Kann man ein schlechtes Gewissen haben, weil man kein schlechtes Gewissen hat?

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6 Antworten

Deine Frage ist sehr interessant, weil sie sehr schwer ist. Sie ist es vor allem darum, weil die zentrale Vokabel darin ganz schlecht definiert ist: Das Gewissen. Das Gewissen kann man ja ganz verschieden definieren. Es kann schon sein, dass Du damit Empathie meinst, also das rein emotionale Mitgefühl mit den Menschen, denen Du zu Recht oder Unrecht geschadet hast oder die Du zu Recht oder Unrecht gekränkt hast. Damit sind Menschen unterschiedlich ausgerüstet. Man kann es wohl erlernen, mit Mühe. Aber ich denke nicht, dass Du Dir allzu viele Gedanken darüber machen musst. Diese Emotion ist nicht das Gewissen, sie hat nur am Rande damit zu tun. Gewissen hat auch etwas mit Wissen zu tun: Du weißt, dass das, was Du getan hast, falsch (!) war. Indem Du zu dieser Erkenntnis gekommen bist, zeigt sich, dass Du dieses rationale Gewissen hast. Dein Fehler ist, es trotzdem getan zu haben, bevor Du zu dieser Erkenntnis gekommen bist. Du hast es versäumt, vorher darüber nachzudenken. Indem Du diese Frage hier gestellt hast, zeigt sich, dass Du deswegen gerade ein schlechtes Gewissen hast. Zu Recht ! Das ist der rationale Part. Ein drittes ist das Gewissen als psychische Instanz im Selbst: Das Über-Ich. Der Mensch ist ein Wesen, das sich entwirft und so ein Ich-Ideal ausbildet. Es ist nur menschlich, dem eigenen Ich-Ideal nicht zu entsprechen. Das Über-Ich ist die psychische Instanz, die die Realität mit dem Ich-Ideal vergleicht und das Ich auf die Differenz zwischen beiden hinweist. Es gehört zu einer vollgebildeten Persönlichkeit, ein solches Über-Ich ausgebildet zu haben und sich dieser Differenz bewusst zu sein. Dies Bewusstsein erzeugt ein Gefühl der Minderwertigkeit - nicht gemessen an anderen Menschen, sondern gemessen am eigenen Ich-Ideal (oder auch Idolen). Wer dies Gefühl gar nicht hat, neigt zur Überheblichkeit, wer es zu sehr hat, neigt zur Depression. Aber auch, wenn ich mir meiner Unvollkommenheit bewusst bin, ist es wichtig, dass ich sie mir verzeihe, ohne sie zu vergessen oder zu verleugnen. Das ist wichtig, damit ich auch anderen Menschen ihre Unvollkommenheit verzeihen kann. Freud setzt das Über-Ich mit dem Gewissen gleich, ich würde da unterscheiden, denn ich neige eher zur Interpretation Nummer zwei.

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Kommentar von Ottavio
07.04.2016, 12:57

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Ja, das kann man. Es gibt mehrere mögliche Erklärungen hierfür, die aber letztlich alle auf einer Fähigkeit zu Emphatie also auf der Verbindung von Gewissen und Mitleidsfähigkeit basieren, welche sich gegenseitig bedingen.

Vorab gesagt: Aktuell ist der Versuch, menschliches Denken und Handeln wieder "mechanistisch" zu verstehen und aus der Klamottenkiste alter deterministischer Theorien zur Funktionsweise von Leben an sich sehr "en vogue". Stichwort: aktuelle Hirnforschung. Damit wäre die

1. Erklärung neurophysiologisch. Stichwort "Spiegelneuronen" (recherchiere da bitte für weitere Informationen). Demnach wärst du aufgrund eines quasi medizinischen Defizites (genetisch oder anders bedingt) hirnorganisch nicht in der Lage, dich in die Lage des Anderen als deinem sozialen Alter Ego hineinzuversetzen,- eben aufgrund einer reduzierten Ausprägung und / oder Aktivierung dieser Spiegelneuronen. Nach diesem Ansatz könntest du trotzdem sehr wohl auch ein schlechtes Gewissen haben weil du merkst, daß du ein primäres Erziehungsziel und Verhaltensgebot von Familie und Gesellschaft nicht umsetzen kannst. Du hast etwas nicht gelernt was du hättest lernen müssen oder sollen um als "gesund" im Sinne der gesellschaftlichen Konventionen zu gelten. Es ist halt dann eben nur ein schlechtes Gewissen nicht gegenüber deiner sozialen Umgebung im konkreten Handeln wenn es "schiefgeht" sondern gegenüber einer "nicht erfüllten /nicht erfüllbaren" gesellschaftlichen Normforderung. -

Ob dieser angenommene Funktionsausfall der "Spiegelneuronen" nun aber einen vorab gegebenen hirnorganischen Sachverhalt darstellt oder das Ergebnis eines "Lernprozesses" des Körpers auf ungünstige (soziale) Umweltbedingungen beim Erwachsenwerden und auch schon in der embryonalen Phase eines Kindes ist (z.B. durch die anhaltende Einwirkung von Stresshormonen etc.), kommt auf dasselbe hinaus. Damit wäre die

2. Erklärung soziologisch-psychologisch / psychosozial.

Hier gibt es 2 Varianten.

A) Auch ein Körper lernt - nicht nur das Gehirn - und bildet emotional-affektive Präferenzen entsprechend den Erfahrungen aus, die ein Mensch in und mit seiner Umgebung macht. Und diese prägen in der Folge die Deutungsmuster der Selbst- und Fremdwahrnehmung und das Bewußtsein zur eigenen Situation in der Welt. Was in diesem Zusammenhang mit einem Menschen passiert, dessen Kernerfahrung nicht die von Wertschätzung und Geborgenheit ohne Zweck- und Leistungsbindung ist oder sogar generell von emotionaler Kälte, defizitorientiertem Maßregelverhalten und Mißachtung geprägt wird und das gerade durch Menschen, bei denen ein kleines Kind zuallererst Geborgenheit und Wohlwollen sucht ist so offensichtlich, daß man die Auswirkungen nicht erst begreifen kann wenn man Psychologie studiert hat. Nach gängigen Theorien (z.B. Ericson) sind hier die ersten 5 Jahre ganz entscheidend (und später auch nicht mehr vollständig korrigierbar). Ich selbst würde den Zeitraum sogar noch weiter fassen wollen (etwa bis zum 10. Lebensjahr).

Bei diesem Sachverhalt empfindest du dein Gewissen als kognitiv-abstrakte Leistung, die du selbst nicht wirklich empfinden kannst. Du sollst etwas können sollen was du nicht fühlen kannst weil du es selber nie erlebt hast und der "rote Faden" in deinem (Über-) Lebensdrehbuch war: Liebe dich selbst sonst tut es keiner. - Das hat dein Körper als emotional-affektives "Grundsystem" gelernt und verankert. - Es gibt aber auch noch Variante

B) Derselbe Effekt ist auch bei Kindern und Jugendlichen festzustellen, die "auf Händen getragen wurden". Durch "Verpäppelung" entsozialisierte Kinder, die in der Hauptsache während der entscheidenden Lebensphase immer nur ohne Anbindung an Konsequenzen eigenen Verhaltens eigene Verantwortung erfahren haben und nur gelernt haben wie "toll" sie sind entwickeln ebenso wenig die Fähigkeit des Mitfühlens und der Fähigkeit zur Refektion eigenen Handelns im sozialen Alter Ego.

Gleichwohl kann man in späteren Jahren in beiden Fällen darunter leiden, daß man etwas nicht kann was doch alle können sollen (und vorgeben zu können). - Das  spricht aber für dich. Du hast dich mit dir auseinandergesetzt und entdeckt, daß da etwas schief gegangen ist. Es wird wohl so sein und bleiben, daß du mit dem Verstand ersetzen mußt was dir emotional nicht gegeben wurde. - So wie jemand, der mit einer körperlichen Einschränkung geboren wurde entsprechende Hilfsmittel benötigt. - Aber du bist ganz sicher nicht alleine - nur ehrlicher oder klüger (oder beides). ;-)



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Hallo,

also zunächst einmal, nein, es ist nicht gut, Dir ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen und ja, das solltest Du besser lassen. Du versuchst damit, etwas auf der rationalen Ebene zu bewirken, was auf dieser Ebene nicht angesiedelt ist und machst Dich so ganz nebenbei langfristig selbst runter ;-)

Um wirkliches Mitgefühl zu entwickeln - und darum geht es ja im Grunde - sind beispielsweise Achtsamkeitsmeditationen, Meditationen über Mitgefühl und auch (und das hat eigentlich nichts mit Religion zu tun, sondern nur mit Glauben, wenn Dich das überhaupt anspricht) Gebete.

Unsere Gesellschaft funktioniert nach dem Leistungsprinzip und da kommen Mitgefühl und 'schlechtes Gewissen' in der Werteskala erst ziemlich weit unten vor. Du befindest Dich also gesellschaftlich im Trend. Dass das nicht wirklich gut ist, hast Du ja selbst erkannt. Glückwunsch!

Das spricht für Dich. Und die Erkenntnis ist ja bekanntermaßen der erste Schritt zu einer Entwicklung zum Besseren. Beschäftige Dich z. B. mit Buddhismus (auch hier spreche ich wieder nicht von der Religion, sondern von der Lehre von Buddha). Da ist ganz viel an Mitgefühl drin.

Alles Gute auf Deinem Weg.

Buddhishi

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Das einreden ist nicht schlecht um solche Fehler nicht nochmal zu machen.. Alles andere finde ich ist selbstzerstörung .. Allerdings bekommt man meistens ein Schlechtes Gewissen wenn man das was man gemacht hat schlimme Konsequenzen für einen mit sich bringt 

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Nein, denn wenn du ein schlechtes Gewissen hättest, weil du kein schlechtes Gewissen hast, hättest du ein schlechtes Gewissen. Da du ja aber kein schlechtes Gewissen hast wäre das ein Paradox.

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Guck dir die Welt doch an! Sie wäre nicht so kaputt wie sie heute ist wenn es solche Menschen nicht gäbe. Womit ich nicht sagen will das du ein schlechter Mensch bist! 

Wenn du etwas machst und danach kein schlechtes Gewissen hast dann ist es also nicht schlimm für dich. Wenn es nicht schlimm für dich ist dann ist doch alles gut. Naja ok das kann man vielleicht nicht bei allen Sachen so sehen aber weist schon wie ich meine :D

Aber sei doch froh. So hast du es definitiv leichter als einer wie ich, der ständig ein schlechtes Gewissen hat.

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