Martin Luther Zitat. was bedeutet das Zitat "Höchste Knechtschaft und höchste Freiheit, beides sind das höchste Übel" ?

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2 Antworten

Höchste Knechtschaft: Der Mensch hat überhaupt keine Verfügungsgewalt über sich selbst und ist völlig ausgeliefert => Gegen Menschenwürde.

Höchste Freiheit: Vollkommene Abwesenheit von Regeln, Normen und externen Zielen; aber auch die Stimme des Gewissens: Der Mensch ist sich selbst ausgeliefert. Das ist nur möglich auf eine unbewohnte Insel; nicht innerhalb der menschlichen Gesellschaft.

Beides verunmöglicht den Menschen, sich innerhalb der menschlichen Gesellschaft nützlich zu machen.

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Gesetzt, dass dieses Zitat tatsächlich von Luther sein sollte, ließe es sich vielleicht so verstehen: 

Höchste Knechtschaft bedeutet absolute Unterwerfung und damit die vollständige Ausschaltung vom Gebrauch der Freiheit. Hier ist problemlos zu erkennen, dass das ein extremes Übel ist.

Entscheidend ist nun natürlich die zweite Aussage, bei der auch der höchsten Freiheit bescheinigt wird, dass sie ebenfalls ein extremes Übel sein soll. Und genau da wird die Sache wirklich schwierig. Wie könnte Luther diese höchste Freiheit gemeint haben. Da er selber viel zur Freiheit gesagt hat, und den verantwortungsvollen Gebrauch der Freiheit sogar zu einer Grundvoraussetzung für den Gläubigen deklariert hat, wäre höchste Freiheit in diesem Fall der absolut verantwortungsvolle Gebrauch von Freiheit. Doch warum sollte dieser Zustand, bei dem ein Mensch seine unbedingte Abhängigkeit von Gott erkannt und voll in sein Tun und Denken integriert hat, und folglich sich der Gnade und Erlösungsbedürftigkeit gegenüber absolut geöffnet hat, nun von "höchstem Übel" sein? Ganz offensichtlich kann diese Form von höchster Freiheit hier nicht gemeint sein.

Wenn Luther jedoch mit Freiheit in diesem Zusammenhang absolute Willkür aus einem Handeln ohne jede Beschränkung gemeint haben sollte, wäre das nicht mit seinem Freiheitsbegriff in Einklang zu bringen. Freiheit bleibt bei Luther immer die Form von Freiheit, die das Gefühl vollständig autonomen Handelns gegenüber den Forderungen des Glaubens vermittelt. Damit erlebt sich der Gläubige als völlig losgelöst von jedem Zwang genau das zu tun, was dem Gläubigen als Pflicht zu tun obliegt. (Ich gebe zu, dass so ein Freiheitsgefühl nicht für jeden zu erreichen ist.)

Bilanz: Ich nehme stark an, dass dieser Spruch nicht von Luther stammt, weil es leider in der Geschichte der Zitate viele Fälle gibt, wo Autoren ihre guten Gedanken ganz willkürlich einem der bedeutenden Kulturträger untergeschoben haben, um ihnen angemessenes Gewicht zu verleihen.

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