Kritischen Fragestellungen zum Islam wie z.B. zum Prinzip der Abrogation wird nach meiner Erfahrung gerne ausweichend geantwortet. Woran liegt das?

15 Antworten

Ausführung 1:

Das liegt daran, dass es da auch unter Gelehrten Meinungsverschiedenheiten gibt. Es gibt zwei unterschiedliche Interpretationen.

Im Koran steht folgender Vers (2:106):

“Welches Zeichen Wir auch aufheben oder dem Vergessen anheimgeben, Wir bringen ein besseres dafür oder ein gleichwertiges. Weißt du nicht, daß Allah die Macht hat, alles zu tun, was Er will?“

Ein weiterer Verweis wird auch in Kapitel 16 Vers 101 gemacht. Das arabische Wort ist “Ayat“, das “Zeichen“ oder “Verse“ bedeutet, und das auch bedeuten kann: “Enthüllungen“. Dieser Vers des Koran kann auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden:
a.) Die Offenbarungen, die aufgehoben werden, sind diese Enthüllungen, die vor dem Koran offenbart wurden, z.b. die Torah, das Zaboor (die Psalmen) und das Evangelium. Hier sagt Allah, dass es nicht dazu führen soll, die früheren Offenbarungen in Vergessenheit geraten zu lassen, aber er ersetzt sie durch etwas Besseres oder Ähnliches, was darauf hinweist, dass die Torah, das Zaboor und das Evangelium durch den Koran ersetzt wurden.

b.) Wenn man bedenkt, dass das arabische Wort “ayat“ im obigen Vers sich auf die Verse des Korans bezieht und nicht auf die früheren Offenbarungen, dann bedeutet dies, dass keiner der Verse des Korans von Allah aufgehoben wurde, aber durch etwas Besseres oder Ähnliches ersetzt wurde. Das bedeutet, dass bestimmte Verse des Korans, die zuvor offenbart wurden durch Verse, die später aufgedeckt wurden, ersetzt wurden. Ich bin mit den beiden Interpretationen einverstanden. Viele Muslime und Nichtmuslime missverstehen die zweite Interpretation, dass einige der früheren Verse des Korans aufgehoben wurden und nicht mehr für uns heute gelten, da sie von den späteren Versen des Korans ersetzt oder die Verse aufgehoben wurden. Diese Gruppe von Menschen glaubt auch fälschlicherweise, dass sich diese Verse widersprechen. Analysieren wir ein paar Beispiele:

1. Einige heidnische Araber behaupteten, dass der Koran vom Propheten Mohammed geschrieben wurde. Allah fordert diese Araber im folgenden Vers heraus (Koran 17:88):

“Sage: "Wenn sich die Menschen und die Jinn zusammentun würden, um einen ähnlichen Koran zu schaffen, würden sie es nicht können, auch wenn sie einander eifrig dabei unterstützen würden."

Später wurde diese Herausforderung leichter gemacht im folgenden Vers (Koran 11:13):

“Wenn sie sagen: "Er hat ihn selbst erdichtet", sage: "Bringt doch zehn gleiche Suren hervor, die ebenfalls ersonnen sind, und nehmt zu Hilfe, wen immer ihr anstatt Gott zu Hilfe nehmen könnt, wenn wahr sein sollte, was ihr behauptet!"

Schließlich, in der Sure al-baqara, vereinfacht Allah die Herausforderung noch ein weiteres Mal (Koran 10:38):

“Sie behaupteten: "Er hat ihn erdichtet." Sprich: "Bringt nur eine ähnliche Sure bei, wenn eure Behauptung wahr wäre, und nehmt zu Hilfe, wen immer ihr außer Gott zu Hilfe nehmen könnt!"

So hat Allah die Herausforderungen immer einfacher gemacht. Die schrittweise offenbarten Verse des Korans forderten die Heiden erst auf, ein Buch wie den Koran zu produzieren, dann forderte er sie auf, 10 Suren zu produzieren, wie sie im Koran stehen und schließlich fordert er sie auf, eine Sure ähnlich einer Koransure zu produzieren. Dies bedeutet nicht, dass die späteren Verse im Widerspruch zu den früher offenbarten Versen stehen. Widersprüche erfordern die Erwähnung von zwei Dingen, die nicht gleichzeitig möglich sein können oder nicht gleichzeitig stattfinden können.

Die früheren Verse des Korans, d. h., die aufgehobenen Verse sind immer noch das Wort Gottes und die darin enthaltene Information gilt bis heute. Z.B. die Herausforderung der Herstellung einer Rezitation, wie sie bis zum heutigen Tag im Koran steht, ebenso die Herausforderung, zehn Suren oder nur eine Sure genauso zu produzieren, wie der Koran, gilt auch. Sie muss nicht im Widerspruch zu den früheren Herausforderungen stehen, aber sie ist die einfachste aller Herausforderungen, die durch den Koran gestellt wird. Wenn die letzte Herausforderung nicht erfüllt werden kann, ist die Frage, wie kann jemand die anderen drei schwierigeren Herausforderungen erfüllen?

2. Angenommen, ich sage zu einem Menschen, dass er so dumm ist, dass er nicht in der Lage ist, die 10 Klasse in der Schule zu schaffen. Später werde ich sagen, dass er nicht in der Lage ist, die 5 Klasse zu schaffen und sage weiter, dass er nicht in der Lage ist, selbst nur die erste Klasse schaffen zu können. Schließlich sage ich, dass er so langweilig ist, dass er nicht einmal in der Lage ist durch den Kindergarten zu kommen. Man muss durch den Kindergarten kommen, bevor man in die Schule aufgenommen wird. Meine vier Aussagen widersprechen sich nicht, aber meine letzte Aussage, dass die Person nicht in der Lage ist, den Kindergarten zu bestehen, ist ausreichend, um die Intelligenz der Person aufzuzeigen.

Fortsetzung zur Ausführung 1 = Ausführung 2:

Wenn eine Person nicht einmal den Kindergarten passieren kann, stellt sich die Frage nach dem Bestehen der ersten Klasse oder der 5. oder der 10. Klasse gar nicht erst.

3. Das schrittweise Verbot von Rauschmitteln ist ein weiteres Beispiel für solche Verse. Die erste Offenbarung des Korans zum Umgang mit Rauschmitteln war der folgende Vers (Koran 2:219):

“Sie fragen dich über Wein und Glücksspiel. Sprich: "In beiden ist großes Übel und auch Nutzen für die Menschen; doch ihr Übel ist größer als ihr Nutzen."

Der nächste Vers, der offenbart wurde in Bezug auf Rauschmittel, ist der folgende Vers (Koran 4:43):

“O Ihr Gläubigen! Geht nicht zum Gebet, wenn ihr betrunken seid, bis ihr wieder nüchtern seid und wißt, was ihr sagt! “

Der letzte Vers in Bezug auf Rauschmittel, der offenbart werden sollte war der folgende Vers (Koran 5:90):

“O ihr Gläubigen! Wein, Glücksspiele, Opfergaben auf heidnischen Opfersteinen und Lospfeile, all das ist des Teufels Werk. Ihr sollt es meiden, damit ihr wahren Erfolg erzielt.“

Der Koran wurde über einen Zeitraum von 22,5 Jahren offenbart. Viele Reformen, die in eine Gesellschaft gebracht wurden, wurden schrittweise offenbart. Das darum, um die Verabschiedung neuer Gesetze durch das Volk zu erleichtern. Eine abrupte Änderung in der Gesellschaft führt immer zu Rebellion und Anarchie. Das Verbot von Rauschmitteln wurde in drei Stufen aufgedeckt. Die erste Offenbarung erwähnt nur, dass es in den Rauschmitteln eine große Sünde gibt und auch einigen Gewinn, aber die Sünde ist größer, als der Gewinn. Das nächste Offenbarungsverbot, ist das Beten in einem berauschten Zustand, was darauf hinweist, dass man Rauschmittel im Laufe des Tages nicht konsumieren kann, da ein Muslim 5mal am Tag beten muss. Dieser Vers kann den Eindruck erwecken, wenn man nicht in der Nacht betet, darf man Rauschmittel konsumieren. Es bedeutet: kann man haben oder nicht haben. Der Koran kommentiert das nicht. Wenn dieser Vers erwähnt hätte, dass man Rauschmittel haben darf, während man nicht betet, dann hätte es einen Widerspruch gegeben. Allah wählte die Worte angemessen. Schließlich kommt das Totalverbot von Rauschmitteln, jederzeit, in der Sure 5 Vers 90. Dies zeigt deutlich, dass sich die drei Verse einander nicht widersprechen. Hätten sie sich widersprochen, wäre es nicht möglich gewesen, allen drei Versen gleichzeitig zu folgen. Da von einem Moslem erwartet wird, dass er jedem Vers des Korans folgt, ist er nicht nur verpflichtet, dem letzten Vers der Sure zu folgen, er ist verpflichtet, gleichzeitig auch den beiden vorangegangenen Versen zu folgen.

Nehmen wir an, ich sage, dass ich nicht in Los Angeles lebe. Später werde ich sagen, dass ich nicht in Kalifornien lebe. Schließlich sage ich, dass ich nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika lebe. Dies bedeutet nicht, dass diese drei Aussagen widersprüchlich sind. Jede Aussage enthält mehr Informationen als die vorherige Aussage. Die dritte Aussage enthält auch die in den ersten beiden Aussagen enthaltenen Informationen. Somit, wenn ich nur sagen würde, dass ich nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika lebe, wäre es offensichtlich, dass ich auch nicht in Kalifornien, noch in New York lebe. Ebenso, da der Konsum von Alkohol völlig verboten ist, ist es offensichtlich, dass das Beten in einem berauschten Zustand ebenfalls untersagt ist, und Informationen: “In Rauschmittel liegt große Sünde und einiger Nutzen für die Menschen, aber die Sünde ist größer als der Gewinn.“, gilt auch.

4. Die Theorie der Aufhebung bedeutet nicht, dass es einen Widerspruch im Koran gibt, da es möglich ist, allen Versen des Korans zur gleichen Zeit zu folgen. Wenn es einen Widerspruch im Koran gäbe, dann könnte er nicht das Wort von Allah sein. (Koran 4:82):

“Wollen sie denn nicht über den Koran nachsinnen? Wäre er von einem andern als Allah, sie würden gewiß manchen Widerspruch darin finden.“

Typischer Versuch, einen offensichtlichen Widerspruch zu erklären. Aber ein Widerspruch bleibt ein Widerspruch. Wenn der Koran das letzte Wort Gottes ist und ALLES was da drinnen steht, bis heute Gültigkeit hat, dann kann man auch nicht sagen, dieser Vers hebt den auf usw usw.

Der Grund, warum sich der Koran so oft selbst widerspricht, obwohl Gott ja eigentlich "perfekt" ist, ist nur, dass er gar nicht Gottes Wort ist, sondern viel mehr ist er eine Ansammlung von Zitaten Mohammeds, die er von sich gab. Entweder von ihm selbst niedergeschrieben oder von seinen Gefährten. Der dritte Kalif Uthman lies den Koran mehrere Jahre nach dem Tode Mohammeds kanonisieren, es existierten zu dieser Zeit drei verschiedene Versionen des Korans. Dies war Uthman ein Dorn im Auge, er sammelte die authentischsten Verse, fasste sie zu einem Buch zusammen und lies den Rest verbrennen. Außerdem lies er die Verse nicht chronologisch, sondern der Länge nach ordnen (also die längsten Verse zuerst, dann in absteigender Form).

Das ist der wahre Entstehungsgrund des Korans, wie wir ihn heute kennen. Daher beinhaltet er auch so viele Widersprüche. Wenn die Verse wirklich von Gott gekommen wären, hätte er doch schon vorausschauend und weise sein können und Widersprüche verhindern können. Wenn Gott weiß, dass Alkohol schädlich ist, hätte er es gleich von Anfang an verbieten können und nicht erst schrittweise, oder? Der Grund dafür, warum der Alkohol im Koran schrittweise verboten wird, ist ganz banal: Mohammeds Gefährten und Krieger tranken halt gern Alkohol, was zu dieser Zeit viele gern taten. Manche schlugen jedoch über die Strenge und waren beim Kampf dann nicht mehr tauglich. Mohammed konnte es sich aber nicht leisten, viele seiner Kämpfer zu verlieren, wenn er den Alkohol gleich ganz verbieten lässt, also tat er es schrittweise. Erst, als er sich der vollen Gefolgschaft seiner Gemeinde sicher sein konnte, lies er Alkohol ganz verbieten. Ganz einfach. Ganz banal, kein Hokuspokus.

2

Vielleicht liegt das einfach daran, wie du fragst? Wahrscheinlich spürt der Imam, der Muslim, dass du kein wirklich suchender, interessierter Mensch bist.

Die Abrogation ist keine Kernfrage des Islam. Es ist eine Frage für Wissenschaftler der islamischen Rechtswissenschaft(Fiqh) und des Korantafsirs. Ein Imam hat zwar in der Regel 4 Jahre studiert, ist aber kein islamischer Wissenschaftler. Dafür hätte er nicht Imam werden dürfen, sondern sich weiter und tiefer mit dem islamischen Recht und dem Korantafsir wissenschafltich beschäftigen müssen. Ein Imam hat ganz andere Aufgaben und Fragestellungen im alltäglichen Leben.

Für mich als normalen Muslim(auch für den Imam und alle anderen) ist es zum Beispiel sehr wichtig zu wissen, dass Alkohol für mich verboten ist. Allah hat es im Koran verboten und damit reicht mir das. Aus den Hadithen entnehme ich weitere Einzelheiten zu diesem Thema. Der Kern ist das Alkoholverbot. Die dazugehörige Abrogation von Koranversen ist nicht die Kernfrage dabei.

Allah wußte wie schwierig es ist für Menschen die Alkohol trinken, dem Alkohol zu entsagen. Deshalb hat er in Stufen das Alkoholverbot ausgesprochen. Dazu wurden die vorherigen Verse ungültig(abrogiert).

1. ER erwähnt den Alkohol und ruft zum Nachdenken auf: Sure 16 Vers 67
Aus den Früchten der Dattelpalmen und der Weinreben gewinnt ihr ein
berauschendes Getränk und gute Nahrung. Darin ist ein Zeichen für
Menschen, die sich ihres Verstandes bedienen.

2. Dann hat er dem Betrunkenen das Gebet untersagt in Sure 4 Vers 43
O Ihr Gläubigen! Geht nicht zum Gebet, wenn ihr betrunken seid, bis ihr wieder (nüchtern seid und) wißt, was ihr sagt!

3. Dann kam das entgültige Verbot in Sure 5 Vers 90:
O ihr Gläubigen! Wein, Glücksspiele, Opfergaben auf heidnischen Opfersteinen und Lospfeile, all das ist des Teufels Werk. Ihr sollt es meiden, damit ihr wahren Erfolg erzielt.

Aber wenn ALLES, was im Koran steht, die "Wahrheit" ist und Gültigkeit besitzt, warum gibt es dann Verse, die andere aufheben? Also da steht zuerst man soll nicht besoffen zum Gebet erscheinen, okay, steht im Koran, also mach ich das. Später steht drin, Alkohol ist ganz verboten, also muss ich mich auch danach richten. Ja was denn jetzt? Also heißt das im Klartext: Nicht alles, was im Koran steht, ist richtig, sonst würde es ja gar nicht im Koran stehen! 

1
@Izmirspor

Im ersten Vers über Alkohol sagt Allah, dass man nachdenken soll. Wenn ich mir besoffene Menschen ansehe und dann überlege was Allah wohl mit diesem Vers gemeint hat, dann verstehe ich, dass er gegen das Trinken von Alkohol ist. Der Vers kann also so stehen bleiben.

Im 2. Vers verbietet er betrunken das Gebet zu verrichten. Das ist also nach wie vor verboten. Wo ist das Problem. Dieses Verbot bleibt einfach bestehen.

Für die die bisher nicht verstanden haben oder nichts verstehen wollten, was Allah vom Muslim will, dem sagt er klipp und klar in Sure 5 Vers 90 dass Alkohol für den Muslim verboten ist.

Eigentlich sind die Verse nicht aufgehoben. Für mich jedenfalls. Es gibt über die Abrogation übrigens auch Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten des Islams.  Alle drei Verse sind gültig. Sie widersprechen sich ja nicht. Sondern sie gehen Schritt für Schritt in die Richtung Komplettverbot von Alkohohl.

Und dann kommt die Sunnah unseres Propheten dazu. Ein Muslim wird im Koran verpflichtet der Sunnah und dem Propheten Muhammad zu folgen. Und Muhammad hat nicht nur einmal das Betrunkensein, das Trinken von Alkhohol verboten.

0

Was möchtest Du wissen?