Muss in büchern immer die Wahrheit stehen?

13 Antworten

Meine Frage ist mehr, ob es überhaupt möglich ist, daß in Büchern die Wahrheit steht.

Wahrheit ist mehr als geschriebene Worte. Ein Text enthält nur Begriffe, aber er enthält nicht, wie der Autor im Augenblick des Schreibens gedacht und gefühlt hat, welche vorherigen Begebenheiten (ärgerliche oder gute) seine Ausdrucksweise beeinflußt haben, und schon gar nicht kann man einem Text die Körpersprache des Autors entnehmen.

Vom persönlichen Gespräch her wissen wir, daß feine Nuancen in der Betonung einem gesprochenen Satz bereits eine völlig andere Bedeutung geben können. Ebenso wissen wir, daß es auch dazu kommen kann, daß man einen falschen Begriff verwendet, so daß Mißverständnisse auftreten.

Weil wir in der Schriftsprache das Denken und Fühlen des Autors nicht erkennen können, lesen wir ersatzweise mit unserer eigenen gegenwärtigen Stimmung, die zusammen mit den Begriffen die für uns maßgebliche Bedeutung des Gelesenen generiert.

Ein anderer Punkt ist die Wahrheit selbst. Für Menschen gilt deshalb etwas als wahr, weil wir glauben, daß es wahr wäre, nicht mehr und nicht weniger. Ein gutes Beispiel dafür ist die Wissenschaft. Was gab es da nicht schon alles, das als "wissenschaftlich bewiesen" angesehen wurde und Jahre oder Jahrzehnte später als geballter Unsinn enttarnt wurde! Insoweit wäre also auch ein Lexikon etwas, das nicht unbedingt die Wahrheit enthält.

Und sogar die Mathematik macht Probleme. Zwar wissen wir, daß 1+1=2 ist. Aber was ist mit jemandem, der ganz fest glaubt, daß das richtige Ergebnis nur 3 sein kann? So einer wird alle, die meinen, daß 2 herauskommt, für "blöd" halten. Ebenso wird der Wahrheitswert hinterfragbar, wenn man daran denkt, daß es auch Zeiten gab, in denen sich 50 "Gelehrte" darüber stritten, welches der richtige Wert der Kreiszahl Pi wäre.

Die einzigen Bücher, bei denen du sicher davon ausgehen kannst, dass darin nur die Wahrheit steht - zumindest die Wahrheit, wie sie zur Zeit des Erscheinens bekannt war - sind Lexika.

Und weißt du was? Es ist sehr spannend zu lesen, wie sich die Wahrheit - der Stand des Wissens - verändert. Ich habe ein wunderschönes Konversationslexikon von 1897, und manchmal schmökere ich darin. Die Geographie hat sich verändert, die Wissenschaft hat sich verändert, die Medizin hat sich verändert, die Kommunikation hat sich verändert, die Art des Reisens hat sich verändert ...

Aber alles was in diesem Lexikon steht, war Ende des 19. Jahrhunderts die Wahrheit.

Sachbücher sollten stets das Ziel haben, Gegebenheiten und Tatsachen objektiv und faktisch korrekt darzustellen oder zumindest so korrekt und konkret wie es im gegebenen Fall möglich ist.

Belletristik hat mit "Wahrheit" nichts am Hut.

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