Naiver Realismus?

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Der Begriff Realismus hat vielfältige Bedeutungen. In der Philosophie ist Realismus im Zusammenhang einer Gegenüberstellung von naivem und kritischem Realismus der erkenntnistheoretische Standpunkt (der eine ontologische Aussage einschließt) gemeint, es gebe eine vom Geist/Verstand/Bewußtsein unabhängige Welt und über diese seien (zumindest in einigem Ausmaß) Erkenntnisse/Wissen möglich.

Der naive Realismus ist keine richtige Darstellung der Sinneswahrnehmung und ihrer Erkenntnisleistung. Er setzt aufgrund mangelnden Problembewußtseins etwas als selbstverständlich voraus. Er nimmt an, die Dinge seien in der Wahrnehmung genau so gegeben, wie sie sind, unmittelbar ohne Zwischeninstanzen.

ontologischer Realismus: Theorie einer unabhängig von menschlichen Bewußtsein existierenden Welt/Wirklichkeit (gegensätzliche Auffassungen sind zumindest einige Varianten des radikalen Konstruktivismus und der Solipsismus)

erkenntnistheoretischer Realismus: die Dinge der Realität sind zumindest in einem gewissen Umfang und bis zu einem gewissen Grad erkennbar; der wissenschaftliche Realismus vertritt die Auffassung, es existiere eine vom menschlichen Denken unabhängige Wirklichkeit und die Bestätigung einer wissenschaftlichen Theorie begründe die Annahme, die Wirklichkeit sei (wenigstens annähernd) so beschaffen, wie von der Theorie ausgesagt (Gegensatz: radikaler Skeptizismus)

Antirealismus bestreitet dies grundsätzlich und verneint also die Existenz einer von einem Subjekt unabhängigen Welt und ihre Erkennbarkeit.

Der Unterschied der beiden Varianten des Realismus geht im Kern schon aus der Wortbedeutung hervor. Naiv stammt vom französischen Wort naïf und bedeutet, kindlich, einfältig, harmlos, unbefangen, gutgläubig, vertrauensvoll. Es ist vom lateinischen Partizipialadjektiv nativus („geboren“; das Verb nasci heißt „geboren werden“) abgeleitet, das „angeboren“, „natürlich“, „ursprünglich“ bedeuten kann. Kritisch stammt von dem griechischen Adjektiv kριτικός, zu dem Verb κρίνειν mit der Bedeutung „unterscheiden“ und „urteilen“. Wer kritisch ist, setzt seine Unterscheidungsfähigkeit ein. In der Philosophie kann Naivität kein haltbarer Standpunkt sein, weil kritisches Nachdenken und Reflexion unumgänglich sind. Die inhaltliche Position zu einer Frage könnte höchstens auf einer reflektierten/bewußteren Stufe vertreten werden.

Naiver Realismus nimmt die Existenz einer vom Geist/Verstand/Bewußtsein unabhängigen Außenwelt an und meint, die Dinge seien genau so, wie sie wahrgenommen werden. Die Erkennbarkeit der Dinge, wie sie wirklich sind, wird uneingeschränkt vorausgesetzt. Der naive Realismus sagt: „Es gibt eine reale Welt; sie ist so beschaffen, wie wir sie wahrnehmen.”

Dies ist eine Einstellung, bei der eine kritisch-erkenntnistheoretische Reflexion unterbleibt und die Inhalte der Wahrnehmung und das Ansichsein des Wahrgenommenen identifiziert bzw. genauer ausgedrückt in unbefragter Selbstverständlichkeit als Einheit verbunden werden.

Diese implizite (nicht reflektierte) erkenntnistheoretische Annahme scheitert an dem Auftreten von Sinnestäuschungen und der nicht abstreitbaren Rolle des Denkens beim Erkennen:

1) Die Sinneswahrnehmung ist keine völlig zuverlässige Gewähr für die Realität. Etwas ist nicht unbedingt so, wie es zu sein scheint.

2) Wahrnehmung ist kein passives Geschehen, bei dem die Gegenstände unmittelbar ein getreues Abbild schaffen. Beim Wahrnehmen gibt es ein aktives Erfassen durch das Subjekt. Dieses hat auch eine Denkweise, mit der es deutet, trägt Formen der Anschauung in sich, die der Erfahrung vorausgehen.

3) Die Sinneswahrnehmung vergegenwärtigt nicht einfach immer genau eine Sacheinheit und diese ganz, sondern es ist in bestimmten Fällen eine Erschließung durch begriffliches Denken nötig.

Dagegen kann eine eingeschränkte Variante des Realismus, kritischer Realismus, mit Argumenten gegen den Standpunkt des Antirealismus vertreten und mit Erfolgsaussichten verteidigt werden: Es gibt eine vom menschlichen Denken unabhängige Wirklichkeit und diese ist zumindest bis zu einem gewissen Grad erkennbar.

Der kritische Realismus unterscheidet aber Wirklichkeit und Anschein, reflektiert menschliche Erkenntnismöglichkeiten sowie ihre Grenzen und begründet seinen Standpunkt. Aus dem Umstand, unsere Wahrnehmung (Bild der Wirklichkeit)/Vorstellung/Erkenntnis geistig herzustellen (zu konstruieren) folgt nicht zwangsläufig, die Wirklichkeit, von der wir Wahrnehmung/Vorstellung/Erkenntnis haben, sei einfach nur vom Gehirn/menschlichen Geist geschaffen und überhaupt nicht erkennbar, wie sie tatsächlich ist.

In Philosophielexika gibt es Hinweise, z. B:

Fritz Hoffmann, Realismus I.1. Begriff. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 148 - 150

Tobias Trappe, Realismus I.2. Altertum. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 150 – 156

Wilhelm Halbfass, Realismus II. 1 Realismus vs. Idealismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 156 – 159

Wilhelm Halbfass, Realismus II. 2 Kritischer Realismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 159 – 160

Wilhelm Halbfass, Realismus II. 3- Naiver Realismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –Sc. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 160 – 161

Marc Grünewald, Realismus II. 4 Ch. S. Pierce. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –Sc. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 161 – 162

Günter Abel, Realismus III. Analytische Philosphie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –Sc. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 162 – 169

Gerhard Plumpe, Realismus IV. Literatur und Kunst. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –Sc. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 170 - 178

Holm Bräuer, Realismus. In: Handwörterbuch Philosophie. Herausgegeben von vWulff D. Rehfus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (UTB : Philosophie ; 8208), S. 581 – 585

Der Artikel enthält die Aussage, in Anknüpfung an Kant unternehme der Neukantianismus eine Kritik des so genannten naiven Realismus, der darin besteht, unkritisch die Inhalte der Wahrnehmung mit den wahrgenommenen Gegenständen gleichzusetzen. Im Gegensatz dazu vertrete der kritische Realismus eine Auffassung, die nur einen eingeschränkten, durch erkenntniskritische Erwägungen beschränkten Zugang zu den an sich seienden Gegenständen anerkennt.

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Wahrnehmung ist prinzipiell etwas, das zufällig geschieht. Ein Geschehen, das unbeabsichtigt vor sich geht ...

Du nimmst zufällig einen Geruch wahr- achtest du konkret darauf, ist es wieder Beobachtung..

Insofern denke ich, das es doch personell bedingte Faktoren vorraussetzt.

Deine Frage ist im Übrigen sehr interessant!

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