Kann sich eine politische Einstellung gravierend im Laufe des Lebens verändern?

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12 Antworten

POLITISCHES SPEKTRUM

  • Diese Antwort bezieht sich auf die politischen Felder der breiten Bevölkerungsmitte, nicht auf Extreme.
  • Linke Politik ("sozialdemokratisch") zeichnet sich dabei meistens durch Regulierung und Umverteilung, durch Solidarität und Gleichheitsstreben aus (SPD, Grüne). Typischerweise ist linke Politik eher Politik für jene, die von der Solidargemeinschaft unterstützt werden.
  • Rechte Politik ("konservativ") zeichnet sich eher durch Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft, durch Anerkennen von Ungleichheit, durch Bewahren von Werten aus (CDU). Typischerweise ist rechte Politik eher für jene, die die Solidargemeinschaft selbst stützen.
  • Den Begriff Freiheit versuchen alle Parteien für sich zu interpretieren, und zwar links eher in Richtung Freiheit von Not, rechts eher in Richtung freier Entfaltung. Gleiches gilt für den Begriff Gerechtigkeit, den links eher in Form sozialer Gerechtigkeit interpretiert, rechts eher als faires Ursachen-Wirkungsverhältnis.

ANTWORT AUF DIE FRAGE

Wer mit 18 nicht links ist, hat kein Herz; wer mit 30 immer noch links ist, hat keinen Verstand.

  • Die allgemein bekannte Tendenz ist dahingehend, dass sehr viele Jugendliche eher links sind und viele von ihnen im Erwachsenenalter konservativer werden. Selbst innerhalb eines Flügels gibt es diese Entwicklung von sehr weit links zu eher links-mittig, von Fundi zu Realo, oder auch in der Jungen Union von viel Innovation zu eher reaktionären Gedanken.
  • Rein biologisch ist es ohnehin so, dass Jugendliche sich auflehnen, die Traditionen brechen, Innovation wagen, ihre Grenzen austesten und nicht in blindem Gehorsam der Erwachsenenwelt folgen. Das ist normaler Teil des Erwachsenwerdens und offensichtlich für die Arterhaltung positiv -- Innovation und Veränderungsbereitschaft kommen so wohldosiert und gewissermaßen kontrolliert in die menschliche Gemeinschaft. Solch jugendliche Rebellion findet sich meist eher besser zuhause in eher linkem Umfeld, also z.B. grün oder rot.
  • Auch bezüglich des Lebenslaufes ist es doch die allgemeine Erfahrung, dass ältere Mitmenschen mehr Wert legen auf Traditionen und auf Erhaltung von Werten (wörtlich: "konservativ" = Werte erhaltend). Ältere haben zudem mehr Lebenserfahrung und sehen viele Dinge gelassener, ruhiger und abgeklärter. Sie haben auch gelernt, dass eigene Leistung wichtig ist und man Verantwortung für sein Handeln tragen muss. Das sind allesamt eher konservative Tugenden.
  • Zudem sind Jugendliche häufig wesentlich idealistischer -- glauben noch mehr an das Gute im Menschen und an hehre Ziele. Je mehr Lebenserfahrung man hat, desto nüchterner, pragmatischer und realistischer sieht man dann aber doch die Gesellschaft und erkennt, dass viele linke Theorien eben doch nur Tagträumerei sind. Je mehr man selbst geleistet hat, desto eher möchte man dafür auch die angemessene Belohnung und gerechte Vergütung erhalten und desto mehr man besitzt, desto weniger träumt man von Umverteilung. Auch dies spiegelt gut die politische Wandlung entlang des Lebenslaufes von eher links zu eher rechts wider.
  • Kurz gesagt, je mehr Lebenserfahrung, je mehr Leistung, je mehr Wissen und je mehr Vermögen, desto eher ist man konservativ.
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Kommentar von Annox
11.11.2015, 14:59

Danke. Das ist an sich eine sehr gute Argumentation, dennoch bleibt für mich eine Frage zu deinem letzten Satz offen.. Willst du damit behaupten, dass alle erwachsenen Linken,.wie etwa die Mehrheit der Mitglieder in der Linkspartei, keine Lebenserfahrung/Wissen/Vermögen usw. besitzen? Das wäre mutig. Deine Antwort ist nachvollziehbar, dennoch bezweifle ich stark dass so ziemlich jeder Mensch sich im Laufe des Lebens immer mehr zum Konservativen verändert.

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Grundsätzlich ist das schon möglich. Es muss dann aber schon zu einem drastischen Schlüsselerlebnis kommen, das dazu führt, dass man seine Gesinnung mal eben grundlegend ändert. Ich denke, Hamed Abdel-Samad ist ein gutes Beispiel: Als Sohn eines Imams war er einst Mitglied der Muslimbruderschaft, heute ist er Atheist und ein scharfer Religionskritiker.

Ich würde behaupten, solche gravierenden Änderungen des eigenen (politischen) Weltbildes finden tendenziell häufiger statt, umso jünger man ist. Je älter man wird, desto gefestigter und im Idealfall differenzierter wird die eigene Sichtweise. Ich finde es aber wichtig, dass man sein Leben lang offen für neue Argumente und Denkweisen ist. Und ich beobachte es immer wieder, dass eigentlich jeder Mensch seine Haltung zu irgendetwas ändert, je älter er wird. Mit 40 sieht man die Welt eben doch mit anderen Augen als mit 50. In der Regel sind das dann aber nur Kleinigkeiten und keine Sinneswandlung vom Linken-Wähler zum NPD-Mitglied ;-)

LG

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Kommentar von Annox
07.11.2015, 20:52

Gute Antwort, danke! Ich persönlich bin gerade mal 16, politisch aber sehr interessiert und auch engagiert, bekomme auch oft Komplimente von Erwachsenen, die behaupten ich würde mich gut artikulieren, meine Meinung äußern und erklären usw... Werde im Internet oft für älter gehalten. Das soll nun wirklich kein Eigenlob sein, tut mir leid wenn das so wirkt. Aber so ist es bei mir, und ich bin links, wenn nicht sogar linksradikal. Und so falsch können meine Äußerungen und mein Denken nicht sein, da mir unter anderem bei einem sozialen Netzwerk ca. 3000 Menschen folgen.. Ist nicht gerade wenig. Also kann ich denn von mir behaupten dass ich schon eine Art gefestigtes Wissen hab? Ich bin so sehr von meinem Denken überzeugt, dass ich mir bei weitem nicht vorstellen kann, jemals rechts zu sein oder auch nur minimal in diese Richtung zu tendieren..

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Kommentar von Annox
07.11.2015, 23:35

Danke für diesen aufbauenden Kommentar :) Ich kann auf jeden Fall alles nachvollziehen und auch verstehen. Mit dem Fanatismus sehe ich das zwar etwas anders, aber nun ja. Es ist nicht so, dass ich auf die Straße gehe, Menschen angreife etc. Bei einer Demo kann ich zwar für nichts garantieren, aber im Grunde bin ich nicht so. Ich bin aber auch nicht gänzlich pazifistisch und von Gewalt abgeneigt. Denn ich bin der Meinung, dass man ohne Gewalt heutzutage sowieso nichts mehr erreichen kann, denn sonst würden friedliche Proteste, Petitionen usw. etwas bringen. Der Staat ist aber auch einfach schlichtweg zu mächtig, und erlaubt sich selbst zu viele Mittel, um politische Gegner außer Gefecht zu setzen. Und ich sehe mich als Gegner des Staates bzw. als Kritiker. Darum unterstütze ich persönlich so etwas wie am 18.03.2015 in Frankfurt am Main (Die "Ausschreitungen" bei der EZB), da ich das durchaus legitim finde. Wenn man das als fanatisch sieht, bitte. Ich verfolge meine Ansichten auch "fanatisch" und radikal... Das macht mich meiner Meinung nach aber nicht direkt zu einem Fanatiker und schlechten Menschen, oder was sagst du dazu wenn ich fragen darf? :)

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Kommentar von Unsinkable2
08.11.2015, 03:43

Ich denke, Hamed Abdel-Samad ist ein gutes Beispiel

Der Gute ist ein ziemlich schlecht ausgewähltes Beispiel.

Er war zwar Sohn eines Imams, aber das war es auch schon im Wesentlichen, was ihn mit dem Islam verband bzw. verbindet. 

Im Übrigen heiratete er schon im Alter von 23 Jahren eine "rebellische linke Lehrerin mit Hang zur Mystik" und interessiert sich seit seiner frühen Jugend für Shintoismus und Buddhismus. 

Und bereits im Alter von 27 Jahren war er Mitglied der "Bruno-Stiftung", die sich generell sehr kritisch mit Religionen auseinandersetzt.

Abdel-Samad ist also ein gutes Beispiel für "aufgezwungene Religion"; aber ein sehr schlechtes Beispiel für "Überzeugungswechsel".

Dieser Mann wechselte seine politischen und religiösen Überzeugungen nie. Er war schlicht nie "überzeugter Moslem"; sondern fast durchgängig - spätestens aber seit seinem 19. Lebensjahr endgültig - "praktizierender 'Multitheist' ohne festes Glaubensbekenntnis". Selbst sein immer wieder mal gern selbst kolportierter Hang zum Atheismus ist bei ihm so ambivalent, dass man keineswegs sichere Aussagen treffen kann.

Sicher ist nur: Er benutzt diese Behauptungen, die du aufzählst immer wieder gern, wenn er im Rampenlicht steht. Richtig sind sie dennoch nicht. 

Das hält denn auch die Bundesregierung nicht davon ab, ihn und seine massive Islam-Kritik zu hofieren und ihn sogar bei "persönlichen Streitigkeiten um Geld" zwischen ihm und seinen Geldgebern zu unterstützen. (Wer kann das schon von sich behaupten?!)

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Ja, auf jeden Fall. Ich bin früher gerne zwischen liberal und grün hin und her gesprungen, heute bin ich mittlerweile marxistisch. Ansonsten gibt es noch Extremfälle, wo Linksradikale schlagartig zu Rechtsradikalen wurden (der Rapper MaKss Damage oder Berliner Hooligans (hab den Verein vergessen)), wobei ich da doch eher bezweifle, dass sie wirklich von Inhalten überzeugt waren und nicht andere Gründe für ihre politische Gesinnung hatten.

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Kommentar von Annox
07.11.2015, 20:29

Aber liberal / grün ist ja schonmal Richtung links. Marxismus ist auch links, also ist das ja keine riesen Entwicklung.. Übrigens gut dass du marxistisch bist :) Dass MaKss Damage früher links war, kann ich mir gar nicht vorstellen und wusste ich noch gar nicht... aber gut zu wissen. Danke!

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Kommentar von Annox
07.11.2015, 20:36

Achso. Ja das schon..im wirtschaftlichen Sinne :)

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Beispiel: Horst Maler ... ehemals roter Aktivist der 1968 Szene heute Holocaust Verleugner sitzt im Zuchthaus Brandenburg...oder feiner ausgedrückt im Hochsicherheitstrakt  Brandenburg.

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Kann sich schon ändern. Nur was heißt links und rechts? SPD zu CDU oder Die Linke zu AFD (Pegida)? Das erstere halte ich für nicht so problematisch, das Zweite schon, der Basisunterschied ist doch enorm. Die Basis (Grundlagen) sind doch sehr wichtig, und die können sich doch nicht so gravierend ändern. So bin ich SPD-Wähler (schon immer gewesen) und werde es wohl im Interesse meiner Kinder bleiben, obwohl ich manchmal schon eher zur CDU tendiere, gerade wegen manschen steuerlichen Äußerungen.

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Ntürlich. Alles verändert sich im Leben und das betrifft auch Meinugen, Einstellungen, Gefühle und Gedanken. Es ist durchaus möglich dass sich solche Dinge um 180° drehen, kommt immer auf die Person an.

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Ja, sowas kann sich ändern. Wenn man z.B. von einer Partei aus irgendeinem Grund enttäuscht ist und dann quasi aus Protest eine andere Partei wählt. Oder man ändert seine Meinung über eine Partei durch Diskussionen mit anderen Leuten oder Enthüllungen in den Medien.

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Natürlich, gibt Linksextreme die dann zu Rechtsextremen wurden, beide Seiten sind sich näher als ihnenn lieb ist, ich meine selbst Hitler war eine zeit lang in einer linken Organisation.

Horst Mahler ist auch ein prominentes Beispiel, von der RAF zur NPD:

https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Mahler

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Kommentar von Annox
08.11.2015, 09:45

Die Seiten sind sich nicht näher als ihnen lieb ist! Links mit Rechts zu vergleichen ist einfach dämlich.

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Siehe zum Beispiel Horst Mahler, Otto Schily, Johannes Agnoli oder Jürgen Elsässer.

Wobei sich immer die Frage stellt, welche Motive und Überzeugungen vielleicht schon immer bestanden, nur unter verschiedenen Deckmänteln.

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Ja das kann sein. Die passenden Leute dazu dann ist das möglich

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Selbstverständlich ist das möglich. Und dafür gibt es auch genug Beispiele. Vermutlich werden tendenziell die Menschen mit zunehmendem Alter eher konservativer als umgekehrt.

Gruß, earnest

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Kommentar von Unsinkable2
08.11.2015, 03:23

"Alterskonservativismus" sollte aber nicht mit "politischem Konservativismus" verwechselt werden.

Der Erstgenannte interessiert sich vorrangig für die Bestandssicherung des eigenen Lebens, um einen Ruhepol zu generieren; weniger für die allgemeine politische Besitzstandswahrung.

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Ja natürlich, warum auch nicht.

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