Kritik an Schopenhauers Parabel der Stachelschweine?

3 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Der grundlegende Gedanke der Parabel ist einleuchtend und dagegen nicht viel an Einwänden zu erwarten: Die Menschen haben Bedürfnisse, die als gegensätzliche Kräfte auftreten, einerseits ein Verlangen nach Ausfüllung von Leere und Eintönigkeit, nach menschlicher Wärme (emotionale Zuwendung), Solidarität, Miteinander und Zusammenwirken, andererseits ein Bestreben, körperliche und seelische Verletzungen durch andere zu vermeiden, sich keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen. Das eine Bedürfnis ist ein Motiv, Nähe zu anderen suchen und an Gemeinschaft teilzuhaben, das andere, Abstand zu anderen zu suchen. Die verhältnismäßig beste Lösung ist eine passende mittlere Entfernung.

Gegenpositionen sind darin denkbar, Höflichkeit für nicht bloß ausschließlich von Egoismus und Nützlichkeitsdenken bestimmt zu halten, auf einer allgemeineren Ebene gegen Schopenhauers Tendenz zu Pessimismus und Misanthropie (Kontrast sind also am meisten Optimismus und Philanthropie), die sich in der Parabel auf eien eher milde Weise in der Betonung der „vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler“ der Menschen zeigt.

einige einer Analyse und Deutung folgende kritische Gedanken auf einer Internetseite:

http://www.sickingengymnasium.de/deutsch/arthur-schopenhauer-1788-1860-parabel-von-den-stachelschweinen

Vorwurf einer Einseitigkeit:

Werner Psaar, Die Höflichkeit der Stachelschweine : ein Text aus Schopenhauers 'Gleichnissen, Parabeln und Fabeln' (Parerga und Paralipomena II. Teil § 400) und seine Bedeutung für den Unterricht. In: Pädagogische Rundschau 24 (1970), S. 916 – 933

S. 930: „Die andere Ebene offenbart SCHOPENHAUERS Vorstellung vom Zusammmenleben der Menschen. Auf den ersten Blick scheint sein Modell von der ,mäßigen Entfernung', in der man es am besten aushalten kann, bestechend. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch die pessimistische Einstellung Schopenhauers zu den Menschen schlechthin deutlich. Die boshafte oder resignierende Gleichsetzung Stachelschwein - Mensch, aus der sich wir als einzige Möglichkeit des Menschseins das gegenseitige Sticheln, Stechen und Quälen zwangsläufig ergibt, entspricht dem in den „Aphorismen zur Lebensweisheit" definierten Höflichkeitsbegriff. SCHOPENHAUERS Vorstellung vom Wert der Höflichkeit ist rein utilitaristisch bestimmt; wir simulieren lebhaftesten Anteil an den Mitmenschen, ,während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben'. Seine Wertung der Höflichkeit erweist damit ihre Einseitigkeit und Gefährlichkeit.

Zentrale Aufgabe des Unterrichts wird es sein, den Blick der Schüler vom scheinbar Richtigen der ,Lehre' weg zum Merkmal ihrer Einseitigkeit zu lenken. Gewiß wird es angesichts der zunehmenden Vermassung der Menschheit immer nötiger, einen bestimmten Abstand voneinander zu wahren. Andererseits kann trotz oder gerade wegen der vielfach beklagten Vermassung von einer inneren Verknüpfung mitmenschlicher Beziehungen nicht die Rede sein. Obwohl die Menschen physisch immer näher zusammenrücken müssen (z. B.in großen Wohnblocks), leben sie oberflächlich und desinteressiert aneinander vorbei. Wie wären sonst die häufig wiederkehrenden Mseldungen in den Tageszeitungen zu erklären, daß der Tod alleinstehender Menschen oft erst nach Tagen bemerkt wird!

SCHOPENHAUER versteht den Menschen offenbar nicht als soziales Wesen; er definiert Höflichkeit dementsprechend als eine aus rein egoistischen Antrieben erwachsende Handlungsweise. Doch um in der Welt bestehen zu können, muß selbst der Mensch, wie ihn SCHOPENHAUER sieht, eine zumindest schmeichlerische Höflichkeit an den Tag legen, wodurch Existenz, Präsenz und Bedeutung anderer Menschen indirekt anerkannt werden. ,Und diese Entfernung nannten sie Höflichkeit und feine Sitte.' Dieser veränderten Fassung (Subjekt: die Stachelschweine; Tempus des Prädikats: Präteritum) kann entnommen werden, daß der Autor die Verhaltensweise verurteilt, sich also nicht nur von ihr distanziert. Wir setzen der negativen Bestimmung der Höflichkeit eine positive entgegen: Höflichkeit ist nicht bloß vom Egoismus bestimmt, es gibt auch eine Höflichkeit des Herzens.“

Bei aller Vorsicht und Anerkennung für Schopenhauers Argumente für eine pessimistische Metaphysik hat Ernst Bloch einen philosophischen Ansatz mit mehr Optimismus vertreten. Zur Parabel selbst ist seine Kritik, die Sache sei damit nicht erschöpft.

zum Verhältnis von Bloch und Schopenhauer:

Olaf Briese, Willensmetaphysik : die praxisphilosophischen Ansätze von Bloch und Schopenhauer: In: Schopenhauer in der Philosophie der Gegenwart. Herausgegeben von Dieter Birnbacher. Würzburg : Königshausen & Neumann, 1996 (Beiträge zur Philosophie Schopenhauers ; Band 1), S. 158 – 170

Einbezogen werden könnten weitere Äußerungen Schopenhauers über Höflichkeit.

einige wichtige Textstellen:

Arthur Schopenhauer, Die beiden Grundprobleme der Ethik, behandelt in zwei akademischen Preisschriften (2., verbesserte und vermehrte Auflage 1860). Preisschrift über die Grundlage der Moral. III: Begründung der Ethik.

§ 13. Skeptische Ansicht.

„Man würde sich in einem großen und sehr jugendlichen Irrthum befinden, wenn man glaubte, daß alle gerechte und legale Handlungen der Menschen moralischen Ursprungs wären. Vielmehr ist zwischen der Gerechtigkeit, welche die Menschen ausüben, und der ächten Redlichkeit des Herzens, meistens ein analoges Verhältniß, wie zwischen den Aeußerungen der Höflichkeit und der ächten Liebe des Nächsten, welche nicht, wie jene, zum Schein, sondern wirklich den Egoismus überwindet.“

§ 14. Antimoralische Triebfedern.

„Oben, §. 8, bei Erläuterung des Kantischen Moralprincips, habe ich Gelegenheit gehabt, auszuführen, wie der Egoismus sich im Alltagsleben zeigt, wo er, trotz der Höflichkeit, die man ihm als Feigenblatt vorsteckt, doch stets aus irgend einer Ecke hervorguckt. Die Höflichkeit nämlich ist die konventionelle und systematische Verleugnung des Egoismus in den Kleinigkeiten des täglichen Verkehrs und ist freilich anerkannte Heuchelei: dennoch wird sie gefordert und gelobt; weil was sie verbirgt, der Egoismus, so garstig ist, daß man es nicht sehen will, obschon man weiß, daß es da ist: wie man widerliche Gegenstände wenigstens durch einen Vorhang bedeckt wissen will.“

Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena : kleine Schriften zur Philosophie. Band 1. 2. Auflage 1862. Aphorismen zur Lebensweisheit. Kapitel V: Paranäsen und Maximen.

„36) Von der H ö f l i c h k e i t , dieser chinesischen Kardinaltugend, habe ich den e i n e n Grund angegeben in meiner E t h i k S. 201: der andere liegt in Folgendem. Sie ist eine stillschweigende Uebereinkunft, gegenseitig die moralisch und intellektuell elende Beschaffenheit von einander zu ignoriren und sie sich nicht vorzurücken; – wodurch diese, zu beiderseitigem Vortheil, etwas weniger leicht zu Tage kommt.

Höflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhöflichkeit Dummheit: sich mittelst ihrer unnöthiger und muthwilligerweise Feinde machen ist Raserei, wie wenn man sein Haus in Brand steckt. Denn Höflichkeit ist, wie die Rechenpfennige, eine offenkundig falsche Münze: mit einer solchen sparsam zu sein, beweist Unverstand; hingegen Freigebigkeit mit ihr Verstand. Alle Nationen schließen den Brief mit votre tres-humble serviteur, – your most obedient servant - suo devotissimo servo: bloß die Deutschen halten mit dem „Diener“ zurück, – weil es ja doch nicht wahr sei, –! Wer hingegen die Höflichkeit bis zum Opfern realer Interessen treibt gleicht Dem, der ächte Goldstücke statt Rechenpfennige gäbe.

Wie das Wachs, von Natur hart und spröde, durch ein wenig Wärme so geschmeidig wird, daß es jede beliebige Gestalt annimmt; so kann man selbst störrische und feindsälige Menschen, durch etwas Höflichkeit und Freundlichkeit, biegsam uud gefällig machen. Sonach ist die Höflichkeit dem Menschen, was die Wärme dem Wachs.

Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, dass wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an an ihnen simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. – Höflichkeit mit Stolz zu vereinigen ist ein Meisterstück.

Wir würden bei Beleidigungen, als welche eigentlich immer in Äußerungen der Nichtachtung bestehn, viel weniger aus der Fassung gerathen, wenn wir nicht einerseits eine ganz übertriebene Vorstellung von unserm hohen Werth und Würde, also einen ungemessenen Hochmuth hegten, und andrerseits uns deutlich gemacht hätten, was, in der Regel, Jeder vom Andern, in seinem Herzen, hält und denkt. Welch ein greller Kontrast ist doch zwischen der Empfindlichkeit der meisten Leute über die leiseste Andeutung eines sie treffenden Tadels und Dem, was sie hören würden, wenn sie die Gespräche ihrer Bekannten über sie belauschten! – Wir sollten vielmehr uns gegenwärtig erhalten, daß die gewöhnliche Höflichkeit nur eine grinzende Maske ist: dann würden wir nicht Zeter schreien, wenn sie einmal sich etwas verschiebt oder auf einen Augenblick abgenommen wird. Wann aber gar Einer geradezu grob wird, da ist es, als hätte er die Kleider abgeworfen und stände in puris naturalibus da. Freilich nimmt er sich dann, wie die meisten Menschen in diesem Zustande, schlecht aus.“

Danke, du hast mir wirklich gute Anhaltspunkte gegeben. Bei meiner eigenen Suche konnte ich jedoch nichts zu Werner Psaar finden. Kannst du mir vielleicht einfach kurz sagen wer das war?

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@Peacemaker112

Werner Psaar, der den Artikel über Schopenhauers Parabel von den Stachelschweinen in einer pädagogischen Fachzeitschrift veröffentlich hat, war ein Hochschuldozent mit dem Fachgebiet deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik. Die pädagogische Hochschule, an der er lehrte, war in der Lehrerausbildung tätig.

* 8. April 1915 in Mlode, 1939 Promotion zum Dr. phil. (Doktor der Philosophie; Philosophische Fakultät, geisteswissenschaftliche Fächer) in Berlin, Dissertation („Schicksalsbegriff und Tragik bei Schiller und Kleist“) 1940 veröffentlicht, 1969 Wissenschaftlicher Rat und Professor an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ruhr, Abteilung Dortmund, 1980 Professor an der Universität Dortmund (Eingliederung der PH Ruhr, Abteilung Dortmund, in die Universität Dortmund), 1981 im Ruhestand.

Informationen enthält:

Kürschners deutscher Gelehrtenkalender : bio-bibliographisches Verzeichnis deutschsprachiger Wissenschaftler der Gegenwart. 22. Ausgabe. Redaktion: Axel Schniederjürgen. Saur : München, 2009, S. 3219

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Hi,

also Parabel ist ja eigentlich ein sich ständig wiederholender Vorgang.

Du legst das hier als Etymolgie aus?

Ich hab mal einige Semester Raumfahrttechnik studiert und da wird eine Parabel als im Verhältnis der Anfangsgeschwindigkeit sowie der Fall Höhen  Differenz im Bezug auf 5meter Regel gesehen und sich daran anschließende Kreisbahn im Umlauf als Parabel bezeichnet.Das ist übrigens auch der Grund warum Feststoffraketen mehrere Stufen besitzen,da sie sonst nicht die erforderliche Geschwindigkeit zum erreichen einer Parabel erreichen.

LG.

🌈

Ich weiß wirklich nicht was du dir beim Verfassen deines Kommentars gedacht hast. ''Parabel'' hat mehrere Bedeutung. Zum Beispiel die mathematische die du denke ich mal angesprochen hast. Es sollte aber offensichtlich sein dass ich die literarische Bedeutung meine. Hier ähnelt die Parabel der Fabel und Allegorie. Wenn du dich minimal mit dem Thema befasst hättest, würdest du auch wissend dass in der angesprochenen Parabel wiederholende Vorgänge zumindest andeuten.

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Etymologie war hier auch überhaupt nicht Thema. Wie du darauf kommst ist mir auch nicht klar.

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@Peacemaker112

Freilich gibt es die theologisch/literarische und die mathematisch/physikalische Bedeutung des Wortes. Es kommt aus dem Griechischen. Paraballo heißt: Ich werfe daneben. Das passt für beide Teilbedeutungen Gleichnis und seitlicher Wurf.

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@Peacemaker112

Hallo,

Nun gut. Es ist also die Literatur auf welches Ihre Frage bezug nimmt?

Diachron selbstverständliche Menschen

brauchen keine Lehren aus Studiengängen,denn sie generieren Ihr Verständnis aus ihrem Geist und sind somit absolut jeglicher Irrlehren beständig.Innovative Denkweise ist nur wenigen gegeben und es sind gerade die,

welche sich nicht dem Einfluss anderer anschliesen und großes bewirken.Eine nach einem solchem genannte #Parabel# wiederholt sich ja sowieso.Dazu braucht es kein absolutes Denken,das ist bekannt.

Best Regards

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Für alle, die die Parabel nicht kennen:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/arthur-schopenhauer-fabeln-und-parabeln-4997/1

Hier mal der Versuch einer gedanklichen Analyse:
http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350481_0020_Loesungen_Parabel.pdf

Besonders gefällt mir dort:

"4. auktorial, olympische Perspektive: der Erzähler achtet seine Figuren gering (indirekt auch den Leser), kennt ihre Motive und ihre Wesensart; (nahezu) Allwissenheit; massive Wertung und Abwertung"

Könnte man evtl. sogar auf das Schopenhauersche Gesamtwerk anwenden ? LOL

Darauf bin ich auch schon gestoßen, danke trotzdem!

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