Kann mir jemand das Buch "der Prozess" von Franz Kafka erklären?

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8 Antworten

Kafka war ein ... sagen wir mal... sehr seltsamer Mensch. Man könnte ihn auch psychisch krank nennen. Depressionen, Ängste usw.

Sein Wunsch war es, dass seine Werke nach seinem Tod verbrannt, nicht veröffentlicht werden. Was möglicherweise erklärt, warum vieles schwer verständlich ist - der "Prozess" z.B. besteht aus zahlreichen Fragmenten, eine "fertige" Version von Kafka selbst ist (so weit ich weiß) überhaupt nicht bekannt.

Aber egal.

Kafka ist oft sehr symbolisch, meist geht es um "tiefere" Dinge, z.B. den festen Glauben der Menschen daran, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf". Und die Überzeugung, dass Dinge, die nicht existieren können,  irgendwie "verschwinden", wenn man sie nur lange genug nicht beachtet. Soviel zu 1.

Zu 2. Die Gesellschaft ist wie der Einzelne: man redet sich ein, dass alles schon irgendwie seine Richtigkeit haben muss - keiner wird ohne Grund angeklagt. Falls doch, wird ihm nichts passieren. und falls er doch schuldig gesprochen wird, muss es eben einen Grund gegeben haben, der nicht "öffentlich" gemacht werden darf. "Die da oben" wissen, was sie tun, "wir hier unten" sollten uns nicht mehr damit beschäftigen als unbedingt nötig.

Zu 3. Es ist egal, wofür er angeklagt wird. Es geht um das System, um das Verhältnis der Obrigkeit zum Einzelnen und umgekehrt. Er akzeptiert die Anklage, auch wenn er auf unschuldig plädiert, und erwartet bis zum Schluss, dass sich alles irgendwie auflöst oder zumindest das Unvermeidliche eintritt.

Zu 4. Auch hier hätte K. einschreiten, etwas unternehmen können. Er ist gegen die Prügelstrafe, traut sich aber nicht. Weil er das (seiner Meinung nach) nicht zu entscheiden hat.

Kafka lebte von 1883 bis 1924, also spielen die Texte am Beginn des 20. Jahrhunderts, wahrscheinlich zumindest teilweise in der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Was (neben Kafkas generellen Ängsten) eine gute Erklärung wäre: wie viele junge Männer sind in diesen Krieg gezogen, ohne jemals wirklich zu wissen, wofür? Wie viele haben sich "abschlachten" lassen, weil sie sich nicht getraut haben, "auszubrechen", zu fliehen, unterzutauchen. Auch sie haben alles einfach hingenommen...

Das ganze Buch ist eigentlich eine Aufzählung verpasster Chancen. Es beschreibt die selbstgewählte Hilflosigkeit eines Menschen, der nicht nur feige ist, sondern auch unfähig, seinem eigenen Erleben zu vertrauen oder gegen seine "antrainierten Überzeugungen" anzugehen.

Selbst ganz zum Schluss hätte noch die Möglichkeit bestanden, das Messer zu nehmen und sich selbst "schnell und schmerzlos" zu töten. Aber K., ganz das Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank, tut auch das nicht.

Weil Selbstmord Sünde ist? Weil man ihn doch nicht "einfach so" umbringen wird? Oder weil er damit zugeben würde, dass  er sich wirklich und wahrhaftig die ganze Zeit nur etwas vorgemacht hat? Man weiß es nicht...

Ganz am Ende, als er "wie ein Hund" stirbt, wird noch einmal eine Parallele zur Türsteher-Geschichte geschaffen: erst als alles zu spät ist, wird ihm (vielleicht) bewusst, dass es die ganze Zeit über Möglichkeiten gab...

Lies mal die Keuner-Geschichten von Brecht - ich weiß zwar nicht, ob sie direkt miteinander zu tun haben, aber viele davon sind eigentlich Weiterführungen von Kafkas K. ...

Um 1900 haben übrigens ganz andere Regeln gegolten als heute - man ging nicht "einfach so" zur Polizei, man wurde dort auch nicht höflich und zuvorkommend behandelt. Beamte standen weit "über" den normalen Menschen und ließen das auch jeden spüren. Auch auswandern war für "normale" Menschen einfach unvorstellbar. Das taten sehr reiche Leute oder solche, die nichts mehr zu verlieren hatten. K. zählt sich aber zu keiner dieser Gruppen.

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Zu Kafkas Romanen und Erzählungen gehört entscheidend, dass sie eben nicht zu verstehen sind.

Sie spielen in einer Welt, die der unseren nur oberflächlich ähnelt, bzw. der unseren genau entspricht außer an der Oberfläche.

Es ist eine Welt, in der die Autoritäten, und besonders die oberste Autorität, im Dunkeln bleiben, und prinzipiell unbegreifbar bleiben. Und auch die Reaktionen der Menschen sind an der Oberfläche unbegreifbar und nur zu verstehen, wenn man weiß, dass der Mensch in der Tiefe seiner Seele dieser unbegreifbaren Autorität entspricht und ebenso unbegreifbar dieser zu folgen sucht.

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Hallo,

nun, mir ging es bei dem Buch vor vielen Jahren wie Dir. Habe Kafka nach ein ein paar weiteren Versuchen auf die  Seite gelegt.

Hatte dann ein paar Erfahrungen mit den Behörden, Anwälten und Gerichten und heute muss ich sagen: Kafka ist immer noch Top Aktuell !

Die Antwort von Gegengift gefällt mir ganz gut. Da steht schon fast alles drin. Was fehlt ist nur der Hinweis, das es leider immer noch aktuell ist......

Gruß

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Die Antwort ist wohl: Es gibt keine Antwort. Es gibt über 7 Deutungsansätze. Ich las damals zur Abivorbereitung ein Buch, das Kafkas Prozess interpretiert. Das zu lesen wäre vermutlich hilfreicher als hier 30 Interpreationsansätze von 20 Menschen zu bekommen. :) Auch ich machte mir viele Gedanken und legte mir Interpretationsmöglichkeiten zurecht. Mittlerweile studiere ich Jura und glaube: Kafka als Jurist wollte schlicht indirekt das teilweise sehr undurchsichtige Rechtssystem kritisieren und zeigen, wie schnell man in etwas hineingeraten kann und wie die Mühlen der Justiz mahlen. Und zu wie vielen Ergebnissen man kommen kann, wenn man ein und denselben Text "auslegen" möchte.

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Meiner Interpretation nach wird hier ein irrwitzig bürokratischer und dominanter Staat geschildert, so wie ihn viele auch erleben oder erleben würden. Gleichgültig, willkürlich, bösartig, hinterhältig, dumm und ignorant. Mit einer völlig eigenen,  verselbstständigten Logik.


dann wäre ich ausgewandert

Was ist, wenn du den Irrsinn eines Staates oder einer Gesellschaft gar nicht bewusst begreifst? Du bist darin aufgewachsen und kennst nichts anderes.


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werde mal selber kreativ!

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