opfer des heutigen systems?

12 Antworten

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Also, es gibt wirkliche „Opfer des Systems“. Junge Leute, die sich für die falsche Branche haben ausbilden lassen und nun bei Hartz IV gelandet sind. Wer konnte Anfang der 90er-Jahre voraussehen, dass sich die Zeiten um 2000 radikal geändert haben? Was früher ohne weiteres möglich war (z.B. einen Aushilfs-Job zu finden, um sich über Wasser zu halten), geht heute nicht mehr. Sogar als „Regal-Einräumer“ muss man sich heutzutage einem Ausleseverfahren stellen. Früher konnte man ohne weiteres „umsatteln“ und in einem neuen Beruf unterkommen; heute macht man eine zweite Ausbildung und landet wieder in der Arbeitslosigkeit. Diejenigen, die fest „im Sattel sitzen“, d.h. bei der Berufswahl ein glückliches Händchen hatten, sollten nicht so hochmütig über „looser“ und „faule Arbeitslose“ lästern. Nach der hundertsten bis zweihundertsten vergeblichen Bewerbung bzw. nach ständig frustrierenden Vorstellungsgesprächen erlahmt auch bei dem Vitalsten und Energischsten allmählich die Antriebskraft. Das sollten die Damen und Herren Arbeitsplatzbesitzer einmal bedenken!

Du hast schon Recht wenn du sagst das es Opfer des Systems gibt. Ich würde auch die 60000 Jugendlichen dazuzählen die jedes Jahr ohne Abschluss die Schule verlassen. Die Sache mit den Bewerbungen ist zweischneidig denn nur 40% der verfügbaren Stellen werden ausgeschrieben, der Rest wird über Beziehungen und andere Wege vergeben. Svenja Hofert hat dazu einiges in ihrem Blog und in ihren Büchern geschrieben. Das der Arbeitsmarkt im Wandel ist bekommt ja jeder mit, man muss sich halt anpassen.

"Früher konnte man ohne weiteres „umsatteln“ und in einem neuen Beruf unterkommen; heute macht man eine zweite Ausbildung und landet wieder in der Arbeitslosigkeit." Diese Aussage stimmt so nicht. Man muss den Arbeitsmarkt nur gut genug analysieren und den passendsten Job für die eigenen Fähigkeiten finden.

Und noch was, wer unbedingt arbeiten will der bekommt auch einen Job. Altenpfleger werden gerade händeringend gesucht. Das ist zwar nicht der beste Job und die Bezahlung könnte auch besser sein aber es ist ein Job.

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@TaiFou

Zu den Altenpflegern (Kommentar zu TaiFou): Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, was du da erzählst. Hast du’s mal ausprobiert oder sprichst du nur nach, was in der Presse steht? Meine Tochter wollte gerne Altenpflegerin werden. Mit größter Mühe bekam sie einen Praktikumsplatz (= Voraussetzung für eine Ausbildung), und sie brachte durchaus den Idealismus mit, pflegebedürftigen Alten die nötige Zuwendung zu geben. Auf der Altenpflegestation wurde sie allerdings sehr schnell von den Pflegerinnen „weggemobbt“. Die wollen stämmige Frauen aus Polen etc. haben, die auch finanziell nicht so anspruchsvoll sind. So viel also zu den Meldungen, man suche „händeringend“ Altenpflegerinnen! (Moral: Man soll nicht alles glauben, was in der Presse steht!)

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Ich finde, dass Du Dir mit Deinen Ausführungen keinen Gefallen getan hast, weil Du genau die verbreiteten Vorstellungen über Arbeitslose bestätigst: Faul, kommen morgens mit dem Allerwertesten nicht aus den Federn und ziehe das Schmarotzen an der Allgemeinheit vor. Dass sich die Allgemeinheit überhaupt in heutiger Weise um "Gestrandete" kümmert, ist ein Novum, das es erst seit 150 Jahren gibt.

Davor war jeder für sich selbst verantwortlich und statt Anspruch auf staatliche Unterhaltsleistungen war das Anstellen an der Suppenküche für die Armen angesagt, die Nutzung der kirchlichen Wohltätigkeit. Wenn Du also der Meinung bist, dass es Dir und Deinesgleichen heute "so schlecht" geht, dann muss daran erinnert werden, dass das historisch gesehen vollkommen falsch ist. Die Armut und das Elend der meisten einfachen Leute bis zu Bismarks Zeiten sind heute kaum noch vorstellbar.

Ich habe neulich einen gut recherschierten historischen Frankfurt-Roman aus der Zeit des 14. JH gelesen "Die Siechenmagd" - mannometer, da gefriert einem das Blut, wenn man sich das vorzustellen versucht. Egal wo man in die alte Geschichte eintaucht, ob ins Rothenburg ob der Tauber des Bürgermeisters Toppler (1340-1408) oder des alten Quedlinburg mit den Armensiedlungen auf dem Münzenberg - unser Gejammere heute hat was damit zu tun, dass die Oberjammerer NULL Ahnung haben, wie es früher mal ausgesehen hat.

Der weitaus größte Teil der Bevölkerung geht gerne arbeiten. Das gehört einfach zum Wohlbefinden dazu. Leute die jahrelang gearbeitet haben, und dann arbeitslos werden, werden durch diesen Verlust der zwischenmenschlichen Kommunikation regelrecht krank

wahr aber mann kann auch genauso krank werden wenn mann jahrelang gezwungenermassen einem eine völlig unbefriedigende arbeit macht mit nervenden mitarbeitern usw weil mann sonst sehr wahrscheinlich nichts gescheiteres finden würde und nicht arbeitslos werden möchte....... das macht auch krank!

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Du kannst in einer Ehe mit einem Job verdammt unglücklich sein. Aber du kannst auch sehr, sehr glücklich sein, vielmehr als das möglich wäre, wenn du arbeitslos wärst. Dass jemand seine Beziehung nach der Hochzeit schleifen lässt und sich die Partner mehr und mehr verlieren, liegt an ihnen. Man kann sich auch regelmäßig Zeit für einander nehmen und darum kümmern, dass die Beziehung weiterhin gut läuft. Oder man kann, wenn es dafür zu spät ist, einsehen, dass es so nicht weitergeht- und entweder eine Paartherapie machen oder einen Schlussstrich ziehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man mit Mitte 30 noch so verliebt ist wie mit Anfang 20, aber dass man immer noch glücklich in seiner Beziehung ist und sich gegenseitig noch mit Respekt und Wertschätzung behandelt, anstatt dem anderen schon früh morgens den ersten Anschiss zu geben. Und wenn dir dein Beruf nicht gefällt, dann ist es deine Aufgabe, etwas daran zu ändern. Du könntest schauen, wie du deinen Job interessanter und ansprechender gestalten kannst. Vielleicht kannst du mehr mit den Kollegen unternehmen, um so ein engeres Verhältnis zu ihnen zu schaffen, oder dich im Betriebsrat engagieren oder dich mal freiwillig für eine Sonderaufgabe (z.B. bei Krankheitsausfall eines Kollegen) melden. Oder du könntest an Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen und dadurch deine Kompetenzen erhöhen. Oder du könntest dich versetzen lassen, wenn das möglich ist. Oder du könntest den Arbeitgeber wechseln. Oder du könntest dir einen neuen Arbeitsplatz mit anderen Aufgaben suchen. Oder du könntest die Arbeit beenden und eine neue Ausbildung oder ein Studium machen und danach in einer ganz anderen Position arbeiten. Das ist natürlich alles mit Anstrengung und Schwierigkeiten verbunden- wenn du deine Arbeit aufgibst, könnten finanzielle Engpässe entstehen und Lücken im Lebenslauf auftauchen und du müsstest dich deutlich mehr ins Zeug legen als bisher, um z.B. ein Studium oder eine Fortbildung zu meistern. Es könnte sogar existentiell beängstigend sein. Aber wenn du nicht bereit bist, das in Kauf zu nehmen, wenn dir deine Sicherheit wichtiger ist als eine spannende, erfüllende Arbeit, dann musst du dir klar machen, dass du derjenige bist, der diese Entscheidung trifft- da ist kein böses System, das dich versklavt. Du willst deine Sicherheit und deswegen gehst du einem Job nach, der dir keine Freude macht. Aus der eigenen Entscheidung heraus. Gut, unser System könnte natürlich jedem ein bedingungsloses Grundeinkommen zahlen, egal ob er arbeitet oder nichts tut- aber wäre das wirklich fairer? und wäre das vor allem überhaupt umsetzbar? Also, du hast die Entscheidung selbst in der Hand, was du aus deinem Leben machen willst und wie du es gerne gestalten möchtest.

Arbeitslosigkeit ist nicht so schön, wie es klingt. Du kannst ausschlafen und hast keinen Stress mehr und keine Probleme auf der Arbeit und keine Zukunftsängste, aber auch nur, weil du ganz weit unten angekommen bist. Du brauchst keine Angst vor der Armut haben, weil du schon arm bist. Mit jedem Jahr wächst deine Perspektivlosigkeit. Du hast kaum noch Ziele. Du kannst dich in Hobbys nur so weit verwirklichen, wie du es bezahlen kannst. Du kannst dich zwar verwirklichen, indem du eine Familie gründest, aber du musst dann auch immer mit dem leisen inneren Vorwurf leben, dass du deinen Kindern nichts bieten kannst. Und bei Geldmangel sind Ehe- und Familienprobleme oft noch viel kritischer als sowieso schon. Also was dein Freund so erzählt, klingt für mich wie der verzweifelte Versuch, sich seine Lage ein bisschen schöner zu reden.

Eines der krankmachenden Fehler in diesem System ist, dass es ziemlich abhängig macht und die, die davon profitieren oder keine Probleme (mehr) verspüren (können) dieses System verteidigen und hoch heben.

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