aktuellen Fragen" zur algebraischen Topologie hört man schließlich auch nie. Ansonsten ist es ganz positiv, dass man doch ab und zu von Themen der praktischen Philosophie hört.

Ich hatte den Eindruck bekommen, dass zur Horizonterweiterung in Richtung theoretischer Philosophie das Studium der alten Schriften unabdingbar ist, für die praktische Philosophie hingegen das Ergebnis der Weiterentwicklungen zu betrachten ausreicht.

An sich ist es immer gut, alte Schriften zu lesen. Nur ist es eben nicht unabdingbar. Die Sprache der Philosophie ist heute Englisch. Auch wenn man heute mit Kant beschäftigen will, liest man hauptsächlich Englisch (natürlich außer wenn man die Primärliteratur liest). Und hier was auf wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Analytische_Philosophie#Neuere_Entwicklungen

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