Kurze Versexegese/ -auslegung zu 1. Joh 4,16b-21?

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2 Antworten

Predigt über 1. Johannes 4,16b-21

Pastorin Anke Döding (ev.-luth.)

06.06.2010 in Wolfsburg-Detmerode, St. Stephanus


Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie Jesus, so sind auch wir in dieser Welt. 
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. 
Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 
Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seine Geschwister, der ist ein Lügner. Denn wer seine Geschwister nicht liebt, die er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seine Geschwister liebe.
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie Jesus, so sind auch wir in dieser Welt. 
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. 
Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 
Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seine Geschwister, der ist ein Lügner. Denn wer seine Geschwister nicht liebt, die er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seine Geschwister liebe.    (1. Joh. 4,16b-21)

Liebe Gemeinde,
„Jetzt aber schnell, wir müssen los. Ähm, kann das sein, das hier etwas riecht?“ Tja, Lea-Sophie hat der Taufgesellschaft einen Strich durch die Rechnung gemacht – die Windel ist voll. Hektik kommt auf, runter mit dem Strampler, schnell die Pampers wechseln, wieder anziehen und dann mit fliegenden Fahnen zur Kirche. Die Mutter Silke ist schweißgebadet und der Vater Jörg gereizt.
Als die Orgelmusik erklingt, kehrt endlich Ruhe ein. Die Augen der Eltern glänzen, friedlich schlummert die kleine Tochter im Maxi Cosi. Alle sind gekommen zum besonderen Fest der kleinen Erdenbürgerin. „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ –die Pastorin sagt ihre Gedanken zum Taufspruch. Lea-Sophies Mutter denkt an den Moment, als sie ihre Kleine das erste Mal in den Armen hielt und Jörg die Tränen übers Gesicht rannen. Ein Moment der Vollkommenheit.
Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus?
Manchmal hat Silke das Gefühl, dass ihr das Herz zerspringt, wenn sie auf ihre Tochter schaut. So klein und schutzbedürftig ist sie, hineingeboren in eine Welt, die viele Gefahren birgt. Das geht schon los mit der richtigen Ernährung. Und dann erst die großen Probleme in der Welt. Manche Nachrichten kann sie sich gar nicht anhören. Besonders, wenn Kinder an Gewalt leiden. Und wenn sie Nachrichten über den jüngsten Terroranschlag hört oder die Bilder von der Ölkatastrophe im Golf sieht, packt sie ohnmächtige Wut. Genauso geht es ihr mit den Einsparungen wegen der Finanzkrise. Sie ist empört, dass ausgerechnet bei Familien und bei den Armen am meisten gespart wird. 
In was für eine Welt wächst ihre Tochter hinein?
Kann Liebe da etwas ausrichten?
Und trotzdem: Lea-Sophie soll nicht in Angst aufwachsen. Jörg und Silke haben sich vorgenommen: Unsere Liebe und Fürsorge soll Lea stark und Mut zum Leben machen. Das sagt Gott ihr nicht genau das in der Taufe zu: „Du bist mein geliebtes Kind“ – Wer so geliebt wird, kann sich selbst lieben und andere auch. Die Pastorin gießt das Wasser über Leas Köpfchen und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Da guckt die Kleine ganz groß und die Erwachsenen lächeln gerührt.

„Gott ist Liebe, in der Liebe bleiben, in Gott bleiben“ – das hört sich irgendwie schön an, findet Marius. Aber kann er den Satz wirklich als Konfirmationsspruch nehmen? Ist das nicht eher was für Mädchen? Was sagen seine Kumpels dazu? Aber das wünscht es sich schon für sein Leben: irgendwann einmal die große Liebe finden, die zu ihm gehört, Freunde haben, Erfolg natürlich auch. Vor allen Dingen: Glücklich sein. Und wenn Gott dabei mithilft, umso besser. Kann ja nicht schaden, einen starken Verbündeten an der Seite zu haben. Oder ist das jetzt zu egoistisch gedacht? In der Kirche reden sie ja immer davon, dass man auch Gott und seinen Nächsten lieben soll. Lieben ist vielleicht ein bisschen krass, oder? Nur um sich selbst kreisen, dass will Marius auch nicht. In der Schule beteiligt er sich bei der AG „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ mit. Seine Fußballkumpels haben ihn anfangs ein bisschen damit aufgezogen, aber jetzt fragen sie auch schon mal interessiert nach, was Marius und die anderen da eigentlich genau machen. Unter „Nächstenliebe“ würden sie ihre Aktionen nicht verbuchen, aber die Stimmung an der Schule hat sich echt verbessert.
Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder und seine Schwester liebe.
Marius Name wird aufgerufen. Mit klopfendem Herzen und schweißnasses Händen geht er nach vorne, zusammen mit seinem besten Freund Jannik. Hoffentlich geht alles gut. Bevor der Pastor ihn einsegnet, liest ein Kirchenvorsteher den Konfirmationsspruch noch einmal vor. 

„Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“
„Das soll unser Trauspruch sein.“ Für Janina ist das keine Frage, sagt sie im Traugespräch, und Henning ist es recht. Nicht, dass die beiden naiv wären. Beide haben schon eine zerbrochene Beziehung hinter sich. Für Janina war eine Welt zusammengebrochen, als sie erfuhr, dass ihr Freund sie mit ihrer besten Freundin betrogen hatte. Damals fiel sie in ein tiefes Loch, konnte nicht glauben, dass es für sie noch eine Zukunft gibt. Sie war aus der Liebe gefallen, hatte keinen festen Boden mehr unter ihren Füßen. Für ihren Ex-Freund und ihre ehemals beste Freundin hat sie nur noch blanke Wut empfunden, wünschte ihnen, wünschte sich, dass die beiden irgendwie die gerechte Strafe dafür bekommen, was sie ihr angetan haben. Fast hätte der Hass sie zerfressen, aber nach und nach kehrt Janina zurück ins Leben. Dann trifft sie Henning. Es ist so schön zu lieben und geliebt zu werden! Seit zwei Jahren leben sie jetzt schon zusammen. Immer noch haben Sie sich so viel zu sagen, überraschen sich gegenseitig mit kleinen Geschenken oder kleinen Briefchen. Es hat Spaß gemacht, die Wohnung einzurichten, miteinander die Hochzeit zu planen. Nie hätte Janina gedacht, dass sie wieder so fröhlich werden kann. Alle Bitterkeit ist von ihr abgefallen.
Sie ist wieder in der Liebe.
Janina und Henning haben sich ganz fest vorgenommen: Wir wollen in der Liebe bleiben, und Gott soll seinen Segen dazu geben. Deswegen dieser Trauspruch, keine Frage:

 „Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott und Gott in ihm“. 
Worte über der Todesanzeige einer jungen Ehefrau und Mutter von zwei Kindern. Ein tödlicher Autounfall – zurück bleibt eine verzweifelte Familie und ein erschüttertes Dorf. „Den Spruch hat sie immer so gemocht“, sagt der Ehemann, darum soll er auch Bibelwort für die Trauerfeier sein. Die Wahrheit dieses Satzes ist ihm unendlich fern. Wie kann Gott Liebe sein und gleichzeitig zulassen, dass seine Frau so jung sterben muss und seine Kinder ohne Mutter aufwachsen müssen? Es ist so sinnlos. Was ist das für ein Gott! Der junge Witwer möchte mit diesem Gott ins Gericht gehen, ihn beschimpfen, ihm seine Verachtung und seinen Schmerz ins Gesicht schleudern. „Tun Sie das“, sagt der Pastor im Trauergespräch. „Gott hält Ihre Wut und Anklage aus. Er teilt Ihren Schmerz.“ Und der Seelsorger gibt diesen Gefühlen und Gedanken Worte im Gebet, das er zum Abschluss seines Besuches spricht. Bei der Trauerfeier ist die Kapelle überfüllt. So viele Menschen nehmen Anteil, sind traurig, können es nicht fassen.
Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott und Gott in ihm.
Wenn dieser Satz wahr ist, dann nicht nur an den schönen Übergängen des Lebens. Dann muss er auch am Sarg der jungen Frau wahr sein. Kein schneller Trost. Aber doch ein Lichtstrahl aus der Zukunft, der die Dunkelheit des Todes durchbricht. „Wo ist Mama jetzt“, hatte die Kleine gefragt. Und Ihre Oma hatte geantwortet: „Sie ist beim Lieben Gott und passt vom Himmel aus auf Dich auf.“ Es ist so schwer, er weiß noch gar nicht, wie er alles schaffen soll. Aber irgendwie tröstet es ihn, dass die Liebe bleibt...  Ein kleiner Funke Licht nur.

Liebe Gemeinde.
Über die Liebe können wir nicht reden, aber wir können von ihr erzählen. Die Liebe schreibt Geschichten und deswegen erzählen wir Geschichten.
Die Liebe können wir nur leben, ihr Raum geben in unserem Tun. Zyniker wenden ein: Im Privaten mag es ja stimmen, aber in den großen politischen Zusammenhängen, da muss es schon mehr mit dem Verstand und kühler Vernunft zugehen. Da ist für Eure christliche Liebe oder Nächstenliebe kein Platz.
Doch: Gottes Liebe nicht so beschränkt sein, auf irgend einen privaten Raum oder persönlichen Glauben. Die vollkommene Liebe kennt solche engen Grenzen nicht, denn alles ist miteinander verbunden.
Als Margot Käßmann in ihrer Neujahrspredigt den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr hinterfragte, da wurde sie als naiv und weltfremd verspottet und lächerlich gemacht: Lichterketten gegen den Terror, Tee trinken mit den Taliban - sie könne das ja mal probieren.
Beim ökumenischen Kirchentag in München konterte sie vor einigen Wochen:
"Ich lasse mich gern lächerlich machen, wenn Menschen mir sagen, ich sollte mich mit Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten. In der dortigen Kultur ist das durchaus eine Form, Frieden zu schließen, jedenfalls wesentlich eher als das Bombardement von Tanklastzügen." 
Mir hat es imponiert, dass sie sich von der Häme nicht hat beeindrucken lassen.
Für mich wird darin deutlich: Wer nur rein militärisch Frieden schaffen will, mit den besseren Waffen, mit der besseren Strategie, vergisst den menschlichen Aspekt. Lieben heißt in diesem Sinne: Dem anderen seine eigene Würde zugestehen, ohne die Rechte der Schwächeren dafür aufzugeben. Ein schwieriger Balanceakt.

Wie geht das, in der Liebe bleiben
Ich kann das nicht allgemein sagen, nur im Einzelnen durchbuchstabieren, Schritt für Schritt. Auf jeden Fall ist klar, dass wir nicht ein für allemal in der Liebe sind, auch als Christinnen und Christen nicht. Wir müssen immer wieder darum ringen, in der Liebe zu bleiben. Manchmal dauert es lange, manchmal braucht es zähe Verhandlungen und Auseinandersetzung, mit Gott, mit dem Nächsten, auch mit mir selbst. 
Immer wieder hat mich die Angst im Griff. 
Immer wieder verliere ich den Anderen aus dem Blick. 
Mein Vertrauen in die Liebe Gottes bleibt wankelmütig. 
Meine Liebe ist nie vollkommen: Nicht die zu Gott, nicht die zu meinem Nächsten, nicht einmal die zu mir selbst. 
Aber ich kann mich in die Arme Gottes werfen. 
Der ist die vollkommene Liebe. 
Und das ist der richtige Platz für mich. 
Der vollkommen richtige Platz. 
Da will ich bleiben. Amen. 

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Da gibt es nichts "auszulegen": "Gott ist LIebe".

Und wenn du deinen Bruder "hasst", liebst du auch Gott nicht...

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