Man kann etwas was nie gelebt hat nicht töten, einen Virus kann man auch nicht töten. - Ist diese Aussage korrekt?

5 Antworten

Das Problem scheitert schon mal daran, dass es keine allumfassende und allgemein anerkannte Definition davon gibt, was "Leben" ist.

Wenn man ganz auf die absoluten physikalisch/biologischen Grundlagen des Lebens zurückgeht und Leben dadurch definiert, dass es sich um Systeme handelt, die durch den Austausch mit ihrer Umwelt zum Selbsterhalt und Entropieexport in der Lage sind, kann man auch Viren in diese Definition mit einbeziehen.

Aus biologischer Defintion ergibt sich "Leben" aus einem eigenen Stoffwechsel, Verdauung, Atmung und der Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren. Bakterien erfüllen diese Faktoren, Viren nicht. Sie bestehen aus einer Hülle und meist einer RNA (keine DNA), haben keine Zellorganellen. Sie benötigen eine Wirtszelle um sich zu reproduzieren und nehmen keine Nahrung auf, haben keine Ausscheidungen.

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@Kinderwerkstatt
Aus biologischer Defintion

... genauer gesagt, aus der konventionellen (alten) Definition, die nur eine von vielen ist und insbesondere noch an den Schulen gelehrt wird. Vor allem ist das keine Definition, die auf grundlegenden theoretischen Erkenntnissen beruht, sondern die einfach nur mal aufzählt, was man so als typische Merkmale des irdischen Lebens im Allgemeinen gefunden hat.

Inzwischen ist die theoretische Biologie auf Universitätsniveau schon ein ganzes Stück weiter und z.B. die "Ontologie der Biologie" von Bunge und Mahner berücksichtigt die neueren Erkenntnisse zu dissipativen Strukturen und Autopoiese da wesentlich stringenter. Ein solcher physikalisch-biologischer Ansatz ist schon alleine deshalb angebracht, weil man damit auch extraterrestrisches Leben und sehr exotische Lebensformen wie eben auch Viren damit erfassen kann. Bei Viren hat man z.B. die Schwierigkeit bei der konventionellen Definittion, dass es sie gar nicht geben dürfte. Zum Leben werden sie nicht gezählt und als tote Materie kann man sie ja nun wirklich auch nicht zählen. Was sind sie dann?

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@Hamburger02

Oh, sehr aufschlussreich. Danke dafür.

Ja, wozu zählt man sie? Ich habe noch gelernt, dass es sozusagen eine Sonderform ist.

Defintiv aber gibt es Unterschiede zu "Lebewesen" im klassischem Sinn. Und ja, eigentlich dürfte es sie nicht geben, da hast du Recht. Wer weiss, woher sie kommen? Könnte ich gerade nicht beantworten.

Ich bin leider schon etwas zu lange aus Studium und Beruf heraus und auch hier etwas beschräkt, so dass ich die aktuellsten Erkenntnisse leider nicht mehr gut verfolgen kann. Habe lange als BTA in der Parasitologie (Uni) gearbeitet. Wobei Parasiten wieder eine besondere Form bilden durch ihre Entwicklungszklen (Trypanosomen, Plasmodium, Toxoplasma...)

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@Kinderwerkstatt
Defintiv aber gibt es Unterschiede zu "Lebewesen" im klassischem Sinn.

Das ist unbestritten. Das große definitorische Problem bei Viren ist der völlig fehlende eigene Stoffwechsel, zu dem ja streng genommen auch Atmung und Verdauung gehören. Ansonsten haben sie alles, was in der klassischen Definition von "Leben" drin ist. DerStoffwechsel dient letztlich dazu, Energie aus der Umgebung aufzunehmen, zu dissipieren und dabei Selbstorganisation zu betreiben, wobei Entropie produziert wird, die dann exportriert werden muss. Die Energieaufnahme, Selbstorganisation und den Entropieexport beherrschen Viren auch, bloß machen sie das halt nicht selber, sondern benutzen dazu fremde Zellen parasitär. Bei Parasiten kann man spitzfindig auch festsellen, dass sie zwar einen Stoffwechsel haben, aber keinen eigenen, der zum Selbsterhalt reicht, sondern nur einen, der teilweise eigen ist und ansonsten bedienen die sich auch fremder Systeme für die Teile des Stoffwechsels, die sie selber nicht haben. Wir haben da also einen ausgeprägten Graubereich, der sehr schwer zu erfassen ist. Ideal wäre eine Definition zu finden, die eine klare Grenze zwischen biotischen und abiotischen Systemen zieht, ohne Grauzonen und Sonderformen. Eine Möglichkeit wäre dabei, den Begriff "Lebewesen", zu denen man Viren nur schwerlich zählen kann, zu erweitern zum Begriff "lebendes (biotisches) System".

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@Hamburger02

Parasiten benötigen auch einen Wirtsorganismus, um sich zu reproduzieren, allerdings haben sie oft diverse Entwicklungsstadien, was ja bei Viren oder Bakterien nicht der Fall ist. Da ist es bei den Parasiten schon etwas komplexer, als bei Viren. Sind oft spezifizierter, mutieren seltener bis gar nicht.

Ich habe damals in einem S2 Labor gearbeitet, T. cruzi. Eindrucksvolle Geschichte. Zelllinien von Epithelzellen und sie später mit Flagellaten infiziert (Anheftung), anschl. Elektronenmikroskopie etc. Ausgehend von den eigentlichen Wirten, diversen brasilianischen Raubwanzen. Biologie, Grundlagenforschung, wir haben nach Wirkstoffen gesucht, die die Anheftung verhindern würden oder den Zyklus der Parasiten unterbrechen könnten. Leider ohne medizinsich relevanten Erfolg, da es sich um diverse Gifte handelte, die auch den Wirtsorganismus schädigen würden. Keine Ahnung, wie der Stand heute ist.

Spannendes Thema für mich, nach wie vor.

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Der erste Teilsatz stimmt, der zweite Teilsatz stimmt nicht. Ein Virus lebt.

Nein. Da ein Virus keinen eigenen Stoffwechsel hat, "lebt" er streng genommen nicht. Er verdaut nicht, reproduziert sich auch nicht slebst. Doch das ist die Definition von "Leben"!

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Streng genommen ja.

Was nicht lebt, also keinen Stoffwechsel hat, wird nicht getötet sondern "inaktiviert".

Rein Theoretisch ja, Viren sind im Gegenteil von Bakterien keine Einzeller sondern einfach nur DNA oder RNA in einem „Paket“. Wenn man eine Bakteriophage auf ein Virus loslässt , wäre es eigentlich kein Mord bzw. würde man den Virus nicht wirklich töten sondern (wie Licht) ausschalten.

Du tötest ja auch keinen nur weil du eine Flasche mit einer Blutspende in einen Brennofen feuerst oder? (Ich weiß schlechtes Beispiel)

Korrekt.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung

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