Mittelalter - Hexen und Zauberer... (unten weiterlesen) ;)

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Hexenverfolgungen und Verbrennen hat es in Europa vor allem in der frühen Neuzeit gegeben.

Für das europäische Mittelalter ist die Aussage nicht zutreffend. Die Anzahl der Fälle war eher gering, dies keine durchgehende Erscheinung und Frauen erst einmal nicht häufiger Opfer. Eine Entwicklung dazu hat erst im Spätmittelalter allmählich eingesetzt.

Vorwürfe ritueller Magie hat es bei der Bekämpfung von als Häretiker (Ketzer) eingestuften Menschen durch die Kirche gegeben, angebliche betriebener Dämonenverehrung auf geheimen Zusammenkünften, einem Ketzersabbat mit Allgegenwart des Teufels und seiner dämonischen Gehilfen. Dies waren unterstellende und verleumdende Phantasien der Verfolger. Durch die Prozeßverfahren und Prozeßakten über angebliche Geständnisse (durch Druck und Folter erpreßt) konnten sie den Anschein von Tatsachen erhalten. Die Konstrukte wurden von der Bevölkerung aufgenommen und kamen in volkstümliche Vorstellungen hinein. Zunächst getrennt aufgetretene Feindbilder näherten sich an, verstärkten sich gegenseitig und verschmolzen schließlich zur Vorstellung einer neuen ketzerischen Hexensekte. Denn nachdem eine Zusammenarbeit von Menschen und Dämonen für wirkmächtig gehalten wurde, lag es nahe, als mutmaßlichen Grund nicht nur Machsteigerung anzunehmen, sondern auch Wünsche nach Rache und Schädigung. Eine ältere abergläubische Vorstellung der Schadenszauberei wurde Bestandteil des Bildes von Ketzerei.

Im Europa der frühen Neuzeit waren Frauen insgesamt deutlich häufiger Opfer von Hexenverfolgung. Bei den einzelnen Ländern hat es aber Abweichungen gegeben. In einigen nordeuropäischen Ländern wurden erheblich mehr Männer als Frauen hingerichtet.

Gründe für eine größere Häufigkeit der Hinrichtung von Frauen waren:

  • Unterstellung einer körperlichen und geistigen Schwäche der Frau und damit größere Verführbarkeit: Eine über lange Zeit vorherrschende Meinung (verbreitete Vorurteile) über geringere weibliche Stärke auch in geistig-seelischer Hinsicht begünstigte die Zuschreibung einer größeren Anfälligkeit von Frauen und eine bevorzugte Suche (wegen wegen ihrer angeblich leichteren Beeinflußbarkeit) nach ihnen als Verbündete durch Teufel/Dämonen.

  • vorkommende Sexualisierung in der Deliktbeschreibung: Geschlechtlicher Verkehr zwischen Menschen und Dämonen, Teufelsbuhlschaft und eine Unterwerfung unter ein als männlich verstandenes Wesen kamen in die Vorstellung von Hexerei hinein. So etwas ließ in erster Linie Frauen verdächtig erschienen.

  • Naheliegen einer Verdächtigung auf Schadenzauber in Bereichen, in denen vor allem Frauen tätig waren und ihnen so etwas, nachdem sich ein Aberglaube festgesetzt hatte, besonders leicht zugetraut werden konnte: Nahrungszubereitung, Geburtshilfe, Aufziehen von Kindern, Krankenpflege und Versorgung von Tieren waren in einem starken Ausmaß Tätigkeitsgebiete von Frauen. Wenn Hexerei als Erklärung für Unglücksfälle in Frage kam, war eine Beschuldigung von Frauen, die ja Gelegenheit dazu gehabt hätten, besonders naheliegend.

  • geringere rechtliche Stellung von Frauen: Eine geringere rechtliche Stellung von Frauen konnte bei Konflikten Frauen als eher angreifbar erscheinen lassen.

  • Naheliegen einer Unterstellung aufgrund geringerer sonstiger Möglichkeiten für Frauen: Frauen hatten insgesamt weniger Aussichten als Männer, mit Körperkraft und Waffengewalt gegen andere vorzugehen, auch ihre gesellschaftliche Macht war stärker eingeschränkt. Eine Verdächtigung, als Ersatz dafür zu anderen, heimtückischen Mitteln zu greifen, konnte auftreten (ein ähnlicher Gedanke wie Giftmischerei als typisch weiblich zu verstehen).

Walter Rummel/Rita Voltmer, Hexen und Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008 (Geschichte kompakt), S. 27 – 28 (zu Trakaten des 15. Jahrhunderts):
„Mit der hier erkennbaren Konzentration auf weibliche ‚Täter‘ erhält das neue Hexereidelikt im Vergleich zum ‚Vorläufermodell‘ der klassischen Ketzerei sein letztes konstitutives Merkmal. Der Übergang von den Ketzerverfolgungen alter Prägung zur neuen Hexenverfolgung zeigt sich daher auch in den entsprechenden Änderungen der Fahndungsbilder. Zwar standen, wie bei den Ketzereiprozessen, in den frühen Verfahren wegen Hexerei noch Männer im Vordergrund, ebenso wie auch literarische Zeugnisse dieser frühen Zeit Männer als Urheber der neuen Hexensekte ansahen. Aber schon in den größeren Verfolgungen der 1430er und 1440er Jahre gibt es einen deutlich höheren Anteil weiblicher Angeklagter.

Für diese rasche Feminisierung der neuen Deliktvorstellung […] sind mehrere Gründe zu nennen:

-- Die klassische Ketzerei galt noch in einem umfassenden Sinne als ein Glaubensdelikt, das auf entsprechenden Überzeugungen und aktivem Handeln der Ketzer beruhte. Mit der Ausprägung der Vorstellung von der neuen Ketzerei der Hexen veränderte sich diese Annahme. Jetzt standen die meist sexuelle Verführung durch den Teufel und die Unterwerfung unter diese männlich verstandene Figur im Mittelpunkt.

-- Zu dieser auf Verführung und Unterwerfung beruhenden neuen Organisationsform der Hexenketzerei kam mit der Schadenszauberei ein Delikt hinzu, das vermutlich schon immer in der populären Vorstellung als eine eher weibliche Handlungsoption gegolten hatte, weil sie als Kompensation für die den Frauen auferlegten gesellschaftlichen Einschränkungen plausibel erschien. Doch auch in der Realität hatten Frauen aufgrund der geschlechtstypischen Rollenverteilung mehr Bedarf an der Ausübung einfacher magischer Praktiken (Heil- und Schutzzauberei); deren Ambivalenz ihnen leicht den Vorwurf der Schadenszauberei einbrachte. Außerdem waren ihre alltäglichen Wirkungsbereiche - Aufzucht der Kinder, Haus- und Hofwirtschaft - besonders anfällig für jene Kalamitäten, welche auf Schadenszauberei zurückgeführt werden konnten.

-- Darüber hinaus transportierte die für Hexerei typische Flugvorstellung ältere Phantasien, die allesamt ebenfalls weiblich besetzt waren: Der Strigen- und Feenglaube sowie die vom Canon Episcopi verdammte Vorstellung, dass Frauen mit den heidnischen Göttinnen Diana und Herodias durch die Nacht ‚fahren‘ würden. Eng damit verknüpft blieb die Vorstellung vom so genannten Nachtmahl der ‚guten Frauen‘, die sich angeblich heimlich in den Häusern der Menschen zum Essen trafen –erwähnt in der St. Germanus-Legende.“

S. 71 - 72: „Der für seine extreme Frauenfeindschaft bekannte Hexenhammer (1486/87) verstärkte nur eine schon bestehende Entwicklung, wobei er praktisch alle seit der Antike existierenden misogynen Vorurteile, und seien sie noch so trivial, verwandte, um eine angebliche besondere Sensibilisierung des weiblichen Geschlechts für die Einflüsterungen und Verführungen des Teufels zu konstatieren: Frauen seien von Natur aus boshaft und streitsüchtig, in Reaktion auf ihre gesellschaftliche Schwäche und Minderstellung rachsüchtig und neidisch, zudem leichtgläubig, glaubensschwach und ganz monoman ihren sexuellen Begierden ausgeliefert.

Institoris schöpfte zwar aus der literarisch überlieferten Frauenfeindschaft der gelehrten, doch wusste er auch um den spezifisch weiblichen Lebens- und Arbeitskontext. So beschrieb er konkrete alltägliche Situationen, aus denen Zeitgenossen, vom Nachbarn bis zum Inquisitor, Material für die Verdächtigung insbesondere von Frauen finden konnten: Streit nach Weiberart und Unglücksfälle, deren Hintergründe in den spezifisch weiblichen Pflichten der Nahrungszubereitung, Geburtshilfe, Kindererziehung, Krankenpflege und der Versorgung des Milch- und Kleinviehs zu suchen war.

Die absolut frauenfeindliche Zuspitzung im Hexenhammer wurde erstaunlicherweise von den führenden katholischen Dämonologen des 16. Jahrhunderts so nicht übernommen. Vielmehr hielten diese weiter fest an der Vorstellung vom Hexensabbat als einem zweigeschlechtlichen Treiben, möglicherweise eine Folge der tiefen Verankerung des Hexenthemas in der altkirchlichen Ketzerverfolgung des späten Mittelalters. Dagegen zeichnete sich auf protestantischer Seiet ein ausgeprägtes Verständnis von Hexerei als spezifisch weibliches Delikt ab. So definierte Martin Luther († 1546) Zauberer [!] und Hexen als die bösen Teufelshuren und übersetzte die immer wieder zitierte Bibelstelle aus dem Buch Exodus (im Unterschied zur katholischen Vulgata) mit der aus dem hebräischen Original stammenden weiblichen Form: Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen. Dies sollte die fatale Folge haben, dass für Protestanten als getreue Bibelexegeten die Hexerei grundsätzlich von Frauen ausging. Doch unabhängig von der konfessionellen Prägung wurde das frauenbezogene Verständnis von Hexerei allein dadurch aufrechterhalten, dass immer dann, wenn der nächtliche Hexenflug zur Sprache kam (Canon-Episcopi-Diskussion), von weibern die Rede war, ein deutlicher Beleg dafür, wie geschlechtsspezifisch prägend diese alte Vorstellung blieb.“

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S. 79 – 80: „Niemand wird heute mehr bezweifeln wollen, dass Hexereiverdacht, Hexenverfolgung und die Kategorie Geschlecht in einem fatal engen Konnex standen. Darauf verweisen allein schon die Hinrichtungszahlen, nach denen – wenn auch mit regionalen Verschiebungen – 70-80 % aller Opfer Frauen waren. Dieses makrohistorische Bild wird durch den Blick in einzelne Regionen jedoch wieder revidiert. So gab es auch Gegenden, in denen wesentlich mehr Männer hingerichtet wurden, wie beispielsweise in Island, Estland und Finnland; denn hier war das klassische westeuropäische Hexenstereoptyp kaum adaptiert worden. Auch im Waadtland lag mit einem Drittel die Zahl der männlichen Opfer verhältnismäßig hoch. Wahrscheinlich war diese Quote das Resultat eines konsequent zweigeschlechtlich gedachten Hexensabbats, der auf die noch lebendige Tradition der klassischen Ketzerei mit ihrer zweigeschlechtlichen Organisation zurückweist […]. In der Normandie waren sogar zwei Drittel der insgesamt 100 Hingerichteten Männer, wobei die Zahl der Angeklagten ‚Hexenmeister’ nach 1600 kontinuierlich anstieg. Verantwortlich dafür kann wahrscheinlich die besondere Deliktvorstellung sein, nach der es besonders Krötengift und gestohlene Hostien waren, welche angeblich von Schäfern und Pfarrern für Schadens- und Heilzauber gebraucht wurden.

Grundsätzlich bleibt auffällig, dass – wiederum aus der Makrosicht – in katholischen Regionen bis zu dreißig Prozent Männer hingerichtet wurden, während in protestantischen Gebieten und Territorien – wie zum Beispiel Schweden, Dänemark, den Niederlanden, England und Schottland – achtzig bis neunzig Prozent weibliche Hingerichtete nachzuweisen sind, ein Befund, welcher sich aus der spezifisch protestantischem Deliktbeschreibung erklärt […].“

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@Albrecht

Eine sehr ausführliche Antwort! Tolle Sache, dafür ein DH!

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Es gab viel mehr Kräuterhexen als Hexenmeister wie es auch heute noch viel mehr Krankenschwestern gibt als Ärzte, wobei der Vergleich hinkt. Aber Frauen reden mehr. Das heißt sie haben öfter ihr "geheimes" Wissen preisgegeben als Hexenmeister die ja immerhin Blei zu Gold verwandeln wollten. Und wie es auch heute noch ist. Geld regiert die Welt. Guten Tag.

Beschäftige dich einfach mal mit dem Thema "Hexenhammer". Darin findest du den Grund. In diesem Buch, dass die Grundlage für viele Hexenverbrennungen war - bzw. Hinrichtungen - kommen hauptsächlich Frauen vor.

Schlage das mal bei Wiki nach, so bekannt war das Buch gar nicht...

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@riara

Doch. Der Hexenhammer gehörte dank Buchdruck zu den Bestsellern seiner Zeit und fand rasend schnelle Verbreitung. Unabhängig davon ist es dem ohne jeden Zweifel geisteskranken Autor gelungen, an diffusen Ängsten, Vorurteilen sowie sexuell abartigen Phantasien seiner Leserschaft anzuknüfen.

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@holodeck

Wieso war es ein Bestseller, weil es bei jeder Welle der Hexenverfolgung in den jeweiligen Gebieten feil geboten wurde?

Genau das ist das Problem, das Buch hat keine Hexenverfolgung losgetreten sondern war im Prinzip ein historischer Trittbrettfahrer, es existierte 500 Jahre vor dem Hexenhammer bereits ein ähnliches Werk, ohne jegliche Folgen...

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@riara

Nein, weil es schon davor die Runde in Europa machte und praktisch keine Bibliothek, die was auf sich hielt, ohne Hexenhammer auskam.

Ich habe leider nicht alle Details mitbekommen bei der letzten history Sendung, weil ich genau in das Ende der Buchdruckszene hineingeriet und dann sofort die Verbreitungskarte eingeblendet wurde ;-))

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@holodeck

http://www.scribd.com/doc/26149431/Heinrich-Kramer-und-Jacob-Sprenger-Der-Hexenhammer-Malleus-Maleficarum-1487-kommentierte-Neuubersetzung

...der Link wird sicher wieder zersetzt, aber zur Not einkopieren...:-)

Die kommentierte Ausgabe beschreibt es in Ihrer Einleitung ganz gut, historische Bewertungen der letzten 20 Jahre haben den Einfluss dieses Buches relativiert, ich bin mir aber dem Umstand bewusst, dass das Sensationelle, das mit diesem Buch verbunden wird, immer noch überwiegt, vergessen wir nicht die feministischen Argumentationslinien, die sich mit der ganzen Hexengeschichte verbinden...

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@holodeck

Holodeck hat recht. Der Hexenhammer war ein Buch zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hat den Nerv der Zeit eben besonders gut getroffen. Gemessen am damaligen Verbreitungsgrad von Büchern war es wirklich ein Bestseller und wurde bei vielen Prozessen als Leitfaden verwendet.

Auch spätere Werke bezogen sich auszugsweise bzw. in Anlehung an dieses Werk.

Auch heute noch gibt es Bücher, die super erfolgreich werden, obwohl es ähnliche Bücher mit ähnlichen Geschichten schon lange vorher gab. Allerdings ist die Art und Weise, wann ein Buch erscheint und auch in welchem Kontext (also von wem) es geschrieben wurde und und und entscheidend für den Verbreitungsgrad.

Was genau die Leute dazu bewogen hat, es ernst zu nehmen, das steht auf einem anderen Blatt. Dazu müsste man Zeitzeugen befragen und die meisten Leute davon sind meines Wissens nach schon gestorben, wenn sie nicht mehr leben.

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@riara

riara, was verlinkst Du mir denn da?

"Geistige Sumpfluft"?
Herrlich!

Hoffentlich schaffe ich es, mir das zur späteren Verwendung zu merken.
Was für ein kraftvolles Bild .. ich rieche förmlich den schweflig abgestandenen Moder des Wahnsinns aufsteigen und höre giftgrünschillernde Heerscharen an aasfressenden Schmeißfliegen in immer wiederkehrenden Schleifen über den trüben Wassern brummen. Jetzt und in alle Ewigkeit.

Bedankt, wie der Soli sagen würde ;-)))

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@holodeck

Lies die Einleitung...:-))

PS: Der Rest ist auch höchst interessant, auch wenn ich das Original im Neu-Hochdeutsch auch sehr empfehlen kann, schauriger ist es allemal...Leider ohne Bilder...:-((

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@PieOPah

Bitte nicht alles verwurschteln, die Reichsprozessordnung basiert nicht auf diesem Buch, sondern der Autor orientiert sich z.T. daran, die Ursprünge der Inquisitionsprozesse und der darauf resultierenden Prozessordnung gehen auf das 12. Jh zurück, auch die Halsgerichtsordnung Karl V. beruht keineswegs auf dem Hexenhammer...

Was genau die Leute dazu bewogen hat, es ernst zu nehmen, das steht auf einem anderen Blatt.

Genau das ist das Problem, laut allgemeiner Historik war das Werk bereits kurz nach seiner Entstehung als grausam und unsachlich verschrien, seine Berühmtheit verdankt es sicher auch dem Stil, etwa so wie heute Horror-Klassiker dürfte man sich damals auch schon daran erfreut haben, leider vergisst man schnell die Analphabeten-Quote...wer konnte das schon lesen?

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