objektive Hermeneutik und latente Sinnstruktur?

4 Antworten

Es gibt keine objektive Hermeneutik! Diese ist lediglich ein hochabstrakter Anspruch. Dennoch ist der Versuch wichtig, möglichst an ein "angemessenes Verständnis" von Informationen zu kommen. Hermeneutik bedeutet Deutung und wissenschaftlich betrieben bedeutet Hermeneutik die offene Darlegung, über welche Teilanalysen eine Gesamtanalyse gefunden wurde. Jeder Text, jedes Bild, jede Musik, jeder Film usw. haben einen Absender, der in seiner Zeit Menschen in dem Verständnis seiner Zeit erreichen und evtl. manipulieren will. Die größte Gefahr ist eine vorzeitige Wertung. Wir tun uns doch schon schwer, heutige Publikationen zu bewerten wegen der Fülle möglicher Theorien, die zugrunde liegen können, Rollenverhalten, Verständnisfehler und Vorurteile eingeschlossen. Eine Hermeneutik, die den Anspruch größtmöglicher Nähe zum ursprünglichen Sinn einer Äußerung erfüllen will, wird immer nur fächerübergreifend funktionieren.

Im Beitrag "objektive Hermeneutik" in Wikipedia ist auffallend, wie sehr abstrahiert wird und der Versuch gemacht wird, teils Unlogisches mit Hilfe von Logik, Mathematik und Formelzwang zu bezwingen, sozusagen Interpretation zu verwissenschaftlichen in dem Wissenschaftsverständnis, dass Mathematik und Formelkram die Garantie von Wissenschaftlichkeit sind. Was ist eine objektive Bedeutung: Der statistische Mittelwert der Positionen von Islam und Christentum? Bei mir klingeln schon die Alarmglocken, wenn von latenten (verborgenen) Strukturen die Rede ist. Da heißt es "bei den historischen Strukturen ... hingegen finden sich Stufen der Latenz (der Verborgenheit) vom Unbewussten, Vorbewussten bis zum partiell Bewussten." Gerade das sogenannte Unbewusste ist das Tummelfeld aller Deuter, von Objektivität keine Spur. Denn wenn die Struktur offensichtlich wäre, wäre sie ja nicht unbewusst. Sie wird also dem Handeln vom Deuter unterstellt. Was ist daran bei aller Formelei objektiv? Da immunisiert sich jemand gegen Kritik!

Der Begriff "objektive Hermeneutik" widerspricht dem Wesen der Hermeneutik, wie es bisher philosophisch herausgearbeitet wurde. 

Hermeneutik wird dort nämlich so definiert, dass sie gerade mit dem Wissenschaftlichkieitsideal bricht. 

Ferner kann ich mich den Erörterungen von berkersheim teilweise nicht anschließen, denn in der philosophischen Hermeneutik wird das Vorurteil nicht einfach kritisiert, sondern auch zu einem Instrument des Verstehens gemacht. Es gibt Vorurteile, dagegen können wir nichts (sie sind einfach ein Teil unserer Geschichtlichkeit), und die Aufgabe des Hermeneuten besteht darin, die produktiven ins Spiel zu bringen. 

Ferner geht es in der klassisch-philosophischen Hermeneutik nicht um den "ursprünglichen Sinn", dieses Vorurteil wird sogar dezidiert bekämpft.

Der Begriff "latente Sinnstruktur" verweist eindeutig auf Freuds Traumdeutung und verbindet damit die Hermenetuk mit der Psychoanalyse, ein Versuch, der schon mehrfach unternommen wurde (unter anderen in Frankreich durch Paul Ricoeur)  - da kann aber wiederum von "objektiver Hermeneutik" nicht die Rede sein.

"latent" heisst hier im Zusammenhang, "verdeckt", zu Grunde liegend, also zu endecken, zu erforschen, aufzudecken, etc. aber als "a prori" - "vorhanden", .

Hermeneutik ist Deutungsversuch/ Deutungsabsicht und kann daher wie Berkersh.  auch erklärt, kaum "objektiv" sein, da sie  Sinn suchend von aussen, unterwegs ist, deskript, etc.

Etwas latent zugrunde Liegendes zu entdecken, zu entschlüsseln, kann auch ein Vorwand/ Versuch sein, erst Sinn zu suchen, zu sondieren,  zu entdecken, .etc


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