Kapitalismusthese lenin?

6 Antworten

Dagegen spricht, dass es heute zwar mehr kapitalistische Durchdringung der Länder dieses Planeten gibt als jemals zuvor, aber keinen Imperialismus mehr, wenn man unter Imperialismus die auch formalisierte Herrschaft über ein "fremdes" Territorium versteht und diesen Begriff nicht so weit ausdünnt, dass er mit dem ursprünglich Gemeinten (imperium= Befehlsgewalt/ Amtsbezirk) praktisch nichts mehr zu tun hat.

(Kein Wunder, dass mal wieder Altgenosse voayager, der vor dem ersten Weltkrieg das letzte Mal in ein Buch geschaut hat, hartnäckig an der Quintessenz von Lenins Thesen festhält. Um dies zu können, müsste er allerdings nachweisen, dass bloße wirtschaftliche Dominanz des Marktes und der kapitalistischen Mehrwertproduktion - sog. "informelle Herrschaft" - mit dem begrifflichen Instrumentarium des "Imperialismus" sinnvoll beschrieben werden kann. Ich bezweifle das.)

Zur Ehrenrettung Voayergers muss ich dazu anmerken, dass der leninsche Imperialismusbegriff darauf abzielt, ein neues Entwicklungsstadium des Kapitalismus zu benennen und rein gar nichts mit dem geschichtswissenschaftlichen Imperialismusbegroff zu tun hat. Allenfalls erhebt der leninsche Imperialismusbegriff für sich Anspruch, den Kolonialismus aus Erfordernissen der erweiterten Kapitalreproduktion unter Bedingungen des Übergangs vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus erklären zu können und wollen.

Insofern könnte voayeger jetzt einfach milde lächelnd mit den Achseln zucken und dir vorhalten, das Kernproblem mit einer antiquierten und belanglos formalen Fassung des Imperialismusbegriff einfach wegdefinieren zu wollen...:-)

Am Ende allerdings hätte er dann tatsächlich nicht mehr weitergelesen...:-)

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Die Sache ist vollkommen überholt. Lenin ging zu seiner Zeit noch davon aus, Imperialismus wäre ein Könnenswertes Geschäft, in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg konnte er das auch.

Danach zeigte sich aber, das die Imperien letztlich mehr Probleme verursachten, als sie am Ende einbrachten, weil die Kosten für die Beherrschung, sprich das Unterhalten entsprechender Streitkräfte etc. explodierten.

Wenn die Idee, dass der Kapitalismus automatisch in den Imperialismus, wie Lenin ihn kannte führen würde, dürfte es auf diesem Planeten nicht einen Quadratmeter Boden geben, der nicht von Europa oder den USA direkt beherrscht wird und selbige müssten ohne Unterlass der Kontrolle wegen in andauernden Weltkriegen übereinander herfallen.

Lenins oder auch andere zeitgenössische Imperialismustheorien haben eigentlich nichts mit dem geschichtswissenschaftlichen Imperialismusbegriff zu tun. Da versucht man eher, sozialokönomische Veränderungsprozesse innerhalb des kapitalistischen Gesellschaftssystem (Übergang vom Kap. der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus)auf den ökonomischen und politischen Kern zu bringen.

Kolonien sind für Lenin dabei nicht weiter wichtig. Wichtig ist nur das Streben nach Kontrolle über die internationalen Spielregeln und die politische Entwicklung in den Einflussgebieten. In dieser Perspektive mussten z.B. die USA nicht Südamerika kolonialisieren, sondern "nur" die letzte Entscheidungshoheit über die politische Orientierung der jeweiligen Bananenrepublik haben - z.B. Insofern schlummert da schon noch mehr Erklärungsträchtigkeit inne, als du ihr so zubilligen möchtest.

Von der Realentwicklung zersemmelt worden ist sie allerdings auch so. :-)

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@atzef

Ich weiß, das es Lenin nicht in erster Linie um die Kontrolle von Territorien, sondern um die von Ressourcen und Märkten und deren Spielregeln ging. Nach dem Stand des späten 19. Jahrhunderts setzte deren Kontrolle aber letztendlich da, wo die Mächte aufeinandertrafen und hier sei China das Paradebeispiel territoriale Absicherung vorraus, weil man sie sonst dauernd umkämpften muss.

Der Übergang vom "Freihandelsimperialismus" zur Schaffung großer imperialer Herrschaftsräume ab Mitte des 19. Jahrhunderts, hängt nicht zuletzt auch damit zusammen.

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@Schachbrett75

Einverstanden. Aber das steht ja nicht notwendig im Widerspruch zu Lenins Theorie.

Da kann man mehr aus dem Umstand ziehen, dass die reale ökonomische Bedeutung der Kolonien für die Mutterländer praktisch gar nicht existierte, sondern diese - wie du schon richtig angedeutet hast - ein Zuschussgeschäft waren. An der Stelle ist Lenins Imperialismustheorie schlicht untauglich.

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Wladi hat auch noch ein paar andere Bücher geschrieben...:-)

Ansonsten hat der Zahn der Zeit doch beträchtlich an seiner Imperialismustheorie genagt, die zeitgenössisch durchaus einiges für sich hatte.

Nur um den gegenwartskapitalismus zu erklären, taugt das Bändchen nicht mehr. Alberne Kanonisierungsversuche der kommunistischen Parteien mündeten dabei in der Theorie von der "Allgemeinen Krise des Kapitalismus" ein... Hab jetzt aber keine Zeit mehr, bin auf dem Sprung.

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