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Der Mörder, der erklären will

Von

 

Jan Lindenau

 

|

 

Veröffentlicht am 15.02.2017

 

| Lesedauer: 5 Minuten

Mindestens zehn Stunden pro Tag wird Robert W. in seiner Zelle in der JVA Oldenburg eingeschlossen

Quelle: NDR

Er erdrosselte seine Nachbarin, wurde zu lebenslänglich verurteilt. Robert W. sitzt seit zehn Jahren im Gefängnis. Eine NDR-Dokumentation stellt die Frage: Ist er bereit für die Freiheit?

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Wenn Robert W. über seine Tat spricht, klingt es, als würde er Sätze aus einem Polizeiprotokoll vorlesen; nicht, als wäre er selbst beteiligt gewesen.

Er sagt „Tür-an-Tür-Situation“, wenn er meint, dass er aus seiner Wohnung heraustrat, die geöffnete Tür der Nachbarswohnung sah und diese betrat.

Er sagt: „Es kam dazu, dass wir in einem Raum zu Boden gingen“, wenn er meint, dass ihn seine Nachbarin überraschte und er, Robert W., sie niederrang.

Er sagt, er habe „durch Gewalteinwirkung die Situation beendet“, wenn er meint, dass er seine Nachbarin mit einem Kabel erdrosselt hat.

„Ganz schrecklich.“ Robert W. kneift seine Augen leicht zusammen. Wartet auf Reaktionen. Es gibt keine. Dann senkt er den Blick.

Seltene Einblicke in die Gedanken eines Mörders

Über zehn Jahre sind seitdem vergangen. Robert W. verbrachte sie in der JVA Oldenburg, in seiner Zelle mit Keyboard und Flachbildfernseher. Lebenslange Haft, dazu wurde er verurteilt. In Deutschland heißt das, dass er noch mindestens fünf Jahre hinter Gittern verbringen wird.

Robert W. wird noch mindestens fünf Jahre in Haft bleiben.

Quelle: NDR

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Wie verarbeitet ein Mörder seine Tat? Wie schwer fällt es ihm, darüber zu reden? Und wie ist es, sich mit jemandem zu unterhalten, der einen Menschen getötet hat? Die Reporterin Carole Rollinger traf sich mit ihm für die NDR-Dokureihe „7 Tage … mit einem Mörder“, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Dass ein verurteilter Mörder mit Journalisten spricht, passiert nicht häufig. Dass er das noch während seiner Haftzeit kann und darf, passiert selten. Und dass er sich dabei filmen lässt, vier Tage lang (nicht, wie im Titel der Dokumentation versprochen, sieben Tage), jeweils drei Stunden, und sich dabei allen Fragen der Reporterin stellt; das stellt eine Ausnahme dar.

Die Gegensprechanlage hat einen Alarmknopf

Die Journalistin Rollinger trifft stets im gleichen Raum auf Robert W., beide immer gleich gekleidet: Sie trägt ein grünes Oberteil und eine schwarze Jacke, er einen grauen Karopullover. Es ist ein Kammerspiel, in dem die großen Fragen nach Schuld, Reue und Verantwortung verhandelt werden: die Reporterin, die verstehen will. Der Mörder, der erklären will. Zwischen ihnen ein Tisch – und die Gegensprechanlage für Notfälle. Auf der Seite der Reporterin: ein roter Knopf. Auf der Seite des Mörders: nichts.

Und Robert W. beginnt zu erklären: Als er seine Nachbarin umbrachte, habe er sich in einer Extremsituation befunden, sagt er. Drei Wochen kaum Schlaf. Nur vor dem Computer gesessen, Kriegsspiele gespielt. Vorher Job weg. Freundin weg. Alles zu viel. Dann die „Tür-an-Tür-Situation“. Was er in der Wohnung der Nachbarin wollte? „Ich weiß nicht, ob es Neugier war, ob da jemand ist, ob sie mich gerufen hat oder ob ich etwas klauen wollte“, sagt der Häftling.

Wenn Rollinger nachhakt und hinter die Protokollsprache von W. vorzudringen versucht, gehen dem Häftling nur schwer Worte über die Lippen – auch, weil er sich an vieles nicht erinnert und es damals keine Zeugen gab.

Die ersten fünf Jahre im Gefängnis habe er sich mit dem Mord nicht befassen wollen, habe alles verdrängt, sagt er. Erst dann habe er verstehen wollen, was genau passiert war – vor allem in ihm. „Es war für mich die einzige Möglichkeit, damit ich nicht in dieser Haft zugrunde gehe“, sagt er.

Er nahm die Therapie ernst. Absolvierte erfolgreich eine Tischlerlehre im Gefängnis. Schreibt für die Gefängniszeitung. Brachte sich das Klavierspielen bei, spielt jetzt die „Nocturne“ von Chopin.

Wer war Handelnder, wer das Opfer?

Nicht nur die Tat, auch die Rechtfertigungen, die Robert W. vorträgt, scheinen für die Journalistin schwer nachvollziehbar zu sein. „Man ist nicht im Dauerzustand Mörder“, sagt W. Dann breitet er seine Arme aus: diese Linie hier, das ist mein ganzes Leben, heißt das. Dann zeigt er auf einen Punkt auf diesem imaginären Zeitstrahl. „Ich war ja nur da Mörder. Jetzt bin ich verurteilt. Für das, was ich da getan habe.“

In der Zelle von Robert W. stehen einen Fernseher und ein Keyboard.

Quelle: NDR

Die Dokumentation ist in solchen Momenten besonders sehenswert, wenn Anschauung von Journalistin und Mörder auseinandergehen. Die unterschiedlichen Blickwinkel auf Schuld und Sühne, Tat und Reue zeigen sich dann, wenn die beiden Gesprächspartner den Fokus darauf legen, wer der Handelnde, wer das Opfer war.

Rollinger sagt einmal: „Jemand hat sein Leben verloren.“ Gleich darauf verbessert sie sich. „Sie haben jemandem das Leben genommen“, sagt sie zu Robert W.

Der entgegnet: „Man hat ja auch was Schlimmes gemacht.“ Dann verbessert er sich: „Es ist ja auch was Schlimmes passiert, wo man die Schuld für trägt.“

Die Körpersprache der Journalistin ändert sich

Im Laufe der vier Tage verändert sich die Körperhaltung der Journalistin gegenüber Robert W. Sie lächelt häufiger. Ihre Stimme ist fester.

Und sie sitzt anders: Spiegelte sie zuvor die meiste Zeit die Sitzhaltung ihres Gesprächspartners – ein Arm als Stütze auf dem Tisch, einer versteckt unter der Tischplatte – beugt sie sich nun auch mal nach vorne, legt beide Arme auf den Tisch, hört aufmerksamer zu.

Das Gespräch ist für Robert W. eine Generalprobe. Seit zehn Jahren kennt er nur noch das Gefängnis. Wird er mit Menschen außerhalb des Gefängnisses so etwas wie einen normalen Umgang haben können? In der Dokumentation wird jetzt erneut ein Urteil über den Mörder gesprochen. Wird für ihn ein normales Leben in Freiheit möglich sein? Diesmal urteilt kein Gericht, sondern eine Journalistin.

Rollinger zieht ihr Fazit. Wie waren die Stunden in der JVA für sie, mit einem Mörder im Raum, was hat sich für sie verändert? „Ich habe am ersten Tag eine Unsicherheit gespürt“, sagt sie. Robert W. ist sichtlich angespannt, seine Miene gefriert, er hält sich jetzt mit einer Hand am Tisch fest.

„Ich habe Ihnen immer wieder davon erzählt, dass man daran denkt, was Sie getan haben“, sagt Rollinger zu Robert W. „Und ich habe in dieser Woche gemerkt, dass das nachlässt.“

Ein mildes Urteil. Robert W. lächelt.

„7 Tage ... mit einem Mörder“: NDR, 15.02.2017, 23:50 Uhr.

https://www.welt.de/
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