Masturbation im Buddhismus?

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4 Antworten

Hallo Veterinaria,
eine gute und relevante Frage, von der mir einige kontroverse Meinungen bekannt sind. Dies im allgemeinen Bezug auf sinnliches Vergnügen, wobei die Masturbation - oder sexuelle Befriedigung generell - in diesem Bereich des Vergnügens als die intensivste Erfahrung gilt. Diese Kontroversen bestehen, obwohl in den Urtexten des Buddhismus unzweideutige Aussagen vom Buddha bezüglich des Sinnengenusses zu finden sind. Ich möchte, um die Frage zu beantworten und einen kleinen Beitrag zur Schlichtung der Kontroversen zu leisten, gerne einige zusammenfassende und kommentierende persönliche Aussagen machen, und als Referenz für diese Aussagen einige Zitate aus den Lehrreden des frühen Buddhismus (wie sie im Pali-Kanon heute noch erhalten sind) heranziehen. So erfährst du, wie gewünscht, auch was der Buddha sagte - nicht explizit durch die Behandlung des Thema´s 'Masturbation', aber indirekt durch den Bezug auf die Sinnlichkeit. Zuerst möchte ich einige Zeilen mit allgemeineren Aussagen über die Sinnlichkeit im Lichte der Buddha-Lehre anführen, dabei auch verschiedene Stufen berücksichtigen, in welchen Betätigungen im Sinnengenuss gegliedert wurden. Danach dann von mir ein vermehrter Fokus auf die Sinnlichkeit, auch vermehrt angereichert durch Zitate. Die Zitate sind jeweils in Kursivdruck. Ich werde etwas länger Antworten um dir so hoffentlich ein besseres Bild geben zu können - ich hoffe das ist dann zum Vorteil für dich.


Allgemeines und Berücksichtigung der Entwicklungsstufen


Die Lehren in den Urtexten des Buddha weisen eindeutig in Richtung Entsagung vom Sinnengenuss. Es finden sich energischste Aussagen, man solle die Sinnenlust lassen und meiden. Für buddhistische Ordensmitglieder ist die Enthaltsamkeit ein Grundpfeiler und der Bruch der Enthaltsamkeitsregel führt zu einem Ausschluss aus dem Orden. Für Nicht-Ordinierte, die sich noch nicht in der Lage fühlen den Weg der Entsagung so konsequent zu gehen, gelten mildere Regelungen und Weisungen - die Ausrichtung auf Entsagung wird aber auch hier von der Essenz der Lehre des Buddha geprägt und geleitet. Diese Essenz der Religion des Buddha - die Lehre von der Befreiung von allem Leiden und der Verwirklichung von höchstem Glück - ist in allen Fällen (Mönch oder Laie) die Lehre des mittleren Pfades (der edle achtfache Pfad), welcher die Extreme des Sinnengenusses und der Selbstkasteiung (z.B. die Schmerzensaskese einiger mittelalterlicher christlicher Mönche) vermeidet und einen Weg angibt, der, gegründet und durchzogen von ethischem Verhalten (Enthaltung vom Töten, Stehlen etc.), hin zu einem Geisteszustand führt, der fern allen Sinnengenusses ist (zeitlich begrenzt in der Meditation und permanent in letztendlicher Befreiung im Zustand des Nirvana). Gestützt auf diese geistige Reinheit (ein Glück weitaus intensiver als alle Sinnlichkeit) dann hin zu einer dauerhaften Befreiung durch Weisheit (Erkenntnis des Leidens in der Sinnlichkeit dabei als essenzieller Bestandteil - dies auch im Kontrast zum Glück der Befreiung). 

In den Texten des Buddhismus findet sich eine Beschreibung, die den Weg als Haushälter (hier ein ethisch korrekter und auch auf Befreiung ausgerichteter aber noch den Sinnesgenüssen zugewandter) mit dem des Hauslosen (also dem der entsagenden Mönche und Nonnen) in ein Verhältnis setzt, welches dem Kräfteverhältnis von einem alten Esel und einem Pferd entspricht (die Details können abweichen). Wenn man Masturbation betreibt, ist man dabei nicht kategorisch abgefallen von der Lehre des Buddha, schiebt aber die wirkliche Befreiung schaffende Praxis des mittleren Weges auf, zumindest im Moment der sexuellen Befriedigung. Der Buddha lobte enthaltsame Haushälter vor denjenigen, welche sexuell aktiv waren. Hier ist aber eine stufenweise Entwicklung zu berücksichtigen, denn in der Regel wird eine mehr oder weniger lange Entwicklung vorausgesetzt (in Großzügigkeit, allgemeiner Sittlichkeit, mehr oder weniger starker Übung in Meditation, Geduld und, als ganz wichtiger Bestandteil und gewisse Frucht der vorher genannten Dinge, innere Freude, und dergleichen mehr). Deshalb findet sich in der grundlegenden Beschreibungen der Sittlichkeit für Haushälter auch nur die Weisung, man solle sich recht in den Sinnenlüsten verhalten, was u.a. auch bedeutet, man solle grob schädigendes Verhalten im Sexuellen vermeiden (z.B. Fremdgehen oder Verkehr mit Schutzbefohlenen oder minderjährigen).



Sinnlichkeit und deren Nachteile

Des Weiteren finden sich Beschreibungen über den Weg hin zu geistiger Ruhe (auch 'Vertiefungen' oder mehr landläufig 'Meditation' genannt), in denen der Buddha erst die körperliche Entfernung vom Sinnengenuss lehrt, bevor man sich effektiv auf dem Weg zu wirklicher, geistiger Stille und Unabhängigkeit begibt - etwas was Mönche und Nonnen aber auch entsagenden Haushälter sozusagen professionell und daher weitaus effektiver betreiben. Zur Verdeutlichung einige relevante Zitate aus den Lehrreden des Buddha:

"Keinem Begierdenwohle sich hingeben, dem gewöhnlichen, gemeinen, alltäglichen, unheiligen, unheilsamen,  und auch keiner Selbstkasteiung sich hingeben, der leidigen, unheiligen, unheilsamen: eben diese beiden Enden hat der Vollendete [der Buddha] beiseite gelassen und den mittleren Pfad aufgefunden, auf dessen Fährte man sehend und wissend wird, der zur Ebbung, durch Vertiefung, Erwachung, Erlöschung führt. (Die Lehrreden des Buddha aus der Mittleren Sammlung, Lehrrede 139)

"Da gewinnt ein Mönch ganz abgeschieden von den Sinnendingen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen... die erste Vertiefung... die zweite Vertiefung... die dritte Vertiefung... die vierte Vertiefung." (Die Lehrreden des Buddha aus Angereihten Sammlung, Buch IV, Lehrrede 169) 

Sinnenlust ist mit viel Trübsal und Leid verbunden und schafft wenig Befriedigung. Der Buddha Verglich den Genuss im Bereich der fünf Sinne mit einem Nagen an einem Fleischlosen bzw. mit Fleischfetzen behafteten Knochen, das Glück der Entsagung aber mit der Heilung eines Leprakranken, der bevor er Gesundung erfuhr, Befriedigung durch ein Ankokeln seiner entzündeten Wunden suchte (hier muss auch wieder der Kontrast zwischen ekstatischer Entrückung von der Sinnlichkeit und allgemein bekannter Erfahrung sinnlicher Befriedigung im Gedächtnis behalten werden). Der Buddha fand ein Glück um dessentwillen er das Glück der Sinne keineswegs beneidete - das Glück der Vertiefungen und das Glück der endgültigen Befreiung mit Unterstützung der Vertiefungen. Er ging dabei sogar soweit, das Glück der Sinne als ein 'kotiges Glück' zu bezeichnen. Zur Verdeutlichung einige verwandte und relevante Textstellen:

"[...] 'Vielmehr bin ich derjenige, der gefragt werden sollte: 'Wer verweilt in größerem Glück, König Seniya Bimbisāra von Māgadha oder der ehrwürdige Gotama?''- 'Gewiß, Freund Gotama, wir äußerten jene Worte übereilt und ohne gründliche Betrachtung. Aber lassen wir das. Nun fragen wir den ehrwürdigen Gotama: 'Wer verweilt in größerem Glück, König Seniya Bimbisāra von Māgadha oder der ehrwürdige Gotama?''" - 'Dann, Freunde, werde ich euch eine Gegenfrage stellen. Antwortet nach Belieben. Was meint ihr, Freunde? Kann König Seniya Bimbisāra von Māgadha verweilen, ohne seinen Körper zu bewegen und ohne ein Wort zu sprechen, und dabei sieben Tage und Nächte lang höchstes Glück empfinden?' - 'Nein, Freund.' [...] 'Aber, Freunde, ich kann verweilen, ohne meinen Körper zu bewegen und ohne ein Wort zu sprechen, und dabei einen Tag und eine Nacht lang höchstes Glück empfinden. [...] und dabei sieben Tage und Nächte lang höchstes Glück empfinden.'" (Die Lehrreden des Buddha aus der Mittleren Sammlung, Lehrrede 14)

'"Haushälter, angenommen, ein Geier, eine Krähe oder ein Habicht ergriffe ein Stück Fleisch und flöge weg, und dann flögen andere Geier, Krähen und Habichte auf und pickten und krallten nach ihm. Was meinst du, Haushälter? Wenn jener Geier, jene Krähe oder jener Habicht jenes Stück Fleisch nicht schnell losließe, würde er sich deswegen nicht den Tod oder tödliches Leid zuziehen?" - "Ja, ehrwürdiger Herr." - "Ebenso, Haushälter, erwägt ein edler Schüler: 'Sinnesvergnügen sind vom Erhabenen mit einem Stück Fleisch verglichen worden; sie bringen viel Leid und Verzweiflung ein, wobei die Gefahr, die in ihnen steckt, groß ist.' Nachdem er dies mit angemessener Weisheit der Wirklichkeit entsprechend gesehen hat, vermeidet er den Gleichmut, der auf Unterschiedlichkeit beruht, von Unterschiedlichkeit gestützt wird, und entfaltet den Gleichmut, der auf Einheit beruht, von Einheit gestützt wird, bei dem das Anhaften an die materiellen Dinge der Welt ganz und gar, ohne Rückstände, aufhört." (Die Lehrreden des Buddha aus der Mittleren Sammlung, Lehrrede 54)

Man muss nur einmal etwas eine ausreichende Versorgung von Gütern jeglicher Art einschränken (besonders Stark sichtbar bei einer Einschränkung bei der Grundversorgung aber auch, salopp ausgedrückt, bei einem Engpass bei Media Markt während der Einführung eines neune 'I-Phone' z.B.) und schon kann man sehen, wie in wohl den meisten Fällen solche Phänomene sichtbar werden, die mit dem obigen Gleichnis von den Krähen vergleichbar sind. 

Abschließend möchte ich noch einmal den Standpunkt des Buddha, seine Lehre von der Leidhaftigkeit der Sinnlichkeit, an einem alltäglichen Gleichnis etwas hervorheben. Dieses Gleichnis stellt auch einen indirekten Bezug zu Sexuellen (Mann - Frau) her.

"'Dann, ihr Bhikkhus, könnte der Mann denken: ,Ich liebe jene Frau, durch intensive Gier und Leidenschaft im Herzen an sie gefesselt; deshalb steigen Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung in mir auf, wenn ich sie bei einem anderen Mann stehen sehe, im Gespräch, scherzend und lachend. Wie wäre es, wenn ich Gier und Begierde bezüglich dieser Frau aufgeben würde?‘ Er würde dann Gier und Begierde bezüglich dieser Frau aufgeben. Bei späterer Gelegenheit könnte er jene Frau bei einem anderen Mann stehen sehen, im Gespräch, scherzend und lachend. Was meint ihr, ihr Bhikkhus? Würden Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung in jenem Manne aufsteigen, wenn er jene Frau bei einem anderen Mann stehen sieht, im Gespräch, scherzend und lachend?' - 'Nein, ehrwürdiger Herr.'" (Die Lehrreden des Buddha aus der Mittleren Sammlung, Lehrrede 101)

Ich hoffe ich konnte dir mit der Antwort einen kleinen Überblick verschaffen, bezüglich dem, was der Buddha zum Thema Sinnengenuss (damit auch in hinsichtlich der Masturbation) lehrte, hoffentlich dann hilfreich für dich.

Herzlichst
Dukkhanirodha

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Kommentar von Veterinaria
27.05.2016, 20:17

Wow, vielen Dank fuer deine ausfuehrliche Antwort! :)

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Ich bin Buddhist und werde versuchen, dir deine Frage zu beantworten.

Zu den fünf Sittlichkeitsgelübden eines Buddhisten gehört es auch "die Sexualität nicht zu missbrauchen", oder, anders gesagt, verantwortungsbewusst mit der eigenen Sexualität umzugehen.

Problematisch wird Sexualität erst dann, wenn sie Leiden schafft und beispielsweise zu Anhaftungen führt.

Ein Teil der Pornographie beruht auf der Ausbeutung von Darstellern, sie werden Gesundheitsgefahren ausgesetzt und insbesondere die Frau auf die Rolle als Sexobjekt reduziert wird.

Masturbation auf Basis von Pornographie ist also nach meiner Auffassung aus buddhistischer Sicht zumindest fragwürdig.

Auch wenn Masturbation zu Suchtverhalten führt und die Lebensqualität dadurch beeinträchtigt wird, ist das eine Form von Leiden, die auf Sexualität basiert.

Generell sind "Leidenschaften" etwas, das im Buddhismus zwar kritisch gesehen, aber als natürliches Bedürfnis des Menschen akzeptiert wird - man sollte es halt nicht übertreiben.

Es gibt also kein Masturbationsverbot im Buddhismus - eine entsprechende Regel gibt es nur für zölibatär lebende Mönche und Nonnen - sondern die Aufforderung, verantwortungsbewusst mit der Sexualität umzugehen.

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Ich stimme den bisherigen Antwortenden zu, liebe Veterinaria,

möchte allerdings noch ergänzen: Buddha hat dazu lt. sämtlichen bekannten Überlieferungen rein gar nichts gesagt, da er Wichtigeres zu tun hatte, als sich in die Sexualität seiner Mitmenschen einzumischen.

Buddha traute seinen Schülern m.E. zu, dass sie selbst merken, ab wann die Masturbation Anhaftung wird und zur Leidenschaft, die Leiden schafft.

Kleinliche Vorgaben und absurde Verbote zum Sexleben machen THEISTISCHE Religionen, die drohende, strafende Götter brauchen, die den Menschen Angst machen. All das widerspricht dem Grundgedanken des Buddhismus diametral, denn diese idiotischen Vorschriften schaffen Leiden, anstatt es zu verringern.

Im Nichiren-Buddhismus gibt es sogar die Aussage "irdische Begierden sind Erleuchtung" - vorausgesetzt, man betrachtet sie bewusst, erkennt sie als solche und geht verantwortungsvoll mit ihnen um.

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Der Buddhismus hält sich mit Verboten bezüglich der Sexualität allgemeinen zurück. Jedoch glaube ich zu verstehen, daß das komplett freie Ausleben der Sexualität auch hier nicht unbedingt begrüßt wird, da es ein Ziel des Buddhismus ist, Leiden zu vermeiden, und Begierde dem buddhistischen Glauben nach zu Leiden führt. Man möge mich bitte korrigieren, wenn ich mich da irre. Explizit verboten ist Masturbation hier jedoch definitiv nicht.

Aber selbst wenn es so wäre: Masturbation ist ein notwendiger und gesunder Vorgang. Sie zu unterdrücken, ist absolut schädlich. Diese Tatsache verdeutlicht ja auch so schön, daß die Regeln der Religionen diesbezüglich von keinerlei Göttern stammen können, sondern nur von ungebildeten Menschen. Kann natürlich auch sein, daß die Götter uns krank machen möchten. ;)

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