Kein Loperamid bei schweren Darmerkrankungen

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3 Antworten

Hallo, Loperamid ist ein örtliches wirkendes Antidurchfallmittel, was sich verlangsamend auf die Darmmotorik auswirkt und so ein regelrechtes Eindicken des Stuhl teilweise wieder möglich macht, der Durchfall also aufhört. Daraus ergibt sich, dass man es auch nur bei den Durchfällen einsetzen sollte, die aufgrund einer gestörten Darmperistaltik entstanden sind. Das sind im Normalfall einfache Magen-Darm-Infekte. Es ist frei verkäuflich, daher kann man auch die Wahrscheinlichkeit des Schadens in der Eigenmedikation schon abschätzen...also relativ gering.

Aus dem Wirkmechanismus ergibt sich aber auch, warum man es in gewissen Situationen mit Durchfall nicht einsetzen sollte. Es bleibt zum Beispiel bei medikamentös verursachten Durchfällen wirkungslos. Bestes Beispiel ist der Durchfall unter Penicillineinnahme. Dabei werden durch das Antibiotikum Penicillin im Rahmen eines Kollateralschadens (in Kauf genommenen Schadens) auch die Enterokokken mit geplättet. Diese sorgen jedoch auch für ein regelrechtes Eindicken von Stuhl. Gibt man jetzt Loperamid verlangsamt sich die Darmtätigkeit und es kann zu einem Aufstau des Stuhls kommen, An Passagen, wo die Eindickung von Kot noch funktioniert, kann es dann sogar zu Kotsteinen kommen und eine Verstopfung bis hin zum Ileus (Darmverschluß) entstehen. Der eigentlichen Ursache (die fehlenden Enterokokken) hat man aber nichts entgegen gehalten.

Eine andere sinnfreie Anwendung ist der Gebrauch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa. Auch hier sind die Durchfälle nicht durch eine Motorikstörung entstanden sondern durch eine Veränderung in der Darmschleimhaut. Diese entzündlichen Veränderungen kann man ebenfalls nicht mit Loperamid verändern oder stoppen.

Auch der Einsatz bei bekannten Darmtumoren ist nicht ungefährlich. Wenn z.B. ein Colon-Tumor die Passage einschränkt und es im unmittelbaren Umfeld zu reaktiven Bewegungsstörungen kommt (daher die Durchfälle), ist ein großer Teil des Darms aber noch funktionstüchtig. Wird hier die Passage verlangsamt, kann es auch zur Verstopfung bis hin zum Darmverschluß führen. Hier müsste man also die Ursache versuchen zu sanieren, um dem Durchfall Herr zu werden.

Man sollte also immer hinterfragen, warum der Durchfall entstanden ist. Der Einsatz ist breit möglich, aber hat gewisse Einschränkungen, die es zu beachten gilt. Wenn man die Wirkweise kennt, wird klar, warum es in gewissen Situationen nicht helfen kann.

LG eosine

Danke für die ausführliche Antwort, mir wurde einiges klarer =) LG

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Hi ogulcantayga, Loperamid sollte man bei manchen Darmerkrankungen wirklich nicht geben, da Loperamid lediglich die Darmtätigkeit unterdrückt. Und DAS ist das eigentlich Problem, denn bei Gabe von Loperamid bei infektiöse Durchfallerkrankungen (die oftmals durch Blut, Schleim oder Eiter im Stuhl gekennzeichnet sind) würde es bedeutet, dass so die Erreger nicht ausgeschieden werden. Und, je nach Erreger, weiterhin Giftstoffe (Toxine) abgeben werden. So kann die eigentlich Ursache nicht aus dem Darm gebracht werden Bei einer Infektion durch enterohämorrhagische E. coli (EHEC) kann eine systemische Gefäßerkrankung ausgelöst werden.

Deshalb muss erst die Ursache, des Durchfalls geklärt werden. Hoffe, das hat dir geholfen, Arramia =)

Danke für deine ausführliche Antwort Arramia =) und wenn es sich bei der Erkrankung um Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa handelt, hab gelesen, dass man es da auch nicht verabreichen kann, bei denen handelt es ja aber nicht um eine bakterielle infektion, sondern um eine gesteigerte Immunantwort auf die Mucosa, warum darf man es dann nicht geben? LG

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@ogulcantayga

Bei Morbus Crohn wird es bei uns in der Klinik angewendet. Aber bei Colitis ulcerosa bin ich mir nicht sicher.

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@Arramia: Hallo, dies ist ein netter Auszug aus http://de.wikipedia.org/wiki/Loperamid .... aber er ist aus dem Zusammenhang gerissen. Wichtig ist bei diesem Zitat der erste Teil des Satzes: [Einige Autoren sehen infektiöse Durchfallerkrankungen...]. Das beinhaltet, dass dieser Meinung nicht alle sind und dass es (im weiteren Zitatverlauf) sich auch nur auf einzelne bestimmte infektiöse Darmerkrankungen (nämlich solche, wobei Keime Toxine bilden), bezieht. Bei der Mehrzahl infektiöser viraler Magen-Darm-Erkrankungen ist es sehr wohl das Mittel erster Wahl! LG

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@eosine

Es gibt immer Leute, die sich gegen eine Aussage eines Autors stellen . . . es wird bloss nicht in jedes Buch rein geschrieben. Die Erklärung, wie sie oben geschrieben ist, steht in medizinschen Büchern und ist logisch wiedergegeben und in sich schlüssig. =)

Der erste Satz heißt, dass es bei MANCHEN Darmerkrankungen wirklich nicht geben wird. Natürlich ist Loperamid das Mittel der ersten Wahl, aber erst nachdem die Ursache festgestellt wurde und auch das habe ich vermerkt. Ich habe in medizinischen, Medikamenten- und Pflegebüchern nachgeschlagen, gegoogelt und die Frage versucht im bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Und wollte damit niemanden zu Nahe treten. Entschuldigung =)

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@Arramia

Hallo Arramia, ich wollte Dir nicht zu nahe treten :). Aber die Hauptaussage war wirklich nur aus Wikipedia kopiert und das stimmt eben so nicht, bzw. wirft ein etwas falsches Bild. Im Alltag ist es so, dass man nicht erst die Ursache eines akuten (infektiösen) Durchfalls feststellt. Das würde auch zu lange dauern, wenn man immer erst eine Stuhlprobe einschickt, auf das Ergebnis wartet (mehrere Tage) um erst dann bei Feststellung eines unkomplizierten Keims mit Loperamid zu beginnen. Man richtet sich also nach den Erfahrungen, die einem der Alltag gerade zeigt (Magen-Darm-Infektwelle) oder nach persönlichen Besonderheiten. In der Regel kennt man seine Colitis ulcerosa Patienten, weiß, wer einen Tumor hat oder wer gerade unter Antibiotikabeschuß steht. Ich weise zum Beispiel Patienten darauf hin, wenn sie darmempfindlich sind und Penicillin (o.ä.) bekommen, dass sie zum Beispiel im akuten Durchfall-Fall oder sogar als Prophylaxe parallel Mittel wie Perenterol oder Perocur nehmen können, wobei Saccharoides boulevardii dem Körper zugeführt werden, die die Darmflora aufrecht erhalten sollen. Du brauchst Dich also nicht entschuldigen, vielleicht war mein Kommentar auch etwas zu hart, aber so nicht beabsichtigt. Ich habe schon oft gesehen, dass Du wirklich hilfreiche Antworten gibst. Also weiter so.... LG

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Ist das eine theoretische Frage oder hast du vor es anzuwenden?

Gegen Durchfall, Darmkrämpfe (Menstruationskrämpfe) nehme ich Gänsefingerkraut, Anserina potentilla. Es beruhigt die Peristaltik, wirkt adstringierend und damit kräftigend und desensibilissierend auf die gereizte Darmschleimhaut. Außerdem wirkt es auch antientzündlich.

Wenn es kein viraler oder bakterieller Infekt ist ist das mein Mittel der Wahl.

Klinische Studien sucht man umsonst, Referenz wäre eher Pfarrer Kneipp, der Anserine gern in Milch aufgekocht verabreicht hat. Genauso geht es als Tee für unsere ganze Lactoseintolleranten. Oder als alkoholische Tinktur. Das hat schon den radiologisch zerschossenen Darm meines Vaters sofort geheilt, der fast ein Jahr ans WC gebunden war.

:)) nein habe es nicht vor anzuwenden, die Frage war rein theoretisch. Ist mir beim lernen aufgefallen wollte den Grund wissen ;)

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