"knowing yourself is the beginning of all wisdom" ist dieses Zitat wirklich von Aristoteles. Quelle?

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4 Antworten

Es gibt viele angebliche Zitate, bei denen erst zu prüfen ist, ob 1) das Zitat von der Person stammt, der es als Autor zugeschrieben wird, 2) der Wortlaut richtig wiedergegeben wird bzw. eine richtige Übersetzung genau einer tatsächlich geschehenen Äußerung vorliegt.

Ein gewisses Mißtrauen gegenüber angeblichen Zitaten, zu denen aber eine Stellenangabe fehlt, ist berechtigt. Außerdem ist eine Frage, ob jemand auch den vom originalen Textwortlaut (in diesem Fall in altgriechischer Sprache) angibt oder angeben kann.

Angebliche Zitate können sich z. B. als ungenaue Übersetzungen, als sinngemäße, aber nicht wörtliche Wiedergaben, als kürzere Zusammenfassungen tatsächlich längerer Textabschnitte oder als inhaltliche Angabe von Auffassungen, die aber nicht in dieser Form im Original so formuliert sind, herausstellen.

Es gibt bei Aristoteles Darlegungen über Wissenschaft (ἐπιστήμη [episteme]) allgemein und Erste Philosophie (auf die ersten Prinzipien bezogene Philosophie), die besonders stark mit Weisheit (σοφία [sophia] in Verbindung steht, insbesonders. In diesem Zusammenhang nennt Aristoteles das Staunen/die Verwunderung (τὸ θαυμάζειν [to thaumazein]; durch davor gesetzten bestimmten Artikel substantiviertes Verb; θαυμάζειν = 1) staunen, sich (ver)wundern 2) anstaunen, bewundern a) hochschätzen, verehren b 1) verwundert fragen, nicht begreifen können b 2) zu wissen wünschen, neugierig sein) als Anfang des Philosophierens. Philosophie ist eine Liebe zur Weisheit.

Für ein echtes Zitat ist der entsprechende Textabschnitt anzusehen.

Die Äußerungen über den Anfang des Philosophierens sind folgende Teile längerer Sätze:

Aristoteles, Metaphysik A 2, 982 b: διὰ γὰρ τὸ θαυμάζειν οἱ ἄνθρωποι καὶ νῦν καὶ τὸ πρῶτον ἤρξαντο φιλοσοφεῖν (Denn durch das Staunen/die Verwunderung begannen die Menschen sowohl jetzt als auch zuerst zu philosophieren)

Aristoteles, Metaphysik A 2, 983 a: ἄρχονται μὲν γάρ, ὥσπερ εἴπομεν, ἀπὸ τοῦ θαυμάζειν πάντες εἰ οὕτως ἔχει (Denn alle beginnen, wie wir sagten, mit dem Staunen/der Verwunderung, ob es sich so verhält)

Aristoteles, Metaphysik A 2, 981 a

Aristoteles' Metaphysik : griechisch – deutsch. Halbband 1: Bücher I (A) - VI (E) Neubearbeitung der Übersetzung von Hermann Bonitz. Mit Einleitung und Kommentar herausgegeben von Horst Seidl. Griechischer Text in der Edition von Wilhelm Christ. 3., verbesserte Auflage. Hamburg : Meiner, 1989 (Philosophische Bibliothek ; Band 307), S. 5:
„Wissenschaft aber und Kunst gehen für die Menschen aus der Erfahrung hervor; denn „Erfahrung brachte Kunst hervor“, sagt Polos mit Recht, „Unerfahrenheit aber Zufall“. Die Kunst entsteht dann, wenn sich aus vielen durch die Erfahrung gegebenen Gedanken eine allgemeine Annahme über das Ähnliche bildet.“

Aristoteles, Metaphysik A 2, 982 b

S. 13: „Am gebietendsten unter den Wissenschaften, gebietender als die dienende, ist die, welche den Zweck erkennt, weshalb jedes zu tun ist; dieser aber ist das Gute für jedes Einzelne und im ganzen das Beste in der gesamtem Natur.

Nach allem eben Gesagten fällt also die gesuchte Benennung derselben Wissenschaft zu: Sie muß nämlich eine auf die ersten Prinzipien und Ursachen gehende, theoretische sein; denn auch das Gute und das Weswegen ist eine der Ursachen. (c) Daß sie aber keine hervorbringende (poietische) ist, beweisen die ältesten Philosophen. Denn Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens, indem sie sich anfangs über das nächstliegende Unerklärliche verwunderten, dann allmählich fortschritten und auch über Größeres Fragen aufwarfen, z. B. über die Erscheinungen an dem Mond und an der Sonne und den Gestirnen und über die Entstehung des Alls. Wer sich über eine Sache fragt und verwundert, der glaubt sie nicht zu kennen.“

Aristoteles, Metaphysik A 2, 983 a

S. 15: „(e) Ihr Besitz jedoch muß für uns gewissermaßen in das Gegenteil der anfänglichen Forschung umschlagen. Denn es beginnen, wie gesagt, alle mit der Verwunderung darüber, ob sich etwas wirklich so verhält, wie etwa über die automatischen Kunstwerke, wenn sie die Ursache noch nicht eingesehen haben, oder über die Sonnenwenden oder die Inkommensurabilität der Diagonale (eines Rechtecks); denn verwunderlich erscheint es allen (anfänglich), sofern sie die Ursache noch nicht eingesehen haben, wenn etwas durch das kleinste Maß nicht meßbar sein soll.“

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Kommentar von Albrecht
20.07.2013, 06:33

Aristoteles, Metaphysik. Übersetzt von Hermann Bonitz. Auf der Grundlage der Bearbeitung von Héctor Carvallo und Ernesto Grassi neu herausgegeben von Ursula Wolf. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 2007 (Rororo ; 55544 : Rowohlts Enzyklopädie), S. 42:
„Daß sie aber nicht auf eine Hervorbringend (poiētikḗ) geht, beweisen die ältesten Philosophen. Denn Verwunderung (thaumázein) veranlaßte zuerst wie jetzt die Menschen zum Philosophieren, indem man anfangs über die unmittelbar sich darbietenden unerklärlichen Erscheinungen sich verwunderte, dann allmählich fortschritt und auch über Größeres sich in Zweifel einließ, z. B. über die Erscheinungen an dem Mond und der Sonne und den Gestirnen und über die Entstehung des Alls. Wer aber in Zweifel und Verwunderung über eine Sache ist, der glaubt sie sie nicht zu kennen.“

S. 43: „Ihr Besitz jedoch muß für uns gewissermaßen in das Gegenteil der anfänglichen Forschung umschlagen. Denn es beginnen, wie gesagt, alle mit der Verwunderung (thaumázein) darüber, ob sich etwas wirklich so verhält, wie etwa über die automatischen Kunstwerke, wenn sie die Ursache noch nicht eingesehen haben, oder über die Wendungen der Sonne oder die Irrationalität der Diagonale; denn wunderbar erscheint es einem jeden, der den Grund noch nicht erforscht hat, wenn etwas durch das kleinste Maß nicht soll meßbar sein.“ Eine solche Verbindung von Staunen/Verwunderung und Philosophie ist schon bei Platon zu finden, dem Lehrer des Aristoteles.

Platon, Theaitetos 155 d: μάλα γὰρ φιλοσόφου τοῦτο τὸ πάθος, τὸ θαυμάζειν • οὐ γὰρ ἄλλη ἀρχὴ φιλοσοφίας ἢ αὕτη, καὶ ἔοικεν ὁ τὴν Ἶριν Θαύμαντος ἔκγονον φήσας οὐ κακῶς γενεαλογεῖν.

„Denn dies ist sehr das Erlebnis/das Erleiden/die Widerfahrnis/die Gemütsbewegung/die Leidenschaft eines Philosophen, das Staunen/die Verwunderung; denn es gibt keinen andern Anfang der Philosophie als diesen, und wer gesagt hat, Iris sei die Tochter des Thaumas, scheint die Abstammung nicht schlecht angegeben zu haben.“

Eine Aufforderung zur Selbsterkenntnis gibt es in einem häufig genannten Ausdruck: γνῶθι σεαυτόν (gnothi sauto) bzw. mit Elision (Wegfall eines Lautes, wo zwei unbetonte Vokale zusammentreffen) γνῶθι σαυτόν (gnothi sauton)

Dies heißt: Erkenne dich selbst!

Zuerst belegt ist sie anscheinend bei Heraklit (Herakleitos) VS DK (= Fragmente der Vorsokratiker, Hermann Diels/Walther Kranz) 22 B 116.

Unter anderem hat, so wird berichtet, dies auf der Wand in der Vorhalle des Apollon-Tempels in Dephi gestanden.

Die Aufforderung war auf Gedanken ausgerichtet, als Mensch sterblich zu sein, unvollkommen, mit Begrenztheit, Beschränkung und Unzulänglichkeit.

Sie hat eine Auslegung als Aufforderung zur Selbsterkundung und Selbstprüfung erhalten. Platon, Alkibiades 1, 129 b – 133 c, vertritt die Auffassung, man solle seine Seele erkennen und sich um sie kümmern/für sie sorgen.

Platon, Charmides 164 d enthält eine Verbindung mit Besonnenheit und maßvollem Verhalten.

Xenophon, Apomnemoneumata [Denkwürdigkeiten/Erinnerungen an Sokrates; lateinisch: Memorabilia]4, 2, 24 – 58 enthält (Gespräch zwischen Sokrates und Eutyhdemos) eine Warnung vor Überschätzen der individuellen Möglichkeiten durch den einzelnen Menschen.

Aristoteles, Nikomachische Ethik 4, 9, 1125 a hat einen Bezug zu individuelle Charakterfehlern, wobei ein Mangel an Selbsterkenntnis Auswirkungen hat.

Hinweise bieten z. B. geschichtliche ausgerichtete philosophische Wörterbücher:

Fritz-Peter Hanger, Selbsterkenntnis I. Antike. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9: Se – Sp. Basel : Schwabe, 1995, Spalte 406 - 413

Christian Utzinger, gnôthi sauton. In: Wörterbuch der antiken Philosophie. Herausgegeben von Christoph Horn und Christof Rapp. Originalausgabe. München : Beck, 2002 (Beck'sche Reihe ; 1483), S. 173- 174

Das angebliche Aristoteles-Zitat kommt darin nicht vor.

Bei der englischen Formulierung habe ich einen starken Verdacht auf eine vorn irgendjemand selbst vorgenommene Kombination von Gedanken statt einer auch nur einigermaßen wörtlichen Wiedergabe einer Textstelle in Übersetzung.

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Kommentar von Albrecht
20.07.2013, 06:33

Elenor Jain/Tobias Trapp, Staunen, Bewunderung; Verwunderung. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10: St –T. Basel : Schwabe, 1998, Spalte 116 – 126

Spalte 116: „Zu grundlegender philosophischer Bedeutung gelangt der Begriff durch die von PLATON und ARISTOTELES getroffene und in der Geschichte der Disziplin unaufhörlich kommentierte Aussage, das S. sei Anfang der Philosophie schlechthin. PLATON faßt das S., die dem Philosophen eigentümliche Leidenschaft (πάθος), nicht nur als Ursprung (ἀρχή) der Philosophie, indem die aporetische Situation des Denkens kennzeichnende Verwunderung gerade das Weiterfragen anregen soll, sondern auch als Ziel der Philosophie, insofern die Schau der höchsten Idee mit S. verbunden ist. ARISTOTELES und die ihm folgende Tradition verstehen das S. zunächst als unmittelbaren Ausdruck einer Unwissenheit (um die Ursachen der Erscheinungen), welche aber in dem von der Intelektuellen Neugier angeleiteten Erkenntnisprozeß – hier zeigt sich die erschließende Kraft des S. – aufgehoben werden kann und soll.“

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Man findet Sich selbst zu kennen, ist die erste aller Wissenschaften. auch als ein Zitat von Platon (Schüler von Sokrates).

(siehe z.B.: http://www.spruecheportal.de/griechisch.php)

AstridDerPu

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Kommentar von Albrecht
20.07.2013, 06:36

Auf der Seite stehen keine Stellenangaben. Solange nichts verifiziert ist, handelt es sich um angebliche Zitate.

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Kommentar von marble1
10.07.2013, 22:58

..njaaa das ist mir schon klar

aber es bleibt dabei dass die deutsche version nicht zu finden ist oder wo der englische satz dazu zu finden ist

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Sowohl als auch...., je nach dem Satzaufbau und dem Sinn.

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