Philosophie-Abi: Wie kann ich diese Positionen voneinander abgrenzen?

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Der Sprachgebrauch ist zu solchen philosophischen Richtungen nicht völlig einheitlich. Wie die Begriffe genau verstanden werden bedingt, welche Auffassungen einer philosophischen Richtung noch zugeordnet werden und welche nicht mehr (als etwas abweichend).

subjektiver Idealismus und Solipsismus

Subjektiver Idealismus und Solipsismus sind nicht gleichbedeutend.

Idealismus meint ontologisch, die ganze Wirklichkeit könne auf Ideen/Geist/Geistiges zurückgeführt werden (seien davon hervorgebracht) oder – weniger weitgehend - Ideen/Geist/Geistiges seien das Wesentliche, Grundlegende bzw. Vorrangige an der Wirklichkeit.

Idealismus meint erkenntnistheoretisch, Ideen/Geist/Geistiges seien eine wesentliche oder vorrangige Quelle der Erkenntnis.

Subjektiver Idealismus liegt vor, wenn dabei Ideen/Geist/Geistiges ein Prinzip der Subjektivität sind. Dies kann ein Standpunkt sein, der eigene Geist erzeuge die Welt/Erscheinungswelt/Wirklichkeit, ist es aber nicht notwendig.

Johann Gottlieb Fichte hat eine Philosophie vertreten, der gemäß eine notwendig vorauszusetzende nichtsinnliche Tätigkeit (Tathandlung, die etwas als wirklich hinstellt und mit diesem Denkbezug erst schafft und begründet), „Setzen“ genannt, nicht durch das individuelle Ich geschieht, sondern durch ein überindividuelles, an der Wurzel aller Subjekte gleiches Ich, die „Ichheit“. Dieses Ich versteht Fichte als in sich selbst gegründet und damit vollkommen unabhängig, daher absolut.

Johann Gottlieb Fichte, Wissenschaftslehre 1794 I § 1, 7: „Dasjenige, dessen Sein (Wesen) bloß darin besteht, daß es sich selbst als seiend setzt, ist das Ich, als absolutes Subjekt. So wie es sich setzt, ist es; und so wie es ist, setzt es sich; und das Ich ist demnach für das Ich schlechthin und notwendig. Was für sich selbst nicht ist, ist kein Ich.“

Ein besonders weit getriebener subjektiver Idealismus führt zu einem Solipsismus. Im Solipsismus gibt es nur noch die jeweiligen aktuellen Bewußtseinsinhalte des eigenen Ich, keine dingliche Welt und keine anderen Subjekte als etwas eigenständig Existierendes (ontologischer Solipsismus) bzw. nur die jeweiligen aktuellem Bewußtseinsinhalte des eigenen Ich gelten als erkennbar (erkenntnistheoretischer Solipsismus). Subjektiver Idealismus bedeutet dagegen nicht unbedingt, die Existenz einer dinglichen Welt und von etwas Fremdphysischen bzw. die Möglichkeit eines Erkenntniszugangs zu ihnen zu verneinen.

Solipsismus kann auch aus einem sehr radikalen Zweifel an allem außerhalb der jeweiligen aktuellen eigenen Bewußtseinsinhalte hervorgehen.

Skeptiker und Skeptizisten

»Skeptiker« und »Skeptizisten« können Synonyme sein. »Skeptizist« kann aber auch jemanden mit einer radikaleren Auffassung als ein »Skeptiker« bezeichnen.

Bei der Wortbildung steht der angehängte Bestandteil »–ismus« zum Teil für eine besonders weitgehende Weltanschauung. Skeptizismus heißt, die Existenz bzw. die Erkennbarkeit ganz grundsätzlich in Zweifel zu ziehen. Ein Skeptiker kann auch nur jemand sein, der vorsichtige Urteilszurückhaltung vornimmt, eine genauere Untersuchung und Überprüfung befürwortet.

Realismus und Materialismus

Realismus und Materialismus sind nicht gleichbedeutend.

Der Begriff »Realismus« bezieht in der Philosophie auf zwei sehr verschiedene Theorien.

1) Realismus bedeutet die Auffassung, Allgemeines bzw. Allgemeinbegriffe (Universalien) seien auf irgendeine Weise real/wirklich oder mehr als bloße Namen.

2) Realismus bedeutet die Auffassung, es existiere eine objektive Realität (vom Bewußtsein/vom Denken der Subjekte unabhängige Existenz von Dingen) und sie sei zumindest annäherungsweise erkennbar.

zu Realismus 2):

Hans Jörg Sandkühler, Realismus. In: Enzyklopädie Philosophie : in drei Bänden mit einer CD-ROM. Unter Mitwirkung von Dagmar Borchers, Arnim Regenbogen, Volker Schürmann und Pirmin Stekeler-Weithofer herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 2: Q – Z. Hamburg : Meiner, 2010, S. 2216:  

„‹Realismus› (R.) bezeichnet als ontologischer und erkenntnistheoretischer Begriff im weitesten Sinn zwei Annahmen: (i) Es gibt vom menschlichen ↑ Bewusstsein unabhängige Dinge in einer objektiv existierenden Außenwelt; (ii) im Prinzip sind die Dinge und ihre Eigenschaften der ↑ Erkenntnis zugänglich.“

Bei der ersten Theorie ist die entgegengesetzte Theorie der Nominalismus. Realismus ist hier ein eher mit Idealismus einhergehender Standpunkt.

Materialismus ist in der Philosophie eine ontologische Auffassung: die ganze Wirklichkeit könne auf Materie/Materielles zurückgeführt werden (seien davon hervorgebracht) oder – weniger weitgehend - Materie/Materielles seien das Wesentliche, Grundlegende bzw. Vorrangige an der Wirklichkeit.

Metaphysische Elemente werden vom Materialismus nicht tendenziell noch radikaler in Frage gestellt (er ist selbst eine metaphysische Theorie, auch wenn das eigene Selbstverständnis zum Teil nicht so ist).

Materialismus ist in Bezug auf Realismus 2) auf jeden Fall ein ontologischer Realismus, ein erkenntnistheoretischer Realismus dagegen nicht notwendigerweise, auch wenn er tendenziell eher in diese Richtung geht.

Gottlob Frege ist - Realismus 2) - Realist gewesen. Er hat gegen einen erkenntnistheoretischen Idealismus argumentiert. Dabei wendet er sich gegen einen Psychologismus. Dies zeigt, daß er mit dem abgelehnten erkenntnistheoretischen Idealimus einen subjektiven Idealismus meint (in Lexika kommt oft ein Gegensatz Realismus- Idealismus vor, obwohl dies nur für einen subjektiven Idealismus zutreffend ist). Gottlob Frege ist kein Materialist gewesen. Nach seiner Aufasssung gibt es drei Reiche, eines der Dinge der Außenwelt, eines der Vorstellungen und eines der Gedanken. Mathematische Dinge, Begriffe und Gedanken führt er nicht auf materielle Dinge zurück.

Monismus, Dualismus und Trialismus

Das Thema betrifft die Anzahl der Welten/Reiche, Bereiche, Prinzipien oder grundlegender Arten von Dingen.

Ein strikter Materialismus ist monistisch. Auch Idealimus kann monistisch sein.

Realismus bezieht sich auf eine andere Fragestellung. Er kann daher nicht einem Standpunkt zu dieser Fragestellung zugeordnet werden.

Einen geläufigen einfachen Oberbegriff gibt es nicht. Für die Auffasssung, es gebe eine endliche Anzahl der Welten/Reiche, Bereiche, Prinzipien oder grundlegender Arten von Dingen, ist manchmal der Ausdruck »metaphysischer Finitismus» verwendet worden (die entgegengesetzte Auffassung, die Anzahl sei unendlich/nicht endlich, heißt dann »metaphysischer Infinitismus»).

Empirismus und Realismus

Empirismus und Idealismus sind erkenntnistheoretisch gegensätzliche Auffassungen. Nach dem Empirismus ist Erfahrung (vor allem durch Sinneswahrnehmung) alleinige bzw. wichtigste und vorrangige Quelle der Erkenntnis. Ein empiristischer/sensualistischer Idealismus ist kein sinnvoller erkenntnistheoretischer Standpunkt. Bei einem Dualismus wäre zu prüfen, worum es sich genau handelt. Ein Dualismus wie der bei René Descartes ist nicht empiristisch.

Vielen Dank für deine ausführlich auf meine Einzelfragen eingehende Antwort! Jetzt ist es mir gleich viel klarer. :-)

Nur ein paar Nachfragen noch:

  • Radikal ist ein Skeptizismus in dem Augenblick, in dem er ausnahmslos zu Ende gedacht wird - eben nicht bei Sokrates, eher bei den Pyrrhoneern, aber auch nicht wirklich bei Descartes, der den Gott für sicher existent erklärt?
  • Radikal könnte man auch einen jegliches Ideelles leugnenden Materialismus nennen?
  • Gottlob Frege vertritt also eine trialistische Philosophie?Im Grundsatz ist mir manchmal nicht ganz klar, wann eine Philosophie eine tatsächliche Überzeugung (etwa: "irgendwo" - nicht räumlich - sind die Ideen von den Dingen, die wir sehen) darstellt, in die es mir als relativ radikalen Materialisten schwer fällt, mich hineinzuversetzen, und wann sie nur als Modell fungiert (siehe auch hier: https://www.gutefrage.net/frage/philosophie-abi-kann-man-gottlob-frege-als-vertreter-des-trialismus-einordnen?), das bestimmte Zusammenhänge oder Erklärungen darstellen soll, aber nicht reell für bare Münze zu nehmen ist, sondern quasi metaphorisch zu deuten ist.
  • Infinitismus hat dabei aber nichts mit der Multiversentheorie (Multiversumtheorie, Multiverstheorie?) gemeinsam?
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@KnorxyThieus

Radikal ist etwas, das an bis an die Wurzel herangeht, von Grund auf ansetzt und sehr weitgehend ist. Weder Sokrates noch Descartes haben einen radikalen Skeptizismus vertreten. Der Pyrrhonismus ist ein radikaler Skeptizismus. Problematisch kommt mir die Beurteilung „ausnahmslos zu Ende gedacht“ vor. Dies erweckt den Eindruck, als seien alle anderen skeptischen Auffassungen auf Teilgebiete beschränkt, nicht folgerichtig bzw. nicht gründlich durchdacht. Die gemäßigte akademische Skepis (von Philosophen wie Arkesilaos, Karneades aus Kyrne und Philon aus Larisa) oder manche späteren skeptischen Philosophien haben den Zweifel aber umfassend und gründlich durchdacht. Die Ergebnisse, wie sehr ein Zweifel bestehen bleibt, gehen bei ihnen weniger weit. Ein radikaler Skeptizismus treibt das Anzweifeln äußerst weit und dies dauerhaft.

Ein Materialismus, der alles Ideele bestreitet, kann radikal genanntt werden. Dazu gehören der eliminative Materialismus, nach dessen Auffassung es nichts Idelles/Geistiges und keine mentalen Zustände gibt, und der strikt reduktionistische Materialismus, nach dessen Auffassung es zwar die Phänomene gibt, die als Idelles/Geistiges bzw. mentale Zustände angesprochen werden, diese aber vollständig auf Materielles zurückgeführt werden können (z. B. Gedanken auf physische Prozesse im Gehirn).

Gottlob Frege hat insofern einen Trialismus vertreten, als er drei eigenständige Bereiche von Phänomenen angenommen hat. Dies hat er in „Der Gedanke. Eine logische Untersuchung“ (1918) geschrieben, einer auf Logik und Sprachphilosophie bezogenen Untersuchung. Es gibt von Frege keine Veröffentlichung, in der er eingehend das Gebiet der Ontologie behandelt. Daher bleibt offen, wie sein Standpunkt in Bezug auf einen Gesamtzusammenhang gewesen ist.

Metaphysischer Finitismus ist ewas anderes als eine Multiversentheorie. Gemeinsam ist, unter die Kategorie der Quantität zu fallen, nämlich sich auf eine Anzahl zu beziehen.

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@Albrecht

Danke schön, alle Fragen sind geklärt. :)

Die Prüfung hab ich hinter mich gebracht und einen recht guten Eindruck (Noten gibt's erst später).

Vielen Dank für deine Mühe mit mir! :D

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Hab so angst dass ich das einzige Bewusstsein bin

Ein Physiker, der sich auf mit Philosophie auskennt, meinte, es sei wahrscheinlicher, dass eine Außenwelt besteht, aber dass der Solipsismus nicht unmöglich sei.. 

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@justanormalg181

Philosophische Modelle in Wahrscheinlichkeiten zu bewerten scheint mir in der Tat sehr physikalisch zu sein.

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Hi. Benötige deine Hilfe wegen solipsismus und Realität Wirklichkeit.

Einer meinte zu mir:Nach dem Tod unseres Gehirn (und nach dem Zerfallen unseres toten Körpers) ist unser Ich mit Methoden, die uns heute zur Verfügung stehen, nicht mehr nachweisbar. Es ist dann also aus der Realität unserer Mitmenschen verschwunden. Ob das nun bedeutet, dass es auch als etwas wirklich Vorhandenes (d.h. als Teil der Wirklichkeit der Natur) aufgehört hat zu existieren, wissen wir nicht (genauer: kann heutige Wissenschaft uns weder beweisen noch widerlegen).weil Wir nur die wirkung der Wirklichkeit kennen also die Realität aber nicht die Wirklichkeit.

Und das Problem dabei ist dass ich doch immer denke ich erinnere mich an was von vor der Geburt etc des geschaffen haben dann denke ich auch immer des war Teil der Wirklichkeit und nicht der Realität. Da ich mich ja an nix von vor der Geburt in der Realität erinnern kann muss es ja der Wirklichkeit angehören.

Und weil die Wirklichkeit ja aber das is was wirklich is und die Realität nur die Wirkung denke ich immer dass des dann doch wirklich so ist...

Und dann kenne ich ja als einzige die Wirklichkeit und deshalb kann ja nur ich recht haben

Macht das sinn,dass dann deshalb alle denken ich bin bescheuert weil ich ja in der Realität nicht recht habe aber in der Wirklichkeit schon

Er meinte ja aber, dass man das mit der Selle nicht ht beweisen oder widerlegen kann, da es der Wirklichkeit angehört nicht der Realität also und die Wissenschaft kennt ja auch nur die Wirkung der Realität auf uns und deshalb dachte ich dann ich hatte Recht mit meiner Erinnerung verstehst was ich meine? Oh man...

Aber ich dachte meine Erinnerung wie ich vorher existiert habe war in der Wirklichkeit und nicht in der Realität und wie soll ich davon ablassen wenn ich weiß danach wirds wieder so sein!

Verstehst du wenn ich denke ich habe als einzige in der Wirklichkeit existiert vorher und niemand weiß das

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Wiki: 
Skeptizismus ist ein neuzeitlicher Begriff zur Bezeichnung der philosophischen Richtungen, die den Zweifel zum Prinzip des Denkens erheben und die Möglichkeit einer Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit in Frage stellen oder prinzipiell ausschließen. Diese neuzeitliche Wortbildung wurde rückwirkend auch auf die antike Skepsis angewendet, obwohl für diese nicht der Zweifel, sondern das Untersuchen und Forschen Ausgang des Denkens gewesen war.

Realismus und Materialismus:

Ich verstehe das so:  Realismus trifft die Aussage, dass wissenschaftliche Erkenntnisse die unabhängig vom Menschen bestehende Realität erfassen können. Diese Realität kann nun rein materialistisch organisiert sein (Materialismus) oder auch nichtmaterialistische Erscheinungen umfassen (Idealismus). 

Okay, zum Skeptizismus merk ich mir:

Steht ein Z dabei, dann steht es für den Zusatz, auch an der Ontologie/der Außenwelt an sich zu zweifeln. :)

Aber zum Realismus ... ich dachte immer, der stünde geradezu im Gegensatz zum Idealismus? Ist zumindest laut Philolex so. Mann :/

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Hi. Benötige nochmal deine Hilfe wegen solipsismus und Realität Wirklichkeit.

Einer meinte zu mir:Nach dem Tod unseres Gehirn (und nach dem Zerfallen unseres toten Körpers) ist unser Ich mit Methoden, die uns heute zur Verfügung stehen, nicht mehr nachweisbar. Es ist dann also aus der Realität unserer Mitmenschen verschwunden. Ob das nun bedeutet, dass es auch als etwas wirklich Vorhandenes (d.h. als Teil der Wirklichkeit der Natur) aufgehört hat zu existieren, wissen wir nicht (genauer: kann heutige Wissenschaft uns weder beweisen noch widerlegen).weil Wir nur die wirkung der Wirklichkeit kennen also die Realität aber nicht die Wirklichkeit. 

Und das Problem dabei ist dass ich doch immer denke ich erinnere mich an was von vor der Geburt etc des geschaffen haben dann denke ich auch immer des war Teil der Wirklichkeit und nicht der Realität. Da ich mich ja an nix von vor der Geburt in der Realität erinnern kann muss es ja der Wirklichkeit angehören. 

Und weil die Wirklichkeit ja aber das is was wirklich is und die Realität nur die Wirkung denke ich immer dass des dann doch wirklich so ist...

Und dann kenne ich ja als einzige die Wirklichkeit und deshalb kann ja nur ich recht haben

Macht das sinn,dass dann deshalb alle denken ich bin bescheuert weil ich ja in der Realität nicht recht habe aber in der Wirklichkeit schon

Er meinte ja aber, dass man das mit der Selle nicht ht beweisen oder widerlegen kann, da es der Wirklichkeit angehört nicht der Realität also und die Wissenschaft kennt ja auch nur die Wirkung der Realität auf uns und deshalb dachte ich dann ich hatte Recht mit meiner Erinnerung verstehst was ich meine? Oh man...

Aber ich dachte meine Erinnerung wie ich vorher existiert habe war in der Wirklichkeit und nicht in der Realität und wie soll ich davon ablassen wenn ich weiß danach wirds wieder so sein!

Verstehst du wenn ich denke ich habe als einzige in der Wirklichkeit existiert vorher und niemand weiß das

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