Neuplatonismus und Thomas von Aquin

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Thomas von Aquin kannte die Strömung/philosophische Richtung des Neuplatonismus und den auf diesen zurückgehenden gedanklichen Ansatz der negativen Theologie (Gott/das Höchste ist nicht mit Aussagen, die ihm bestimmte Eigenschaften zuschreiben oder mit diesen gleichsetzen, angemessen sagbar und begreifbar, sondern nur mit verneinenden Aussagen, Gott/das Höchste auf diese Weise nicht fassen zu können, weil Gott/das Höchste diese Bestimmungen übersteigt und sie deshalb nicht richtig anwendbar sind).

Thomas von Aquin ist schon durch sein Studium damit in Berührung gekommen. Denn vom Neuplatonismus hat es Einflüsse auf die christliche Theologie gegeben. Platonismus und Neuplatonismus waren außerdem damals an Universitäten und anderen Bildungszentren nicht völlig unbekannt.

Thomas von Aquin hat sich stark mit Aristoteles beschäftigt, aber auch Platonismus hat ihn interessiert und auf ihn eingewirkt. Platons Werke und die der Platoniker einschließlich des Neuplatonismus hat Thomas von Aquin allerdings nicht vollständig, sondern nur sehr lückenhaft gekannt. Ein Studieren der Texte war ihm insoweit möglich, wie ihm lateinische Übersetzungen zur Verfügung standen.

Thomas von Aquin hat zwei Texte (in der lateinischen Fassung) nicht nur gelesen, sondern auch kommentiert (Expositio in librum Dionysii de divinis nominibus; Expositio super librum de causis), die Gedanken der neuplatonischen Philosophen Proklos aufgegriffen haben:

Pseudo-Dionysius Areopagita, De divinis nominibus (Über die göttlichen Namen; griechisch: Πεϱὶ θείων ὀνομάτων [Peri theion onomaton])

Liber de causis (Buch über die Ursachen)

Wilhelm von Moerbeke hat 1268 eine lateinische Übersetzung von Proklos, Stocheiosis theologike/Stocheioses theologike (Στοιχείωσης θεολογική; Theologische Grundlegung/Elementarlehre) vorgelegt (Elementatio theologica). Thomas von Aquin hat daran gemerkt, daß die zunächst von vielen Aristoteles zugeschriebene Schrift Liber de causis, die damals verbreitet war und starke Beachtung erhielt, die Proklos-Schrift verwertet hatte.

Jan A. Aertsen, Thomas von Aquin : Alle Menschen verlangen von Natur nach Wissen. In: Philosophen des Mittelalters : eine Einführung. Herausgegeben von Theo Kobusch. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2000, S. 187:  

„Der Neuplatonismus war Thomas von Aquin durch zwei Kommentare gut bekannt, durch seinen Kommentar zu der stark von Proklos abhängigen Schrift ›Über die göttlichen Namen‹ (›De divinibus nominibus‹) des Ps.-Dionysios Areopagita und durch einen Kommentar zu dem anonymen ›Buch der Ursachen‹ (›Liber de causis‹). Thomas war der erste im Mittelalter, der entdeckte, dass diese Schrift, welche Albert der Große Aristoteles zugeschrieben hatte, in Wahrheit einen Auszug aus der ›Elementatio theologica‹ des Proklos darstellte.“

Karl Bormann, Thomas von Aquin. In: Großes Werklexikon der Philosophie. Herausgegeben von Franco Volpi. Band 2: L - Z, Anonyma und Sammlungen. Stuttgart : Kröner, 1999, S. 1082:  

„Der Einfluß des Pseudo-Dionysios Arepagita auf T. zeigt sich besonders in der Methode der negativen Theologie, in der Lehre vom Schönen und von der Liebe.“  

T. = Thomas von Aquin

Thomas Rentsch, Theologie, negative. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10: St –T. Basel : Schwabe, 1998, Spalte 1103:  

„Auch THOMAS VON AQUIN knüpft an Dionysius an: «Quid est Deus nescimus» («Was Gott ist, wissen wir nicht»), bezieht seine n. Th. aber in den umfassenden Rahmen der Lehre von der «analogia entis» ein.“  

n. Th.= negative Theologie

Textverweise:

Thomas von Aquin, De potentia, quaestio 7, articulus 2, responsio ad obiectum 11; vgl. Summa contra gentiles I 30 und öfter

Vgl. Summa theologiae I, 3

Danke für die ausführliche Antwort, werde ich mir sogar ausdrucken !

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