Könnten wir ohne Sinne denken?

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Ohne Sinne wären wir nicht lebensfähig und könnten demzufolge auch nicht denken. Denn wir hätten ja keinerlei Verbindung zu der uns formenden Umwelt.

Es gibt Philosophen, die meinen sogar, dass wir nur Dinge denken können, die wir durch Verbalisierung aus dem Assoziationsnebel unseres Gehirns herausgelöst haben.

Sorry, habe eigentlich nur aus Versehen deine Antwort als hilfereichste ausgewählt xD Aber was soll's, hier nimm. Ich hätte wahrscheinlich keine ausgewählt, wie normal, da viele Antworten gleich gut sind. Also zu deiner Antwort: Es sind aber halt auch die Fällr zu beachten, in dem der Mensch bereits durch die Umwelt geformt wurde, und dann plötzlich durch einen vollständigen Sinnesverlust von ihr abgetrennt wird. Was meinst du dazu?

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@styli1000

Der Mensch hat wie jedes Lebewesen das Bedürfnis, mit der Umwelt und auch anderen Individuen seines "Rudels" Kontakt aufzunehmen. Wobei dies alles in erster Linie dem Überleben dient, was letztlich das Ziel von allem ist.

Beim Menschen spielen Gesichtssinn und Gehör eine besonders wichtige Rolle, denn uns Planet hat Licht und eine Atmosphäre die die Geräusche weiterleitet, welche potentielle Fressfeinde machen.

Wenn jemand plötzlich das Augenlicht verliert, schärfen sich dafür andere Sinne und versuchen den Verlust auszugleichen. So kann ein Blinder Braille-Schrift so schnell lesen wie wir normale Schrift. Wir Sehenden würden diese winzigen Ausbeulungen nur als ein etwas rauheres Papier wahrnehmen. Auch sein Gehörsinn wird schärfer; wenn er es trainiert, kann er an der Art des Echos auf einen Klicklaut, den er macht, sogar unterscheiden, ob eine Wand oder eine Tür oder ein Baum in seinem Weg steht. (Kam übrigens gestern in Galileo, schau mal in die Mediathek).

Wenn er das Gehör verliert, wird sein Gesichtssinn schärfer und er kann anderen das Gesprochene fließend von den Lippen ablesen.

Natürlich erleben Menschen den Wegfall eines oder mehrerer Sinne als schmerzlicheren Verlust, wenn er später erfolgt, als wenn sie schon so geboren werden.

Wäre die Welt immer durchgehend dunkel, hätte die Evolution wahrscheinlich keine Energie in die Entwicklung von Augen investiert und wir hätten dafür einen superfeinen Geruchssinn oder hätten einen Sinn, mit dem wir das Magnetfeld der Erde wahrnehmen können. Wir fänden dann nicht ein Bild von Monet besonders schön, sondern die Spur, die ein bestimmter Gegenstand im Magnetfeld hinterlässt oder wir wären in der Lage 16 übereinandergeschichtete Trommelrhythmen auseinanderzuhalten (was manche Afrikaner und Brasilianer übrigens auch so schon ganz easy können, weil ihre Musik eher auf Rhythmik als auf Melodik aufgebaut ist).

Die Evolution baut sich ihre Lebewesen aus den Ressourcen, die ihr zur Verfügung stehen, so, dass sie in einer vorgegebenen Umwelt eine optimale Überlebens- und Fortpflanzungschance haben. Denn das Leben will sich um jeden Preis durchsetzen und hat in der Evolution ein Mittel gefunden, dieses Ziel auf die beste aller möglichen Weisen zu erreichen.

Kleiner Hinweis für Evolutionsgegner: Der "liebe Gott" hätte, als er das Leben geschaffen hat, förmlich ein Brett vor dem Kopf gehabt, wenn er nicht zum Mittel der Evolution gegriffen hätte, um es sich weiterentwickeln zu lassen, ohne dass er ständig hätte nachbessern müssen. Auch Gott – so es ihn geben sollte – steht auf Selbstläufer und hat bei der Vielzahl der Planeten, um die er sich kümmern muss, keine Lust, ständig für Notfälle erreichbar zu sein! Ein alter Mann braucht auch mal seine Ruhe.

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Moin,

deine Frage ist recht schwierig zu beantworten, da insbesondere in der Psychologie noch große Diskussion darüber besteht, wie die Gewichtung von Natur (genetische Vererbung) und Umwelt (soziale Kontakte, sinnliche Eindrücke etc.) korrekt angesehen werden sollte.

Um zunächst auf den ersten Teil deiner Frage einzugehen: Es stimmt, es macht einen deutlichen Unterschied, ob ein Sinn von Geburt an abwesend ist oder erst später verschwindet. Um hier jedoch korrekter zu sein: Es geht nicht direkt um die Unterscheidung zwischen angeborenen (kongenitalen) und erworbenen Defekten, sondern darum, wann diese Defekte auftreten (z.B. kann jemand eine genetische Disposition haben, im hohen Alter z.B. an Retinitis pigmentosa zu erblinden; dieser Sinnesverlust, wenn auch genetisch bedingt hat aufgrund seines späten Auftretens andere Einflüsse auf das Hirn als wenn er in jüngeren Jahren auftritt). Unter Tieren wurde entdeckt, dass die Abwesenheit des Sehvermögens von gerade einmal einer Woche Dauer innerhalb der sensitiven Phase im jungen Alter deutlich veränderte Architekturen in der Sehrinde zur Folge hat, welche letztendlich in dauerhafter Blindheit auf dem betreffenden Auge mündet. Außerhalb dieser sensitiven Phase wurde dieser Effekt nicht nachgewiesen.

Behavioristen wie B.F. Skinner und John B. Watson würden sich dagegen aussprechen, die Abwesenheit von Sinneswahrnehmungen mit Veränderungen des Hirns in Verbindung zu bringen; dies liegt jedoch daran, dass sie die Vorgänge im Hirn als nicht sicher erforschbar ansahen und das Hirn somit als "Black Box" deklarierten.
Andere Psychologen wie Jean Piaget, der sich Zeit seines Lebens mit der Entwicklung, hauptsächlich der frühkindlichen Entwicklung beschäftigte, sehen diese Vorgänge unter dem Aspekt des Kognitivismus: Wahrnehmung führt zu Veränderungen der Hirnstrukturen, was die Interaktion zwischen Individuum und Umwelt ausmacht.

Wachkoma, medizinisch auch als "apallisches Syndrom" bezeichnet, stellt dabei einen Spezialfall des "normalen" Komas dar. Hierbei ist insbesondere die Funktion des Großhirns aufgehoben, was zu einem Verlust der Verarbeitung der Sinneswahrnehmungen führt. Da das bewusste Denken zum größten Teil im Großhirn stattfindet, ist auch das Denkvermögen beim apallischen Syndrom aufgehoben. Dieser Status wird auch als "persistierender vegetativer Status" bezeichnet, da die Hirnfunktion sich auf das vegetative Nervensystem reduziert.

Nein, aus purer Willenskraft ist es nicht möglich, das Herz zum Stillstand zu bringen. Die Herzfunktion wird durch das eben angesprochene vegetative Nervensystem innerviert (nervlich versorgt). Das vegetative Nervensystem (VNS) wird dabei von Strukturen wie dem Mittelhirn und dem verlängerten Rückenmark angesprochen. Auch wenn manche Menschen durch Willenskraft ihre Herzfrequenz durchaus beschleunigen oder senken können, derart extreme Eingriffe sind nicht möglich (da evolutionär auch unerwünscht). Die Steuerung des Kreislaufs ist nicht in ein paar Worten erklärt, nichtmal in ein paar Absätzen. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass diverse Systeme in diese Steuerung integriert sind, darunter das VNS mit den beiden Anteilen Sympathikus und Parasympathikus sowie das endokrine (hormonelle) System, zu dem z.B. die Nebennieren größtenteils beitragen, welche wiederum maßgeblich durch die Hirngebiete Hypothalamus und Hypophyse beeinflusst werden.

Was genau meinst du mit "wie hängt alles im Gehirn zusammen"? Es ist sehr schwierig, in wenigen Sätzen die Hirnfunktion zu beschreiben, daher die Frage. Um einen Einstieg zu bieten: Die meisten eingehenden Informationen erreichen zunächst den Thalamus. Diese Struktur im sogenannten Zwischenhirn wird auch das das "Tor zum Bewusstsein" bezeichnet, da es grob gesagt entscheidet, welche Informationen bewusst wahrgenommen werden sollen und welche nicht. So ziehen z.B. Tastreize durch den Thalamus im Zwischenhirn dann in die entsprechenden Areale der Großhirnrinde, in welcher sie dann weiter verarbeitet werden. Wenn eine Bewegung ausgeführt werden soll, dann erfolgt die Planung zunächst im Großhirn, welche dann im Kleinhirn konkretisiert bzw. genauer abgestimmt wird, um das Gleichgewicht des Körpers aufrecht zu erhalten. Die Informationen werden dann über die Bahnen des Rückenmarks und die peripheren Nerven an die jeweiligen Muskeln entsandt. Diese beiden Beschreibungen sind jetzt natürlich sehr sehr allgemein gehalten, da die tatsächlichen Vorgänge zu komplex sind, um sie hier in Kürze zu beschreiben.

Denken ist per Definition kein Sinn. Ein Sinn besteht in der Verarbeitung eines Reizes, welcher durch einen Rezeptor erfasst und dem Hirn zugespielt wurde. Denken basiert jedoch auch auf den Sinnen; nur der Grad des Einflusses, den die Sinne auf das Denken haben, wird aktuell immer noch erforscht. Dies bringt uns jetzt wieder zurück zu Psychologen wie Piaget.

Ich hoffe dir etwas weitergeholfen haben zu können. Hast du noch weitere Fragen?

Lieben Gruß ;)

Gehirn und Denken

Vereinfacht gesagt: Das Gehirn ist eine Kombination aus chemischen
Faktoren, in Form von Hormonen und elektrischen Impulsen durch Neuronen.

Durch diese Gehirnaktivität entsteht das Bewusstsein, dass wir "Ich" nennen und das Reize als Sinnenswahrnehmungen identifiziert. .

Auch eine bewusstlose Person, die sich ihres "Ichs" nicht bewusst ist, etwa weil sie schläft, hat aber weiterhin Gehirnaktivität, die zB die Atmung aufrecht erhält.

Ursache hierfür ist das autonome Nervensystem, das nicht durch den bewussten Willen gesteuert wird - das betrifft eben beispielsweise das Atemzentrum im Gehirn, denn ansonsten müssten wir ständig daran denken, das Atmen nicht zu vergessen und würden im unbewussten Zustand des Schlafs sterben.

Es gibt evolutionstechnisch gesehen sehr alte Areale in unserem Gehirn, die beispielsweise für Instinkte zuständig sind, die unser Überleben sichern. Dabei geht es um ganz grundlegende Dinge.

Wenn jemand etwa versuchen sollte, bewusst den Atem
anzuhalten, um sich auf diese Weise selbst zu töten, so ist ihm das nicht möglich - diese Urinstinkte würden einen Atemreflex auslösen.

Beeinflussung

Eine Beeinflussung des autonomen Nervensystems ist in gewissem Umfang dennoch möglich - beispielsweise durch Autosuggestion. Wir können zB in der Regel unseren Blutdruck nicht willentlich beeinflussen.

Mit entsprechenden Suggestionen ist es dagegen durchaus möglich, Einfluss auf diese körperliche Funktion zu nehmen und den Blutdruck willentlich zu regulieren.

Trotzdem würde in einem lebensbedrohlichen Zustand vermutlich immer das Gehirn Alarm schlagen und einen Tod verhindern.

Sinnesverlust

Auch Menschen mit reduzierter Sinneswahrnehmung, zB Personen die sowohl gänzlich gehörlos, als auch vollständig blind sind, haben die Fähigkeit zu denken und kommunizieren dann zB über den Tastsinn.

Ein Mensch gehört zu einer bestimmten Spezies von Säugetieren und damit sind bestimmte Eigenschaften des Gehirns und damit verbundene Instinkte schon durch Vererbung genetisch innerhalb der Art weitergegeben.

Daher ist es dann unerheblich, ob jemand schon mal "gesehen" oder "gehört" hat, oder von Geburt an blind und gehörlos ist - bestimmte Reaktionen sind einfach im Menschen angelegt.

Es gibt Experimente mit sensorischer Deprivation - also dem weitgehenden Entzug äußerer Reize - beispielsweise in Form von Floating-Tanks.

Die Person befindet sich in einem Wassertank mit Salzwasser, das dem Körper Auftrieb gibt. Das Wasser ist körperwarm, wird also taktil nicht wahrgenommen. Augen und Ohren bekommen in dem Tank keinerlei Sinnesinformation.

Selbst in diesem Zustand ist das Gehirn aktiv und produziert sogar Halluzinationen, von denen die Probanden dann berichteten.

Ich hoffe, ein paar Fragen beantwortet zu haben.

Zuerst mal: Ich danke dir sehr für deine professionelle, umfangreiche und sehr hilfreiche Antwort! :-) Zum Text: 1. Das "selbst ersticken" wäre schon deshalb nicht möglich, weil man vorher den bewusstseinslosen Zustand erreichen würde, in dem die Atmung wieder unabhängig von einem selbst reguliert wird :-) Der Körper erkennt ja die Atemnot und fährt die Bedürfnisse durch disen Zustand runter. 2. Dass es bei Sinnesverlust noch möglich ist, über übrige Sinne zu kommunizieren, weiß ich. Meine Frage war bezüglich eines vollständigen Sinnesverlusts gestellt. 3. Ich frage mich gerade, wie weit es möglich wäre, den gesamten Körper auf die eine gleiche Temperatur zu bringen, sodass der Mensch nichts merkt. Und, ob der Mensch nicht bereits durch die geringe Beschleunigung etwas merken würde. 4. Fakt: Delfine müssen tatsächlich bewusst atmen, sonst sterben sie :-( Es ist, so habe ich einmal gelesen, zurzeit die einzige bekannte Spezies, bei der das so ist.

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@styli1000

Ich sagte ja schon selbst, das eine Selbsterstickung aufgrund des autonomen Nervensystems nicht möglich wäre. Denn das sorgt ja eben für den Atemreflex.

Auch bei einem vollständigen Sinnesverlust, wie er ja annähernd durch sensorische Deprivation erreicht wird, wäre das Gehirn noch zu Gedanken in der Lage.

Durch die genetische Veranlagung haben wir einfach einen gewissen Trieb zum Denken und sei es auch nur auf sehr animalischem und rudimentären Niveau.

Man denkt ja nicht nur kognitiv-intellektuell, sondern auch auf einer emotionalen Ebene, etwa wenn das Gehirn dazu übergeht, Träume zu fabrizieren, die ja häufig emotional aufgeladen sind.

Unser Gehirn kann auch ohne Sinneseindrücke irgendwelche Bewusstseinsinhalte produzieren.

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