Kann man homöopathische Mittel im weitesten Sinne als Placebo bezeichnen?

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Hallo HandrikM90,

Kann man homöopathische Mittel im weitesten Sinne als Placebo bezeichnen?

Nicht nur im weitesten Sinne. Homöopathika sind Placebos.

Für die meisten Homöopathika werden die Ausgangsstoffe im Herstellungsprozess derartig oft im Verhältnis 1:10 oder 1:100 verdünnt, dass im Endprodukt - den "Globuli" - schlicht überhaupt kein Wirkstoff mehr enthalten ist.

Also nicht "sehr wenig" oder "unter der Nachweisgrenze", sondern schlicht "gar kein" Wirkstoff. Um gezielte Arzneimitteleffekte erzeugen zu können, bräuchte die Homöopathie deswegen Phänomene, die unseren seit der Erfindung der Homöopathie vor 200 Jahren durch Samuel Hahnemann angefallenen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen. Gerade, was wir in Physik (Atomphysik, Thermodynamik und Quantenphysik) über die Welt des Allerkleinsten gelernt haben - und was Hahnemann noch nicht wissen konnte - widerspricht der Annahme, dass aus einem Mittel komplett entfernte Stoffe noch irgendwelche spezifischen Effekte haben können.

Die Naturwissenschaften sagen also ganz klar: Kann eigentlich gar nicht funktionieren. Trotz dieser theoretischen Unmöglichkeit hat man die Homöopathie in weit über 200 klinischen Studien wieder und wieder untersucht. Und zwar im Vergleich zu Patienten, die verblindet Placebos bekommen haben. Im Vergleich beider Gruppen (Patienten, die Homöopathika kriegen und Patienten, die nur glauben, Homöopathika zu kriegen) zeigen sich dann eben keine belastbaren oder reproduzierbaren Unterschiede in den Erfahrungen beider Gruppen.

Sowohl theoretische Erwartung als auch Praxistest ergeben also übereinstimmend, dass Homöopathika Placebos sind.

Genau das sagen mehrere ausführlichen wissenschaftlichen Stellungnahmen weltweit. Hier

https://easac.eu/fileadmin/PDF_s/reports_statements/EASAC_Homepathy_statement_web_final.pdf

kannst Du zum Beispiel die ausführliche Stellungnahme der EASAC ("European Academies Science Advisory Council", eine Art Dachgesellschaft Europäischer Wissenschaftsakademien) nachlesen.

Andere Institutionen wie NHS, FDA, NHMRC, usw. haben ähnliche Stellungnahmen verfasst. Man kann also nur sagen: Ja, wissenschaftlich bestehen keine offenen Fragen: Homöopathika sind Placebos, auch wenn die homöopathische Werbung oft etwas anderes verspricht.

Meine Großmutter glaubt an die Wirksamkeit und angeblich helfen sie ihr.
Könnte hier der Effekt eines Placebos vorliegen?

Merke: Nicht alles, was nach der Einnahme eines Placebos passiert, ist ein Placeboeffekt.

Homöopathika werden in der Praxis meist bei Beschwerden eingesetzt, wegen derer man "nicht gleich zum Arzt" will. Das sind oft Erkältungen, Magenverstimmungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und andere "Allerweltsbeschwerden". Bei ernsteren Beschwerden kommen Homöopathika oft "ergänzend" zu anderen Behandlungen zum Einsatz.

Mit den meisten Alltagsbeschwerden wird unser Immunsystem einfach mit der Zeit von alleine fertig. Es gibt also einen natürlichen "Bogen" der Beschwerden: Sie werden schlimmer, erreichen einen Höhepunkt (irgendwo in diesem Anstieg greift man zu den Globuli) und klingen dann trotz nutzloser Behandlung ab, wenn das Immunsystem die Oberhand gewinnt. Es sind diese natürlichen Besserungen, die Effekte der vorher genommenen Globuli vortäuschen, weil man ja keinen Vergleich hat, der einem sagt, dass man ohne Globuli dieselben Erfahrungen gemacht hätte.

Auch bei chronischen Erkrankungen beschreiben Patienten in aller Regel "gute" und "schlechte" Tage. Wer an den schlechten Tagen Globuli nimmt, dem täuschen die dann wieder irgendwann eintretenden guten Tagen die Wirkungen der Mittel vor. "Regression zur MItte" heißt das in der Fachsprache.

Und dann gibt es noch all die anderen Faktoren wie Schonen, Bettruhe, Nahrungsumstellung, Vermeidung von Stress,.... die zu Besserungen führen, die dann den Globuli zugesprochen werden.

Weil das so wichtig ist, habe ich ein Video dazu für Dich. Ist etwas laienhaft gemacht, aber der Autor arbeitet u.a. für die Cochrane in Österreich, ist also kein Laie, was medizinische Evidenz angeht.

Schau es Dir mal an, das dauert nur ein paar Minuten:

https://www.youtube.com/watch?v=-n73LHjCh-A&t=1s

Also: Es gibt eine ganze Reihe von "vermengten Faktoren", die dazu führen, dass wir im Alltag oft Besserungen erleben, auch wenn wir nur nutzlose Mittel anwenden.

Interessant in diesem Zusammenhang sind dann noch Studien wie diese hier:

Bernando Blanco, Helena Matute, Miguel A. Vadillo: „Making the Uncontrollable Seem Controllable: the Role of Action in the Illusion of Control“, Quarterly Journal of Experimental Psychology 64.7 (2011): 1290-1304

https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1080/17470218.2011.552727

„In our two experiments, the participants had to judge the extent to which an objectively bogus treatment was effective at healing the patients. And, as we discovered, a crucial variable that predicted the participants' judgements was the P(R), the frequency with which they decided to deliver the medicine to the patients. This situation can be translated into the real world where pseudomedicines, such as homeopathic pills, are quite commonly used due to the absence of side effects. According to our results, if a completely useless medicine turned out to be administered very frequently with the aim of healing a disease that actually disappears on its own very often (e.g., a cold, a flu), the chances that the person will believe the medicine worked would increase substantially.…“

Man hat hier Therapeuten wiederholt entscheiden lassen, ob sie (fiktiven) Patienten ein Mittel aufschreiben würden oder nicht. Die Therapeuten bekamen anschleißend jeweils gesagt, ob es den Patienten besser ging oder nicht. Im Anschluss wurden sie gefragt, ob sie denken, das Mittel wäre spezifisch wirksam (also mehr als ein Placebo). Was die Therapeuten weder wussten, noch bemerkten: es wurde rein zufällig bestimmt, ob es den fiktiven Patienten besser ging oder nicht. Es zeigte sich klar, dass die Therepeuten umso öfter von dem Mittel überzeugt waren, je öfter sie es empfohlen hatten.

In der Psychologie ist dieses Phänomen - das übrigens gänzlich unbewusst passiert und nichts mit "Einbildung" zu tun hat - als "Illusion of control" bekannt.

Deine Oma ist in ihrer Selbstmedikation hier in der Rolle der Therapeuten der Studie. Die Wirkungslosigkeit der Mittel kann sie im Alltag nicht erkennen, so lange sie häufig selbst ausheilende Bagatellen behandelt. Weil sie immer wieder bei solchen Bagatellen Besserungen nach der Einnahme der Globuli beobachtet hat, unterliegt sie den eben beschriebenen psychologischen Effekten und hält die Globuli für die Ursache ihrer Besserung. Das gibt ihr ein gutes Gefühl, eine "Illusion der Kontrolle": sie hat das Gefühl, eine Hausapotheke zu haben, mit der sie alle Beschwerden in den Griff kriegt. Deswegen hinterfragt sie ihre Schlussfolgerungen bzgl. der Ursache ihrer Besserungen nicht und wehrt HInweise auf den Placebocharakter der Kügelchen ab.

Grundsätzlich ist das ok, so lange wirklich NUR Bagatellen so behandelt werden: Die Gefahr besteht halt, dass sie auch dann noch auf die homöopathischen Placebos vertraut, wenn sie einmal etwas ernsteres, wirklich Behandlungswürdiges hat...

Mein Hausarzt hat mal gesagt, er würde grundsätzlich keine homöopathischen Mittelchen bzw. Zuckerperlen (da Zucker ohnehin ungesund sei) verschreiben und er könne nicht verstehen, dass bekannte Krankenkassen dafür die Beiträge nutzen würden. Es könne im besten Fall ein Placebo sein.

Bei dem würde ich bleiben! Da hast Du jemanden gefunden, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Evidenz und Rationalität steht.

In Schweden, England und demnächst Spanien ist es übrigens so, dass Ärzten von den entsprechenden Kammern genau zu dem geraten wird, was Dein Arzt da schon freiwillig ganz richtig macht.

Grüße

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Super Kommentar, auch, wenn das eher ein Statement oder Vortrag anstatt eines Kommentares ist. Aber ganz nach meinem Dafürhalten. Wäre bestimmt spannend sich mit Ihnen zu unterhalten...MfG

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@Addiaddi

Danke!

Wäre bestimmt spannend sich mit Ihnen zu unterhalten

Biite "Du", wie bei allen Usern hier.
Und ich stehe immer gerne zur Verfügung per PN.... ich bin nämlich öfters hier.

=D

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@uteausmuenchen

"Du" wirst es kaum glauben, aber viele User stehen hier auf diese Etikette. Und nach dieser Erfahrung wollte ich nicht unhöflich sein und Dich einfach duzen. Aber hey...schön dich kennen lernen zu dürfen. Und ich schicke Dir gerne in den nächsten Tagen eine Freundschaftsanfrage, falls ich darf. Wünsche Dir alles Gute..

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Super ausführliche und gut begründete Antwort. Ich bin begeistert!

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Die Homöopathie ist erstmal eine Behandlungsmethode, die von dem Ähnlichkeitsprinzip nach Samuel Hahnemann ausgeht. Das Ähnlichkeitsprinzip ist letztlich eine ärztliche Arbeitshypothese, wie es sie im 19. Jahrhundert zahlreich gab, sie hat es, insbesondere durch den großen Einfluß auf den US-amerikanischen Zeitgeist zu Beginn des 20. Jahrhunderts dennoch geschafft, sich irgendwie in die aktuelle Zeit zu retten. Grundsätzlich müsste die Homöopathie wissenschaftlich betrachtet für jedes einzelne Medikament die jeweils unterstellte Wirksamkeit nachweisen. Allerdings ist ein Grundproblem der Homöopathie nicht (allein) die ausgewählten Mittel, sondern insbesondere die in fast allen Fällen unzureichende Dosierung. So kommen teilweise in der Homöopathie tatsächlich natürliche Wirkstoffe zum Einsatz, die eine gewisse Wirkpotenz haben, aber in der der Homöopathie immanenten Potenzierung (Verdünnung) keinen nennenswerten Nutzen haben.

Bisher hat sich in repräsentativen Studien kein homöopathisches Mittel als dem Placebo überlegen erwiesen. Nur irgendwie schafft es die Homöopathie, sich ein Image von "Naturmedizin" zu geben (eigentlich nochmal ein ganz anderes Thema - erstmal sind viele "schulmedizinische" Medikamente bereits aus der Natur gewonnen, gleichermaßen gibt es - entsprechende Dosierungen vorausgesetzt - durchaus Stoffe, die in Studien vielversprechende Resultate zeitigen, nur um ein Beispiel zu nennen: Withania somnifera weist in entsprechend hochpotenter Dosierung gute Resultate als Anxiolytikum auf, diesbezüglich wird derzeit noch eine Menge Forschung betrieben, und ist auch ein Mittel, das in Indien schon über Jahrhunderte als "Naturmedizin" eingesetzt wird). "Naturmedizin" und "Schulmedizin" sind keine Gegensätze, so, wie es von Anhängern der Homöopathie immer aufgebauscht wird.

Die Homöopathie krankt vor allem an ihren falschen ursprünglichen Lehrsätzen, sodass nach ihren Axiomen selbst medizinisch relevante Stoffe nicht in ausreichender Dosierung zum Einsatz kommen. Folglich kann gar kein anderes Urteil in Bezug auf die Homöopathie erfolgen, als dass alle Wirkungen auf den Placeboeffekt abzustellen wären. Das geht auch aus allen repräsentativen Erhebungen bisher hervor.

Samuel Hahnemann war selbst kein Quacksalber, sondern durchaus ein ernstzunehmender Mediziner mit einer Lehrmeinung, wie es sie zu seiner Zeit viele gab - und er hatte seinerzeit auch Kritiker, die allerdings selbst abstruse Thesen vertraten. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er selbst, würde er ein Kind unserer Zeit sein, noch seine damalige These vertreten würde. Nur irgendwie hat sie sich, im Gegensatz zu vielen anderen abstrusen Ideen, ins 21. Jahrhundert gerettet - und bietet natürlich viel Gelegenheit zur finanziellen Nutzung, was in manchen Fällen (bei überdies sehr unseriösen Heilpraktikern) durchaus gesundheitliche Nachteile haben könnte (Stichwort: Homöopathische "Krebstherapie").

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Top! 👍

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Kann man homöopathische Mittel im weitesten Sinne als Placebo bezeichnen?

Sogar in ganz engem Sinne

 Dr. Theodor Much in seinem Buch

"Der große Bluff: Irrwege und Lügen der Alternativmedizin"

Es handelt sich um eine Nonsense-Therapie, eine Geldverschwendung und auch deswegen nicht unbedenklich, weil bei derartigen Scheintherapien bei ernsten Erkrankungen wertvolle Zeit vergeudet wird." <

Aber Placebo kann man ja allemal noch nutzen.............

Alles Gute

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