Liegt es in der Natur des Menschen Mitläufer zu sein?

13 Antworten

Du sprichst hier zwei Themenbereiche an, die sich inhaltlich zwar an manchen Stellen überlappen, aber auf weitester Strecke nicht viel miteinander zu tun haben: Verhaltensbiologie und Evolutionsbiologie.

Der Mensch ist nun eine Spezies mit einem extrem komplexen Verhalten. Eben weil es so komplex ist, ist jeder Mensch auf seine eigene Weise individuell und legt ein ganz eigenes Verhalten an den Tag. Zwar folgt er in der Gruppe schon vor allem vorgegebenen Verhaltensrichtlinien, aber prinzipiell ist jeder von uns ein Individuum mit seinem eigenen Kopf, den wir auch von Zeit zu Zeit durchsetzen und damit Regeln und Normen aufbrechen. Das tut jeder Mensch, manche öfter, mache seltener - aber es sind nicht nur manche, die aus dem Schema brechen.

Strenge Verhaltensnormen, die auch oft mit einer politisch konturierten Gesetzgebung einhergehen, gibt es allerdings erst seit der Sesshaftwerdung. In nomadischen Kulturen oder dem Jäger- und Sammlerturm gibt es dagegen eher lose Stammestraditionen und weniger strenge Vorgaben, weil das Leben dort selbst schon nach festen Abläufen geregelt ist und jeder Mensch ähnliche Aufgaben hat - bei sesshaften Kulturen herrscht dagegen eine Aufgabenteilung, dadurch eine höhere Spezialisierung vor und die gesellschaftlichen Richtlinien müssen hier strenger gefasst sein, weil die Gesellschaft eben heterogener ist.

"Mitläufer", also Menschen, die gesellschaftliche Vorgaben einfach annehmen, ohne sie zu hinterfragen, gibt es aber in allen Gesellschaften, genauso wie es Individuen gibt, die durch Innovationen und gute Ideen die Traditionen hinterfragen. Nur sind wirklich bahnbrechende und wegweisende Innovationen sehr selten, dass sie sich dann in weiten Kreisen durchsetzen noch seltener.

Mit Evolution, also der Weiterentwicklung von Art zu Art, hat dies nicht viel zu tun, weil wir uns hier über verhaltensspezifische und gesellschaftliche Weiterentwicklungen unterhalten - also nicht über Evolution Anpassungskriterien, die der Selektion unterliegen. Dass das "Durchbrechen" des Schemas, also des Mitläufertums aber zu einer Veränderung des Genotyps oder Phänotyps geführt hat, ist eher unwahrscheinlich - schließlich würdest du rein äußerlich keinen Unterschied zwischen dir und einem Steinzeit-Menschen erkennen können.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Studium der Geschichts- und Religionswissenschaften

Gut erklärt. Je nach Ansatz kommt man aber zu jeweils anderen Antworten. Ich betrachte solche Fragen am liebsten aus der Perspektive der Sozialpsychologie. Die ist dir sicher auch nicht fremd.

Die Sozialpsychologie sagt, dass es in der Praxis nicht möglich sei, das Verhalten des Menschen allein aus der Individualpsychologie zu betrachten, weil ein Mensch nie allein lebt, sondern immer in Gesellschaft mit anderen. Die Evolution hingegen existiert in den Antworten der Sozialpsychologen überhaupt nicht.

Alleine verhält sich der Einzelne anders als in der Gruppe, und zwar immer. Das ist gesichert. Deshalb ist es schlüssig, dass dies in der Natur des Menschen liegt. Es dürfte aber nicht möglich sein, die Individuen pauschal nach Leaderverhalten oder Mitläuferverhalten zu unterscheiden. Ein Mensch kann in einer Gruppe Leader sein und in der anderen Mitläufer.

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@Wurzelstock

Genau so ist es! Danke, mit deiner Ergänzung ist es nun glaube ich deutlicher geworden, was ich meinte.

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Die Zeit der Jäger und Sammler in der Steinzeit ist lange vorbei. Heute spricht man höchstens von Teamgeist: Natürlich ist es in einer Firma von Vorteil, wenn nicht jeder gegen jeden arbeitet. Andererseits gibt es auch die menschliche Eitelkeit und den Wettbewerb: "Was du kannst, das kann ich besser". Diese Ego-Shooter sind nicht nur lästig, sondern können auch zum Problem werden, wenn sie nicht durch Richtlinien geführt und gebremst werden. Der Vorteil, Mitläufer zu sein, ist folgender: In einer starken Gruppe fühle ich mich auch stark, ich brauche keine Verantwortung zu übernehmen ("ich mache ja nur mit")--aber partizipiere von der Anerkennung und den Erfolgen (eines charismatischen Anführers). Wer will schon ein einsamer Loser sein oder einer diskriminierten Gruppe angehören ?

Es sind ja nicht alle Menschen Mitläufer, aber die meisten allerdings irgendwie schon. Und das ist völlig in Ordnung so, es ist in allen sozialen Verbänden in der Tierwelt das Gleiche - soziale Gruppen funktionieren eben so. Es gibt einen oder einige wenige Anführer, die auch die Verantwortung für eine Familie, Gruppe, Herde, ein Rudel usw. tragen, es gibt einige besonders Neugierige und der größte Teil der jeweiligen Gruppe ordnet sich unter. Anders würde es einfach nicht funktionieren.

Je weiter entwickelt, umso individueller die Einzelnen.

Dass wir Menschleins uns widernatürlichen und manchmal sogar lebenswidrigen Regeln unterworfen haben steht auf einem anderen Blatt, aber soziale Verbände funktionieren durch Hierarchien und ich wüsste ehrlich gesagt nicht, warum es bei Menschen anders sein sollte. Blöd ist nur, dass viele vergessen zu haben scheinen, dass sie letztlich Teil der Natur sind. Und dass viele glauben, ihre Natur beherrschen zu müssen, um 'besser' zu sein. Man muss sich nur umschauen um zu sehen, wie 'gut' sie das hinkriegen.

Ich habe etwas Wichtiges vergessen

Wir Menschen haben uns vor allem einer Hierarchie der Macht mittels Reichtum unterworfen. Und dem Regelwerk unseres Wirtschaftsdenkens. Dabei ist die Form der Wirtschaft variabel, denn alle Wirtschaftsformen sind so geartet, dass die größte Belohnung durch Ausbeutung, Raubbau, Zerstörung, Verantwortungslosigkeit usw. erreicht werden kann. Während auf der anderen Seite Schutz, Erhalt, Menschlichkeit, Mitgefühl, Pflege usw. immer von irgend jemandem bezahlt werden müssen - also 'bestraft' werden. Da kann man noch so viele Gesetze erlassen, die den größten Auswüchsen Einhalt gebieten, unterm Strich ist die Entwicklung jedenfalls klar.

Das ist das Gleiche, als wenn man Hunde dafür belohnt, dass sie die Möbel zerfetzen und sie immer schön in Konkurrenz um ihr Futter antreten lassen. Völlig klar, wohin das führt, selbst wenn man Strafen für besonders zerstörerisches Verhalten verhängt. Kann nicht funktionieren. Funktioniert ja auch nicht.

In diesem Bereich wirkt sich das Mitläufertum besonders fatal aus, weil die, die damit zu kämpfen haben sagen "Da kann man eh nix dran machen" und die, denen es damit gut geht, wollen nichts dran machen - logisch, wer schlachtet seinen Goldesel schon freiwillig?

Klar sind Regeln wichtig - so viele wie nötig und so wenig wie möglich. Aber wir brauchen welche, deren Anreize an den richtigen Stellen sitzen. So dass Menschlichkeit und Verantwortungsbewusstsein belohnt werden, während Raubbau und Ausbeutung nur noch Mühe macht, aber nicht mehr belohnt wird. Die meisten mögen sich das nicht vorstellen können, aber das bedeutet ja nicht, dass es nicht möglich ist.

Wenn wir das schaffen und 'die Herde' in der richtigen Richtung unterwegs ist, dann ist es auch kein Problem mehr, Mitläufer zu sein.

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@PicaPica

Danke dir :)
Ich lerne beim besten Lehrer: Der Natur.
Menschen können irren, Menschen können fehlerhaft interpretieren und Menschen können sogar den Bezug zur Wirklichkeit verlieren - die Natur eher nicht. Die Natur merzt auch Fehler aus, damit sich die nicht Ewigkeiten mitziehen - wenn Menschen aber erstmal etwas 'gelernt' haben (zu haben glauben), dann können sich Fehlinterpretationen auch über Jahrtausende von einer auf die andere Generation übertragen. Was Irrtümer oder Fehler angeht, ist uns die Natur beim Erkennen wie auch beim ausradieren Welten überlegen.

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Hallo!

Viele wollen tatsächlich "dabei sein" und das in einem solchen Ausmaß, dass ihnen dafür im Grunde jedes Mittel recht und billig ist ------> sie wollen nicht auffallen, dazu gehören, "cool" und modisch sein, mitreden können und einfach nur ein Teil des Ganzen sein, der brav mitschwimmt und sich keine Gedanken machen muss.

Gerade bei den Deutschen habe ich das oft so wahrgenommen, sie wirken oft sehr eingeschüchtert und mutlos, was aber auch das starke Konventionsdenken hierzulande bewirken dürfte ------> es geht ja fast alles nach "MAN macht es so" oder "MAN macht es nicht so" ... heute eher noch als früher wie ich finde.

Weiterhin dürfte der Wunsch vieler nach Vermehrung dahinter stecken sich extremst anzupassen -----> viele denken sich wohl, sie finden nie einen Partner wenn sie ehrlich sind und ihre Laster und Vorlieben offen ansprechen/dazu stehen. Auch das ist zwar fragwürdig, aber leider oftmals der Standart.

Ich mache es anders, gehe meinen Weg konsequent so wie ich es für richtig halte & bin trotzdem oder vielleicht gerade deswegen zu allem gekommen, was ich mir immer gewünscht habe ... ich bin oft genug angeeckt, war/bin aber kein Außenseiter ----> man muss die richtige Balance finden zwischen Eigenständigkeit und Gesellschaftskonformität, darf sich nicht komplett isolieren und ich ermutige jeden dazu so zu leben, wie er es mag, denn wir leben nur einmal :)

Wenn du die Evolution ansprichst, eines ihrer Merkmale ist, dass sie absichtslos stattfindet. Sie kann beispielsweise heterogene Arten hervorbringen, die in einer größeren Vielzahl von Fällen im Durchschnitt erfolgreich sind, als eine Art ohne Variation. Ganz offensichtlich können nicht alle Anführer sein, die Gene und Talente für Anführer sollten aber trotzdem in einer Population vorhanden sein. Die Mehrzahl muss sich den Anführern unterordnen, eine Prädisposition für Mitläufertum hat also auch einen Überlebensvorteil für die Gruppe. Solange die Balance eben stimmt. Mitunter reicht es auch, wenn ein Schalter umgelegt wird, dass ein Individuum vom Mitläufer zum Anführer mutiert.

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