Ostpolitik unter Willy Brandt

...komplette Frage anzeigen

3 Antworten

Kommentar eines Zeitzeugen: Ende der 60er Jahre, die Wunden des Mauerbaus in Berlin waren gerade halbwegs vernarbt - die DDR begann sich international zu etablieren (auch westliche Staaten begannen ihre Existenz und damit die Teilung Deutschlands als Realität zu akzeptieren), hatte man in großen Teilen der deutschen Bevölkerung den Glauben an die Wiedervereinigung aufgegeben.

Neben dem Problem der deutschen Teilung gab es ja auch die Frage der deutschen Ostgrenzen (Stand 1937 oder Oder-Neiße-Linie); in den fünfziger Jahren konnte man eine Anerkennung der Realitäten an Oder und Neiße nicht angehen, und in den 50er Jahren gab es eine einheitliche "offizielle" Übereinstimmung aller Parteien (nur die 1956 verbotene KPD war hier sein 1950 anderer Meinung), denn zu stark war der Einfluss der Vertriebenenverbände und auch der Konservativen in Deutschland (Breslau-Königsberg-Stettin-deutsche Städte wie Berlin!... oder "dreigeteilt - niemals!).

Seit dem Ende der 50er Jahre war jedoch die Eingliederung der Vertriebenen in die deutsche Bevölkerung weitgehend gelungen, neue Existenzen waren aufgebaut, davon profitierten auch die Alteingesessenen. Ihr Einfluss sank (das einstmals recht starke Sprachrohr der Vertriebenen, der BHE , anfangs in Bayern und Schleswig-Holstein an Koalitionsregierungen beteiligt, wurde bedeutungslos).

Von der Evangelischen Kirche (Bensberger Kreis), von Philosophen wie Carl Jaspers, von Journalisten wie Carola Stern, Jürgen Neven du Mont, Peter Bender, Henri Nannen, Joseph Augstein kamen Impulse, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen, um die Aussöhnung mit Polen, nachdem diese mit Frankreich so gut gelungen war, voranzutreiben. Selbst viele Vertriebene, wie Gräfin Dönhoff gaben ihren Widerstand auf, allerdings schweren Herzens. Was einstmals allgemeiner Konsens war, stand plötzlich als die Meinung ewig Gestriger dar.

Ludwig Erhard, der brillante Vater des Wrtschaftswunders, und 1963 vom allgemeinen Volkswillen ins Amt getragen, feierte noch 1965 einen glänzenden Wahlsieg gegen Willy Brandt kam mit den ersten Rezessionserscheinungen nicht gut klar und war, wie es schon Adenauer weitsichtig gefürchtet hatte, mit den Anforderungen des Bundeskanzleramtes nicht gut klar und verfing sich in der Ranküne von Politik und Presse, was 1967 zur ersten großen Koalition unter Kiesinger mit Willy Brandt als Außenminister führte.

Die CDU/CSU erreichte bei der Wahl 1969 zwar eine relative Mehrheit, doch Willy Brandt hatte Kontakte zur FDP geknüpft, der linksliberale Walter Scheel hatte den eher konservativen Mende Erich Mende abgelöst, die FDP als einzige Oppositionspartei zu schwach, hatte zur Stärkung einer außerparlamentarischen Opposition weit links (68er-Generation) geführt. Statt einer erneuerten großen Koalition mit stärkerem Gewicht der CDU/CSU, von der Kiesinger noch am Wahlabend schwadroniert hatte, kam es zum Wahlbündnis der SPD und der FDP, die sich als Zeichen der Erneuerung nun F.D.P. (mit Püntchen).

Hilfreich war hier zweifellos auch, dass der linksliberale Sozialdemokrat Gustav Heinemann den in seiner zweiten Amtsperiode altersbedingt überforderten Heinrich Lübke abgelöst hatte.

Willy Brandt hatte auch keine Skrupel, die Vertriebenen damit zu beschwichtigen, dass er noch auf einem Treffen der Schlesier verkündete: "Wer die Oder-Neiße-Linie anerkennt, betrügt nicht nur die Deutschen, der betrügt auch die Polen!", wohl wissend, dass deren Einfluss in stetem Sinkflug begriffen war. Die öffentliche Meinung, und das weiß ich aus vielen persönlichen Diskussionen mit Altersgenossen und auch Älteren in dieser Zeit, hatte sich längst hin zur Anerkennung der Realitäten an Oder und Neiße gewandelt. Von der - auch vom maßgebenden Teil der Presse (Spiegel, Stern, Zeit, etwas vorsichtiger die FAZ) -getragenen, auch von der Wirtschaft (Ostkontakte von Bertold Beitz) unterstützten öffentlichen Meinung befördert, konnte Willy Brandt die "neue Ostpolitik" trotz geringer parlamentarischer Mehrheit wagen - der Widerstand der CDU, Rainer Barzel hatte inzwischen Kiesinger beerbt, hielt sich in Grenzen. Brandt verstand sich zudem hervorragend auf der Klaviatur der Emotionen (Kniefall in Warschau, um zu zeigen, wer Deutschland letztlich das ganze Elend der Nachkriegszeit eingebrockt hatte)

Wie in dieser Zeit sich auch die öffentliche Meinung zugunsten der neuen Ostpolitik gedreht hatte, zeigt sich bei den Wahlen von 1972, die Willy Brandt einen erdrutschartigen Sieg bescherte, bis ihn zwei Jahre später die Guillaume-Affäre zu Fall brachte.

Die neue Ostpolitik wäre nach meiner Einschätzung auch von der CDU gekommen, nur etwas später, was durch Helmut Kohl belegt wurde, der nicht den geringsten Versuch machte, bei seinem Amtsantritt an ihr irgend etwas zu ändern. Sie hat insofern die Wiedervereinigung 189/90 erleichtert, dass sie Ressentiments gegen ein einiges Deutschland nicht nur im Osten, sondern auch im Westen (Margret Thatcher) abzubauen, so dass dem Volkswillen genügt wurde.

schön geschildert, was mir allerdings dabei fehlt: brandt war hochgradig depressiv, womit nur wenige seiner "mitstreiter" umzugehen wußten: egon bahr kannte die symptome, wann mit brandt gerade"nichts anzufangen" war und versuchte (oft vergebens) den freund und chef abzuschirmen. besondere probleme gab es mit dem schwierigen spd-fraktionsvorsitzenden wehner, der sogar ÖFFENTLICH seinen parteivorsitzenden, heute würde man "weichei" sagen, als "warmduscher" bezeichnete. der genaue wortlaut gegenüber presseleuten: "der herr badet gerne lau".

0

Mit der Neuen Ostpolitik hat Willy Brandt die Beziehungen zwischen BRD und DDR in den 1970er Jahren wieder verbessert, sodass der Kontakt nicht abbrach und die Idee einer Wiedervereinigung am Leben erhalten wurde:

http://www.geschichte-abitur.de/biographien/willy-brandt 

Nein, nicht ganz. Sie zielte nicht in erster Linie auf die Wiedervereinigung. Sondern nach dem Kalten Krieg auf eine Entspannung in Europa. Zwischen Deutschland und den Staaten des Warschauer Paktes. Vor allem DDR, Polen und Sowjetunion. Ich glaube nicht, dass Willy Brand an eine Wiedervereinigung gedacht hat. Die lag damals noch in weiter Ferne. In erster Linie wollte er durch die Politik der Entspannung die politische Lage normalisieren. Wie zwischen Nachbarn. Und er wollte die Verbindungsmöglichkeiten der Leute aus BRD und DDR deutlich verbessern. Was ihm ja auch gelungen ist. An die Adresse von Polen und der Sowjetunion wollte er ein Zeichen der Reue und Versöhnung senden. So ha er in Polen an einem Denkmal für die NS-Opfer den berühmten Kniefall gemacht. Ein Bild, das um die Welt ging. Und die Öffentlichkeit hat sehen lassen, dass das Deutschland von 1970 ein ganz anderes ist als Nazi-Deutschland.

Was möchtest Du wissen?