Kennt ihr gute Bücher zum Thema religiöser Fanatismus?

5 Antworten

ich kann dir ein guten Text empfehlen von Dr. Otto Brosius

Der Fanatiker - Eine Persönlichkeitsanalyse

Charakteristisch für den Fanatiker ist eine eigentümliche Enge des Wertblicks. Mit extremer Einseitigkeit ist sein Denken und Handeln auf die eine Idee gerichtet, die ihm eben sein Fanum bedeutet. Er ist der Mensch des rigorosen Entweder-Oder, des Alles oder Nichts. Er kennt keine Kompromisse und in der Sphäre dessen, was er als das Wertwidrige ansehen muß, keine Abstufungen. In eigentümlicher Blindheit geht er an der Fülle der Werte vorbei. Um einer abstrakten Idee willen wird die Wirklichkeit im Denken vergewaltigt, im Handeln zerstört. "Begeisterung für ein Abstraktes, für einen abstrakten Gedanken, der negierend sich zum Bestehenden verhält", so definiert Hegel den Fanatismus(4). Der Idealismus des Fanatikers läßt keine Erweiterung, keine Erfassung von etwas Neuem, keine Angleichung an eine lebendige Situation zu, er fährt sich fest in einer "fixen Idee", die er ernst, düster, humorlos vertritt. Ein großartig geradliniger Dualismus bestimmt sein Weltbild: hier Gott, das Gute, dort der Teufel, das Böse, und der leidenschaftliche, bis zur Entflammung gesteigerten Bejahung des einen entspricht die ebenso leidenschaftliche, bis zum Haß gehende Verneinung und Verwerfung des anderen, das mit Stumpf und Stiel, mit Feuer und Schwert ausgerottet werden muß. Denn mag sich der Fanatiker an manchen Stellen noch so eng mit dem grundsätz- [82 Ende] lichen Menschen berühren(5): während dieser sich unter Umständen damit begnügt, das Leben nach Grundsätzen zu betrachten oder es zu führen, um allgemeine Regeln daraus zu gewinnen, drängt jener leidenschaftlich nach Tat und Verwirklichung. Selbst wenn ihn das Schicksal ein Leben lang zur Untätigkeit verurteilte, nie wird er in der Theorie, in der bloßen Schau seine Bestimmung und Erfüllung finden, und wenn ihn die historische Stunde ruft, so wird die Unbedingtheit seines Tatwillens eruptiv aus ihm herausbrechen und ihn zum fraglosen Lebenseinsatz führen, mag auch seine kleine Persönlichkeit im Rausch einer Massenbewegung verschwinden.

Darin liegt zugleich seine Stärke und Schwäche, daß er in dem Einen
unbedingten Halt findet, daß er aber innerlich zerbrechen würde,
wenn er einmal die Fülle der Werte zu Gesicht bekäme. So wenig
wie er Kompromisse kennt, so wenig kennt er eigentlich eine innere Wandlung
und Entwicklung, es sei denn, daß eine Bekehrung im Stile des Damaskus-Erlebnisses ihn von einem Extrem zum anderen führt; fremd aber bleibt er jener Sphäre, in der sich die Vermittlung und Versöhnung der Gegensätze
vollzieht; eher endet er im Nihilismus. In den Bewegungen fanatisch getriebener Massen steht das "Hosianna" dicht neben dem "Kreuzige". Bei Tieck, dessen Held im "Aufruhr in den Cevennen" mit einem Schlage vom katholischen zum hugenottischen Fanatiker bekehrt wird, heißt es: "Jede Schwärmerei ist ja doch nur die Zwillingsgeburt der scheinbar unähnlichsten und feindseligsten." Das Stehen zwischen den extremen Gegensätzen ist
auch an anderen Stellen bezeichnend für den Fanatiker. Er gehört
zu den schizothymen Konstitutionstypen(6): Glut und Kälte des Gefühls, Mystik und Rationalismus, Sünden-und Sendungsbewußtsein, «la liberté et la terreur», liegen oft in einer und derselben Seele dicht beieinander. Der Fanatiker ist exaltiert und zugleich vernagelt. Es gibt einen religiösen Fanatismus, der geradezu gottlos anmutet. Man kämpft für Gewissensfreiheit
und knechtet zugleich das Gewissen der Andersdenkenden, und oft sind die
weltbeglückenden Träume und Utopien der Fanatiker in dem Strom
von Blut erstickt, das sie selbst vergossen haben.
Er betrachtet und behandelt auch seinen Mitmenschen
lediglich unter dem Gesichtspunkt seines Fanum. Er sieht ihn nicht als
Individualität, geschweige denn als Person, sondern lediglich als
Vertreter des guten oder bösen Prinzips. Alles, was sonst noch an
Wert- [83 Ende] vollem oder Wertwidrigem im Genossen oder Feind seiner
Gesinnung liegen mag, beachtet er nicht. So bleibt auch sein Kontakt abstrakt
und eigentlich unlebendig. Und wo er sich einem Menschen als Führer
und Autorität anschließt und unterwirft, besser noch: sich auf
ihn festlegt, bleibt dieser Mensch als Persönlichkeit schlechthin
gleichgültig. Er kennt nicht eigentlich Ehrfurcht vor der Person,
und allen, die nicht der fixen Idee gehorchen, begegnet er mit Hochmut
und Haß. An Stelle von Duldung und Anerkennung des anderen, die dem
in sich ruhenden Menschen bei aller Strenge in der Sache durchaus möglich
sind, tritt bei ihm eine prinzipielle, rigorose Intoleranz. Die Sekte,
in der unter religiösem Eiferertum häufig der Egoismus verdeckt
liegt, ist die Form seiner soziologischen Verbundenheit.


Es liegt im Wesen der Sache und wird durch einen Blick auf
die Geschichte bestätigt, daß die Religion selber in
hervorragendem Maße dazu berufen ist, den unbedingten Einsatz für
sie bis zum Fanatismus zu steigern. Das religiöse Bewußtsein
des Fanatikers erfaßt die Gottheit nicht im stillen, sanften Sausen,
sondern im Erdbeben und im Feuer.
Steht er im christlichen Zusammenhang,
so vernimmt er nicht die Stimme [84 Ende] des Deus caritatis; lieber versenkt
er sich in die eschatologischen Visionen der Apokalypse. Keine der großen
Weltreligionen scheint frei von fanatischen Zügen und Bewegungen zu
sein. Hegel(7)sieht im Mohammedanismus den eigentlichen Fanatismus, aber auch die Geschichte des Christentums weiß in hervorragendem Maße von ihm. Savanarola ist hier vielleicht die eindrucksvollste Gestalt. Wiedertäufer und Bilderstürmer geben Beispiele für religiös fanatische Massenbewegungen. Neben Philipp II. und der Inquisition steht der Gegenspieler der katholischen
Restauration, Calvin, der mit blutigem Schwert sein Sittengericht durchsetzte.
Im Puritanertum finden wir alle Züge des Fanatismus wieder, von der
Enge des Wertblicks bis zur weltgestaltenden Aktivität. Oliver Cromwell
ist einer der größten Fanatiker der Weltgeschichte, mag auch sein
Bild durch tragische Züge gemildert und erhöht sein.


http://www.sgipt.org/politpsy/fanat0.htm

God Is Not Great: How Religion Poisons Everything - Christopher Hitchens

The God Delusion - Richard Dawkins

The End of Faith - Sam Harris 
 

Nicht explizit über Fanatismus und die heißen evtll auf deutsch leicht anders. Aber definitiv lesenswert.

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