Philosophie = denken, Religion = glauben?

13 Antworten

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Es gibt kein voraussetzungsloses Denken. Auch und gerade nicht in der Philosophie. (Aber das gehört schon wieder in das Gebiet "Grundlagen der Philosophie".) Von daher kann ich den Fanatismusvorwurf im Chatroom verstehen. (Um ihn im einzelnen beurteilen zu können, müsste ich den Chatverlauf bis dahin kennen, und auch die Chatteilnehmer.)

Wie würdest du zu anderen Weltanschauungen wie Solipsismus stehen?

Wie begründest du die Möglichkeit des Denkens als solches? Und wie, dass dieses Denken irgendwas mit der Realität (falls es eine gibt) zu tun haben könnte?

Ich will darauf hinaus, dass wir an das Denken glauben müssen, um Philosophie betreiben zu können.

Der große Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) hat alle bis zu seiner Zeit bekannten Gottesbeweise der christlichen Philosophen widerlegt. Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass man Gott nicht beweisen kann, "Nicht-Gott" aber auch nicht. Wissenschaft stützt sich nicht nur auf Denken, sondern auch auf Erfahrung. Wissenschaft ist Erforschung der erfahrbaren Welt. Glaube, Fürwahrhalten, Vertrauen jedoch sind Grundeinstellungen eines Menschenlebens. Ohne das geht es gar nicht und Wissenschaft ist ein Hilfsmittel, sich in der Lebensorientierung über den Glauben mehr Argumente der Sicherheit zu verschaffen. In einer Welt mit Ungewissheit kommen wir ohne Glauben nicht aus, aber, damit ist eine grundsätzliche Haltung gemeint, nicht die Verkürzung auf einen bestimmten "religiösen Glauben". Das ist ein Trick der Religiösen, dass sie ihr BEKENNTNIS eines BESTIMMTEN GLAUBENs allgemein einen Glauben nennen und damit eine unbestreitbare menschliche Lebenseinstellung für sich in Beschlag nehmen.

Grundsätzlich ist Glaube meist von Zweifeln begleitet und das ist für viele unerträglich, keine Gewissheit zu haben, die Ungewissheit unserer Welt auszuhalten. Auch in der Philosophie z.B. der Antike gab es die Auseinandersetzung derer, die mit irgendeiner höheren Kraft, einem höheren Sein die sichere Geschlossenheit dieser Welt behauptet haben, wie z.B. die Stoa. Auf der anderen Seite standen z.B. die Epikureer, die von einer offenen, selbst zu gestaltenden Welt ausgingen. Ihr Markenzeichen damals war bereits, dass sie nicht an eine eindeutig erfahrbare, absolute Wahrheit glaubten. Die Sicherheitsstreber haben immer eine eindeutige Wahrheit behauptet und - darum spricht man von religiösem Glauben besser von Bekenntnissen - die Religiösen bekennen für sich eine einzige, ihre Wahrheit als allein gültig. Religiöses Bekennen ist schon eine Flucht aus dem ungewissen, allgemeinen Glauben in einen sicheren Hafen eines "unser Gott ist unsere Burg" (damit hat Luther sehr offen bekannt, dass sein Glaube kein offener Glaube sondern eine Festung ist).

Hinter der Leugnung der Ungewissheit steckt eine tiefe Angst vor diesem Ungewissen. Die religiöse Hoffnung ist eigentlich keine Hoffnung mehr, sondern man hat der Hoffnung den stillen Zweifel ausgetrieben. Die religiöse Hoffnung wie der religiöse Glaube sind eigentlich ein lautes Schreien im dunklen Keller. Es ist ein Zusammenrücken vor einer ungewiss wabernden Bedrohung, ein sich die Hände geben und sich gegenseitig Zuversicht zusprechen: Uns droht keine Ungewissheit, wir haben UNSEREN GOTT. Diese gewisse Trutzhaltung erklärt auch die Agressionen gegen alle, die diese FESTE BURG aufbrechen wollen mit Zweifeln oder einem anderen Gott. Dieses Verhalten ist nicht nur religiösen Bekenntnissen eigen. Auch Ideologien sind Bekenntnisse, die Behauptung, dass alles nur so und nicht anders funktioniert.

Der größte Feind dieser BURGEN ist der Wohlstand und ein dauerhafterer Friede sowie eine durch Recht und Gesetz geschützte Welt. Dann können die Burgenleute ihre Tore aufmachen und die Luft draußen schnuppern. So verrückt es klingt: Wer uns Wohlstand, Freiheit und eine mit Recht und Gesetz geregelte Gesellschaft abspenstig machen will, der treibt die Menschen wieder in dei Burgen zurück und legt die Grundlage für Krieg, nicht für Frieden. Wer religiösen Glauben durch profane Ideologie ersetzen will, baut nur neue Burgen. Wer die Unsicherheit für die Menschen über ein für sie erträgliches Maß erhöht, treibt sie wieder zurück in die Burgen. Menschen, die zu Selbstständigkeit, Mut zur Eigenverantwortung und eigenen Lebensgestaltung erzogen und bekräftigt sind, brauchen keine Burgen mehr. Solche eigenständigen Liberalen sind darum allen Ideologen verhasst, die fleißig an eigenen Burgen bauen. Auch diese Ideologen wollen die Menschen erlösen, von diesseitigem Übel und dem größten, der Ungewissheit und dem schon von Heraklit (ca. 500 v.Chr.) beschworenen: Alles ist im Fluss, alles ist Prozess.

Vielen Dank für Ihren aüßerst konkreten Kommentar. Ihre Zitate von Kant erinnern mich an Nietzsche, der sagte, dass Gott tot sei. Damit hatte er womöglicj nicht direkt die Absicht, den Leuten ihren Glauben zu nehmen, aber wie Sie gut formulierten, aus ihren Burgen rauszuholen. Die Leute sollen sich die Unwissenheit eingestehen, und aus ihren Burgen den Religionen austreten, und es am Ende selbst tuen. Das alles bestärke ich damit, dass mich der Moscheenleiter (es war eine kleine Moschee), der anscheinend viel wusste ( über seine Religion) mich in einer Diskussion über die obige Frage fragte, ob es einfacher sei an den Islam (oder Religion allgemein, tut wenig zur Sache) zu glauben oder sich mit der Philosophie tagein tagaus zu beschäftigen und am Ende auf nichts zu stoßen, geschweige denn Gott. Oder an die (Natur)- Wissenschaften im Generellen, aber die würden laut ihm immer wieder auf den Koran zurückführen, denn egal wie weit man in diese Materie geht (z.B. die Biologie: Von Haut zu Fleisch zu Blut zu Nerven, halt immer tiefer), man treffe immer wieder auf den Islam, denn es stand schon alles im Koran und schließlich Gott. Seine Antwort war natürlich Erstes (ich natürlich für Letzteres), und somit erkennen wir die Flucht vor der Unwissenheit, dem Zweifel undundund. Ich habe mal seine Fanatik und Unwissenheit außer Acht gelassen wie z.B. das Alles auf dem Islam basiert, obwohl der Islam das Wissen durch Eroberungen erhielt ( dass was dem Islam widersprach wurde vernichtet ähnlich wie bei der katholischen Kirche) und durch das "Erbe" der Griechen. Schade das man im Islam das Wissen unter seinem Namen verschreibt anstatt den Verantwortlichen zu gebühren. Egal das war zu viel Islam. Außerdem erinnert, dass was sie von Wohlstand, Freiheit und am wichtigsten eine von Recht und Gesetz geregelte Gesellschaft erzählen, mich sehr an John Locke der zusammen mit Wilhelm 3. Jakob den 2. stürtzte und somit die katholische Kirche. Seine Auffassung, dass jeder Rechte und Gesetzte braucht und der Absolute sich dem enthält zeigt, dass selbst der König vor der Unwissenheit floh.

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@KagamineLina

Nietzsche hat nicht gesagt, "Gott ist tot". Er lässt es einmal den "tollen Menschen" sagen und ein andermal sagt es im Zarathustra der Teufel höchstpersönlich. Allerdings versteht Nietzsche unter "Gott" bereits etwas anderes als Dein Moscheeleiter oder ein christlicher Priester. Für Nietzsche ist Gott eine Orientierungsgröße, auf die sich die Menschen als Lebensleitung verständigen, die Christen auf den Christengott und die Moslems auf Allah, wobei unterschiedliche Moslemgruppen wohl auch da unterschiedliche Vorstellungen haben. Die Ausführungen Deines Moscheeleiters wundern mich nicht. Ein gläubiger Christenpfarrer würde das gleiche sagen, allerdings bezogen auf seinen Christengott. Ich weiß das, weil ich mit einem gut befreundet bin. 

Das ist ein Effekt der Perspektive. Glaube ist auch wie ein Fernrohr: Das Fernrohr richtet den Blick und wohin sie auch schauen, sie sehen glaubend im Hintergrund immer ihren Gott. Das ist auch nicht schlimm, solange man mit ihnen darüber reden kann und sie einem diesen nicht aufzwingen wollen. Ich finde auch, dass man den Menschen mit ehrlichem Glauben Respekt zollen sollte, solange sie einen selbst respektieren, wie man ist. Ich komme so mit "meinem Pfarrer" ganz gut zurecht und wie bleiben Freunde und haben interessante Gespräche. Das Leben ist sehr komplex und wie Albert Camus schreibt oder auch Karl Jaspers, es gibt im Leben immer wieder Grenzsituationen, die einen an die Grenzen des Erklärenkönnens führen. Da bekommen auch Philosophen Schnappatmung. 

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Ich schließe mich der Antwort des anderen Antwortgebers an, in dem Sinne, dass ich mit meiner Religionszugehörikeit so weit es möglich ist, glücklich bin und mit Sicherheit mit der gegenwärtigen weit glücklicher bin, als ich es mit dem Islam sein könnte.

Dennoch, um auf die Frage selbst zu antworten und dabei die Fragebeschreibung außer acht zu lassen, würde ich schreiben, und das ohne zu werten, dass Wissenschaft = Wissen erwerben (durch Ausräumen von Irrtümern auch der Wissenschaft), Philosophie = denken, diskutieren, Religion = Glaube und Stärkung des Glaubens durch Erlebnisse entspricht.

Was meinen Glauben angeht, so bin ich nach eigenem Verständnis Christ, auch wenn viele Christen dies anders sehen, denn ich gehöre der "Kirche Jesu Christi - Der Heiligen der Letzten Tage" an und bin, abgesehen davon, dass die in der Bibel als solche genannten geistigen Gaben oder Gaben des Heiligen Geistes zum Teil als Vollmachten missverstanden und zum Teil nicht wirklich als existent angesehen werden (was schon mehr ist, als ich von anderen Kirchen kenne) mit dieser Religion sehr glücklich, auch da es Teil ihrer Religionslehre ist, positive Werte zu leben, wie etwa die Nächstenliebe, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die Möglichkeit ewiger Bündnisse und verschiedenes andere mehr.

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