Kant und Hume - Freiheitsbegriff

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Die Erfahrung wird von David Hume und Immanuel Kant nicht für unbedeutend gehalten.

Der aus dem Buch wiedergegebene Satz enthält nur eine Einschränkung. Die Verständnisschwierigkeit liegt anscheinend darin, den Bezug der Aussage über eine nicht vorhandene absolute Notwendigkeit zu finden.

Die Notwendigkeit bezieht sich auf die Verknüpfung von Ursache und Wirkung bei der Kausalität. Nach dem Kausalprinzip hat jedes Ereignis eine Ursache. Geschehen wird aus dem Vorliegen eines Zusammenhangs von Ursache und Wirkung erklärt. Es gelten Gesetzmäßigkeiten, nach denen aus einem zeitlich vorausgehenden Ereignis der Art A unter bestimmten Bedingungen mit Notwendigkeit Ereignisse der Art B folgen.

Kausalität

Hume argumentiert (An Enquiry Concerning Human Understanding [eine Untersuchung über den menschlichen Verstand]), eine notwendige Verknüpfung könne nicht aus der Erfahrung gewonnen werden. Die Menschen können Dinge und Ereignisse wahrnehmen, aber nicht unmittelbar die wirkenden Kräfte bzw. die Notwendigkeit der Verknüpfung.

Bei der Induktion (dem Schließen von Einzelfällen auf einen allgemeinen Zusammenhang) hält Hume es daher nicht für gerechtfertigt, ihr eine allgemeingültige Begründungsleistung als mit Sicherheit notwendiges Folgern zuzusprechen. Eine absolute Notwendigkeit einer Abfolge von Ereignissen bestimmter Art auch in Zukunft kann nicht aus der Erfahrung abgeleitet werden. Wenn bislang Ereignisse miteinander verbunden waren, ergibt sich aus der Erfahrung nicht die Notwendigkeit einer immer so weitergehenden regelmäßigen Verbindung (Induktionsproblem). Dafür ist zusätzlich eine Annahme über eine Gleichförmigkeit und Beständigkeit der Natur Voraussetzung. Die Erfahrung kann nur wiederholte Wahrnehmungen einer Abfolge (z. B. beim Zusammenprall von Billardkugeln) bieten. Daraus entsteht eine Erwartung über die Zukunft. Die Macht der Gewohnheit bringt die Einbildungskraft dazu, eine Kausalbeziehung herzustellen.

Hume hält aber an der Erfahrung als Grundlage der Erkenntnis fest. Alle Vorstellungen gehen seiner Meinung nach auf Sinneseindrücke zurück. Bei Tatsachenurteilen hält er nicht mehr als Wahrscheinlichkeit für erreichbar.

Kant hält Sinnlichkeit und Verstand für Quellen der Erkenntnis, außerdem die Urteilskraft. Sinnlichkeit und Verstand verbinden sich und sind aufeinander angewiesen. Kant (Kritik der reinen Vernunft) richtet seine Aufmerksamkeit auf die Bedingungen der Erkenntnis. Eine entscheidende Frage ist, wie synthetische Urteile a priori (der Erfahrung vorausgehende gedankliche Verbindungen in Aussagen) möglich. Das Ding an sich, der Gegenstand selbst, wie er wirklich ist, liegt auf irgendeine Weise zugrunde, ist aber nicht direkt greifbar. Vom Ding an sich ist uns die Erscheinung gegeben. Aus zusammengesetzten sinnlichen Anschauungen der Erfahrung (aus der Sinneswahrnehmung stammend und vom inneren Sinn) entstehen Empfindungen. Diesen werden aber Formen der Anschauung (Zeit, Raum, Kausalität, Kategorien) hinzugefügt. Das Subjekt hat also etwas in die Dinge hineingelegt, was der Erfahrung vorausgeht. Dies drückt „a priori" aus (lateinisch wörtlich: „vom Früheren her", also vor aller Erfahrung).

Verstandesbegriffe (dazu gehören die Kategorien) geben der Wahrnehmung mit Hilfe der Urteilskraft die formale Struktur und ermöglichen damit erst deren Erkennbarkeit, indem sie das eigentliche Erkenntnisobjekt erschaffen (die Welt, wie sie uns erscheint). Gedankenbestimmungen werden in einem Urteil verknüpft, das vom Selbstbewußtsein geleistet wird. Die Vernunft bringt die Begriffe des Verstandes unter Prinzipien. Kausalität versteht Immanuel Kant als eine Kategorie, bei der mit Hilfe eines der Erfahrung vorangehenden Verstandesbegriffes Gegenstände der Erfahrung in einem Verhältnis von Ursache und Wirkung aufgrund einer notwendigen Regel verknüpft werden.

Kant argumentiert apriorisch von einer Theorie möglicher Erfahrung her. Bei ihm ist die Verknüpfung bei der Kausalität tatsächlich notwendig, allerdings bezogen auf die Erscheinungen, nicht auf das Ding an sich.

Freiheit

Hume verwendet einen Freiheitsbegriff, nach dem Freiheit die Macht ist, entsprechend den Willensentscheidungen zu handeln. Freiheit besteht in der Fähigkeit, den Willen handeln zu verwirklichen, und der Abwesenheit von Zwang bei der Ausübung dieser Fähigkeit (tun können, was wir tun wollen).

Welcher Art die Willensbildung dabei ist, ist damit nicht gesagt. Handlungsfreiheit kann auf diese Weise als mit einem Determinismus vereinbart dargestellt werden. Willensfreiheit hält Hume für nicht vorhanden, wobei er sie als ein unverursachtes Wollen (ein Wollen ohne Gründe) versteht (dieses Verständnis ist allerdings sehr anfechtbar, weil die zugrundegelegte Auffassung nicht zwingend zum Standpunkt einer Willensfreiheit gehört). Hume scheint, die Verbindung von Motiv und gewollter Handlung sei so regelmäßig und gleichförmig wie zwischen Ursache und Wirkung in irgendeinem Teil der Natur. Handlungen unterlegen nach Hume genauso einer statistischen Wahrscheinlichkeit wie andere Ereignissen.

In der empirischen Welt (Erscheinungswelt) fallen nach Kants Auffassung alle Ereignisse, also auch die Handlungen, unter deterministische Kausalgesetze. Zugleich gibt es die Annahme, Handlungen von selbst anfangen zu können. Kant versucht eine Auflösung des Widerspruchs (er bezeichnet das Vereinbarkeitsproblem als „Antinomie der Freiheit“), in dem er neben die Naturkausalität eine zweite Art von Kausalität stellt.

Das praktische Subjekt stellt ein doppeltes Selbstverständnis her, mit den Sichtweisen als Wesen der Sinnenwelt (phänomenale Welt der Erscheinungen) und Wesen der Verstandes-/Vernunftwelt (als Vernunftwesen [noumenon] in einer intelligiblen Welt). Sittliche Handlungen, die unter dem „Gesetz der Freiheit“ geschehen, gehören ihrem Wesen nach zum Verhalten von Wesen der intelligiblen Welt und können ohne Bezugnahme auf diese Sichtweise nicht als möglich gedacht werden.

Dem Willen wird die Möglichkeit zugesprochen, von sich aus eine Kausalreihe zu beginnen. Das Setzen von Determinanten im Sinn einer Erzeugung von Kausalreihen oder von Ursachen geschieht im freien menschlichen Willen. Ein allein durch die gesetzgebende Form bestimmter Wille fällt nicht unter die Erscheinungen und ihren Kausalitätsgrundsatz. Freie Handlungen haben einen Bestimmungsgrund, die Autonomie (Selbstbestimmung) der Vernunft, die sich unabhängig von Antrieben der Sinnenwelt ein Gesetz gibt (Selbstgesetzgebung). Der Bestimmungsgrund wird von Kant als eine Kausalität (Kausalität durch/aus Freiheit) verstanden, die aber kein fremder, von außen kommender und determinierender Zwang ist (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Kritik der praktischen Vernunft).

Kant schließt aus einer Unmöglichkeit, die eigenen Entscheidungen und Handlungen als determiniert aufzufassen, nicht anders als unter der Idee der Freiheit handeln zu können. Dies mache für die praktische Vernunft die Annahme der Freiheit unumgänglich, auch wenn sie theoretisch nicht zu beweisen sei.

Ausgangspunkt ist eine transzendentale Freiheit, eine „Unabhängigkeit dieser Vernunft selbst (in Ansehung ihrer Kausalität, eine Reihe von Erscheinungen anzufangen) von allen bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt" (Kritik der reinen Vernunft A803/B831). Die Denkbarkeit einer transzendentalen Idee der Freiheit wird gezeigt und ein „als ob“ bildet die Grundlage für eine zumindest gedankliche Wirklichkeit von Freiheit. Auf der Ebene der praktischen Vernunft setzt ein Sollen beim Bewußtsein eines Sittengesetzes stets ein Können voraus. Also müssen Personen auch die Fähigkeit haben zu tun, was sie tun sollen, also eine Wahl, sich nach ihren Vernunfteinsichten zu richten.

Ich halte die Gedanken Kants für beachtenswert, aber keine völlig befriedigende Lösung. Dieselbe Handlung wäre dann zugleich unfrei und frei. Freiheit könnte in der empirischen Welt nicht wirksam sein. Weder Möglichkeit noch Wirklichkeit von Freiheit in der Erscheinungswelt können bei diesem Ansatz bewiesen werden. Wenn es Willensfreiheit in der Welt als Ding an sich gibt, ist ein bloßer Mechanismus naturgesetzlicher Kausalität in der natürlichen Welt ohne daneben vorhandene weitere Ursachen nicht plausibel, sonst fehlt aber eine reale Grundlage. Das Vermittlungsproblem (Wie können die beiden Verursachungsarten nebeneinander bestehen?) ist nicht gelöst. Eine bessere Erklärungsgrundlage für Willensfreiheit ist, Kausalprinzip und Determinismus nicht gleichzusetzen, sondern auch in der Erscheinungswelt andere Ursachen als bloß naturgesetzliche Wirkursachen in einer Ursache-Wirkungsketten mit einem aufgrund von Ausgangsbedingungen und Naturgesetzen notwendigen Weltverlauf anzunehmen.

Philosophielexika und Bücher über die Philosophen können beim Verstehen des Gemeinten helfen, z. B.:

Erhard Scheibe, Kausalgesetz. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4: I – K. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1976, Spalte 791 – 792

Jens Kulenkampff, David Hume. Originalausgabe, 2., neubearbeitet Auflage. München : Beck, 2003 (Beck'sche Reihe : Denker ; 517), S. 62 - 99

Otfried Höffe, Immanuel Kant. Originalausgabe. 7., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2007 (Beck'sche Reihe : Denker ; 506), S. 74 - 78, S. 130 – 135 und S. 204

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Kant schrieb, dass ihn die Lekture Humes aus dem dogmatischen Schlaf geweckt hat. Beide gehen davon aus, dass in der Tat Sinneseindrücke der Realität Grundlage unserer Erfahrung sind. Doch dann hat Hume festgestellt, dass uns Sinneseindrücke immer nur Einzeleindrücke vermitteln, keine Zusammenhänge. Die kausalen Zusammenhänge stellen wir mit Verstand und Vernunft selbst her, Hume sagt aus Gewohnheit. Kant verändert es dann, indem der die Kausalität (dieses Herstellen von Zusammenhängen zwischen Einzelerfahrungen) als eine Vorbedingung unseres Erkennes definiert. Das heißt aber, dass "menschliche Erfahrung", soweit sie bereits die kausalen Schlüsse und Hypothesen umfasst, nicht notwendigerweise stimmen muss, da es sich ja auch um Fehlschlüsse handeln könnte. Popper hat das dann weiter ausgeführt mit seiner Falsifikationstheorie, wonach alle menschliche Erfahrung immer nur vorläufig ist.

Nach Kant, anders als nach Hume ist die Freiheit des Menschen nicht in der "erkennbaren Welt" verwurzelt, da diese als Ausschnitt aus der Welt an sich geprägt ist von Kausalitätszuweisungen, d.h. die "erkennbare Welt" ist durchgehend kausal, weil wir sie als kausal erleben. Freiheit ist nach Kant ein Hineinragen der Welt an sich in die Welt der Erscheinungen, die sich unserem Verstehen entzieht. Das sah Hume anders. Für ihn war die Welt, wie wir sie erkennen, zwar aus Gewohnheit mit kausalen Verknüpfungen konstruiert, aber nicht durchgehend. Schon unsere Emotionen, die Hume für wichtige Antriebskräfte menschlichen Handelns hielt (da kommt bei Hume der Epikureer durch) entziehen sich dem Kausalen und der Logik. Die kantsche Dominanz von Vernunft und Kausalität hat Hume abgelehnt. Darin ist ihm z.B. Schopenhauer gefolgt und auch danach Nietzsche.

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