Kriegschuldfrage des 1. Weltkrieges?

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8 Antworten

Ich habe mich gerade im Rahmen meines Studiums in einer kürzlich geschriebenen Hausarbeit (bzgl. Versailler Vertrag als möglicher Grund für den Aufstieg des Nationalsozialismus) indirekt mit dem Thema befasst.

Zunächst einmal, nur der Vollständigkeit halber: Im Versailler Vertrag findet sich im Artikel 231 der "Kriegsschuldparagraph", dort steht allerdings in voller Fassung, dass Deutschland und seine Verbündeten Schuldtragende Kräfte des 1. WKs sind.

Also zu Beginn: Deutschland kommt m.M.n. durchaus als Hauptschuldiger am 1. WK in Frage (natürlich neben Österreich-Ungarn und im Grunde dem Osmanischen Reich). Letztendlich hat Kaiser Wilhelm der II. Österreich-Ungarn schriftlich versichert, dass es an der Seite von eben diesem Staat kämpfen würde, würde es zum Kriegsfall kommen. Damit hat das Deutsche Kaiserreich definitiv bestätigt, dass es Teil dieses Krieges sein würde. Von einer Unschuld kann also niemals die Rede sein.

Der Krieg wurde vom Deutschen Reich provoziert, aber man spricht ganz allgemein von einem "Funken im Pulverfass" in dieser Sache: Die Ermordung des österreichischen Erzherzog und Thronfolgers Ferdinands durch Mitglieder der "Schwarzen Hand" (als Folge der Annektion Bosniens durch Österreich-Ungarn) in Sarajevo war dann dieser "Funke", der zu einer Kettenreaktion der Bündnissysteme führte und den Ersten Weltkrieg zur Folge hatte. 

Hier gilt es Österreich-Ungarn eindeutig als Aggressoren zu erkennen: Folge war nämlich (obwohl den meisten der Tod des ungeliebten Thronfolgers relativ egal war) ein Ultimatum an die Regierung Serbiens (Die Attentäter waren Bosnier und formal Teil Österreich-Ungarns). Man machte den Staat selbst für das Attentat verantwortlich und forderte ein Ultimatum, welches in seinen Forderungen viel zu anspruchsvoll war, als dass man hätte tatsächlich hoffen können, Serbien würde es erfüllen (können). Diese Maßnahme wurde von Seiten der Entente (Frankreich, Britannien, Russland) kritisiert, es sei ein Angriff auf die Souveränität des Landes. Die Attentäter (was auch Teil des Ultimatums war) wurden festgenommen, sie machten Aussagen und es kam zum Prozess und zur Verurteilung. Obwohl das Ultimatum erfüllte wurde, kam es - noch während der laufenden Vermittlung zwischen den beiden Ländern - zur Kriegserklärung an Serbien. 

Diese Kriegserklärung war mitunter durch den sog. "Blankochecks" Deutschlands möglich: Deutschland, wie gesagt, würde Kriegsfalle auf Seiten Österreich kämpfen. 

Russland reagierte auf den österreich-ungarischen Krieg gegen Serbien durch eine eigene Mobilmachung. Diese, so wurde Deutschland versichert, würde sich allein gegen diesen Staat wenden - also nicht gegen das Kaiserreich. Ob dies der Wahrheit entspricht, konnten die Deutschen natürlich letztendlich nicht wissen (auch wenn das glaubwürdig erscheint). Deutschland befand sich in einer Zwickmühle: Würde es zum europäischen Krieg kommen, wollte man am sog. "Schlieffenplan" festhalten. Dieser aber hatte eine möglichst frühzeitige Ausschaltung des russischen Zarenreichs als Bedingung. Man musste also Russland noch während der Mobilmachung angreifen. Schließlich forderte Deutschland Russland dazu auf, die Mobilmachung zu unterlassen und drohte mit Krieg, sollte diesem Ultimatum keine Folge geleistet werden. Russland antworte hierauf nicht und so kam es zur Kriegserklärung Deutschlands gegen das russische Reich. Es ist also abzusehen, dass Russland aber auch Deutschland an dieser Stelle nicht wirklich an einer Erhaltung des europäischen Friedens interessiert waren. Allerdings ist Russlands Generalmobilmachung eventuell eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen und vor allem als Reaktion auf Österreich-Ungarn zu verstehen - Deutschland ist ohne tatsächliche Zwangslage zur eigenen Mobilmachung und Kriegserklärung übergegangen.

Frankreich wurde von Seiten des deutschen Kaiserreichs gefordert, Neutral zu bleiben. Frankreich antwortete nicht direkt und so kam es zu einer Kriegserklärung Deutschlands auch an dieses Land. Weiter kam es zu einem Ultimatum an die BeNeLux-Staaten und schließlich zum Einmarsch in Belgien - obwohl dieses Neutral bleiben wollte. Daraufhin erklärt das Vereinigte Königreich Deutschland den Krieg. Bündnissysteme greifen und so kommt es zum Ersten Weltkrieg: Auf der einen Seite die Entente und Verbündete, auf der anderen Seite die Mittelmächte (Vor allem: Deutschland, Osmanien, Österreich-Ungarn).

Deutschland ist insofern eindeutig maßgeblich daran beteiligt gewesen, dass es zum Ersten Weltkrieg kam. Natürlich ist der "Kriegsschuldparagraph" in seiner Formulierung verwirrend, er macht aber dennoch Sinn. 

Allerdings kann nicht darüber hinweggetäuscht werden, dass Europa allgemein ein, wie bereits erwähnt, "Pulverfass" war. Deutschland versuchte am Ende des 19. zu Beginn des 20. den Vorsprung als imperialer Staat von Frankreich und Großbritannien einzuholen, in dem es Kolonien gründete und sein Heer - besonders die Marine (als Bedrohung für das VK) vergrößerte. Frankreich wird gerne mal als "Erbfeind" Deutschlands dargestellt: Das Land wurde im Deutsch-Französischen Krieg von 1871 derart gekränkt und gedemütigt (-> Friedensschluss in Versailles), dass es sich rächen und vor allem Deutschland als direkte Gefahr ausschalten wollte. Hier spielt besonders das zu diesem Zeitpunkt umstrittene Elsass & Lothringen eine Rolle. Großbritannien, wie bereits erwähnt, fühlte sich konkret durch die steigende Flottengröße Deutschlands bedroht.

Alles in allem liegt die Schuld aber eindeutig auf Seiten der Mittelmächte. Nicht zuletzt, weil von dieser Seite aus der eigentliche Krieg provoziert und begonnen wurde. Im Falle des Ersten Weltkriegs ist die Schuld aber nicht singulär verteilbar.

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Kommentar von earnest
07.03.2017, 21:58

Eine hervorragende Zusammenfassung.

Sternantwort.

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"In dem Versailler Vertrag stand/steht, dass Deutschland die alleinige Schuld am Krieg hatte (Kriegsschuldparagraph)."

Nö, das steht da nicht, sondern:

Art. 231: "Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben."

Ein Teil Deiner Frage ist damit also bereits beantwortet.

Fest steht weiterhin, daß die ersten Kriegserklärungen und Kampfhandlungen von Deutschland und seinen Verbündeten ausgingen:

"28. Juli Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien.
29. Juli Artilleriebeschuss Belgrads durch österreichisch-ungarische Kanonenboote.
1. August Kriegserklärung Deutschlands an Russland
2. August Deutscher Einmarsch in Luxemburg, deutsche Truppen rücken einige Kilometer auf polnisch-russisches Territorium vor und besetzen die Grenzstädte Kalisz (Kalisch), Częstochowa (Tschenstochau) und Będzin (Bendzin).
3. August Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich, Einmarsch deutscher Truppen in Belgien"


https://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie\_des\_Ersten\_Weltkrieges

An diesen historischen Fakten ändert sich auch nichts, wenn ein gewisser Herr Clark neuerdings meint, umnachtet durch die Gegend schlafwandeln zu müssen.

Das Deutsche Reich hat durch seine Blankovollmacht an seinen Juniorpartner den Kriegsausbruch provoziert, und zwar vorsätzlich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Blankovollmacht

Das steht auch in auffälliger Übereinstimmung zur langfristigen Kriegsplanung. Während des Kriegsrates vom 8. Dezember 1912 forderte Admiral Tirpitz, den Krieg nicht vor 1914 beginnen zu lassen, da dann erst der Ausbau des Nord- Ostsee-Kanals abgeschlossen sei. Die Wiedereinweihung des Kanals erfolgte am 23. Juli. Die Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsrat\_vom\_8.\_Dezember\_1912

Daß Clark dem Kriegsrat von 1912 keine Bedeutung beimißt, zeigt, was von seinem Narrativ zu halten ist.

Wenn auch Deutschland und seine Verbündeten nicht die alleinige Schuld am Kriegsausbruch trifft, ist doch hier von einer Hauptschuld und einer ganz wesentlichen Verantwortung auszugehen.

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Kommentar von earnest
07.03.2017, 22:01

UFF - jetzt gibt es schon ZWEI Sternantworten.

Ja, Clark kann man, was das betrifft, in der Pfeife rauchen, aber er passt halt gut zur Stimmung in bestimmten Kreisen...

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Tatsächlich war es so wie Lenin sagte, imperialistische Räuber fielen übereinander her. Daher waren alle Beteiligten schuldig am Ausbruch des WK.I

Es ist eine Binsenweisheit, dass Sieger stets den Besiegten die alleinige Schuld in die Schuhe schieben. Beim WK II traf dies zwar zu, nicht jedoch für den WK I. Man kann Deutschland allenthalben vorwerfen, dass es sich besonders weit aus dem Fenster lehnte, mehr aber auch nicht.


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Kommentar von earnest
07.03.2017, 22:04

Das mit dem Fenster ist mir zu schwammig.

D hat, zusammen mit Ö-U, den Hauptteil der Verantwortung am Kreigsausbruch.

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Leider ist in Deutschland die lesenswerte Arbeit der italienischen Historiker Franco Cardini und Segio Valzania mit dem Titel "La scintilla" kaum beachtet worden. Darin erläutern die beiden italienischen Historiker, wie nach ihrer Meinung Italien mit der Kriegserklärung an die Türkei von 29. September 1911 den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat. Es folgten die durch den italienisch-türkischen Krieg verursachten beiden Balkankriege, aus denen Serbien um 80 Prozent vergrößert hervorging, wobei Serbien nur durch ein hartes österreichisches Ultimatum im Oktober 1913 daran gehindert werden konnte, sich auch noch Albanien einzuverleiben. In Österreich war man daher überzeugt, dass Serbiens Imperialismus  gefährlich sei und das Land durch harte Maßnahmen in seine Schranken gewiesen werden müsse. Was Österreich nicht wusste, war der Blankoscheck, den Russland  den Serben ausgestellt hatte, um sie zu ermuntern, das österreichische Ultimatum nicht zu erfüllen und somit den Krieg zu riskieren. Außerdem war es den Österreichern entgangen, dass Serbien zum gleichen Zweck von Frankreich massiv aufgerüstet worden war. Jedenfalls wurde in Europa bereits seit 1911 praktisch ununterbrochen gekämpft, ab 1914 ist daraus dann ein Weltkrieg geworden.

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Das Kaiserreich hätte einfach auf die Krieserklärung verzichten können. hat man aber nicht. Stattdessen setzte man den Schliefenplan um und attackierte die Franzosen unter Bruch der belgischen Neutralität in der Flanke. Alles von langer Hand geplant.

Insofern trifft das Kaiserreich zumindest die Hauptschuld. Dass auch andere imperiale Mächte, allen voran die Russen, ihre Gelegenheiten suchten, ändert daran erstmal rein gar nichts.

Ich habe auch noch nie gehört, dass unabhängig von der deutschen Kriegserklärung Britten oder Fransoen ihrerseits konkrete Überfallpläne gegenüber dem Kaiserreich hatten...

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Das ist zu einfach man könnte auch sagen das  das  der Attentäter aus Serbien(?) Ausgelöst hat hätte es das Attentat nicht gegeben dann hätte es keinen Grund für den krieg gegeben. Und damit hätten auch dire anderen verbündeten Staaten nicht in den krieg ziehen müssen.Das könnte man als Anfang  sehen.

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Kommentar von dataways
07.03.2017, 22:36

hätte es das Attentat nicht gegeben dann hätte es keinen Grund für den krieg gegeben.

Keine Sorge, es hätte sich schon ein anderer Grund gefunden, siehe Kriegserklärung Deutschland an Frankreich.

"Am 29. Juli eröffnete Reichskanzler Bethmann Hollweg dem britischen Botschafter Edward Goschen, dass Deutschland unter Brechung der belgischen Neutralität Frankreich angreifen werde und dass man für eine britische Neutralität die Wiederherstellung der territorialen Integrität von Frankreich und Belgien – nicht jedoch die ihrer Kolonien – nach dem Krieg anbiete."

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg#Julikrise_und_Kriegsbeginn

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Ich denke mal, die Angst, oder besser der Respekt vor dem allseits aufstrebenden deutschen Kaiserreich haben England und Frankreich in den Krieg eintreten lassen. Für Frankreich galt Deutschland seit 1870/ 71 ohnehin als Erzfeind, für England war es wohl die Wirtschaftskraft Deutschlands, ihn als ernsthaften Konkurrenten zu betrachten. Deutschland und Russland hingegen nahmen nur ihre Bündnisverpflichtungen war. Die Kriegsschuldfrage kann beiden insofern nicht auferlegt werden.


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Kommentar von earnest
07.03.2017, 21:59

Das ist, was Deutschland betrifft, falsch.

Deutschland hat nicht "nur" seine Bündnisverpflichtungen erfüllt, siehe "Blankoscheck".

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Es ist noch immer nicht geklärt und das wird sich auch niemals klären lassen, weil die Siegermächte daran kein Interesse haben - allen voran Frankreich.

Deutschland die alleinige Kriegsschuld zu geben, war und ist auf jeden Fall falsch und historisch gesehen hat man ja gesehen, wozu es mitunter geführt hat.

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Kommentar von OhneRelevanz
07.03.2017, 20:54

Ich finde es ein bisschen überzogen den 2. Weltkrieg so sehr dadurch zu begründen, dass man die Schuld am 1. bekommen hat.

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Kommentar von earnest
07.03.2017, 22:02

Doch, das ist schon SEHR gut geklärt.

Niemand hat übrigens Deutschland offiziell die ALLEINIGE Kriegsschuld gegeben.

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